HomeMagazinMenschenGedankenBikeparks in Europa – Fallgrube statt Hüpfburg? Ein Interview mit Dimitri Lehner von FREERIDE. — 21. Februar 2013 9:45

Bikeparks in Europa – Fallgrube statt Hüpfburg? Ein Interview mit Dimitri Lehner von FREERIDE.

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Die ganze Welt schwärmt vom Bikepark Whistler. Doch in Europa geht nichts voran. Sind wir unfähig spaßige Bikeparks zu bauen? Oder betreiben die Bikepark-Kritiker Nestbeschmutzung, wenn sie an unserer Bikepark-Landschaft rumnörgeln? Ein Interview mit Dimitri Lehner, Chefredakteur des FREERIDE-Magazins und Bikepark-Tester.

MTB-News.de: Du sagst, Europa sei Bikepark-Entwicklungsland und gibst dich seit Jahren als selbsternannter Experte. Was macht dich zum kundigen Kritiker?

Dimitri Lehner: Berechtigte Frage. Seit über zehn Jahren bin ich in europäischen Bikeparks unterwegs, kenne aber auch die Vorzeigeparks in Übersee. Ich teste immer wieder Bikeparks fürs FREERIDE-Magazin und analysiere, was einen guten Trail ausmacht und wie ein spaßiger Stunt aussehen muss. Als Tester qualifiziere ich mich, weil ich genau die Zielgruppe bin. Das heißt, ein Hobby-Freerider mit mittleren Fahrkönnen, der sich in angelegten Parks gerne bespaßen lassen will. Ich bin also derjenige, an den sich das Bikepark-Angebot richten sollte. Wenn ich in einem Park Spaß habe, hat der Betreiber es richtig gemacht. Bin ich frustriert, gelangweilt oder maßlos überfordert – dann hat der Betreiber vieles falsch gemacht.

Was läuft bei uns falsch?

Ich habe den Eindruck, dass die Betreiber ihre Bikeparks eher mit Hindernissen bestücken als mit spaßigen Features. Fallgrube statt Hüpfburg. Während ich in Kanada mit Lust und Spaß in den Bikepark starten kann, muss ich bei uns hoffen, den Tag unverletzt zu überstehen.

Woran liegt das?

Daran, dass die meisten Parkbetreiber selbst keine Freerider bzw. Park-Biker sind. Sie sind angewiesen auf ihre Trailbauer. Da gibt es leider nur wenige, die begriffen haben, worum es beim Bikepark-Biken geht. Es geht um Fahrspaß und nicht darum die Besucher mit krassen Mutproben an ihr Limit zu bringen. Das Bikepark-Angebot sollte möglichst vielen Besuchern ein gutes Gefühl bescheren. Sie wollen bespaßt werden und ein Erlebnis bekommen, das sie auf normalen Trails nicht finden. Dafür bezahlen sie schließlich auch Geld. Nochmal: Die Bikepark-Features sollen möglichst vielen Bikern Spaß machen.

Wissen denn unsere Bikepark-Bauer nicht, was sie tun?

Nur wenige wissen, was sie tun. Statt professionelle Trailbauer zu beauftragen, greifen die meisten Park-Betreiber auf erfahrene Freerider der Gegend zurück. Typen mit hohem Fahrkönnen, die sich dann Stunts bauen, die sie selbst haben wollen. Oft stehen sie auch unter dem Druck ihrer Peergroup, das treibt sie regelrecht dazu, heftige Mutproben und Leistungsbeweise zu bauen.

Aua: Sprung ohne Landung – ins Flache. Absolutes No-Go für Bikeparks - Foto: Franz Faltermaier
# Aua: Sprung ohne Landung – ins Flache. Absolutes No-Go für Bikeparks – Foto: Franz Faltermaier

Wie sehen die Stunts dann konkret aus?

