Es muss nicht immer Kanada sein: das dachten sich auch die MTB-Abenteurer Tobi Woggon und Philip Ruopp, als sie ihre Jahresabschlussreise planten. Um den Stollen von Tobis Reifen und der Linse von Philips Kamera zum Jahresende einmal Abwechslung zu gönnen, machten sich die beiden auf ins weit entfernte Vietnam: Nicht gerade ein Land, das als Mountainbike-Mekka bekannt ist. Die Foto-Story, die uns die beiden von ihrer Reise mitgebracht haben, ist jedoch alle Mal sehenswert und lässt das Fernweh auflodern. 

Das Quietschen, welches mich die letzten 10 Stunden nicht hat schlafen lassen, wird leiser und auch das Schaukeln und das Ruckeln wird schwächer. Es scheint, als ob die Fahrt langsam zu Ende geht. Während bei uns im Abteil noch Nachtruhe herrscht, stürmen die Passagiere aus den umliegenden Abteilen wie wild auf den Bahnsteig von Lao Chai. Dem kleinen Dorf in den Bergen, im Norden von Vietnam.


# Mit dem Zug von Hanoi nach Lao Chai – Tobi blickt gespannt aus dem Fester auf die Kulisse Vietnams. 

Während ich den Vorhang mit dem Handrücken beiseite schiebe, um das bunte Treiben auf dem Bahnsteig zu beobachten, klopft es an unsere Tür. Ein Schaffner schiebt diese auf und ruft herein, dass wir jetzt da wären. Also, das ist jedenfalls meine Vermutung. Denn die vietnamesische Sprache klingt so fremd, dass ich nicht ein Wort verstehe. Also machen auch wir uns bereit, den Zug zu verlassen. Die meisten Passagiere sind Trekking-Touristen und haben somit nur einen Rucksack als Gepäck dabei. Ich streife mir erst einmal meinen Duffle-Bag über, greife dann nach meiner Laptop-Tasche und versuche irgendwie mein Bike-Bag durch die engen Gänge zu schleifen.


# Mit Sack und Pack in Richtung Sapa.

Kaum an der Tür der alten stählernen Lady angekommen, die die nächtliche Fahrt von Hanoi hier her sicherlich schon einige Jahrzehnte lang absolviert, greifen draußen stehende Taxi- und Busfahrer nach meinem Gepäck. Kurz versuche ich noch zu erklären, dass wir einen eigenen Fahrer haben. Doch eine Mischung aus, „kein englisch sprechen“ und einem „stolz darauf sein, das größte Gepäckstück des heutigen Tages transportieren zu dürfen“, hindert unsere Helfer daran, uns gehen zu lassen.


# Von der Hektik unbeeinflusst. 

Am Bahnhofstor angekommen, stehen etliche Vietnamesen, die Schilder mit Namen hochhalten. In der Ferne sehe ich den oberen Rand eines Schildes mit dem Logo von Asia Special Tours, dem Reisebüro, das uns bei der Organisation der ganzen Tour geholfen hat. Als wir näher kommen, sehen wir unsere Namen auf dem Schild stehen.

Jetzt nur noch unserem kräftigen Gepäckträger verklickern, dass er uns umsonst geholfen hat. Doch wo in anderen Ländern nun Geschrei und böse Worte angesagt wären, übergibt uns der freundliche Mann einfach unser Gepäck, nickt uns noch freundlich zu und verschwindet wieder in der Menschenmasse. Nun ab in den Bus und noch eine Stunde den Berg hoch, dann sind wir da. Nach 14 Stunden Flug, 10 Stunden Zug und der Busfahrt, sind wir endlich in Sapa, dem Ziel unserer Reise angekommen.

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# Vietnam wie es leibt und lebt. 

Das kleine Bergdorf, das nur unweit der chinesischen Grenze und am Fuße des 3143 m hohen Fansipan, dem höchsten Berg Vietnams liegt, ist trotz seiner kleinen Größe voll mit Leben. Überall fahren Motorroller herum, die hier als Transportmittel genutzt werden. So sieht man schon mal ein halbes Schwein oder 50 Stereoanlagen über den Sitz hängen. Es laufen unzählige Vietnamesinnen mit traditioneller Kleidung herum und versuchen Sachen zu verkaufen. In jedem noch so kleinen Haus hat es einen Laden, der Köstlichkeiten wie Cobra in Schnapsflaschen oder halb angebrütete Eier anbietet. Es hat auch eine Flut an Läden, die wahrscheinlich „sehr originale“ Outdoor-Jacken diverser Edel-Labels für 30 Dollar anbieten.


# Ein Land der Kontraste – zwischen der Armut vieler Einwohner und dem Reichtum der Touristen liegen Welten. 

Da Philip, der Fotograf der mich auf dieser Reise begleitet, schon auf der Herfahrt etwas nervös aus dem Bus blickte, um Trails zu entdecken, ist unser erster Weg in Sapa zum Tourismuszentrum der Region. Hier müssen wir feststellen, dass Mountainbiken in Vietnam doch eher eine absolute Randsportart ist. Nicht nur, dass uns der Mann im Anzug keine Auskunft geben kann: Viel mehr schreit er uns an, dass das Fahrradfahren auf den Wegen abseits der Straße absolut unmöglich sei! In den 32 Jahren, die er seit seiner Geburt hier verbracht habe, sei noch nie jemand mit dem Fahrrad auf den Wanderwegen rund um sein Dorf gefahren. Nach seinem Wutausbruch stürmt er aus seinem Büro, um uns an Ort und Stelle stehen zu lassen.


