HomeMagazinMenschenInterviewsLivebericht-Erstatter: Alpenzorro Stefan Stuntz alias “Stuntzi” im IBC-User-Interview — 1. April 2011 10:40

Livebericht-Erstatter: Alpenzorro Stefan Stuntz alias “Stuntzi” im IBC-User-Interview

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Seine Touren sind berühmt-berüchtigt und immer voller guter Fotos und Geschichten. Im IBC-User-Interview erzählt er unter anderem, warum er am liebsten draußen schläft, was die “virtuellen Mitfahrer” für ihn bedeuten und warum man in Arizona auf Schläuche mit Pannenmilch setzen sollte…jede Menge Bilder gibt es auch noch dazu, viel Spaß beim Lesen!

Name:
Stefan Stuntz alias “Alpenzorro”.

Alter:
Immer noch zu jung für einen Bürojob.

Wie lange auf dem Rad:
Mein erstes Mountainbike gab’s im Jahr 2000, davor fand ich die Sache in den Bergen eher seltsam. Nach ein paar Tagen am Gardasee und dem ersten Alpencross (Mittenwald-Riva) noch im gleichen Jahr hat sich das allerdings schlagartig geändert, seither bin ich irgendwie mit dem Sattel verwachsen.

Was fährst du hauptsächlich:
Crosscountry, ausgedehnte Touren, wenn’s geht ein bisserl ungewöhnlich. Ich mag hohe Berge mit langen Anstiegen und langen Abfahrten, am liebsten auf flowig schnellen Singletrails. Ein paar technische Schmankerl dürfen natürlich nicht fehlen und für eine gute Abfahrt trag ich mein Rad auch gern mal über Gletscher oder Klettersteige. Vor allem aber möchte ich abends an einem anderen Ort ankommen, als ich morgens losgefahren bin.

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Welches Bike:
Für lange Touren entweder das Canyon Nerve XC oder Canyon Spectral, kurze Trailtrips eher auf dem Nerve AM.

Wie zum IBC-Forum gekommen?
Das ergab sich irgendwie ganz von selbst, eine bessere Informationsquelle gibt’s einfach nicht. Irgendwann landet jeder Mountainbiker aus Deutschland mal im IBC, und viele bleiben.

Wie kam dir die Idee, Langzeittouren durch unbekanntes Terrain mit Live-Übertragungen zu verbinden?
Die Sache mit den Livereportagen und längeren Biketrips ist eher dem Zufall geschuldet. Im Sommer 2006 war ich gerade autolos und wollte trotzdem noch ein paar Trails bei St. Moritz probieren. Die Bahnverbindungen dorthin waren alle langwierig und teuer, also bin ich kurzerhand mit einem Sparticket zum Gardasee und von dort einfach mal in Richtung Schweiz losgeradelt. Zu der Zeit waren mobile Datenverbindungen noch größtenteils unbezahlbar, bis auf eine kleine Ausnahme bei einem italienischen Mobilfunkprovider. Als Computerfreak musste ich das natürlich ausprobieren und war dann tatsächlich “online auf der Almwiese“. Zunächst wollte ich diesen praktischen Zustand nur benutzen, um im IBC-Forum nach Informationen über die unbekannte Strecke der nächsten Tage zu fragen. Irgendwie ist dann eher eine Livereportage draus geworden, ich fand’s lustig.

Nach deiner ersten Tour im August 2006 warst du bis zum Dezember 2006 sechs Tage in den Dolomiten, 22 Tage auf Sardinien und bist mit deiner Liveübertragung auf Jamaica im Dezember 2006 richtig weit weggewesen. Woher nimmst du die Zeit, was machst du beruflich?
Die “Almwiesenpostings” live vom Singletrail haben mir großen Spaß gemacht, das wollte ich einfach ausbauen. Also bin ich 2006 gleich noch ein paar mal drauf los gefahren, mehr oder weniger zufällig und ohne große Pläne. Der eigentliche Tourverlauf hat sich dann immer erst unterwegs ergeben, teils auch durch die Vorschläge und Mithilfe der IBC-Leser. Und ich war begeistert davon, meine beiden Hobbies Mountainbike und Internet so direkt miteinander zu verbinden.
Richtig lange Trips waren’s damals ja noch nicht, aber meine Arbeit als freiberuflicher Programmierer hat trotzdem etwas gelitten. Hilft nichts: bei der Wahl zwischen zwei Wochen durch Jamaica radeln oder zwei Wochen vor der Tastatur sitzen kann es nur eine richtige Entscheidung geben :-).