Das sind zu hohe Drops mit Minilandungen, senkrechte Wallrides, schmale Double-Sprünge, meterlange Speed-Sprünge mit schlechten Anfahrten, haarige Gaps – kurz: Sie bauen viel zu anspruchsvolle, meist gefährliche Stunts, die 90 Prozent der Bikepark-Besucher überfordern und deswegen frustrieren. Ich war dabei, als die maßgeblichen Trailbauer aus Whistler bei uns Bikeparks checkten. Ihr Urteil: „Würden wir in Whistler solche Trails bauen, blieben die Besucher weg. Denn entweder sie wären komplett frustriert oder im Krankenhaus. Beides wahrscheinlich.“ Das ist ein hartes Urteil, doch zutreffend.

Whistler wird immer wieder als Vorzeige-Bikepark aufgeführt. Kann man diesen Superpark überhaupt mit unseren Parks vergleichen? Dort scheinen ganz andere Voraussetzungen zu herrschen, z.B. Land und Geld ohne Ende.

Ja, darauf reden sich alle raus. Kanada: viel Land, Geld, Möglichkeiten. Das stimmt natürlich. Doch auch in Kanada bestehen die Trails aus Dreck und Steinen, wie hier auch. Es geht ja nicht darum 40 Trails in den Berg zu raspeln wie in Whistler. Doch einen Trail wie „A-Line“, „Dirtmerchant“ oder „Crank it up“ bei uns zu bauen – das ist möglich. Ich kann nicht glauben, dass wir das nicht hinkriegen. Vor allem: Man müsste das Rad ja gar nicht neu erfinden. Es geht darum, das Prinzip zu verstehen und zu kopieren.

Vorbildlich: Spaßiger, doch ungefährlicher Holz-Stunt im Evil-Eye-Trail am Geisskopf. Spaß für 90 Prozent der Parkbesucher - Foto von Colin Stewart
# Vorbildlich: Spaßiger, doch ungefährlicher Holz-Stunt im Evil-Eye-Trail am Geisskopf. Spaß für 90 Prozent der Parkbesucher – Foto von Colin Stewart

Was genau ist das Prinzip?

In Whistler haben sie verstanden, Trails zu bauen, die möglichst viele Biker ansprechen. Väter mit ihren Söhnen, Frauen, Einsteiger, Wochenend-Freerider, aber auch absolute Super-Profis. Das ist ihr Erfolgsrezept. In Whistler kannst du jeden Trail ungesehen runter fahren und du wirst mit einem dicken Grinsen ankommen – ob du nun Einsteiger oder Profi bist. Der Trail verpasst dir durch seine Streckenführung so viel Speed und Flow, dass es dich wie automatisch nach unten schwemmt. Es trägt dich über Sprünge genau in die Landung. Und solltest du doch mal zu kurz springen – auch kein Problem. Doubles gibt es dort kaum. Stattdessen breite Table-Sprünge, die maximale Sicherheit bieten mit langen Absprüngen und breiten Landungen. Oder Step-Up-Sprünge, die selbst einem Anfänger das Flugerlebnis ermöglichen, ohne die Gefahr abzustürzen.

Und wie ist es bei uns?

Fährst du bei uns einen Trail ungesehen, kann es passieren, dass du über Kanten fällst, in Löcher stürzt, dich an Doubles aufhängst, an Wallrides abschmierst, in Anliegern stecken bleibst, bei flachen Drop-Landungen zusammengefaltet wirst und Arschtritte bekommst. Dann kriechst du wie ein geprügelter Hund nach Hause – und hast erst einmal die Schnauze vom Bikepark-Fahren gestrichen voll.

Wallride zum Gruseln: Da fahren maximal 2 Prozent der Besucher – und ob sie dabei Spaß haben, ist fraglich. Maximales Risiko, kaum Sensation, kein Herantasten möglich.
# Wallride zum Gruseln: Da fahren maximal 2 Prozent der Besucher – und ob sie dabei Spaß haben, ist fraglich. Maximales Risiko, kaum Sensation, kein Herantasten möglich.

Warum werden unzureichende Park-Features nicht geändert?

