Der Absatz von sogenannten Neck Braces [Halskrausen/Genickschutz] hat in den vergangenen Jahren einen beachtlichen Aufschwung erlebt. Nach dem Erfolg des Marktführers Leatt Brace verzeichnete der Markt einen drastischen Zuwachs, denn jeder schien etwas vom Kuchen abhaben zu wollen. Wie so oft belebte auch in diesem Fall die Konkurrenz das Geschäft und sorgte für etliche Weiterentwicklungen. Während sich viele Hersteller an der Technologie des südafrikanischen Herstellers Leatt bedienen, ahmten anderen das System mit leicht modifizierten Bauweisen einfach nur nach. Eines der wenigen komplett eigenständigen Neck Braces ist das der kanadischen Firma ATLAS Brace, welches wir euch heute präsentieren möchten. 

Die Wurzeln der Firma Atlas liegen im Motocross-Sport. Für diesen Einsatz brachten die Kanadier erstmals ein Neck Brace auf den Markt, dass sich in seiner Bauart deutlich von der Konkurrenz unterscheiden konnte. Dieses erste Brace adaptierten die Atlas-Ingenieure in einer leichteren Version auf den Mountainbike- und BMX-Sport, was das ATLAS Brace “Crank” zum Vorschein brachte.


# Atlas – Crank

Der Aufbau

Das Thema “Neck Brace” sorgt mit zunehmender Produktvielfalt für immer ausschweifendere Diskussionen. War das erste Neck Brace der Firma Leatt Brace anfangs unangefochtener Marktführer, so muss sich die Konstruktion zunehmend kritischen Gegenstimmen stellen. Der Vorwurf, mit dem Konstruktionen wie die des Leatt zu kämpfen haben, ist folgender: Die “Finne”, welche das Leatt am Rücken abstützt und dabei genau auf der Wirbelsäule liegt, würde laut Kritikern die Sturzenergie über das Brace an einer Stelle auf der Wirbelsäule bündeln – dem Bereich der Brustwirbel. Laut Befürwortern seien die Brustwirbel jedoch deutlich widerstandsfähiger als die Halswirbel, womit die Konstruktion ihre Berechtigung hätte.

Atlas schlägt mit seiner Konstruktion einen gänzlich anderen Weg ein und präsentiert ein Brace, dessen hintere Abstützung nicht auf der Wirbelsäule, sondern den deutlich robusteren und beweglicheren Schulterblättern aufliegt. Zudem umschließt die Konstruktion den Hals nicht komplett, sondern lässt einen kleinen Spalt im Wirbelsäulenbereich frei: Dadurch sollen alle Krafteinwirkungen von der Wirbelsäule ferngehalten werden. Zudem soll der u-förmige Aufbau eine dynamische Anpassung an die Bewegungen des Fahrers ermöglichen.

Ausgesparte Rückenauflage für freigestellte Wirbelsäule
# Ausgesparte Rückenauflage für freigestellte Wirbelsäule

Auch im vorderen Bereich hat das Atlas Brace ein interessantes Feature zu bieten. Die Abstützung auf dem Brustbein weist eine Art “Blattfederwirkung” auf, was den Einschlag des Helmes auf dem Brace abdämpfen soll. Kopfverletzungen durch ein abruptes Auffangen der Stoßenergie sollen dadurch verringert oder gar vermieden werden. Zudem sollen die flexenden Elemente im Brustbeinbereich auch der Anpassung dienen und den Tragekomfort des Brace erhöhen.

Für den Notfall bietet das “Crank” das sogenannte “Emergency Release System”, welches den Rettungskräften ein schnelles Abnehmen des Brace ermöglichen soll, ohne dabei die Lage des Verletzten ändern zu müssen. Das Atlas Brace lässt sich vorne wie hinten in zwei Teile trennen, wodurch man es umkompliziert abnehmen kann. Dies sollte jedoch nur im Notfall angewendet werden: das Auf- und Absetzen des Brace erfolgt, indem man mit dem Kopf durch die Öffnung schlüpft.

Atlas Brace Crank: Emergency Remove System - Splint ziehen, Schraube öffnen, abnehmen!
# Atlas Brace Crank: Emergency Remove System – Splint ziehen, Schraube öffnen, abnehmen!

Der erste Eindruck

Das Atlas Brace kommt mit einem umfangreichen Zubehör-Kit. Dem Lieferumfang liegen zwei Befestigungssysteme, ein Adapterpaar zur Längenverstellung, ein Paar Pads zur Höhenverstellung sowie ein Transportbeutel samt Bedienungsanleitung bei. Das Brace selbst ist recht kompakt: Durch die bewegliche Brustbeinabstützung und die einklappbare Rückenabstützung lässt es sich flach und kompakt verstauen.