# Typisch asiatisch – ob gespielt oder nicht: überall wird man Freundlich empfangen. 

Glücklicherweise hatte ich schon im Vorfeld Pham, einen Guide der Region ausfindig gemacht, ihr einige Videos und Bilder geschickt und einen Termin vereinbart. Nach einem kurzen Gespräch war klar, Pham ist unsere Frau und sie weiß, was Sache ist. Am nächsten Tag um neun Uhr wartete Pham, zusammen mit einem Fahrer, den sie organisiert hatte, schon etwas aufgeregt und ungeduldig in der Empfangshalle unseres Hotels. Uns war es für die ersten Tage wichtig, gute Bilder zu produzieren. Später in der Woche würden wir dann noch richtig Rad fahren gehen.


# View: Take a Photo!

Die erste Location, die uns Pham zeigt, ist ein Trail, der zu einer kleinen Siedlung in den Reisplantagen führt. Die Sicht auf die Plantagen ist der Wahnsinn und schnell haben wir einige gute Perspektiven. Nach kaum fünf Minuten stehen um Philip, der auf dem Boden liegt, um die richtige Perspektive zu erwischen, 10 kleine Kinder mit und ohne Hosen und laufender Nase herum. Sie kommen alle aus den kleinen Hütten, die quer in der Landschaft verteilt stehen. Nie zuvor haben die Kinder ein echtes Mountainbike gesehen. Jedes Mal wenn ich erneut durchs Bild fahre und das Foto auf der Rückseite der Kamera aufblitzt, drücken sich zehn laufende Nasen und zwanzig Augen so dicht an Philips Kopf, dass dieser sich kaum noch bewegen kann, ohne mit seinen Haaren die Nase des hinter ihm stehenden Kindes zu putzen.


# Die Kinder am Rande einer Reisplantage hatten gut staunen – zum ersten Mal sahen sie ein Mountainbike. 

Nachdem wir die ersten Bilder im Kasten hatten und die Location nicht mehr hergibt, machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Fahrer, der mir hilfsbereit das Rad abnimmt. Philip versucht währenddessen, unter hämischem Gelächter von Pham, den Abstieg auf dem rutschigen Untergrund zu überleben. Da unser Fahrer auch eher selten auf einem Carbon 29er gesessen hatte, versucht er eine kleine Runde auf dem Asphalt, um gleich nach den ersten fünf Metern und der Betätigung der Vorderradbremse, auf diesem zu landen und etwas bedröppelt aus der Wäsche zu schauen.


# Auch die Väter konnten sich für das moderen Sportgerät begeistern. 

So ging es mehrere Tage. Pham führte uns zu ihrem Dorf, in den Dschungel und auf Märkte. Überall wo wir auftauchten, waren wir Gesprächsthema Nummer eins und kaum ein Mann im Dorf, der nicht mal eine Runde auf meinem Rad drehen wollte. Glücklicherweise blieb es nur bei einem Sturz und so hatten wir eine ausgesprochen gute Zeit in einem Land, dass sich als Mountainbike-Region erst noch selbst entdecken muss.

Die Reise in Bildern

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# Hanoi – Ausgangspunkt des Abenteuers

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# The Hanoi Bicycle Collective

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# Netter Empfang in Hanois Bicycle Collective. 

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# Hier erfährt mal alles Wissenswerte über die Fahrradhistorie Vietnams….

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# …Reparaturen inklusive. 

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# Tobi ins Gespräch vertieft: die Faszination Fahrrad kann eben auch einen Berufsradfahrer immer noch in ihren Bann ziehen. 

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# Good bye, Hanoi 

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# Mit dem Zug durchs Land – von Hanoi nach Lao Chai.

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# Das Rätsel um den richtigen Zug 

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# Nicht nur Vietnamesen trifft man in den ärmlichen Dörfern Vietnams an. 

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# Die vietnamesische Küche sorgte für Begeisterung. 

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# Lost in translation. 

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# Typisch Vietnam

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# Gondeln, Sessellifte – fehl am Platze. Wohin der Shuttle-Bus nicht kommt, muss aus eigener Kraft erreicht werden.

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# Arachnophobie unerwünscht

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# Tradition und Tracht – in Vietnam werden noch immer alte Werte gelebt. 

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# Der Start in den Tag – bei bestem Wetter. 

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# Ein Ort der Ruhe.

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# Rast in einem traditionellen vietnamesischen Haus. 

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# Carbon-High Tech trifft auf Stahl-Urgestein. 

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# Jung und alt – der ortsansässige KFZ-Mechaniker hat auch an Tobis Carbon-Boliden seine Freude. 

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Text: Tobi Woggon / Bilder: Philip Ruopp

Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

    XantoR

    dabei seit 01/2010

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  3. benutzerbild

    dertutnix

    dabei seit 05/2004

    tolle eindrücke! tolle reise! freu mich auf weitere neidfaktoren...
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    Advii

    dabei seit 07/2003

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    mcscotti

    dabei seit 09/2007

    Super schöne Bilder, hat jemand eine Ahnung mit welcher Kamera die geschossen wurden?
    :)

    Gruß
  6. benutzerbild

    BikeSport.World

    dabei seit 10/2012

    Nikon D3 nutzt der Phillip glaub ich ;)

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