HomeAllgemeinStory: Nachts mit Max auf dem Pumptrack — 24. Oktober 2011 20:48

Story: Nachts mit Max auf dem Pumptrack

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Das krasseste an klaren Herbsttagen? Kaum ist die Sonne verschwunden, wird es kalt. Richtig kalt. Kalt genug für gebrannte Mandeln, Glühwein, gesellige Abende zuhaus. Der Kollege Max sieht das anders, er empfindet klirrend kalte Nächte als perfekten Zeitpunkt, um Rad fahren zu gehen. Nachts. Draußen. Ende Oktober. Mit einer Einladung zum Abendessen versuche ich das Thema aus dem Raum zu schaffen, aber in seiner Motivation übersieht so ein Kerl natürlich jegliche unterschwelligen Signale, da kann ich senden, was ich will, der Empfänger erscheint zum Abendessen mit seiner Freundin Wilma, die leider nicht zwei Brüste sondern vier LEDs besitzt, dazu Rucksack und schmutzige Schuhe.
Weil ich immer noch keine Lust auf drei Grad Minus habe, zögere ich das Abendessen raus, serviere Nachtisch und Getränke, schlage vor doch lieber einen Bike-Film zu schauen als selbst den Biker zu machen. Wieder Zustimmung, aber scheinbar habe ich meine Bedingung nicht deutlich genug formuliert, denn als um kurz vor zwölf der Filmstreifen zu Ende ist, könnte die Motivation natürlich nicht höher sein – da hätte ich aber auch selbst drauf kommen können. Also bleibt mir nichts anderes übrig: Fotoapparat in die Tasche und einigermaßen warm anziehen, denn eigentlich will ich ja doch wissen, ob der Pumptrack im Dunkeln fahrbar ist, hart gefroren dürfte er zumindest sein.

Nach einem Kilometer interessiert mich das dann doch nicht mehr so brennend, stattdessen raucht ein U-Bahn-Schacht spektakulär, Foto-Session. Reicht das für heute Abend, ich meine, heute morgen? Nein, bisschen springen sollte schon noch gehen. Also Umweg über einen nahe gelegenen Streetspot, dessen Potential ich bei einem auf Frost weggerutschten Tailtap eindrucksvoll demonstriere, eine Pizza am Knie dürfte dabei auch noch rausspringen. Mittlerweile habe ich Motivationsmax’ nonverbale Signale eindeutig verstanden, der Typ ist nicht davon abzubringen, wir fahren zum Pumptrack. Wie man da hin kommt? Nachts gar nicht so einfach, auch die Taxi-Fahrer wissen nicht Bescheid und wollen uns noch nicht mal fahren, Gott müssen wir aussehen.

Eine weitere halbe Stunde später, ich bin am lustlosen Tiefpunkt und wir tatsächlich am Pumptrack angelangt. Der Boden ist bockelhart gefroren, der Wald stockduster und leichter raureif bedeckt die toten Blätter der Bäume – insgesamt eine nicht wirklich einladende Stimmung, findet auch Max: “Geil, oder?” Also tritt und pumpt er los, absolviert die erste Runde und grinst breiter als ein Mittelstüfler auf der Klassenfahrt nach Amsterdam. Unbeeindruckt davon richte ich meinerseits mangels Helmhalter die Lampe am Lenker aus und begebe mich auf die erste Runde, rolle alle Wellen und fühle mich gar nicht mal so berauschend. Irgendwann packt mich doch der Ehrgeiz und ich versuche ein paar Wellen zu pushen, auf dem Hinterrad zu durchrollen oder gar zu überfliegen, und stelle fest: Mit der Lampe auf dem Lenker führen solche Manöver zwar zu einer schicken Deckenbeleuchtung, der vor mir liegende Kurs taucht aber immer wieder in Dunkelheit, unfahrbar, wie ich finde.

