HomeMagazinMenschenInterviewsKatrin Leumann über ihre Karriere Ghost-Factory-Racing Teil 1: [Interview] — 5. Februar 2013 13:04

Katrin Leumann über ihre Karriere Ghost-Factory-Racing Teil 1: [Interview]

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Fast alle Profis spulen im Moment unzählige Trainingskilometer herunter und verweilen meist im warmen Süden. Wir nutzten die wettkampffreie Zeit, um euch eines der sympathischsten Teams im XC-Weltcup-Zirkus näher zu bringen: Die Rede ist von der XC-Abteilung des Ghost-Factory-Racing Teams, bestehend aus Kathrin Leumann, Mona Eiberweiser, Lisl Osl, Johanna Techt und Alexandra Engen. In mehreren Einzelinterviews reden die Fahrerinnen über ihre bisherige Karriere und die vergangene Saison. 

Katrin Leumann wird seit langem als Schweizer Talent gehandelt. Ihren größten Erfolg konnte sie mit dem Europameisterschaftstitel 2010 einfahren, seit 2011 ist sie ein fester Bestandteil im Ghost Factory Racing Team. Mehr über die schnelle Schweizerin erfahrt ihr im folgenden Interview.

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# Katrin Leumann – seit 2011 im Ghost-Trikot unterwegs – Foto Domenico Galizia

MTB-News.de: Hallo Katrin! Du bist jetzt schon länger eine feste Größe im Schweizer MTB-Sport. Stell dich doch trotzdem einmal vor.

Hallo zusammen. Ich bin die Katrin und komme aus der Schweiz in der Nähe von Basel, genauer gesagt aus Riehen. Im Frühjahr diesen Jahres bin ich 30 Jahre alt geworden und fahre seit mittlerweile 10 Jahren aktiv Rennen.

Wie bist du zum MTB-Sport gekommen? Wie ging es dann weiter?

Mein Bruder hat sich zur Konfirmation ein Fahrrad gekauft und ein Jahr später hab ich es ihm dann nachgemacht, weil ich auch unbedingt eins haben wollte. 1998 bin ich dann die ersten Fun-Rennen in der Region mitgefahren und im Jahr 2000 hab ich schließlich meine erste Lizenz gelöst. Ab da an ging es steil bergauf und 2004 durfte ich dann das erste Mal mit zu den Olympischen Spielen. Mein richtiger Durchbruch war 2003, als ich in die Top 10 bei einem Weltcup gefahren bin. Ab da an wurde ich als großes Talent gehandelt.

Wie verlief aus deiner Sicht bisher deine Karriere ?

Zu Beginn hat es mir einfach Spaß gemacht und ich hab nicht groß darüber nachgedacht, das Ganze ernsthaft zu betreiben. Als ich ein wenig ambitionierter an die Sache herangegangen bin, gab es immer mal wieder Ups und Downs. Der EM-Titel 2010 in Haifa war mein erster großer internationaler Erfolg. Oft hat die Zusammenarbeit und Atmosphäre im Team nicht gepasst und das hat sich dann negativ auf meine Leistung ausgewirkt. Seit 2011 bin ich jetzt im Ghost Team und dort fühle ich mich enorm wohl.

Obwohl du erst spät mit dem Sport angefangen hast, gehörst du trotzdem zu den guten Technikern. Woher kommt das bei dir und den Schweizern generell?

Mein langjähriger Trainer und Entdecker Andi Seeli (Anm. d. Red.: Organisator des BMC Racing Cups) legt großen Wert auf die Fahrtechnik und baute das in meine Trainingspläne mit ein. Das meiste hat mir aber mein Bruder beigebracht, oder besser gesagt, eigentlich alles. Auch heute noch nimmt er mich immer mal wieder mit auf Touren, gibt mir ein paar Tipps und übt mit mir schwere Sektionen. Generell lieben die Schweizer MTB-Fahren und viele machen öfters Freeride-Touren. In den Trainingslagern habe ich auch immer mein MTB dabei und fahre nicht nur Rennrad, was mir auch zu einseitig wäre und kein Spaß machen würde.

Seit 2011 bist du Swiss Olympic Top Athlete. Was bedeutet das genau ?

In der Schweiz ist der Spitzensport nicht als Beruf anerkannt, Sportsoldaten werden schief angeschaut und als Last für die Gesellschaft angesehen. Deshalb muss man hier extrem ehrgeizig sein und hart arbeiten, damit man genug Geld vom Team und Prämien bekommt. In letzter Zeit wird das jedoch immer besser und der MTB-Sport wird in der Öffentlichkeit immer mehr akzeptiert. Vermutlich liegt das daran, dass viele Politiker im Alter selbst mit dem MTB-Sport anfangen, weil sie es vom Arzt empfohlen bekommen haben und nicht mehr Joggen oder Fußball spielen dürfen.

Wer im Swiss Olympic Top Athlete Programm ist, bekommt eine monatliche finanzielle Unterstützung. Damit wäre es für mich möglich gewesen mich 2012 voll auf den Sport zu konzentrieren und Vollprofi zu sein, aber das war mir zu kurzfristig. Eventuell mache ich das nächstes Jahr.

