Sonntag, 20.11.2011 5:12
...kurz bevor der Wecker klingelt, werde ich wach und ein erster Blick aus dem Fenster verrät mir, dass noch tiefe Nacht ist. Komischerweise packt mich heute kein Gedanke ans Weiterschlafen.
Ich frühstücke in aller Ruhe, packe meinen Rucksack für einen langen Tag und mache mich in froher Erwartung auf den Weg. Im Keller stelle ich fest, dass der Radcomputer fehlt. Also wieder zurück nach oben und die Wohnung auf den Kopf gestellt. Wo ist bloß dieser verdammte Computer? Nach einigem Suchen werde ich fündig, doch inzwischen ist es wieder bedrohlich spät und das Rennen zum Bahnhof beginnt aufs Neue.
Ich stürze die Treppen herunter, schwinge mich aufs Rad, rase mit gefühltem Puls 180 zum Hauptbahnhof den direkten Weg durch die gerade geöffnete Tür. Die Uhr zeigt bereits 6:44 Uhr, also Abfahrtszeit, Zeit für den Zielspurt... der Tacho zeigt 26km/h - neue persönliche Bestmarke für das Fahren im Bahnhofsgebäude. Ich erreiche die Rolltreppen und da fährt auch schon zwei Etagen tiefer der Zug ein. Das müsste dann ja eigentlich noch reichen... nur wenige Augenblicke später sitze ich doch tatsächlich gemütlich in der Bahn und rolle gen Norden.
Kurz nach 8 erreiche ich Templin, von Sonne oder Raureif ist heute weit und breit nix zu sehen und man merkt den Temperaturunterschied zur Vorwoche deutlich. Ich orientiere mich wieder direkt zum Kanal und finde einen schönen einsamen Pfad, der es mir erlaubt, die Stadt weitestgehend zu umgehen. Anschließend folge ich dem Ufer des Templiner Sees und finde einen schönen Uferweg, der mich über den Bruchsee zum Fährsee führt. Abgesehen von 2 Nordischen Läuferinnen kurz hinter Templin bin ich allein und genieße eine unglaubliche Stille, die mich den restlichen Tag weiterhin be- und verzaubern sollte.
Fährsee, es gibt bereits erste Ansätze von blauem Himmel zwischen dem grau der Wolken
Über interessante Wege, mal mehr, mal weniger als solche erkennbar, gelange ich nach Milmersdorf und folge der Straße nach Groß Köplin. Zu meinem Glück verpasse ich den Abzweig vor dem Ort in Richtung Briesen und entscheide mich in Groß Kölpin für einen Weg, der laut einer alten DDR-Karte, die kaum noch zu erkennen ist, direkt ins Nichts führt. Es dauert auch nicht lange und ich gelange auf ein großflächiges Feld- und Wiesengebiet, aus dem es anscheinend keinen sinnvollen Ausgang zu geben scheint.
Ich glaub, den war ganz schön warm in den Winterklamotten
Schnelles Fahren oder Fahren auf netten Trails ist hier nicht angesagt, dafür umso mehr Weite, Stille und Natur. Überraschenderweise tuen sich immer wieder wenn es nicht weiterzugehen scheint neue Wegeoptionen vor mir auf und ich lasse mich durch die Landschaft treiben bis ich kurz vor Luisenhof auf einer kleinen, alten und kaum befahrenen Straße strande.
Auf der kleinen Straße geht es weiter bis Friedenfelde. Am Ortsausgang gibt es einen kleinen Weg, der in die richtige Richtung führt. Eingebettet in eine kleine Allee fahre ich in Richtung Waldrand, wo ich auf ein kleines Fließ stoße, welchem ich spontan folge. Wenige Minuten später ist der Weg zu Ende und ich werde dazu gezwungen, einen kleinen Bach zu queren und mir meinen Weg querfeldein zu suchen, bevor ich wieder auf einem Feldweg herauskomme.
