HomeAllgemeinInto Thin Air – die Macher im IBC-Interview — 19. November 2011 15:40

Into Thin Air – die Macher im IBC-Interview

Von

Es ist wohl eines der beeindruckendsten MTB-Videos, das wir in der letzten Zeit im Web zusehen bekommen haben. Mit atemberaubenden Action- und Landschaftsaufnahmen besticht Into Thin Air den staunenden Zuschauer. Vielen Betrachtern dürften beim Anblick dieser Bilder wohl die einen oder anderen Fragen durch den Sinn geschossen sein, wie beispielsweise: Wie lang benötigt man um ein solches Video zu produzieren, wie gefährlich sind solche Touren und wie weit lässt sich das Bikebergsteigen noch ausreizen? Wir haben mit den Machern dieses Videos gesprochen und ihnen auf den Zahn gefühlt. Was Harald Philipp, Martin Falkner und Sebastian Doerk zu sagen haben, erfahrt ihr in diesem IBC-Interview.


INTO THIN AIR | The whole story von infinitetrails.de auf MTB-News.de

MTB-News: Hallo ihr drei, ihr hab etwas sehr Spezielles gewagt und uns einen tollen Film davon mitgebracht – die Rede ist natürlich von eurer Gipfeleroberung rund um den Ortler. Darüber würde ich, und mit Sicherheit auch viele User, gern mehr erfahren. Aber zu Anfang wäre es toll, wenn ihr euch kurz vorstellen könntet.

Harald: Exildeutscher in Innsbruck, Berufsabenteurer und Bikeguide.

Martin: Vater von 2 Kindern (Rian, Dora); Berufe: Sozialarbeiter, staatl. geprüfter MTB-Instruktor, Berufskraftfahrer; erste Raderfahrung im Alter von zwei Jahren, erste Big-Mountain-Tour mit 13 Jahren.

Sebastian: Fotograf, Filmemacher & sein ureigener Sherpa.

MTB-News: Fangen wir doch gleich mit dir an Sebastian. Du hast uns ja schon des Öfteren mit beeindruckenden Videos versorgt. Ursprünglich kommst du doch aber aus der Mode-Fotografie, wie bist du denn zum Mountainbike-Sport gekommen?

Sebastian: Das ist schon so lange her, dass ich mich kaum mehr dran erinnern kann… Vor allem wird mir kaum einer glauben, dass ich früher schon mit Trialshows mein Geld in der Branche verdient habe. Wer einmal in die Bike Familie eingeheiratet hat, kommt von ihr nicht mehr los, den chaotischen Haufen muss man einfach gern haben.

MTB-News: Zum Filmen bist du durch die neuen Möglichkeiten moderner DSLRs gekommen. Würdest du diese Aussage so stehen lassen?

Sebastian: Das war sozusagen die Initialzündung. Mir hatten vorher schon öfters Werbekunden gesagt, ich solle doch mal Regie führen. Beim Bikevideo kommt jetzt für mich das Beste aus zwei Welten zusammen, ich kann mit den Jungs auf geniale Berge kraxeln und dazu noch den coolsten Job der Welt ausüben.

MTB-News: Harald und Sebastian, ihr seid bekanntermaßen schon des Öfteren für gemeinsame Projekte unterwegs gewesen. Wie ist Martin zu eurem neusten Projekt “Into Thin Air” dazu gestoßen?

Harald: Martin ist mein bester Bike-Spezl, wir sind rund um Innsbruck ständig miteinander unterwegs. Für so ein Gletscherabenteuer ist es ganz wichtig, dass man sich gegenseitig voll vertrauen kann. Wie Seilpartner bei Bergsteigern. Mir fallen nicht viele andere ein, mit denen ich so was machen könnte.

MTB-News: Könnt ihr uns erklären, wie dieses Projekt zustande kam?

Harald: Die Idee zum Cevedale kam von Martin. Oftmals ist es einfach ein Foto, auf dem man einen spannenden Weg sieht, und ratzfatz wird daraus eine fixe Projektidee.

Martin: Man hält ja ständig Ausschau nach möglichen Projekten (Wander/Bergsteiger-Magazinen, Familienausflügen,Tipps von Freunden usw.). Dann wird nächtelang über Landkarten gebrütet, eine Route festgelegt und ausprobiert.

MTB-News: Wie habt ihr euch auf diese Befahrungen vorbereitet? Habt ihr die Fahrbarkeit der dortigen Trails im Vorfeld zu Fuß erkundet?

Harald: Wir haben alle möglichen Karten gewälzt, im Internet und in Bergsteigerbüchern recherchiert sowie Bergführer ausgefragt. Über Monate hinweg ist das Projekt dann immer weiter gewachsen. Zu Fuß auschecken ist ziemlich zeitraubend, und einen gut fahrbaren Weg ohne Bike abzusteigen tut der Seele und den Knien weh, da lassen wir uns lieber überraschen und tragen halt notfalls unsere Bikes wieder runter.