Ich habe keine Erklärung. Das ist absurd. Oftmals sind den Betreibern die „Fallgruben“ sogar bekannt, dennoch werden sie nicht geändert – obwohl immer wieder Besucher in diese Stolperfallen rauschen. Das ist fahrlässig in meinen Augen. Solche Beispiele gibt es zu Hauf. Dabei könnte man mit nur kleinen Veränderungen diese Stunts zu richtig spaßige Park-Features umwandeln. Schließlich besitzen Bikepark-Features Aufforderungscharakter. Das heißt: Steht da ein Stunt, den ich nicht schaffe, hinterlässt das ein unbefriedigendes Gefühl. Ein Beispiel: Im Bikepark Geisskopf gibt es den Evil-Eye-Trail. Das ist ein Northshore-Trail mit vielen guten Holz-Stunts. Dort stand ein fast senkrechter Wallride mit rumpeliger Wurzelanfahrt und ohne Landung. Die Mehrheit der Fahrer ließ den Stunt unbefahren aus. Vielleicht 5 von 100 rangen sich durch, holperten hin, prallten an die Holzwand und landeten im Flat. Zwar hatten sie den Stunt geschafft, Spaß machte er aber sicher nicht. Obwohl so murksig, blieb dieser Wallride jahrelang unverändert.

Naja, so schlecht scheinen die Parks nicht zu sein. Viele verzeichnen Zuwachsraten von 30 Prozent zum Vorjahr wie zum Beispiel Leogang.

Es stimmt: Bikepark-Biken boomt. Das freut mich. Wie viele Hobby-Freerider habe auch ich in Leogang großen Fahrspaß. Dennoch könnte der Fahrspaß noch viel höher sein – mit überschaubarem Aufwand. Es wundert mich, dass die Betreiber nicht schneller reagieren. Warum nicht erfolgreiche Konzepte und Stunts aus anderen Parks übernehmen? Warum schlechte, gefährliche Features nicht abändern? Warum kein Feedback einholen? Dann wären vielleicht noch größere Steigerungen drin, weil die Besucher glücklicher wären. Denn oftmals reicht ein wirklich frustrierendes Erlebnis und ich habe den Besucher für immer verloren. Das müssen unsere Parkbetreiber noch mehr verinnerlichen.

Haariger Sprung am Ochsenkopf: Mieser Absprung, Risiko-Landung. Von den Dimensionen wäre der Jump nicht schwierig, doch die Landung macht ihn gefährlich. Richtet sich an vielleicht 10 Prozent der Besucher – und selbst die haben keinen Spaß.
# Haariger Sprung am Ochsenkopf: Mieser Absprung, Risiko-Landung. Von den Dimensionen wäre der Jump nicht schwierig, doch die Landung macht ihn gefährlich. Richtet sich an vielleicht 10 Prozent der Besucher – und selbst die haben keinen Spaß.

Was kannst du dafür tun?

Wir werden mit dem FREERIDE-Magazin weiterhin Bikepark-Tests durchführen, planen aber auch Aktionen, wo wir selbst Stunts entwerfen und in Bikeparks umsetzen. Die sollen dann von den Park-Besuchern bewertet werden. Wir planen ein Projekt, wo die Internet-Gemeinde bestimmen soll, wie ein perfekter Parktrail aussehen soll. Und jetzt ganz konkret, haben wir in der neuen FREERIDE (erscheint am 6.März) ein großes Fahrtechnik-Spezial mit Profi Amir Kabbani. Wir zeigen, wie Bikepark-Biken noch mehr Spaß macht.

Bilderbuch-Stunt im Whistlertrail „Crank it up“: das ist doch keine Raketenwissenschaft. Eine Holzschräge mit Landehügel – Spaß für 100 Prozent der Besucher - Foto: Hansueli Spitznagel
# Bilderbuch-Stunt im Whistlertrail „Crank it up“: das ist doch keine Raketenwissenschaft. Eine Holzschräge mit Landehügel – Spaß für 100 Prozent der Besucher – Foto: Hansueli Spitznagel

Ok, jetzt seid ihr dran – seht ihr das Problem genauso wie Dimitri? Was kann man aus eurer Sicht in unseren Bikeparks verbessern?


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