Der, die oder das Fließ?? Eigentlich egal, so lange es fließt....
Immer wieder treffe ich auf Rehe und größere Greifvögel. Laut der Infotafeln könnte es sich um See-, Fisch- oder Schreiadler handeln. Ich weiß zwar nicht, was für Adler mir da permanent vor dem Auge herumfliegen, aber es spielt in diesen Momenten auch keine Rolle. Ich genieße diese Begegnungen und freue mich über jede Begleitung, auch wenn es nur wenige Meter sind.
In Gerswalde, ein kleines, verschlafenes Dorf, besuche ich kurz die Überreste der alten Wasserburg, bevor es mich über einsame Feldwege weiter in Richtung Potzlow spült. Immer wieder nehme ich Wege über abgeerntete Felder und erreiche anscheinend ohne größere Umwege Seehausen.
Wasserburg Gerswalde
Potzlow, endlich Sonne
Seehausen ist wahrscheinlich der nördlichste Punkt der Tour. Ein kleines Telefonat mit Schnegge und kurz darauf die Erkenntnis, dass meine Trinkflasche nicht da ist, wo sie sein sollte... egal, für den Notfall habe ich ja noch einen kleinen Schluck Wasser in der Trinkblase.
Pausenaussicht in Seehausen
In einer fast menschenleeren Gegend geht es weiter in Richtung Warnitz. Ich nutze jede Möglichkeit auf Feld und Waldwege auszuweichen und fahre über Warnitz und Melchow in Richtung A11 und weiter nach Grünheide. Der Zeit nach zu urteilen, sollte ich mich eigentlich mehr oder weniger direkt auf den Weg in Richtung Süden machen, aber der Feldweg führt einfach zu verlockend in Richtung blauem Himmel, also in Richtung Nord, so dass ich kurze Zeit später in Polßen eintreffe. Ich weiß zwar nicht, wo ich bin, aber folge der Straße nach Angermünde. Da ich jedoch noch zur Oder möchte, nehme ich den nächsten Abzweig in Richtung Osten und finde mich auf einer sehr alten Landstraße, die zum größten Teil aus Kopfsteinplasterpassagen besteht, wieder.
Kurz vor Warnitz, auf der anderen Seite der Gleise verlief eine asphaltierte Straße und ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob es denn wirklich nötig ist
sich hier durch diese tiefen, sandigen Traktorspuren zu quälen
Die geheimen Viewspots von Melzow
Der Touristenmagnet Wietblick in Melzow
Die Sonne bewegt sich inzwischen allerdings wieder deutlich in Richtung Horizont und es ist wirklich an der Zeit, zur Oder zu kommen. In Biesenbrow treffe ich einen einheimischen Radler, und leicht irritiert nimmt er meine Frage nach dem Weg zur Oder in Verbindung mit dem Plan, heute auch noch mit dem Rad nach Berlin zu fahren, zur Kenntnis.
Da sich inzwischen die Sonne relativ beständig zeigt, bin ich bester Laune und genieße das Gefühl von absoluter Freiheit. In diesen Momenten fühlt es sich so an, als könnte ich ewig weiterfahren, es gibt einfach keine Grenzen. Für mich steht fest, dass ich so lange fahre, wie ich will und heute höchstens in eine S-Bahn steige, um nach Hause zu kommen.
Anscheinend bin ich nicht der einzige auf dem Weg nach Hause
In Crussow zeigt mir ein Hinweisschild, dass es noch 4 km bis Stolpe (Oder) sind. Ich muss mich beeilen, wenn ich noch ein Bild von der Oder machen will, bevor es dunkel ist. Über ein paar durchaus nennenswerte (Straßen-)Abfahrten, bei denen es bereits empfindlich kühl wird, geht es nach Stolpe. Ich erreiche den Ort recht schnell und werde sogleich am anderen Ende auf einer vernebelten Oderwiese ausgespuckt.
