HomeProdukteHochspannung für alte 9-fach Schaltwerke: Die Geschichte vom “Kettenglück” — 14. November 2012 19:30

Hochspannung für alte 9-fach Schaltwerke: Die Geschichte vom “Kettenglück”

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Wer denkt, dass Erfindungen und kreative Ideen nur von großen Unternehmen mit großer Forschungs- und Entwicklungsabteilung geleistet werden können, der wird regelmäßig eines Besseren belehrt. Ob öffentlich wahrgenommene junge Unternehmen wie Pinion oder im heimischen Keller bastelnde Lead User – häufig kommen gute Ideen aus einem kreativen Umfeld. Und auch wenn sie es nicht immer zur Serienreife bringen oder eine individuelle Lösung für ein individuelles Problem bleiben, so kann es doch spannend sein, von ihnen zu erfahren, mögliche Gedanken aufgreifen und selbst weiterzuentwickeln. Eine Plattform für solche Entwicklungen ist unsere Internet Bike Community, in der sich hunderte Beiträge in Themen zum Selbstbau sammeln (z.B. in der Galerie). Eine spannende Geschichte zum Thema Selbstbau an Schaltwerken hat der User Bierschwanger zu erzählen. Der Name seiner Entwicklung lautet “Kettenglück”. Was es mit diesem Glück auf sich hat, erfahrt ihr hier.

Ein spannendes Thema…

Wer einen der neuen 10-fach Antriebe sein Eigen nennen darf, der hat es gut. Neben dem zusätzlichen Gang gegenüber alten 9fach-Systemen gibt es bei den aktuell gebräuchlichen Schaltwerken von Shimano und Sram eine Vorrichtung, die die Bewegung des Schaltwerkskäfigs dämpft und dadurch für weniger Kettenschlag und sichereres Schalten sorgen und gleichzeitig eine untere Kettenführung ersetzen soll. Shadow Plus (Shimano) oder Type2 (Sram) heißen diese Technologien und in unserem Test [Link zum Vergleichstest Shimano Saint, Shimano XTR, Sram X.0] haben sich die gedämpften Schaltwerke als eindeutig besser herausgestellt.


# Kettenglück 1.0 – Eine Entwicklung von User Bierschwanger

Soviel Lob – wo bleibt der Haken? Bevor Mountainbiker sich schlanke 10-fach Ketten und teurere Kassetten montiert haben, sind alle von XC bis DH auf 9fach-Antrieben unterwegs gewesen. Und frei nach dem Motto “Buy-or-Die” gibt es die gedämpften Schaltwerkskäfige heute nur für die neuen 10-fach Antriebe. Klar – es muss ja einen Grund geben, auf die neue Technologie umzuschwenken und wenn neben dem zusätzlichen Gang noch eine bessere Schaltwerks-Performance dabei herausspringt, sollte der Wechsel nicht mehr allzu schwer fallen.

Doch wo ein Wille, da ein Weg. So finden sich im IBC immer wieder findige Bastler, die für offene Fragestellungen mit ihrer eigenen Lösung aus der heimischen Werkstatt kommen. Und so wie viele von uns in Eigenregie daran Arbeiten, ihren Spaß auf dem Bike noch zu vergrößern, hat sich MTB-News.de User “Bierschwanger” schon früh mit der Frage beschäftigt, wie denn der schlackernden Kette beizukommen ist. Und das noch bevor Shimano oder später SRAM gezeigt haben, wie es geht. Die Entwicklung seiner eigenen Schaltwerksdämpfung “Kettenglück” hat Dennis bereits zu Beginn des Jahres 2010 begonnen, als noch nicht einmal das Shimano XTR Schaltwerk mit der später vorgestellten speziellen Dämpfung gezeigt worden ist.

Wir haben in den letzten Monaten die Möglichkeit gehabt, ein von Dennis modifiziertes Schaltwerk auf Herz und Nieren zu testen und wollen euch die Geschichte zu den gedämpften Schaltwerken in Eigenarbeit nicht vorenthalten. Viel Spaß beim Lesen!


# Dennis aka Bierschwanger unterwegs mit seiner Erfindung: Kettenglück.

Die Geschichte von Kettenglück

Als Dennis zu Beginn des Jahres 2010 auf seinem Mountainbike unterwegs war, nervte ihn wie so oft die schlackernde Kette, die mal munter gegen den Rahmen schepperte und mal unverhofft vom Kettenblatt fiel. Das es hier Verbesserungspotential geben würde, war von Anfang an klar – die Frage war nur: Wie? Mit vielen kleinen Bastellösungen wollte Dennis ursprünglich die bestehenden Kettenführungen verbessern, doch da er sein Fahrrad auch auf dem Weg zur Arbeit (25km) einsetzt, kamen viele Lösungen wegen mangelnder Effizienz gar nicht erst in Frage. Doch anstatt es mit der Kettenführung sein zu lassen, rückte der eigentliche Verursacher des Schlackerns in den Fokus der Entwicklungsarbeit: das Schaltwerk.