Martin: Nein, mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, ob es Sinn macht oder nicht. Manchmal muss man sich eingestehen, dass man die Gegebenheiten falsch eingeschätzt hat. Speziell vorbereitet haben wir uns nicht. Das viele, über das Jahr verteilte, Radfahren auf Schnee hat sicherlich dazu beigetragen, dass es mächtig Spaß gemacht hat!

MTB-News: Hast du gewusst, was auf dich zu kommen wird Sebastian?

Sebastian: Nein, das kann man nie so genau im Voraus wissen, zumal der Zeitrahmen indem so eine Aktion Sinn macht doch recht klein ist. Im Sommer ist der Schnee zu schwer und macht Fahrspaß unmöglich, aber im ersten Schneesturm des Jahres möchte man natürlich auch nicht stehen. Zudem habe ich mit Harald einen internen Wettkampf, wer die sinnlosesten “Touren” vorschlägt, dank eines 20-Stunden-Tages in Zermatt mit ca. 5 % Fahranteil liege ich allerdings klar vorne.

MTB-News: Wie umfangreich war deine Filmausrüstung bei dieser Tour? Hast du alles selbst geschleppt oder auch den Fahrern etwas aufgedrückt?

Sebastian: Zwei Kamera Bodys, 5 Optiken, Blitze & Remote, kleiner Kran, Kamera Rig … Letztendlich hat man bei Hochtouren immer viel zu viel und gleichzeitig viel zu wenig dabei und manövriert zwischen “muss ich das jetzt auch noch schleppen” und “wie unglaublich wäre es jetzt hier am Gipfel einen 4 Meter Kran zu haben”. Harald und Martin haben Jause, Espresso, Jacken etc. bei sich verstaut, mein Kamera Equipment habe ich gerne jederzeit parat. Oft muss man schnell reagieren, um die Gämse am Wegesrand noch zu erwischen, wenn das Tele dann irgendwo verräumt ist, ist der Moment auch schon wieder vorbei.

MTB-News: Im Video sieht man Harald auf einer Hütte im Bett liegen – wie lang habt ihr für den gesamten Trip gebraucht?

Sebastian: Insgesamt waren wir ca. 10 Tage unterwegs, allerdings nicht immer mit Kamera. So eine Reise darf nicht nur reiner Job sein, sonst verliert man die Authentizität.

MTB-News: Auch ohne Begleitung mit der Kamera ist die Tour mit Sicherheit nicht ohne. Könnt ihr uns veranschaulichen, wie viel anstrengender so eine Aktion wird, wenn daraus ein Video entstehen soll?

Harald: Videos und Fotos zu produzieren ist etwas ganz anderes, als einfach Radfahren zu gehen. Jeder Schnitt dokumentiert nur einen kleinen Teil der Strecke. Ein paar Meter schön zu fahren ist die Herausforderung und macht auch wirklich Spaß, aber richtigen Fahrfluss gibt es nur zwischen den Aufnahmen. Zwischen den beiden Drehs sind Martin und ich einige Tage ohne Cam unterwegs gewesen. Das war für uns definitiv der geilste Teil des Abenteuers, aber eben nur fürs eigene Kopfkino.

MTB-News: Harald, im Video philosophierst du über das Thema Erstbefahrungen – ist der Hype um solche Sachen eine reine Mediensache, oder legst du selbst viel Wert darauf, der Erste mit dem Bike auf einem Berg gewesen zu sein?

Harald: Wie schon im Video gesagt, habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zu diesem Begriff. Im Endeffekt ist es mir echt wurscht, ob ich wirklich der allererste da oben bin. Mir geht es aber schon darum, selber ein Abenteuer zu überlegen und durchzuziehen. Einfach einer beschriebenen Route oder einem GPS-Track nachzufahren, befriedigt in keinster Weise meinen Spieltrieb. Da fließt viel Kreativität in die Planung von so einem Bergprojekt rein und genau das macht es zu einem spannenden Abenteuer. Das eigentliche Fahren rockt natürlich auch, ist für mich aber nur ein Teil vom Gesamterlebnis. Darum geht’s mir.

MTB-News: Möchtet ihr andere Biker mit eurem Video dazu animieren, es euch gleich zu tun?

Harald: Ich finde es gut, wenn wir andere Biker dazu inspirieren weiter oben auf den Bergen zu Biken, sich selber Abenteuer zu überlegen und nicht nur auf den immer selben, ausgefahrenen Transalp Routen unterwegs zu sein. Unser Video ist aber definitiv nicht als Routenbeschreibung zum Nachfahren gedacht. Martin und ich sind beide sehr erfahrene Mountainbiker und Alpinisten. Für uns hat diese Tour funktioniert, weil wir seit zig Jahren trainieren und uns auf extreme Alpintouren spezialisiert haben. Der Forstweg-Crosscountry Biker hat auf dem Cevedale genauso wenig verloren wie ein Stöckelschuh auf dem Everest…

Martin: Ich möchte anderen Moutainbikern aufzeigen, dass Radfahren auf den Bergen nichts mit Sekunden jagen, sondern vielmehr mit genialen Momenten und Stimmungen am Berg zu tun hat!