Die glänzende Plastikoberfläche und die grauen Hartgummipolster lassen die Haptik des Brace anfangs etwas günstig erscheinen. Die Technik macht diesen Eindruck jedoch schnell wett. Zudem hat der Verzicht von Stoff und anderen empfindlichen Materialien den Vorteil, dass sich das Brace nach einem Einsatz im Matsch kinderleicht abwaschen lässt.

So sollte das Brace sitzen: fest aber nicht beengend
# So sollte das Brace sitzen: fest aber nicht beengend

Die Anpassung des Atlas “Crank” geht ebenfalls leicht vonstatten. Die Höhe lässt sich über mitgelieferte Pads justieren, die per Druckverschluss einfach an die Schulterauflagefläche angeheftet werden. In Sachen Länge sollte man sich schon beim Kauf informieren, welche Größe dem Brustumfang des eigenen Körpers entspricht. Wir hatten Größe “Medium” im Test, welche unserem schmal gebauten Tester bei einer Körpergröße von 1,80 m bestens passte. Für die Feineinstellung der Länge liegt dem Lieferumfang ein Paar Adapter bei, durch welche man das Brace nochmals individuell anpassen kann.

Da das Brace bei unserem Tester Maxi bestens saß und überall gut anlag, verzichteten wir bei einzelnen Testfahrten bewusst auf den mitgelieferten Haltegurt, welcher unter den Achseln verläuft und das Brace dadurch auf die Schultern zieht. Selbstverständlich ist es empfehlenswert dieses Gurtsystem zu nutzen, um die Sicherheit des Brace voll und ganz gewährleisten zu können. Uns interessierte jedoch, wie gut das Atlas Brace selbst sitzt und wie es sich im Fahreinsatz verhalten würde.

Wir testeten das “Crank” ohne Oberkörper-Protektor: Wer beides kombinieren möchte, sollte dies beim Kauf eines Neck Brace berücksichtigen, da Brust- und Rückenprotektoren einen großen Einfluss auf den Brustumfang haben. Leider gibt es aktuell keine Oberkörperprotektoren, die dem Aufbau des Atlas Brace angepasst sind. In der Praxis hätte das zur Folge, dass das Brace auf und nicht in der Protektorenveste aufliegen würde.

Bewegungsfreiheit nach vorne und hinten: check
# Bewegungsfreiheit nach vorne und hinten: check

Seitenneigung
# Seitenneigung

Im Einsatz

Der erste Eindruck bestätigt sich auch im Gelände, denn das Brace verhält sich absolut unauffällig. Ohne großartige Anpassungsbemühungen sitzt es auf Anhieb so, dass seine Gegenwart während der Fahrt nahezu unbemerkt bleibt. Obwohl das Modell nicht das leichteste ist, machen sich weder Druckstellen noch andere unangenehme Einflüsse bemerkbar – dies wird der guten Kraftverteilung und den großflächigen Auflageelementen zu verdanken sein. Besonders die flexenden Front-Pads sorgen dafür, dass das Brace auch bei Bewegungen nicht verrutscht, sondern mit gleichmäßigem Druck an Ort und Stelle bleibt. Auch die größte Befürchtung bewahrheitete sich nicht – die Einschränkung der Kopfbeweglichkeit. Selbst in Kurven und Steilstücken lässt sich der Kopf ebenso weit nach hinten ablegen wie ohne Neck Brace, wodurch keinerlei Einschränkungen des Blickfelds festzustellen sind.

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# Trotz Kopf im Nacken noch genügend Spielraum zwischen Helm und Brace.

Auch in richtig ruppigen Passagen, in denen der Körper durchaus aus der Ruhe gerät, bleibt das Atlas Brace auch ohne Gurte wo es hingehört. Was Passform und Sitz anbelangt, kann uns der Genickschutz überzeugen. In puncto Sicherheit kamen wir glücklicherweise nie in die Lage, so ernst zu stürzen, um den tatsächlichen Sicherheitsfaktor bewerten zu können – somit bleibt uns an diesem Punkt nichts anderes übrig, uns an der oben geschilderten Theorie zu orientieren.

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# Die Bewegungsfreiheit des Atlas Crank ist mehr als ausreichend: so gibt es weder in Kurven noch Steilstücken Probleme mit den Neck Brace. 

Statement vom Tester – Maxi Dickerhoff: Bisher hatte ich bewusst auf das Tragen eines Neck Brace verzichtet. Alle bisher getesteten Modelle schienen meinen Bewegungsspielraum einzuschränken. Zudem gaben mir die herkömmlichen Aufbauten oft das Gefühl, nur in einem gewissen Maß zu schützen, dabei aber Verletzungen an anderen Stellen in Kauf zu nehmen oder gar hervorzurufen. Neben dem Problem mit der Abstützung auf der Wirbelsäule hatte ich auch bedenken, dass ein steifes Brace den naturgegebenen “Ausweichspielraum” des Halses einschränken würde, was zwar dem Wirbelsäulenschutz zuträglich sein dürfte, die Kraft dafür aber umso stärker in den Kopf weiterleitet würde.