Bei ersten Versuchen begrenzte Dennis einfach den Weg des Schaltwerkskäfigs, doch um eine volle Übersetzungsbandbreite abdecken zu können, muss das Schaltwerk weite Wege gehen – eine weitere Sackgasse tat sich auf. Vielversprechender schien da die Idee, die Bewegung zu dämpfen, aber in ihrer Breite zuzulassen. Abend für Abend ist Dennis nun in der Werkstatt zu Gange gewesen, um für dieses Problem eine Lösung zu finden und sein altes 9-fach Schaltwerk so zu bearbeiten, dass es Kettenschlag effektiv verhindert. Schließlich gab es einen ersten Prototypen, bei dem ein Dämpfer aus dem RC-Buggy-Bereich parallel zum Käfig montiert wird und so die Bewegungen des Schaltwerks dämpft. Der Dämpfer wurde unten auf einer Achse mit dem Schaltröllchen befestigt, während am oberen Drehpunkt die Klemmschelle eines Lock-On Griffes für Halt sorgte.


# Als Befestigungspunkt für den Stoßdämpfer verwendet Dennis einen Lock-Ring, der sonst an Griffen zum Einsatz kommt. Damit dieser an ein Schaltwerk passt, muss fleißig nachgeholfen werden.


# Der fertig bearbeitete Lock-Ring für Kettenglück 1.0


# Der Lock-Ring wird am oberen Drehpunkt des Schaltwerks befestigt.

Ende 2011 ist es dann soweit gewesen – Dennis konnte den ersten fahrbereiten Prototypen montieren und da ihn die Fahreindrücke überzeugten, setzte er kurzerhand eine Erfindungsmeldung auf, die er kurz darauf einem Patentanwalt vorstellte. Seine Idee war damals, das mögliche Patent an Sram oder Shimano weiter zu veräußern – doch weit gefehlt. Bei der Recherche zu bereits existierenden Patenten tauchte unter der Kennung DE102007040156A1 Platzhirsch Shimano auf. Das Patent beschrieb eine Reibbremse für den Schaltwerkskäfig, was der von Dennis entwickelten Dämpfung ungemein nahe kam. Und obwohl die mit dieser Technologie ausgestatteten Shimano Schaltwerke noch nicht auf dem Markt verfügbar oder überhaupt vorgestellt gewesen sind, ließ Dennis den Plan eines eigenen Patents ruhen. Zu hoch schienen die Kosten und zu groß das Risiko, das Patent nicht vermarkten zu können. Und auch so blieb noch einiges an Entwicklungsarbeit offen.


# Der erste Prototyp von Kettenglück 1.0

Schließlich begrenzte der RC-Buggy-Dämpfer durch seinen Hub auch den Weg des Schaltwerkes, so dass er bei ungünstigen Gangkombinationen zerstört worden wäre. Dennis wühlte sich also durch die Kataloge von Modellbauherstellern und suchte nicht nur nach mehr Hub, sondern auch nach der Möglichkeit, die Dämpfungseigenschaften zu beeinflussen. Die beste Lösung schien ein hochwertigerer Dämpfer, der von Hand mit anderem Öl und zusätzlichem Shim in der Druckstufe den gewünschten Eigenschaften sehr nahe kam. Mit diesem Dämpfer ausgerüstet ging Dennis das erst Mal an die Öffentlichkeit und präsentierte “Kettenglück 1.0″ inklusive Montageanleitung im Forum.


# Dennis mit Kettenglück 1.0 auf Testfahrten. Die Funktion ist gut, doch der Dämpfer ist noch nicht die perfekte Lösung.


# Die Alu-Schraube dient als Sollbruchstelle, falls der Dämpfer hängen bleibt und droht, das Schaltwerk zu beschädigen.


# Kettenglück 1.0 – der exponiert liegende Dämpfer ist eine der Schwachstellen der ersten Version gewesen, die für Version 2.0 verbessert werden mussten.

Die Funktion schien zu passen, doch auf der Seite der Nachteile ließen sich noch zu viele Punkte aufführen, so dass Dennis sich überlegte, wie Version 1.0 verbessert werden könnte. Insbesondere die exponierte Lage des Dämpfers bereitete ihm Sorgen, denn bei der TrailTrophy machte er selbst die Erfahrung, dass Feindkontakt für den Dämpfer zwar nicht tödlich, aber doch reparaturintensiv werden konnte. Die potentiellen Kunden schienen das ähnlich zu sehen, denn trotz großem Interesse konnte Dennis nur wenige Nachrüstsätze verkaufen und da zunächst Shimano und später dann auch SRAM ihre eigenen Lösungen auf den Markt brachten, entwickelte unser Tüftler seine Idee weiter.

