HomeMagazinMenschenInterviewsEvery Day Girls #1: was Männer können, können Frauen schon lange [Interview - Micayla Gatto] — 29. Oktober 2012 14:00

Every Day Girls #1: was Männer können, können Frauen schon lange [Interview - Micayla Gatto]

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Das Thema Frauen im Gravity-Sport taucht grade hier im Forum immer wieder mit zahlreichen, meist unqualifizierten Diskussionen und Kommentaren auf. Doch auch in der realen Welt stößt man nur all zu oft auf allerlei Vorurteile zu diesem Thema. Vor allem wenn Bilder und Videos vermeintlich weniger guter, aber voll gesponsorter Fahrerinnen auftauchen, kochen die Gemüter gerne mal über. Doch lässt sich das Können der weiblichen Gravity-Sportler von den wenigen hierzulande bekannten Galionsfiguren des Sports auf die zahlreichen unbekannten Frauen auf den Trails dort draußen projizieren? Bei unserem Crankworx Trip in Whislter hatten wir das Gefühl, als gäbe es doch eine ganze Menge Frauen, die der Masse der männlichen Biker noch so einiges vormachen können. Wir haben versucht, der Sache ein wenig auf den Grund zu gehen.


# Girls On Big Jumps – auch Frauen hatten ihren Spaß bei den “Whip Off Worlds” beim Crankworx

Es dürfte wohl mittlerweile jedem aufgefallen sein, dass die Anzahl der weiblichen Gravity-Biker in den letzten zwei bis drei Jahren auch hierzulande enorm zugenommen hat. Immer öfter sieht man Mädels durch die Bikeparks shredden, und das auch zunehmend ohne männliche Begleitung. Wer jedoch schon einmal den Bikepark Whistler besucht hat, der wird wohl bemerkt haben, dass wir in Europa was die Frauenquote im Gravity-Sport anbelangt noch Potenzial noch oben haben: in der Menge der ausübenden Sportlerinnen, aber vor allem was das Können anbelangt. Von im Tank-Top A-Line-shreddenden Damen über “Whip Off Worlds”-Teilnehmerinnen bis hin zu Männer verblasenden DH-Racerinnen findet man in Whistler alles.

Auf dem Rückflug von Vancouver nach Frankfurt machten wir Bekanntschaft mit der 21 Jahre jungen Casey Brown, die im Zuge des diesjährigen Crankworx Festivals gleich zwei Goldmedaillen einfahren konnte. Es war jedoch gar nicht mal ihre sportliche Leistung als solches, die uns in Staunen versetzte, sondern die Tatsache, dass sie beispielsweise beim Canadian Open DH jeden noch so großen Sprung problemlos meisterte. Auch bei der WM kurz darauf konnte Casey erneut eine erstklassige Leistung abliefern, musste sich jedoch ihrer Teamkollegin Micayla Gatto geschlagen geben. Beide waren Teil des diesjährigen Nordkette Downhill.PRO in Innsbruck, wo ich die Chance ergriff und mit den Damen auf die Strecke ging. Es war das erste Mal, dass ich nicht permanent auf der Bremse stehen musste, als zwei Mädels vor mir fuhren. Ganz im Gegenteil, die Damen machten vorne mächtig Druck, sodass ich einen nicht ganz unerheblichen Ehrgeiz an den Tag legen musste, um ihnen am Hinterrad zu bleiben.

Vor Kurzem machte ein Shimano Saint-Video weltweit auf sich aufmerksam, dessen Protagonisten die beiden oben angesprochen Damen waren. Die im Video gezeigte Action steht den sonst bekannten Action-Spektakeln mit männlichen Fahrern in nichts nach – Grund genug, die Leistung zu würdigen und Frauen hierzulande zu motivieren, selbst Vollgas zu geben.