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Wie finanzierst du die Touren, hast du Sponsoren?
Sponsoren hatte ich anfangs keine und auch gar nicht daran gedacht, mich da zu bemühen. Seit drei Jahren stellt mir Canyon freundlicherweise die Bikes zur Verfügung, das ist schon eine gewisse Erleichterung für den Geldbeutel. Ein paar andere Firmen helfen mir auch noch aus, besonders wenn ich unterwegs mal wieder irgendwas wichtiges zerstöre. Die Kosten für meine Trips trage ich erst mal selbst, allerdings ist mit dem Rad zu reisen ja nicht besonders teuer. Ein Alpencross mit Hütten und Hotels markiert da schon das oberste Ende der Fahnenstange, mit Isomatte und Schlafsack über die Mittelmeerinseln wird’s deutlich preiswerter. Was sich auf den letzten großen Touren immer weiter entwickelt hat, sind außerdem die Geldspenden der Leser im IBC-Forum. Zunächst nur gedacht als Mithilfe bei den Kosten für die Datenübertragung oder das ein oder andere Bierchen am Abend, sind daraus mittlerweile recht ansehnliche Beträge geworden. An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank für die Unterstützung!

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In den letzten Liveübertragungen hast du ausführlich über dein Equipment informiert – bitte gib uns eine kurze Zusammenfassung über den technischen Kram, den du für eine Liveübertragung brauchst.
Ich benutze schon seit vielen Jahren einen kleinen PocketPC (FSC Loox N560 PDA) mit eingebautem GPS. Angeschafft zur Navigation, eignet sich das Gerät auch prima zum Fotos bearbeiten und Geschichten schreiben. Später gesellte sich noch einen faltbare Tastatur dazu, damit schreibt sich’s einfach angenehmer als per Stift oder Finger. Die Fotos macht eine kleine Pocketkamera (Panasonic Lumix DMC-FX40), geringes Gewicht und gutes Handling sind mir wichtiger als Hochglanzmagazin-Qualität. Dazu gibts ein flexibles Ministativ, das sich an Bäume und Felsen krallt (Joby Gorillapod). Fotos mit Radler drauf sind viel spannender als immer nur Landschaft. Die Verbindung zum Internet stellt schließlich ein beliebiges Mobiltelefon her. Das Hauptproblem hier sind die Datentarife, besonders Europa ist da immer noch ein riesiger Flickenteppich. Wenn man sich vorher nicht genau informiert und dann unterwegs die richtigen Prepaid-SIM-Karten der bereisten Länder besorgt, wird man ganz schnell ganz arm.

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Da Akkus nicht allzulange halten, beziehst du deinen Strom aus einem Nabendynamo. Was genau verwendest du da?
Der Großteil meines Stromverbrauchs wurde bisher immer aus der Steckdose gedeckt. Ich bin ja ohne Kocher und mit wenig Essen unterwegs und demzufolge regelmäßig auf Supermärkte, Bars und Restaurants angewiesen. Und während sich der Radler genüsslich mit neuen Kalorien versorgt, kann er ja auch seinen elektronischen Spielzeugen ein wenig Fremdenergie zukommen lassen. Besonders im dicht besiedeltem Alpenraum ist diese Art der Stromversorgung kein Problem.
Es ist natürlich trotzdem ein gutes Gefühl, unterwegs seine eigene Energie erzeugen zu können. Auf dem Balkan oder in den einsamen Wüsten Arizonas oder Utahs war das auch teilweise notwendig. Mein System hierfür besteht aus einem Shimano DH-S501 Nabendynamo und einer von den Reiseradlern entwickelten Selbstbau-Ladeschaltung. Für das private Kleinkraftwerk muss man mit etwa 400 Gramm zusätzlichem Gewicht rechnen, ist dafür aber auch alle Akkusorgen auf einen Schlag los.

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Du hast aus Gewichtsgründen ja keine komplette Trekking-Ausrüstung mit und meines Wissens nur ein Superleichtzelt dabei. Versuchst du trotzdem so oft wie möglich draußen zu schlafen?
Draußen schlafen ist einfach toll. Vier Wände und ein Dach hab ich daheim, das will ich im Urlaub gar nicht. Vorzugsweise ist das Wetter dazu natürlich gut, die Nächte warm, das Meer nah und die Tiere freundlich. Dann sind Isomatte, Schlafsack und Sternenhimmel ausreichend und wenn’s wirklich mal regnen sollte, findet sich eigentlich immer irgendwo eine kleine Höhle, ein Felsvorsprung oder ein Heustadl.
Das Ultralight-Zelt hatte ich nur im letzten Jahr auf meinem Trip durch die USA dabei. Dort war ich manchmal auch wirklich froh darum: Das Wetter ist unberechenbarer, der Wind stärker, die Nächte kälter, die Moskitos nerviger und Heustadl gibt’s auch keine. In Europa würde ich aber jederzeit wieder “oben ohne” radeln. Wenn’s dort nachts wirklich mal richtig ungemütlich wird, ist die nächste urgemütliche Hütte ja nicht weit weg.