Sowohl Shimano als auch SRAM boten ihre Technologien nur für 10-fach-Antriebe an, doch Dennis wollte bei seinem bewährten 9-fach-System bleiben und da er ohnehin lieber bastelte als alles umzubauen, überlegte er zu Beginn der Saison 2012, wie denn ein 10-fach-Schaltwerk von Shimano so angepasst werden könnte, dass es nur noch 9 Gänge bedient, aber gleichzeitig den Shadow Plus kontrollierten Käfig bietet. Hier kam ihm der Effekt zu Gute, dass die Zugbewegung von Gang zu Gang bei 9- und 10-fach Systemen identisch ist und nur die Hebelverhältnisse am Schaltwerk den Unterschied machen. Also besorgte sich Dennis eines der neuen Schaltwerke und versuchte zunächst, den Schaltzuggegenhalter so zu versetzen, dass aus dem 10-fach- ein 9-fach-Schaltwerk wurde.


# Kettenglück 2.0 verzichtet auf den exponierten Dämpfer und baut auf bewährter Serientechnik von Shimano auf.

Doch die Schwierigkeit der Berechnung des richtigen Anschlagpunktes und zu geringe Präzision (Dennis verfügte nicht über eine CNC-Fräse) machten “Kettenglück 2.0″ noch Schwierigkeiten. Nach einem weiteren Abend voller Excel-Berechnungen entschied Dennis, die Position der Zugklemmung zu verändern und den Anschlag des Schaltzuges dort zu belassen, wo er von Anfang an gewesen war.


# Verändert wird nur der Hebel der Zuganlenkung, so dass aus dem 10-fach ein 9-fach Schaltwerk wird.

Die so erzeugten Schalteigenschaften konnten Dennis überzeugen und das Beste an dieser Lösung war, dass Dennis sie sicher reproduzieren konnte. Auf diese Weise wurde aus dem 10-fach-Schaltwerk eine 9-fach-Version, die insgesamt von der Schaltperformance einem originalen 9-fach-Schaltwerk kaum nachsteht und alle Vorteile eines gedämpften Schaltwerkskäfigs bietet. Gegenüber der Version 1.0 von Kettenglück hebt sich Version 2.0 insbesondere dadurch ab, dass der exponierte Dämpfer am Schaltwerkskäfig wegfällt und dadurch der Umbau nicht nur einfacher, sondern vor Allem auch günstiger wird.


# Kettenglück 2.0 im Alltagseinsatz.


# Detailaufnahme der geänderten Zugführung.

Aus heutiger Sicht im Zeitalter von Shadow Plus und c.guide klingt Kettenglück 2.0 nach einer kleinen Sache. Der Werdegang der Geschichte war aber richtig spannend und faszinierend. Es war auch das erste Mal, dass ich privat so nah vor einem eigenen Patent stand. Für mich war es daher eine echte Bereicherung mit schönen Schrauberabenden in der Garage und positiven Rückmeldungen. Und vor allem habe ich eine technische Lösung, die mir selber hervorragend gefällt.

Dennis aka Bierschwanger


# Das fertige Produkt: ein getuntes Shimano XT Shadow Plus Schaltwerk, das dank Umbau nun mit 9-fach Antrieben kompatibel ist.

Und an diesem Punkt sind wir auch schon in der Gegenwart angekommen. Shimano und SRAM bieten mittlerweile konsequent ihre gedämpften Schaltwerke an, von denen wir herausgefunden haben, dass sie eine Kettenführung nicht in jedem Fall ersetzen können (z.B. DH-Einsätze), doch an einem All-Mountain oder Enduro-Bike zum Spaß auf dem Trail beiträgt und dafür sorgt, dass die Kette sicher dort bleibt, wo sie hingehört. Wer jedoch nicht zwingend auf einen neuen 10-fach Antrieb wechseln will, der bekommt nun mit “Kettenglück 2.0″ eine weitere Möglichkeit, seine Schaltperformance zu steigern. Sollte Interesse an einem solchen Umbau bestehen, kann man sich privat an Dennis aka Bierschwanger wenden.

Text: Tobis Stahl
Bilder: Tobias Stahl / Dennis aka Bierschwanger

Diskussion

Wie steht ihr den gedämpften Schaltwerken gegenüber? Wer von euch ist auch noch mit 9-fach Antrieb unterwegs?

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