MTB-News: Harald und Martin, wie können ambitionierte Bikebergsteiger entscheiden, welchen Berg sie selbst in Angriff nehmen möchten?

Harald: Grundsätzlich empfehle ich hier niemandem, auf eigene Faust und ohne die notwendige Erfahrung auf irgendwelchen Bergen herumzukraxeln. Bei solchen Versuchen sind auch schon Biker abgestürzt, und das will niemand. Fitness und Fahrtechnik sind auch unterhalb von 2.000m trainierbar. Wer auf richtige Bikebergsteiger Touren gehen will, braucht vor allem alpine Erfahrung. Man muss wissen, was am Berg geht – und vor allem was nicht geht. Das lernt man beim Skitourengehen oder bei alpinen Klettertouren am besten. Über viele Jahre hinweg. Die Auswahl des passenden Berges ist dann nachher das kleinste Thema.

MTB-News: Seit ihr selbst während der Dreharbeiten in brenzlige Situationen geraten?

Harald: Die Gipfelflanke von Cevedale war recht haarig, da gab es eine Steilstufe aus Blankeis, mit Absturzoption bis ins Tal. Wir mussten unsere Räder wie Eispickel in den Schnee rammen, um nicht abzurutschen.

MTB-News: Bis zu welchem Punkt würdet ihr gehen, um solch ein Video zu drehen, bzw. ab wann wird es einfach zu gefährlich? Welche Sicherheitsvorkehrungen kann man als Bikebergsteiger überhaupt treffen?

Sebastian: Gefährlich ist relativ, gut vorbereitet und mit den richtigen Leuten im Team ist das Ganze doch recht kalkuliert. Jemanden bei Dreharbeiten zu verlieren ist definitiv keine Option, in anderen Sportarten haben sich die Athleten mittlerweile schon so weit gepusht, dass die Stunts immer extremer und teilweise auch lebensgefährlich werden. Man lebt nur einmal und die Zeit will genutzt werden, in unseren Filmen wird es deswegen immer mehr um flowige Abenteuer gehen als um halsbrecherische Aktionen.

MTB-News: Seid Ihr der Meinung, dass die Grenzen des Bikebergsteigens bald erreicht sind, oder ist das noch lange nicht der Fall? Wie hoch, wie steil, wie viel Gletscher ist möglich?

Harald: Gletscherbiken ist meiner Meinung nach nicht die Zukunft. Da ist einfach das Risiko enorm hoch, wenn man ohne Seilsicherung fährt, und an der Leine macht Rad fahren auch keinen Spaß. Fahrtechnisch ist das Limit an Höchstschwierigkeiten glaube ich auch erreicht. Da waren die Vertrider vor 5 Jahren schon an einem Punkt, wo es nicht mehr oder nur noch in winzig kleinen Schritten weiter ging. Das Austüfteln von Sektionen hat seither für mich an Reiz verloren. Heute versuchen wir dasselbe Gelände mit Flow zu befahren und mit leichteren und vielseitigeren Bikes. Da ist noch einiges an Entwicklung möglich. Für mich persönlich geht es in Zukunft um möglichst kreative Abenteuer, mehrtägige Expeditionen und auch Bergprojekte außerhalb der Alpen. Das Thema bleibt für mich immer spannend, auch wenn die höchsten Gipfel schon gemacht wurden. Wie sich die gesamte Disziplin entwickeln wird, wird sich noch zeigen, da sind auch andere federführend, z.B. die Kollegen hier im Hochtouren-Foto-Thread. Oder ganz andere: Vittorio Brumotti (der Trialer vom Cevedale) will im Mai auf den Mount Everest hoppeln!

MTB-News: War das denn ein einmaliges Projekt, oder werden wir in Zukunft öfters mit solch bildgewaltigen Videos von euch unterhalten werden?

Sebastian: Definitiv nicht, die Pläne für nächstes Jahr sind schon geschmiedet, es könnte sein, dass die Luft noch etwas dünner wird…

MTB-News: Besten Dank für dieses tolle Interview. Wir hoffen, auch in Zukunft noch viele wunderbare Videos von euch präsentiert zu bekommen?

Wie gefällt euch das Video und würdet ihr euch eine solche Tour selbst zutrauen? Wann sind die Grenzen erreicht und wird uns in Zukunft noch vom Bikebergsteigen erwarten?


Kurzlink zu diesem Artikel:

Ähnliche Artikel

Hier geht es zu Thema und Kommentaren im Forum.

Was meinst du?

Hier kannst du den Artikel direkt im Forum kommentieren.

Hier geht es zu Thema und Kommentaren im Forum.

Kurze Einschätzungen sind ok, Floskeln wie das sieht **beliebiges Schimpfwort einsetzen** aus oder ähnliches sollten im Sinne einer sachlich geführten Diskussion vermieden werden. Entsprechende Beiträge werden ggf. gelöscht.

Bitte sei höflich!