# Die kanadischen Gravity-Damen: Micayla Gatto, Casey Brown, Claire Buchar & Holly Feniak


# “DH-Shredden ist für mich Genuss pur”, so die Design-Studentin aus Vancouver. 


# Micayla und Casey beim Nordkette Downhill.PRO

Wir haben vier aktuell sehr erfolgreiche Damen zu einem Kurz-Interview gebeten und fragten die Damen, wie sich so erfolgreich in einer Männerdomäne wie dem Mountainbike Gravity-Sport behaupten können. Den Anfang unserer vierteiligen Serie macht das Interview mit Micayla Gatto: Die DH-Racerin aus Vancouver/Kanada studierte bis vor Kurzem noch Grafik- und Illustrations-Design und jobbt nun in verschiedenen gastronomischen Betrieben, um sich das leben als Bike-Profi finanzieren zu können. Ihr Sportlerprofil hatten wir euch vor einiger Zeit bereits vorgestellt [hier zum Artikel]. Seid also gespannt, was Micayla zum Thema Frauen im Gravity-Sport zu sagen hat.

Kurz-Interview mit Micayla Gatto

MTB-News.de: Hi Micayla, auch wenn du es schon zu einem gewissen Ruhm gebracht hast, würde es uns freuen, wenn du dich unseren Usern kurz vorstellen könntest.

Micayla: Hallo an die MTB-News-Leser. Mein Name ist Micayla Gatto, ich komme aus Vancouver und bin professionelle Downhill-Rennfahrerin.

War es denn schon immer dein Traum professionelle Mountainbikerin zu werden?

Also eigentlich wollte ich in meiner Jugend immer eine Seglerin bei den Olympischen Spielen werden, da ich mit dem Wassersport aufgewachsen bin und jeden Sommer segeln war. Im Alter von 12 Jahren brachte mich mein Bruder zum Mountainbike-Sport. Zu Zeiten der Highschool begann ich mit Cross Country-Rennen – das war der Punkt, an dem ich meinen Traum änderte und mich dazu entschloss, World Cup-Rennfahrerin zu werden.

Was fiel dir denn am schwersten, deinen Plan eine Profi-Fahrerin zu werden, in die Tat umzusetzen?

Ich würde nicht davon sprechen, dass irgendetwas besonders schwer war, da ich liebend gern Herzblut in das investiere, was mir Freude bereitet. All die Arbeit und das Training sind für mich eine Art Genuss, da ich den Nutzen kenne, den ich am Ende als Belohnung davontrage. Wenn es überhaupt einen schwierigen Teil gab, Profi-Fahrerin zu werden, dann war es immer die Sache mit dem Geld. Das ständige Reisen und auch die Trainingseinheiten und der Trainer kosten mich viel Geld, sodass es schon Zeiten gab, ich denen ich nebenher noch bis zu 4 Jobs gleichzeitig ausüben musste, nur um mir das Ganze leisten zu können.

Hast du dich in dieser Männerdomäne denn niemals in irgendeiner Art allein gefühlt, auf dem hohen Niveau auf dem du dich bewegst?

Wie könnte ich mich alleine fühlen, wenn ich von so vielen tollen Menschen umgeben bin. Durch mein Aufwachsen mit meinem älteren Bruder war ich immer umgeben von vielen Jungs und hatte somit meist mehr Kumpels als irgendwelche Freundinnen. Im Sommer vermisse ich meinen wenigen Freundinnen natürlich schon sehr, doch in der Off-Season verbringe ich viel Zeit mit ihnen. Somit ist alles gut.

Du fährst besser als der männliche Durchschnitts-Fahrer dort draußen. Hattest du jemals Probleme mit Jungs, die dir dein Können missgönnt haben?

Die meisten Jungs sind wirklich einfach nur erstaunt, wenn ich schneller oder besser bin als sie. Es gibt auch oft lustige Momente, grade wenn ich auf meinen Home Trails auf andere Fahrer treffe. Sie drängeln sich oft vor mich auf die Strecke, weil sie meinen dass sie schneller sein als eine Frau. Ich fahre dann die ganze Zeit auf den Zentimeter genau hinter ihrem Hinterrad. Meistens endet das Ganze dann aber in einem freundlichen High Five – echte Probleme mit anderen männlichen Bikern hatte ich eigentlich noch nie.

