HomeAllgemeinAuf dem Weg nach London: Olympia-Hoffnung und BMX-Profi Luis Brethauer im IBC-Interview — 19. März 2012 14:56

Auf dem Weg nach London: Olympia-Hoffnung und BMX-Profi Luis Brethauer im IBC-Interview

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Nicht nur im XC-, Rennrad- und Bahnradsport haben die deutschen Radfahrer olympische Chancen – auch in der noch neuen olympischen Disziplin BMX-Race hat Deutschland Möglichkeiten, gute Platzierungen einzufahren. Der 19jährige BMX-Profi und Sportsoldat Luis Brethauer ist seit Jahren einer der besten deutschen Racer und hat durch die aktuelle Plazierung in der Nationenwertung gute Chancen, bei Olympia dabeizusein – dort könnte es auch sein, dass er auf David Graf trifft, den wir ebenfalls schon befragt hatten [zum Artikel].
Wie man als BMX-Profi in der Bundeswehr zurechtkommt, warum BMX-Race so spannend ist und was er sich für Olympia ausrechnet, erfahrt ihr im IBC-Interview.

Hallo Luis! Für alle unsere Leser, die dich noch nicht kennen – stell dich bitte kurz vor!
Ich heiße Luis Brethauer, bin 19 Jahre alt und begeisterter Radfahrer – hauptsächlich BMX-Race. Ich habe letztes Jahr mein Abi gemacht und das Glück, mittlerweile meine Brötchen mit meinem Sport zu verdienen. Ich bin in Aschaffenburg geboren, lebe aber jetzt schon seit über 14 Jahren in Reutlingen südlich von Stuttgart.

Dein Name ist sowohl in der 4X- wie auch in der BMXer-Szene bekannt – wie bist du generell zum Rennsport gekommen?
Angefangen hat alles im Jahr 2000 bei einem Familienurlaub in Schweden, wo wir in einer Art Freizeitpark eine winzige BMX-Bahn mit ein paar klapprigen Rädern entdeckt haben. Dort habe ich dann das erste Mal auf einem „echten“ BMX gesessen, bin stundenlang über eine Hügel-Bahn gegurkt und hab damit wohl die Liebe meines Lebens kennengelernt. Zurück in Deutschland hatte sich dann mein Vater, der damals viel MX-Enduro gefahren ist, bei seinem Motorradhändler erkundigt, ob es sowas auch hier geben würde. Und wie der Zufall es wohl wollte, gab es in Betzingen gleich um die Ecke eine ziemlich gute Bahn. Der Sohn des Ladenbesitzers war schon länger begeisterter BMXer und hatte sogar gerade ein passendes Rad zu verkaufen. Von da an hat man mich dann nur noch selten ohne Rad an meiner Seite gesehen ;)

Was macht BMX-Race für dich aus, wo liegt für dich der Reiz darin?
Am Anfang war es natürlich die Geschwindigkeit und die ständigen Adrenalinkicks, die jedes Kind, das so einen „Extrem-Sport” macht, begeistert. Das Schöne ist, dass mich nach nun 12 Jahren BMX immer noch dieselben Sachen faszinieren: Mit einem so kleinen Rad und 60 Sachen über 14m-Doubles und -Triples zu springen, durch riesige Rythm-Sections zu racen und das dann noch mit 7 weiteren Athleten, die teilweise nur wenige Zentimeter von dir entfernt sind – das ist das Größte!
Jetzt wenn man älter ist, möchte man irgendwann natürlich auch erfolgreich sein – das macht mittlerweile auch einen besonderen Reiz aus. BMX-Race auf World Cup-Niveau ist eine sehr intensive Sportart, die höchste Selbstdisziplin im Training, aber auch im restlichen Leben erfordert. Das Training ist extrem intensiv und findet zu größten Teilen ohne Bike statt. Und wenn mit Rad, dann eher auf der Straße. Aber die Momente, wenn man mit den wenigen anderen Top-Fahrern dieser Welt auf dem 8 Meter hohen Startberg am Gate steht, der Puls scheinbar in die Unendlichkeit steigt und man, bevor es losgeht, noch einmal auf die riesige Bahn und die Tribünen schaut…das lässt die kalten Wintertage, wo man mal fünf Stunden im Kraftraum verbringt und anschließend noch im Schneeregen Sprints bis fast zum Erbrechen macht, vergessen.
Aber der größte Unterschied von BMX-Race zu einem anderen olympischen Sport wie beispielsweise Leichtathletik ist, dass man sich zum BMX fahren auch mal ganz locker, easy und ohne Stress oder irgendwelche Regeln auf einer Bahn oder Trails mit Freunden treffen und einfach mal Spaß haben kann.

