HomeMagazinMenschenInterviewsWinterview #2 – Lisi Osl — 14. Dezember 2009 9:43

Winterview #2 – Lisi Osl

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Runde zwei der Winterviews, diesmal mit Lisi Osl, der XC-Worldcup Gesamsiegerin vom central Ghost Pro Team:

Lisi, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch auch von uns zu Deinem sensationellen Gesamtsieg im Cross Country Worldcup 2009! Nebenbei hast Du ja auch noch die Mountainbike-Bundesliga in diesem Jahr für Dich entscheiden können. Dein Triumph beim letzten Rennen in Schladming liegt nun schon gute 2 Monate zurück. Sag, wie ist es Dir in der Zwischenzeit ergangen? Was ist in den vergangenen Wochen alles auf Dich „eingestürzt“? Hattest Du im Laufe der zurückliegenden Zeit mittlerweile die Gelegenheit, mal zur Ruhe zu kommen, alles sacken zu lassen und zu registrieren, welches Kunststück Dir da gelungen ist? Immerhin hast Du österreichische Radsportgeschichte geschrieben. Wie groß lastete eigentlich der Druck, die WM zugunsten des Worldcups sausen zu lassen, wirklich auf Dir?

Lisi Osl: Hab es mal genossen mich ohne Druck und irgendwelchen Trainingsvorgaben auf das Bike zu setzten. Hab viele schöne Touren mit coolen Singletrails bei mir in den Bergen rund um Kirchberg gemacht, dafür hab ich ja während der Saison nie wirklich Zeit. Es sind schon um einige Termine mehr geworden und auch mein Bekanntheitsgrad ist enorm gestiegen.

Glaub aber das es mir noch immer nicht ganz bewusst ist was mir da heuer gelungen ist.

Champery war sicherlich mein schwierigster Sieg, hatte schon extrem viel Druck das ich meine Entscheidung rechtfertigen kann. Viele Sponsoren waren nicht gerade glücklich darüber das ich die WM sausen lasse.

Im CC-Zirkus schätzt man Dich als sympathischen und sehr liebenswürdigen Menschen. Es gibt wohl niemanden im Fahrerlager, der Dir den Worldcupgesamtsieg nicht von Herzen gönnt. Gleichzeitig wirkst Du aber auch ein wenig scheu und zurückhaltend. Deine drei Worldcupsiege in dieser Saison hast Du wiederum mit geradezu überschäumender Freude im Ziel, aber auch mit sehr vielen und tränenreichen Emotionen auf dem Podium gefeiert. Beschreib doch bitte einmal Deine Charaktereigenschaften? Ist die Lisi Osl, die wir auf und neben der Strecke erleben dürfen genau die wie im richtigen Leben?

Lisi Osl: Es fällt mir nicht leicht über mich selber zu schreiben. Aber ich denke schon das ich im wirklichen Leben auch so bin wie ihr mich kennt, es macht doch keinen Sinn mich irgendwie zu verstellen, das würde nicht ehrlich rüberkommen. Ich denke ich bin ein fröhlicher Mensch, lache gerne, hab aber auch gerne Ruhe in der ich extrem viel Kraft tanken kann. Den Rummel geh ich lieber aus dem Weg, obwohl ab und zu gehört das auch einfach mal dazu.

Ansonsten bin ich jemand der extrem viel über Sachen nachdenkt und sich den Kopf zerbricht. Manchmal wäre es vielleicht besser sich nicht so viel Gedanken über etwas zu machen.

Du hast nun eine Saison im Central Ghost Team von Olympiasiegerin Sabine Spitz bestritten. Wie ist es, gemeinsam mit einer so erfahrenen und erfolgreichen „Chefin“ an der Seite eine lange Rennsaison zu absolvieren? In welchen Bereichen kannst Du von der Zusammenarbeit mit ihr profitieren? Oder machst Du hier Dein ganz eigenes Ding? Schließlich hast Du Sabine in der zurückliegenden Saison ja sehr oft hinter Dir lassen können.

Lisi Osl: Für mich ist es schon eine Ehre im Team der Olympiasiegerin sein zu dürfen. Sabine hat schon viele Rennsaisonen und Trainingsjahre hinter sich, mit ihren Erfahrungen kann sie mir immer wieder weiterhelfen. Im großen und ganzen mach ich aber schon meine eigenen Sachen da wir uns eigentlich nur bei den Wettkämpfen und einem Trainingslager im Frühling sehen.

Wenn man die Rennen der Frauen bei Bundeliga- oder Worldcupevents direkt vor Ort an der Strecke verfolgt kann man feststellen, dass unter den (meisten) Fahrerinnen ein hoher gegenseitiger Respekt unter- und füreinander zu bestehen scheint. Beim Vorstart ist die Stimmung bei euch Mädels zumeist sehr gelöst und freundlich, und bei den Siegerehrungen ist die wechselseitige Anerkennung für die erbrachten Leistungen sehr offenkundig. Erklär uns doch bitte, was bei aller erforderlichen Rivalität das Geheimnis oder die Gründe für diese tolle Atmosphäre an der Rennstrecke ist oder sind? Hast Du Kolleginnen, mit

denen Du besonders gut klarkommst oder zu denen Du eventuell ganz speziell aufschaust?