Wer hat dich denn am stärksten unterstützt, um deinen Traum wahr werden zu lassen?

Ich würde sagen, dass der größte Support, meine Sponsoren mal außen vor gelassen, vonseiten meiner Eltern, meines Bruders und meines Freundes kommt. Sie haben mir über die Jahre so viel ermöglicht und selbst so viel geopfert, um mir meine Träume wahr werden zu lassen. Ich kann wirklich nicht nach mehr verlangen – sie alle sind einfach unglaublich toll.

Es hat den Anschein, als gäbe es in Europa deutlich weniger gute Gravity-Bikerinnen als in Übersee. Kannst du das bestätigen – falls dem so ist, woran könnte das liegen?

Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen. Als ich in Morzine war, habe ich eine Menge Mädels gesehen. In jedem europäischen Land, das ich bereist habe, habe ich auch schnelle Downhill-Fahrerinnen kennengelernt. Und man trifft oft auf talentierte weibliche Locals, die keine Rennen fahren und einfach Lust haben in den Bergen zu shredden. Es ist doch überall das Gleiche, jeder denkt immer, dass es in anderen Ländern besser wäre als im eigenen. Wenn ich das nötige Geld hätte, würde ich meine Sommer in den Bikeparks Europas verbringen.

Ein Gerücht scheint sich jedoch zu bestätigen, nämlich dass Mädels deutlich mehr Probleme damit haben große Sprünge zu springen als Jungs. Geht dir das genauso?

Ich weiß auch nicht, was Frauen davon abhält zu springen. Ich denke es liegt daran, dass wir mehr über die Konsequenzen unseres Handelns und nicht so sehr über das tolle Gefühl der Handlung selbst nachdenken. Ich hab mich mental definitiv sehr überwinden müssen, um jene Sachen zu springen, die ich heutzutage springe. Obwohl ich in der letzten Hälfte der Saison daran gearbeitet habe, haben meine Reifen bei den letzten Rennen kaum den Boden verlassen. Glücklicherweise waren meine Platzierungen trotzdem gut, aber es ist ohne Frage etwas das ich weiterhin trainieren werde.

Wenn du anderen Mädels und Frauen einen bestimmten Rat mit auf den Weg geben könntest, welcher wäre das?

Mein einziger Rat für die Mädels da draußen ist folgender: Seid nicht zu schüchtern, fahrt mit Jungs – sie machen euch um so viel schneller. Und arbeitet hart daran, euren Zielen näher zu kommen. Wir allen stürzen und haben schlechte Zeiten, aber es sind die Leute, die wieder aufstehen und gestärkt aus Niederlagen herausgehen, die letzten Endes erfolgreich sein werden. Ach ja – und habt Spaß!

Vielen Dank an dich und alles Beste für die Zukunft! Die letzten Wörter gehören dir:

Vielen Dank für das Interview und ride on!

Sehenswertes Video der schnellen Dame aus dem Interview:

Im zweiten Teil unserer Serie “Ever Day Girls” beschäftigen wir uns mit der jungen Britin Tahnée Seagrave, ihres Zeichens Juniorinnen Vize-Weltmeisterin im Downhill. Auch wenn die Damen in unserer Serie längst keine Unbekannten mehr sind, so müssen sie dennoch alle einem ganz normalen Tagesablauf mit Schule und Arbeit nachgehen und gehören nicht zu den wenigen Berufssportlerinnen, die der Gravity-Sport zu bieten. Wie Micayla aber bereits sagte, gibt es viele Damen, deren Können den Profis in nichts nachsteht, und trotzdem gänzlich unbekannt sind. Kennt auch ihr solche Mädels und Frauen? Und wie geht ihr damit um, wenn euch Frauen auf dem Bike sprichwörtlich in den Hintern treten?


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