Ganz schön eng: Fahrerfeld beim Chula Vista Supercross
Ganz schön eng: Fahrerfeld beim Chula Vista Supercross

In den 80er und 90er Jahren war BMX in Deutschland sehr populär – selbst in meiner Heimatstadt Köln stehen noch die Überreste der Vogelsanger BMX-Bahn. Wieso ist das Interesse an BMX Race in Deutschland so abgeflacht?
Es fehlt einfach nur an Bekanntheit, das ist meine Meinung. Jeder der etwas von BMX erzählt bekommt, mal zuschaut oder selbst fährt ist sofort davon begeistert. In den 80ern war BMX durch den Film “E.T.” super gehyped. Jedes Kind wollte auch auf so einem coolen Rad rumfahren, so wurde mir das zumindest überliefert… Dann in den späten 90ern fehlte einfach der Nachwuchs, weil die Kids eben gar nicht mehr wussten was BMX ist – und die Kinder der 80er in ein „normales“ Leben übergegangen waren. In den frühen 2000ern war BMX-Race in Deutschland fast tot. Kids, die was erleben wollten, sind dann wohl lieber ins bekanntere Freestyle eingestiegen, weil sie dort nicht so diszipliniert fahren mussten, aber trotzdem Spaß hatten.
Wenn die Rennen und Events einfach mehr in den Medien vertreten wären und auch öfter mal im Fernsehen ausgestrahlt werden würden, gäbe es eine breitere Masse die schon mal das generelle Interesse hätte. Dann bräuchte es zudem eine bessere Nachwuchsförderung in den Vereinen. Viel mehr Strecken mit festen Trainern, die mit dem Coachen etwas verdienen können und sich dann auch um die Streckenpflege kümmern. Aber dazu fehlt in Deutschland einfach das nötige Geld und die passenden Sponsoren. Durch Olympia ist BMX-Race schon wieder ein ganzes Stück bekannter geworden. Andere Länder, wie beispielsweise Frankreich, haben diesen kleinen Boom perfekt ausgenutzt und ein riesengroßes Netzwerk aufgebaut, mit hunderten von Strecken und oft hauptberuflichen Vereinstrainern und tausenden BMX-Kids. Davon sollten wir uns dringend eine Scheibe abschneiden, um wieder die Begeisterung für den Sport zurückzugewinnen und die ganzen Strecken, wie auch in Köln, wieder zu reaktivieren.
In Deutschland gab es jetzt schon den ersten Schritt: Das BMX Air Team um Herrn Bähr hat seit letztem Jahr zumindest einigen Fahrern die Möglichkeit gegeben, das Ganze professionell anzugehen. Aber ein Sponsor reicht eben leider nicht, um die ganze Nation wieder dorthin zu bringen, wo sie mal war – oder vielleicht sogar noch weiter.

