HomeAllgemeinFahrbericht: Ghost AMR Plus Prototyp 2012 — 11. Mai 2011 21:26

Fahrbericht: Ghost AMR Plus Prototyp 2012

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Wir hatten euch den Prototypen hier bereits vorgestellt. Im Rahmen des BIKE Festivals in Riva del Garda konnten wir das Bike am Samstag für eine kleine Runde über die Gardasee-Trails jagen. Aus zeitlichen Gründen konnten wir zwar nur wenig Strecke machen aber dafür einige Stellen mehrmals mit verschiedenen Einstellungen, abwechselnde Fahrer und Fahrweisen fahren. Ob das Rad sein Versprechen hält, ein All-Mountain mit Ambitionen zu Größerem zu sein, lest ihr hier im Kurz-Fahrbericht.

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Grundsätzliches

Man kommt gut voran auf dem Ghost. Die Sattelposition ist derart, dass sich das Bike auch mit hohem Sattel gut im Stehen fahren lässt, weil man leicht dahinter (und wieder zurück!) kommt. Sehr gefreut haben wir uns über den guten „Manual-Point“, durch den sich das Bike sehr leicht auf das Hinterrad ziehen lässt. Das ist nicht nur für tolle „Wheelies“ vor der Eisdiele hilfreich, sondern hat auch im Gelände einen ganz praktischen Nutzen. Wer zu langsam an eine Kante oder höhere Stufen kommt, kann diese leicht über das Hinterrad hinabfahren, bzw. springen, und vermeidet so den schmerzhaften Abgang über das Vorderrad. Die Federung könnte erstaunlicherweise noch sensibler arbeiten. Trotz großzügigem Sag wird der Hinterbau nicht zur Sänfte, spricht aber dennoch nicht wirklich fein auf leichte Unebenheiten an und so holpert man doch ab und an recht unbeholfen daher. Unangenehm könnte der Pedal-Boden-Kontakt werden, der durch das tiefe Tretlager + Sag + Kurve + Treten schon einmal vorkommt, wer aber etwas darauf achtet, sollte hier nicht unglücklich werden. Die Vorteile überwiegen jedoch auch hier die Nachteile. Das tiefe Tretlager sorgt auf dem Trail nämlich für Laufruhe, die man nicht missen möchte.

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Bergauf

Dämpfer und Gabel sind blockierbar, zudem lässt sich die Fox 32 Talas Gabel bequem absenken – da man uns aber Kletterfähigkeiten auch ohne Absenkung versprochen hatte, bleibt die Gabel auf 150mm Federweg. Um den Hinterbau zu testen, bleibt das ProPedal aus. Auf dem kleinen Kettenblatt wippt der Hinterbau minimal, nicht mehr und nicht weniger als viele andere VPP oder Viergelenk-Hinterbauten, warum auch? Wen es stört, dem hilft ProPedal, alle anderen werden dadurch aber nur minimal Energie verschwenden. So fährt sich das Rad ziemlich unauffällig und leichtfüßig bergauf, eigentlich echt wie ein XC-Rad, das nur durch seine Reifen etwas ausgebremst wird. Senkt man die Gabel dann doch mal ab, fühlt es sich ein bisschen so an, als falle man nach vorne vom Rad. Die Kletterhaltung wird dann zu extrem, zumindest bei den meisten Anstiegen, mit „Durchschnittsgefälle“. Dies ist ein Phänomen, welches uns schon vom Rocky Mountain Slayer oder einem Bionicon bekannt ist. Man tritt etwas von vorne in die Pedale, was sich einfach nicht gut anfühlt. Für richtig steile Anstiege ist die Kombination dann natürlich die Macht. Das Fazit ist aber folgendes: Eine absenkbare Gabel ist nicht notwendig, eine längere Gabel (160er) würde das Kletterverhalten auch nicht weiter beinträchtigen. Davon abgesehen fällt im Wiegetritt die sehr direkte Kraftübertragung auf, dieser Rahmen ist richtig steif.

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Ein Bike, das sich All-Mountain schimpft, muss aber auch auf eine andere Weise den Berg erklimmen können, denn nicht jeder Gipfel will auf zwei Rädern erreicht werden. Wir erwarten, dass es gut zu tragen ist, sprich im “Vertrider-Tragegriff” angenehm auf der Schulter und dem Nacken aufliegt, sodass diese Haltung auch über längere Zeit eingenommen werden kann. Hier muss man am Ghost etwas justieren, bis man das Schmiedeteil und die Züge einigermaßen komfortabel ausgerichtet hat. Die Zugführung, die auch für Probleme durch Kontakt mit der Gabelkrone sorgte, ist aber noch nicht endgültig. Vielleicht wir diese noch bis zur finalen Version des AMR Plus geändert. Im Großen und Ganzen konnte man das Bike auch auf den Schultern halbwegs angenehm den Berg hinauf tragen.