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Was reizt dich daran, über solche Zeiträume allein unterwegs zu sein?
Ich reise einfach gerne und wenn ich mal angefangen hab, will ich eigentlich nicht so bald wieder aufhören. Aufwand und Gepäck unterscheiden sich ja nicht groß, egal ob eine Woche, ein Monat oder ein halbes Jahr. An jedem neuen Tag warten hinter der nächsten Ecke wieder andere Landschaften, unbekannte Trails und irgendein kleines (oder größeres) Abenteuer. Da steh ich drauf.

Touren mit Freunden sind reizvoll, alleine würde ich mich auf einer Tour über Tage und Wochen vermutlich ab und an langweilen. Wie geht es dir dabei, hörst du zwischendurch Musik oder entlohnt dich die Landschaft genug?
Eine Woche mit Freunden auf Alpencross, klar macht das Spaß. Mir auch. Aber mehrere Monate lang? Ich weiss nicht, ob das gut geht. Ich fahr gerne allein, so richtig langweilig wird’s mir dabei nicht. Einen großen Anteil daran haben sicher die Liveberichte auf mtb-news. So ist halt immer ein ganzer Haufen Leute “virtuell” dabei, mit denen man seine Erlebnisse teilen kann.
Natürlich gibt’s auf einer großen Tour auch viele Streckenabschnitte, die nicht gerade für ein Mountainbike gemacht sind: Verkehrsreiche Teerstraßen, tiefe Sandpisten, Flachstücke von der Größe Bayerns, riesige Nadelwälder ohne Aussicht, die Liste ist lang. Dafür hab ich dann immer eine Bibliothek an Hörbüchern auf meinem elektronischem Spielzeug dabei. Mit einem spannenden Roman auf den Ohren wird auch der langweiligste Abschnitt erträglich.

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Hast du dich auf deinen Touren schonmal ernsthaft verletzt?
Zum Glück nicht, das darf auch ruhig so bleiben. Je nach Location fahr ich dazu die Abfahrten auch eher defensiv. Am Gardasee mit drei Kumpels um dich rum und dem nächsten Hubschrauber nur zehn Minuten entfernt, springt sich’s leichter über die Felsen. In einem gottverlassenen Tal irgendwo im tiefsten Montana, im Umkreis von 20 Meilen nur Grizzlybären statt Menschen, kein Handynetz weit und breit, da schiebt man dann halt lieber mal ein paar Meter mehr. Sieht ja sowieso keiner… :-)

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Ich erinnere mich an fiese dornige Stachelbälle in Arizona, die dich dein ganzes Flickzeug kosteten. Was hast du an Reparaturkram und Werkzeug dabei?
Ich hab nicht besonders viel mehr dabei als auf einem normalen Alpencross: Flickzeug, Pumpe, Ersatzschlauch, Multitool mit Kettennieter, ein paar Speichen und Kabelbinder, ein Schaltauge. Das stachlige Arizona hat mich allerdings wirklich an meine Grenzen gebracht, auch weil ich vorher die Warnungen der Radler vor Ort nicht so ganz ernst genommen hatte. Nach dem ersten Tag mit “geviertelten” Flicken um wenigstens noch irgendwie voran zu kommen, hab ich mich dann reumütig den lokalen Gepflogenheiten angepasst und auf Schläuche mit Pannenmilch umgestellt. Damit verloren die gemeinen Stachelbälle jeden Schrecken.

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Wo war bislang der schlechteste Internet-Empfang?
Die USA sind ein großes Land mit vergleichsweise dünner Besiedelung, zumindest dort wo die hübschen Berge stehen. Entsprechend groß sind die Löcher im Handynetz, da ist dann schon mal ein bis zwei Tage Sendepause. Auch die Preise sind gesalzen. Marokko wollte mich hardwarebedingt gar nicht ins Netz lassen, da blieb dann nur der Umweg über Internetcafes. In Europa gibt’s dafür dann andere Probleme, größtenteils wegen ständig wechselnden Tarifen oder abgelaufenen Prepaid-Karten. Positiv überrascht haben mich die Länder auf dem Balkan, Mazedonien, Montenegro, Bosnien, Kroatien. Dort klappte alles unkompliziert, schnell und preiswert.