Also los, Frust vortäuschen “Ich würd ja gerne, aber so macht das leider echt kein Spaß…” und darauf hoffen, dieses sinnlose Projekt endlich beenden zu können. Beendet werden aber nur meine Hoffnungen, denn der Konter lautet: “Können gerne den Helm tauschen, mir ist das eh egal!”. Also finde ich mich fünf Minuten später wieder auf dem Rundkurs: mit Sicht, aber immer noch ohne Lust, denn auch meine feste Überzeugung, dass niemand nur mit Lampe am Lenker den Pumptrack fahren kann, hat sich als falsch herausgestellt.

Zehn Runden später fühle ich mich ausreichend ausgepumpt, also genau der richtige Augenblick um ein paar Mutproben zu absolvieren. Nicht. Ich empfinde es auch nicht als willkommene Herausforderung, die Sprünge, über die ich schon tagsüber nur als toter Segler taumle, doch einmal nachts auszuprobieren. Wer schon mal nachts ohne externe Beleuchtung ein Double gesprungen ist, der weiß: Wenn man den Absprung verlässt und durch die Dunkelheit fliegt, kommt irgendwann der Augenblick, in dem die Stirnlampe plötzlich eine Landung ausleuchtet – leider erst so spät, dass man sich schon mittendrin und im nächsten Sprung befindet, bevor man weiß, wie einem geschieht.
Für mich eine eher unangenehme Erfahrung, für Max das höchste der Gefühle, steigerbar nur durch: “Mach doch paar Bilder, mit ordentlich Gegenblitz”. Völlig unmöglich, bei so viel Blendung nicht einfach vom Rad oder aus der Luft zu fallen, aber wer kann, der kann. Die Technik schlägt sich schließlich auf die Seite der Gähnenden – ewig hält kein Akku, auch keiner aus dem Hause Lupine. Das Warnsignal, gedimmtes Licht und Blinkmodus, zwingt uns doch notgedrungen, jetzt nach Hause zu radeln, oder? Wieder falsch, selbst dann kann man noch fahren. Das einzig positive an diesem Abend: Immerhin habe ich nie Geld auf meine Annahmen gesetzt, denn mittlerweile wäre ich ein armer Mann.

Stattdessen staune ich noch ein paar Runden Diskosprünge über Dirt, während sich der langgezogene Lichtschweif durch die Netzhaut ins Gehirn brennt. Müdigkeit, Kontraste, Erschöpfung und Schmerz mischen sich nun doch auch bei mir zu einer Verfassung, die irgendwo zwischen berauscht und benebelt einzustufen ist. Im Grunde wird die Sache mit der Helligkeit doch völlig überbewertet – zumindest wenn man die Strecke kennt, was nach gefühlten 100 Runden inzwischen gewährleistet ist, und so bleibt ein Grinsen auf meinem Gesicht – auch als der Profi zwei Ersatzakkus aus dem Rucksack zieht, die Saft für weitere Runden, Sprünge und Tabletops geben.

Als ich gerade meine, den nächsten Tag am Nachthimmel zu erahnen, sind wir beide am Ende, packen unsere Sachen und verfahren uns durch den Wald nach Hause. In dem Moment, in dem ich vor der Haustür zum Stehen komme, haucht Wilma ihren letzten gedimmten Strahl in den Flur und kündet vom Ende einer langen Nacht. Mein blutiges Knie schlaftrunken in die Matratze drückend ist der letzte Gedanke, bevor mein Kopf auf Träumen umstellt: Manchmal brauchst Du eindeutig zu lang um warm zu werden. Fest steht aber: Egal wie verpennt ich am nächsten Tag war, ich hatte ein ziemliches Dauergrinsen in der Fresse.

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Auch schon mal Nachtarbeiter gewesen? Fest steht: Wenn demnächst die Zeit umgestellt wird, geht die Stirnlampen-Saison erst richtig los. Was uns auch interessieren würde: Lest Ihr solch “newsfreie” Erlebnisberichte gerne hier auf der Startseite?


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