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Bergab

Megavalanche-Rennen solle man mit dem Ghost fahren können, hatte man uns bei Ghost versprochen. Das ideale Trail-Bike für jeden Einsatz solle es sein. Und auch den Bikepark-Einsatz brauche man, laut Ghost, mit dem neuen AMR Plus nicht scheuen. Um diese Aussagen auf die Probe zu stellen, suchten wir uns einen Trail aus, der viele Einflüsse miteinander verbindet. So wollten wir das Bike in technischem, steilem Gelände ebenso testen, wie auf einem High-Speed Kurs mit gehörigen Schlägen. Als All-Mountain muss ein Bike nahezu jeden Berg hinab kommen, sofern das fahrerische Können des Fahrers dies zulässt.

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Leider machte es uns das Ghost im steilen Gelände nicht einfach. Durch die tiefe Front – es war bereits ein stark gekröpfter Lenker montiert – hatte man stets das Gefühl, über den Lenker abgeworfen zu werden. Sobald man dies durch nach hinten verlagern des Körperschwerpunkts wettmachen wollte, hatte das Vorderrad wiederum keinen Grip mehr. Wie schon erwähnt, ist dafür größtenteils die tief bauende Front verantwortlich. Dem Problem könnte man in Form einer langhubigeren Gabel Abhilfe schaffen. Der Einsatz einer potenteren Gabel ist bei einem Bike, dessen Einsatzgebiet wie oben aufgeführt beschrieben wird, ohnehin zu überlegen. Eine 160 mm Federgabel, wie beispielsweise eine Fox 36, würde dem AMR Plus 2012 Proto., unserer Ansicht nach, deutlich besser stehen als die 150 mm Fox 32.

Ob darunter die Bergauf-Eignung leiden würde? Wir sagen nein. Der Sitzwinkel ist so steil, die Front derzeit noch so tief, da würde selbst eine nicht absenkbare 160er Gabel absolut Allround tauglich. Nicht, dass man mit der 150er Gabel kein Mountainbike hätte fahren können, der Idee vom echten Alleskönner aber entsprach das Konzept so noch nicht.

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Der Hinterbau sorgte, durch einen guten Vortrieb, auf flowigen Trail-Passagen für gute Laune. Sobald es ruppig wurde, wünschten wir uns jedoch einen aktiveren Hinterbau. Obwohl wir den Dämpfer schon recht „weich“ fuhren, nahm dieser viele Schläge nicht ausreichend an, dadurch wurde der Hinterbau schnell aus der Ruhe gebracht. Ein Dämpfer mit einem größeren Kammervolumen könnte hier die Lösung des Problems sein. Hier profitierte das AMR Plus in der Größe L, von seinem recht langen Radstand. Dieser sorgte trotz des überforderten Hinterbaus für Laufruhe. In schnellen Kurven wünschten wir uns einen flacheren Lenkwinkel, da das Vorderrad hier unter hohem Druck zum seitlichen Ausweichen – wegknicken – neigte. Auch dieses Problem wäre mit einer 160mm Gabel behoben.

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Fazit

Der Prototyp des neuen Ghost AMR Plus 2012 konnte seine Versprechen leider nur bedingt halten. Für den angekündigten Einsatzzweck wären unserer Meinung nach einige Änderungen an der Ausstattung nötig. Um das Bike Berg-bzw. Trail-tauglicher zu machen, wäre eine 160mm Federgabel sinnvoll. Diese würde nicht nur die Front nach oben bringen, sondern auch für einen flacheren Lenkwinkel sorgen. Der Hinterbau sollte für alpines Gelände schluckfreudiger werden. Wir glauben, dass ein Dämpfer mit größerem Kammervolumen die bessere Wahl wäre. Das Bike machte auf flowigen Trail-Abschnitten eine Menge Spaß, hier fühlte es sich wohl. Daher würden wir den Einsatzbereich des neuen AMR Plus wohl doch auf die heimischen Trails mit Mittelgebirgs-Charakter beschränken. Hierfür sind Geometrie sowie Ausstattung bestens geeignet. Der Sinn von dickwandigeren Rohren, einem 1,5 Steuerrohr und einer ISCG-Aufnahme – Dinge die das Bike laut Ghost für eine härtere Gangart verträglich machen – ist in diesem Fall jedoch zu hinterfragen. Es sei aber betont, dass es sich hier um einen Prototyp handelt, dessen vollständige Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Wir hoffen, dass sich Ghost die angesprochenen Kritikpunkte zu Herzen nimmt und das Bike bis zur Serienreife nochmals anpasst oder vielleicht einfach eine Abfahrtsorientiere Ausstattungs-Variante anbietet, wie es zum Beispiel Specialized mit der EVO-Linie tut.


Ghost AMR Plus Prototyp Fahrbericht von Maxi auf MTB-News.de


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