Sonnenuntergang in Crussow
Mit solch einem atemberaubend schönen Anblick hatte ich nicht gerechnet. Dicke Nebelschwaden ziehen über die Wiesen und tauchen die
Landschaft in eine mystische Stimmung. Da die Sonne bereits untergegangen ist, muss jetzt alles ziemlich schnell gehen: Fotoapparat raus, Objektive hin- und hergewechselt und die schönsten Motive einfangen, bevor es zu dunkel ist.
Mir wurde erzählt, dass es sich in Stolpe wohl um eine der letzten ursprünglichen Stahlträgerbrücken an der Oder handelt.
Die Brücken gab es früher angeblich in fast jedem Dorf bis rauf nach Stettin
Es wurde schnell merklich kühler....
Blick zurück nach Stolpe
Im Anschluss gönne ich mir eine kleine Pastaparty, bevor ich mich für die Dunkelheit fertig mache. Angeblich sind es knapp 25 km bis Bad Freienwalde. Das klingt doch schon mal gut. Auf den Oderdeichen geht es gut asphaltiert weiter. Im Prinzip bin ich alleine unterwegs. Nur ganz vereinzelt treffe ich auf Menschen oder Schiffe, die den Kanal in Richtung Schiffshebewerk befahren. In völliger Dunkelheit erreiche ich Hohenwutzen, und laut einer Karte am Wegesrand gibt es wohl auch einen Radweg nach Bad Freienwalde.
Im weiteren Verlauf des Weges wird es extrem nebelig und irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass ich weiter Richtung Süden und nicht Richtung Bad Freienwalde fahre. Auf Umwege habe ich eigentlich keine Lust mehr und da ich mich erinnere, dass es mal einen Nightride gab, der von Bad Freienwalde nach Strausberg führte und welcher über mehr als 3h Fahrzeit ging, wollte ich mich tendenziell nicht mehr ins Gelände bewegen und suchte die kürzeste und einfachste Verbindung nach Strausberg.
Gute Sicht ist irgendwie anders...
Kurze Zeit später, der Nebel lichtete sich ein wenig, erreiche ich Neuranft. Neuranft? Davon hatte ich bisher noch nie zuvor etwas gehört und somit auch überhaupt keine Ahnung, wo ich mich befinde. Am Ende des Ortes entdecke ich schwach leuchtende, sich bewegende Lichter in der Dunkelheit. Wer jemals im Winter nach 18 Uhr auf dem Land unterwegs war, weiß, wie schwierig es ist, Menschen, die man fragen könnte, zu finden. Ich entschied mich also dafür, die Lichter aufzusuchen und traf auf eine Familie mit Kind, Hund und Taschenlampe bei der Nachtwanderung.
Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber es ist schon äußerst spannend zu erleben, wie schwer sich ein Paar, welches die Gegend kennt, tun kann um eine gemeinsame Wegbeschreibung in Richtung Berlin zu formulieren. Wie auch immer, sie waren sehr nett, freundlich und halfen mir wirklich weiter.
Im nächsten Ort Hinweisschilder für einen Radweg in das Nichts der Dunkelheit. Ausprobieren und Vertrauen - oder lieber weiterfahren war hier die Frage? Ich entscheide mich für letzteres und erreiche irgendwann anscheinend den richtigen Einstieg für den Radweg nach Wriezen. Zur Motivation hängt da auch noch ein Schild mit der Aufschrift: Strausberg 33km

. Hui, das wird jetzt aber so langsam echt ekelig.
Gleich zu Hause
Über die letzten Kilometer muss man nicht mehr allzu viele Worte verlieren. Ich erreichte gegen 21:30 Uhr den Bahnhof Strausberg Vorstadt und will nur noch nach Hause. Im Zug ist die Welt wieder in Ordnung und ich sitze grinsend in der Ecke und lasse diesen wunderbaren Tag noch einmal Revue passieren.
PS: die Tendenz fürs kommende Wochenende geht laut Wettervorhersage im Moment eindeutig in Richtung Sonnabend...