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Dein Thema im IBC-Forum ist bei jeder Tour immer sehr gut besucht. Schaffst du es, dir die Kommentare regelmäßig durchzulesen und alle Fragen zu beantworten? Motiviert dich das während einer Tour?
Ich lese alles und beantworte alles, “virtuelle Mitfahrer” machen doch Spaß. Tagsüber wird’s vielleicht manchmal ein bisserl stressig, vor allem wenn noch ein Berg zu überwinden ist oder das nächste Gewitter droht. Am Abend bleibt dafür dann meistens eine Menge Zeit, als “Draussenschläfer” hat man sein Platzerl ja spätestens in der Dämmerung gefunden. Da gibt’s dann genug Muße für die Unterhaltung im Netz, bis der Schlafsack ruft.

Was war der schlimmste Moment, den du während einer Tour hattest? Hast du schonmal daran gedacht, mittendrin aufzugeben?
2008 auf dem Weg von den Kanaren zum Gardasee passierte mir kurz vor den Pyrenäen mein erster Rahmenbruch. Da war ich kurz davor, in den nächsten Flieger nach Hause zu steigen. Aber schon ein paar Tage später hatte ich auf einmal einen Fahrradsponsor und ein nagelneues Mountainbike vor der Herberge in Pamplona stehen, so ein Livebericht im Internet hat durchaus seine Vorteile.

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Was waren die Highlights und schönsten Trails deiner bisherigen Touren?
Die schönsten Trails kann ich unmöglich zusammenfassen, jede Ecke hat irgendwo ihre Highlights. Berge und Meer als Kombination gefallen mir immer recht gut, auf den Mittelmeerinseln oder in Kroatien gibt’s fantastische Steilküstentrails und tiefe Schluchten. Die Kanaren sind dabei natürlich auch immer eine Reise wert. Etwas rauher und einsamer geht’s in den Pyrenäen zu, landschaftlich sind Utah und British Columbia ganz weit vorne. Und selbst dort wo man’s am wenigsten erwartet, etwa mitten auf dem griechischen Festland, findet man dann plötzlich 1000hm Singletrail vom Feinsten.
Mein Lieblingsrevier sind und bleiben allerdings die Alpen. Nirgendwo sonst auf dieser Welt gibt’s eine derartige Wanderwegsdichte zusammen mit perfekter Infrastruktur für Mountainbiker. Gardasee, Dolomiten, Schweiz, Westalpen, völlig egal wo man lang fährt, es gibt jeden Tag tolle Landschaften und tolle Trails, immer einen leckeren Cappuccino und ein gemütliches Bierchen am Abend.

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Wegen der strengen Gesetze im Grand Canyon musstest du bei deiner USA-Tour dein ganzes Gepäck inkl. Bike den Grand Canyon hinunter- und wieder hochgetragen. Gab es noch anstrengendere Aktionen als diese?
Die Grand Canyon Traverse war schon ein langer Schlauch, aber die Parkranger nehmen das Bikeverbot dort sehr genau. Nicht mal schieben ist gestattet. Ganz so tragisch fand ich’s dann hinterher allerdings gar nicht, immerhin war die Aktion so geplant und ich wusste in etwa, was mich erwartet. Ähnlich anstrengend aber gänzlich unerwartet durfte ich mein Radl im Sopramonte-Gebirge auf Sardinien mal einen ganzen Tag lang auf dem Rücken durch steile, mit tiefen Karstspalten durchsetzte Felswände balancieren. Brütende Hitze, schlechte Karten, keine Wegmarkierung und erst recht kein Weg, kein Wasser, kein Spaß. Mit Einbruch der Dämmerung wurde ich schließlich von einer Gruppe sardischer Wanderer gerettet, die dort irgendwo in der Wildnis ein riesiges Fest veranstalteten. Wasser hatten sie zwar auch nicht, aber dafür Wildschweinbraten auf dem Grill und Rotwein in rauhen Mengen.

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Den Rockymountix hast du vor einer Weile hinter dich gebracht. Hast du schon neue Touren geplant?
Mir schwirren immer ein paar Ideen im Kopf herum, aber so ganz überzeugt bin ich im Moment von keiner. Selbst wenn ich was konkretes wüsste, würde ich’s bis zum Abflug für mich behalten. Überraschungen sind doch viel netter… :)

Danke für das Interview!

Alle Live-Berichte von Stuntzi findet ihr unter Alpenzorro.de. Mein Lieblingsbericht: Der Rockymountix. Unbedingt lesen!

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Alle Fotos: Stefan Stuntz/Alpenzorro.de


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