Die Berechnungen des Nationenrankings, wer zu Olympia fahren darf, sind etwas kompliziert – auch du hast noch eine Chance auf die Teilnahme. Kannst du das Procedere und deine Situation in Kurzform erklären?
Hier die Kurzform: Die Top 3-Fahrer jeder Nation schmeißen ihre Worldranking-Punkte in einen Topf. Das sind dann die Punkte der Nation, mit denen sie sich im Nationenranking einordnet. Die Platzierungen 1 bis 5 dürfen drei Fahrer nach London schicken, die Nationen 6-8 je zwei Fahrer und bis Nation 11 einen Fahrer pro Land. Unser Ziel ist es, als Nation in die Top 11 zu kommen. Momentan sind wir sogar auf Platz 8, was ja sogar 2 Startplätze bedeuten würde. Diesen Platz bis Mai zu halten, wenn die Qualifizierung vorbei ist, wird allerdings nicht einfach.
Wer dann schlussendlich von den deutschen Fahrern zu Olympia fährt, wird auch sehr kurzfristig entschieden. Die Kriterien hierfür sind die Ergebnisse, die man dieses Jahr bei den World Cups und der WM erreicht. Also ist eigentlich noch alles offen, da auch meine deutsche Konkurrenz natürlich nicht schläft und richtig schnell ist. Dennoch rechne ich mir doch recht große Chancen aus, da ich momentan als 17. im Worldranking bester Deutscher bin und die letzten Jahre bei den großen Events die meiste Konstanz und die besten Ergebnisse gezeigt habe. Wenn also alles wie geplant gut funktioniert, sollte ich in London am Start sein.

Wie und wo trainierst du aktuell?
Ich trainiere am Olympia-Stützpunkt Stuttgart zusammen mit Maik Baier, Thorsten Lindenmeyer (Nationalkader) und unserem Bundestrainer Simon Schirle. Dort kann man sehr professionell die Athletik trainieren und hat durch Physio, Mentaltraining, Leistungsdiagnostik und Karriereberatung auch sonst eine sehr gute Ausgangslage für den Sport. Außerdem gibt es seit letztem Jahr dort auch eine kleine Indoor-Bahn, die für den Winter eine echt gute Sache ist.
BMX fahr ich dann meistens auf den umliegenden Bahnen wie Ingersheim, Kornwestheim oder Betzingen. Um dem Wetter auszuweichen oder auf einer SX-Weltcupstrecke trainieren zu können, fahren wir auch sehr oft in Trainingslager überall in Europa oder woanders in der Welt.

Luis beim Training
Luis beim Training

Seit Herbst bist du Sportsoldat. Wie kann man sich die Kombination Training + Beruf dort vorstellen?
Ich bin super dankbar dafür, dass die Bundeswehr mir die Möglichkeit gibt, Profi-BMXer zu sein. Ich habe derzeit keine Pflichten außer die Bundeswehr und Deutschland auf Wettkämpfen zu vertreten und dafür zu trainieren. Dafür bezahlt mir die Bundeswehr einen Sold, von dem man schon gut leben kann. Vor allem wenn man noch im guten alten Hotel Mama wohnt, wenn man denn mal zuhause ist und nicht im Hotel schläft. Trotzdemalledem ist man ein Soldat: Deshalb musste ich auch die allgemeine Grundausbildung mit Drill, wenig schlaf, marschieren, schießen und im Dreck rumkriechen abschließen und von Zeit zu Zeit auch weitere militärische Weiterbildungen machen. Aber in erster Linie ist man Spitzensportler, weshalb auch in den „Soldatenzeiten“ das Training eine große Rolle spielt.

Wie läuft spezifisches BMX-Training ab?
Wie schon bereits erwähnt, spielt die Athletik mittlerweile eine riesengroße Rolle. Von Grundlagenausdauer über Hypertrophie-Training und Maximalkraft bis zur Schnell- und Explosivkraft gehört alles dazu. Natürlich liegt der Fokus schon auf den schnellkräftigen Sachen, da BMX mit seinen ca. 40 Sekunden Renndauer ja ein Sprintsport ist. Außerdem natürlich sehr viel Techniktraining auf dem Rad: Davon ist auch ein großer Anteil Starttechnik, da die Position nach dem Start entscheidend ist. Auch die Regeneration ist sehr wichtig geworden, um das hohe Trainingspensum überhaupt zu verkraften. Also viel Schlaf, Physio, Sauna und Eisbäder. Was eben so zum „normalen“ Leistungssport dazu gehört.

Was für ein Bike fährst du, wie viel wiegt es?
Ich fahre ein custommade Meybo Pro XL des BMX Air Teams mit Shimano-Parts und neuen Schwalbe Reifen, ein wirkliches gutes Bike. Es wiegt 9,2 kg, was für mich so das angenehmste Gewicht ist. Man könnte es durch andere Komponenten noch leichter machen, dann passt mir das Fahrverhalten aber nicht mehr so gut. Aber das ist Geschmackssache.