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# Katrin Leumann wurde bei den olympischen Rennen leider durch einen Defekt ausgebremst – Foto by Cerveny

Also arbeitest du nebenbei. Wie bekommst du das in deinem Trainingspensum unter ?

Ich arbeite zu 50% als Kindergärtnerin. Wenn ich wegen Wettkämpfen oder Trainingslager längere Zeit weg muss, dann nehm ich unbezahlten Urlaub. Die Kollegen sind zum Glück sehr verständnisvoll und unterstützen mich.

Welche Fahrerin hat dich 2012 am meisten überrascht ?

Das wären zum einen die beiden jungen Fahrerinnen Emily Batty und Pauline Prevot im Frühjahr und dann Gunn-Rita Dahle mit ihrem Comeback in La Bresse.

Das Ghost Factory Racing Team besteht aus einer Endurance- und einer Gravity-Abteilung. Wie steht ihr im Kontakt zu Tschugg, Fischbach und Klausmann?

Der Kontakt ist recht gut. Bei Triple-Events sind wir immer im selben Hotel und tauschen uns aus. In Pietermaritzburg ist Klausmann mit uns auf der Strecke trainieren gegangen und hat uns gute Linien in den technischen Sektionen gezeigt – das war super.

Gibt es eine Teamtaktik wenn ihr Rennen gemeinsam fahrt ?

Im Vorfeld fahren wir oft gemeinsam auf der Strecke, um gegenseitig zu lernen und die besten Linien herauszufinden. Genaue Pläne haben wir schon im Vorfeld gemacht, damit alle genau wissen wie man in einer bestimmten Situation handelt. Eine Rangorder oder ähnliches gibt es aber nicht im Team.

Wie sehen deine weiteren Ziele aus?

Ich will wieder an 2010 anknüpfen und konstant bei Weltcups in die Top 10 fahren, dabei sollten einige Top 5-Platzierungen rausspringen. Ein großes Ziel ist die EM 2013 in Bern.

Wir wünschen Dir viel Glück im nächsten Jahr und bedanken uns für das Interview!

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# Leumann kann zu jeder Zeit auf die Unterstützung des Teams zählen – Foto by Kuestenbrueck

Kurze Zeit nach dem Interview schickte Katrin Leumann eine Pressemitteilung, dass sie im neuen Jahr ihren Trainer wechselt und zum ersten Mal in ihrer Karriere Vollprofi sein wird.

Mit zwei einschneidenden Veränderungen in die Saison 2013

Nach dem Schnuppern an den Olympischen Spielen in Athen 2004 und dem überzeugenden Auftritt in London 2012 ist es nun das Ziel in 4 Jahren in Rio de Janeiro im Kampf um die Medaillen mitmischen zu können.
Um dieses grosse Ziel zu erreichen wird sich Katrin Leumann ab Mitte Januar 2013 vollumfänglich der sportlichen Karriere widmen. „Ich werde meinen Beruf als Kindergärtnerin für eine Weile an den Nagel hängen“, sagt Katrin Leumann, „ich hatte 4 ½ unvergessliche, bereichernde und schöne Jahre im Kindergarten Glögglihof in Riehen, doch die Belastung wurde im sportlichen wie auch im beruflichen Alltag immer grösser und ich konnte meinen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden.“
Es war ein schwieriger Entscheid, sich von der finanziellen Absicherung zu lösen, doch Katrin Leumann merkt, dass sportlich gesehen noch mehr in ihr steckt und dieses Können möchte sie nun entfalten.

Damit dieser Schritt nun auch professionalisiert werden kann, trennte sie sich von ihrem Entdecker und langjährigen Trainer Andi Seeli. „Ihm habe ich sehr viel zu verdanken. Meine ganze Karriere hat er entscheidend beeinflusst und ich durfte viele grosse Erfolge feiern“, meint Katrin Leumann. Zusammen suchten sie nach einer geeigneten Lösung, denn auch Andi Seeli fühlte sich nicht mehr in der Lage Katrin Leumann auf diesem hohen Niveau weiterzubringen.
Mit Nicolas Siegenthaler fanden sie einen ausgezeichneten Nachfolger. Nicolas Siegenthaler hat eine enorme Erfahrung und brachte schon einige Athleten an die Weltspitze. Er ist auch der Trainer von Mountainbike Weltmeister und Silbermedaillen-Gewinner Nino Schurter. „Ich bin sehr froh, konnte ich zu Nicolas Siegenthaler wechseln. Ich verspreche mir enorm viel vom neuen Training und den neuen Reizen auch wenn es nicht von heute auf morgen Wirkung zeigen wird, aber ich bin überzeugt, dass es der richtige Weg ist“, so Leumann. Nicolas Siegenthaler ist ebenfalls bekannt für sein ausgeprägtes Krafttraining. Dies hat Katrin Leumann in den letzten Jahren gänzlich vernachlässigt. Da darf man gespannt sein, welche positiven Auswirkungen dies nun mit sich bringt.

Nicht ganz alles ist jedoch neu in der Saison 2013. Altbewährtes ändert man nicht und so fährt Katrin Leumann auch im 2013 im Ghost Factory Racing Team. „Ich kann mir kein besseres Team vorstellen. Ich bin stolz, darf ich ein weiteres Jahr in den Farben des Deutschen Profiteams unterwegs sein,“ schwärmt Katrin Leumann.


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