Lisi Osl: Ich respektiere die Leistung jeder Fahrerin die mit mir am Start steht. Die schnellste des Tages wird gewinnen und das ist gut so. Nach dem Startschuss sind wir Konkurentinnen und jede schaut auf sich selbst, hinter der Ziellinie sind wir Freundinnen. Ich komme klarerweise auch nicht mit jeder Fahrerin gleich gut aus, so wie es im normalen Leben auch immer wieder der Fall ist. Es gibt schon welche mit denen ich mich besonders gut versteht. Zum Beispiel: Lene Byberg, Catherine Pendrel, Irina Kalentieva, Tereza Hurikova, die Polinnen, …….

könnte da sicherlich noch einige mehr aufschreiben.

Natürlich auch die Teamkolleginnen, allen voran Anja Gradl, wir teilen uns ja des öfteren das Zimmer. Freu mich auch immer wieder wenn ich meine Schwester Maria bei den Rennen antreffe.

Zu Lene Byberg schau ich ganz speziell auf, sie ist super sympathisch, hat eine angenehme Art, ist nicht überheblich, Lene ist schon so etwas wie ein Vorbild für mich.

In dieser Saison haben wir Dich fast ausschließlich auf Deinem Ghost-Hardtail die Rennen bestreiten sehen. Deine Siege hast Du zumeist auf Strecken erzielt, deren Charakteristika durch überwiegend harte, sehr zähe und steile Anstiege geprägt waren. Ganz offensichtlich liegt hier Deine große Stärke. Verrätst Du uns, wo Du Dich noch verbessern kannst? Wo liegen Deine Schwächen? Wirst Du auch weiterhin das Hardtail favorisieren oder wäre ein Fully für Dich irgendwann auch eine Option?

Lisi Osl: Ach, ich hab „Gott sei Dank“ noch so viele Sachen in denen ich mich verbessern kann. Es ist für mich ein unglaublich beruhigendes Gefühl meine Schwächen zu kennen und akzeptieren um mich noch weiterentwickeln zu können. Gerade bei den Welt Cups in Kanada hab ich wieder mal festgestellt das ich eigentlich das Biken überhaupt nicht beherrsche. War dort technisch wirklich überfordert. Einen schwierigen Downhill runter zu fahren, damit hab ich kein Problem, aber schwierige Singletrails bergauf oder im Flachen zu fahren und dabei auch halbwegs schnell von der Stelle zu kommen, ist für mich „noch“ nicht möglich.

Flache Strecken mit kurzen Anstiegen, dafür fehlt mir die Power und Spritzigkeit.

Es fällt mir auch sehr schwer wirklich an meine Grenzen zu gehen, bin nicht der Typ der sich bis zum Umfallen quälen kann.

Im Training hab ich das Fully schon immer wieder eingesetzt, vor allem jetzt im Herbst. Kann mir aber momentan noch nicht vorstellen es auch im Wettkampf zu fahren.

Bei den Worldcups in diesem Jahr war zu beobachten, dass eine Vielzahl von Rennen deutlich kürzer war als noch im Jahr 2008. In Houffalize, Madrid, und Champéry betrug die Renndauer gerade mal etwas mehr als 90 Minuten und Schladming war vermutlich das kürzeste Rennen aller Zeiten. Befürwortest Du diesen Trend oder würdest Du Dir eine Rückkehr zu den längeren Renndistanzen wünschen? In diesem Zusammengang: wie ist eigentlich Deine Meinung dazu, dass es im kommenden Jahr lediglich 6 Worldcups geben wird?

Lisi Osl: Für mich ist auf jeden Fall eine Rückkehr zu den längeren Rennen erwünschenswert. Gerade im Jahr 2008 hatte ich extreme Startschwierigkeiten, da wäre es bei so kurzer Renndauer beinahe unmöglich doch noch etwas nach vorne zu kommen. Ich würde es schade finden wenn sich die kurze Renndauer durchsetzten würde. 6 Welt Cups im Jahr finde ich schon etwas wenig. Mehr Rennen wären bestimmt spannender, auch die Abstände zwischen den Rennen sind extrem groß, SCHADE!!!!!!

Du wirst im kommenden Jahr den ersten Worldcup in Großbritannien mit der Startnummer 1 bestreiten. Glaubst Du, dass der Druck auf Dich nun größer wird, weil Du jetzt die „Gejagte“ sein wirst? Dieses Jahr hatten Dich sicherlich nur wenige auf der Rechnung für den Gesamtsieg, im kommenden Jahr wirst Du eine der Favoritinnen sein. Hast Du Dir schon erste Gedanken darüber gemacht und wie wirst Du wohl mit dieser neuen Situation umgehen werden?

Lisi Osl: Mir ist bewusst das es sehr, sehr schwierig und beinahe unmöglich ist, auf eine super Saison wieder eine gut draufzusetzten. Die Erwartungen sind von allen Seiten her groß. Ich werde einfach versuchen weiterhin mit viel Freude, Konsequenz und Fleiß weiter zu Arbeiten. Denke dann hab ich mir nichts vorzuwerfen, auch wenn die Konkurenz schneller ist als ich!!!!

Vielen Dank an Lisi für die ausführlichen Fragen und Antworten!

Interview: Peter Meis

Fotos: Cüneyt von www.mtbtr.com – beiden danke dafür!


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