Die 4Xerin Steffi Marth ist von BMX auf 4X gewechselt, weil dort die Konkurrenz in Deutschland überschaubarer war. Wie stehst du zum Thema BMX/4X? Bleibst du beim BMX Race oder fährst du beides?
Ich habe in meiner Jugend ja auch mal 4X ausprobiert, was mir auch ziemlich gefallen hat. Bestimmt auch, weil ich im jungen Alter ziemlich erfolgreich war. Doch als ich dann mal einen 4X-World Cup mitgefahren bin hab ich gemerkt, dass es doch nicht so meins ist. Der 4X-World Cup wurde in den letzten Jahren immer downhill-lastiger – DH find ich zwar genial und ich freue mich schon total auf die Zeit nach Olympia, wenn ich mal wieder auf einem Big Bike sitze, aber dieses DH auf Hardtails zu viert war mir dann nix mehr. Vor allem weil es viel Zeit und Training benötigt hätte, um erfolgreich zu werden. Es gibt im Vergleich zum BMX-Race einfach zu viele Unterschiede, um beides professionell zu betreiben. 4X werde ich bestimmt nicht mehr ernsthaft fahren, aber ich sitze, wie schon gesagt, mich immer wieder liebend gern auf dem DH-Rad und hab da meinen Spaß.

Doubles der etwas größeren Art...
Doubles der etwas größeren Art…

In Frankreich, den Niederlanden oder England ist der Sport sehr populär. Auf welche Nationen und Fahrer sollte man bei den Olympischen Spielen besonders achten?
Frankreich, die Niederlande, Australien und die USA sind sehr stark. Fahrer auf die man auf jeden Fall achten sollte sind Joris Daudet (Fr., Worldchamp) Maris Strombergs (Olympic gold 2008), Sam Willoughby (Aus.) und Connor Fields (USA) und natürlich auf mich – Deutschlands Geheimwaffe, mit der niemand rechnet ;-)

Chaotische Anfangsphase im Rennen
Chaotische Anfangsphase im Rennen

Der Name Brethauer wird vielen Mountainbikern eher wegen deiner Schwester Laura bekannt vorkommen – die mittlerweile auch viel Enduro fährt. Wäre sowas für dich auch interessant?
Natürlich! Enduro macht Spaß und boomt ja gerade ziemlich. Jetzt in meiner Zeit als aktiver BMXer wohl eher weniger, da es ja ein Ausdauersport ist und ein ganz anderes Training erfordert. Aber wer weiß ob ich in zehn Jahren nicht auf Enduro umsteige. Als Grundlagentraining fahr ich aber auch jetzt schon öfter mal Enduro. Ist um einiges unterhaltsamer als stupides Rennradfahren.

Fahrradgeschwister: Luis und Laura Brethauer
Fahrradgeschwister: Luis und Laura Brethauer

Was für Chancen rechnest du dir aus, wenn du wirklich bei Olympia dabei bist?
Naja, man träumt natürlich von einer Medaille. Aber es wäre vollkommen überzogen zu behaupten, dass das realistisch wäre. Ich rechne mit einem Halbfinale, also der Top 16 – wenn bis dorthin alles super klappt und das Rennen richtig gut läuft wäre ein Finale in London schon drin. Top 8 wäre sozusagen das non plus Ultra, was zu erreichen ist. Das würde hoffentlich dann auch endlich mal genug Aufmerksamkeit auf unseren schönen kleinen Sport lenken, um ihn wieder populärer zu machen. Also ihr da draußen: Bitte kräftig die Daumen drücken, dass alles klappt! Nicht nur für mich, sondern für BMX-Deutschland allgemein. Nur eine erfolgreiche Olympiade bringt den Verband, die Medien und die Sponsoren dazu, endlich mal wieder richtig was für unsren Sport zu machen.

Danke für das Interview!
Vielen Dank auch, vielleicht bis bald auf irgendeiner Bahn, Pumptrack, Trails oder Bikepark dieses Planeten!

Fotocredits: Gregor Hübl (Hallentraining), Kilian Kreb (Portrait)

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