Auch beim Atlas Brace war ich anfangs skeptisch, insbesondere da mir der Hersteller unbekannt war und das Brace in seiner Haptik einen eher günstigen Eindruck machte. Nachdem ich mich mit der Technik beschäftigt hatte, waren meine anfänglichen Zweifel verflogen. Besonders die Tatsache, dass das Brace an der Wirbelsäule ausgespart ist, sich dynamisch an die Körperbewegungen anpassen kann und den Aufprall des Helms nicht statisch sondern dämpfend abfängt, ließen mich schnell Vertrauen ins Brace entwickeln. Auch in der Praxis konnte mich die Konstruktion schnell begeistern, denn bis auf das spürbare Eigengewicht des Brace verhielt es sich gänzlich unauffällig – genau so, wie es sein soll.

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# Maxi Dickerhoff hatte Vertrauen ins Atlas-Brace und gab seinem Bike die Sporen. 

Fazit:

Das Atlas Brace Crank besticht durch seine cleveren Detaillösungen. Wenngleich die Haptik des Brace anfangs etwas günstig erscheint, so lässt es technisch keine Fragen offen. Das wohl hervorstechendste Merkmal ist die Abstützung am Rücken, welche Krafteinflüsse von der Wirbelsäule fernhält. In der Theorie konnte uns das ATLAS Brace Crank in Sachen Funktion und Sicherheit vollstens überzeugen – wie hoch der Sicherheitsfaktor im Ernstfall wirklich ist, ließ sich unsererseits nicht bestimmen. Die Passform des Brace ließ im Praxis-Test keine Wünsche offen. Bei einem Preis von 299 Euro würde wir uns allerdings noch etwas weniger Gewicht erhoffen. Leider gibt es aktuell auch keine Oberkörperprotektoren, die dem Aufbau des Brace angepasst sind. Wer sich für ein Atlas Brace entscheidet, sollte es vor dem Kauf in voller Bike-Montur probetragen, um die ideale Größe zu ermitteln.

Pro:

  • stützt sich NICHT auf der Wirbelsäule ab
  • sehr guter Sitz/Passform
  • einfache Handhabung
  • beschränkt nicht die Bewegungsfreiheit
  • cleverer Aufbau
  • leicht zu reinigen

Contra:

  • nicht besonders leicht
  • nicht ganz billig
  • macht haptisch eher einen günstigen Eindruck
  • bei großen Köpfen wird die Öffnung eng
  • bisher keine “Systemintegration” bei Protektorenvesten

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Technische Informationen

  • Dynamisches System [anpassungsfähig]
  • “Blattfedernde” Brustbeinabstützung
  • Zweigeteilte Abstützung am Rücken [liegt nicht auf der Wirbelsäule auf]
  • Emergency Release System
  • Größen [Brustumfang]: Small [84 cm - 92 cm] // Medium [94 cm - 104 cm] // Large [106 cm +]
  • Gewicht: ca. 930 Gramm [Carbon-Version: ca. 635 Gramm]
  • Farben: weiß, schwarz
  • Preis: 299 Euro
  • Lieferumfang: 1 Brace, 2 Befestigungssysteme, 1 Paar Adapter zur Längenverstellung, 1 Paar Pads zur Höhenverstellung, 1 Transportbeutel und Bedienungsanleitung

Neben dem Crank bietet Atlas Brace auch weitere Systeme an, wie beispielsweise die leichtere Carbon-Version oder aber ein eigens für Kinder entwickeltes Brace namens “Tyke”.

Atlas Size Guide [Größentabelle]
# Atlas Size Guide [Größentabelle]

Weitere Bilder

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# Aussparung an der Wirbelsäule 

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# Beide “Finnen” stützen sich auf den Schulterblättern ab

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# Praktisch: die Gelenke ermöglichen es, das Brace kompakt zu verpacken.

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# Gelenke am Atlas Brace

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# “ERS” = Emergency Release System

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# Überstreckungsgrenze 

Informationsvideo

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Weitere Informationen

  • Redaktion: Maxi Dickerhoff
  • Bilder: Christoph Bayer
  • MTB-News.de

//Atlas Brace: Website

//Atlas Deutschlandvertrieb: Website

Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

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  2. benutzerbild

    TroubleOllek

    dabei seit 08/2012

    Hallo,

    gibt es jemanden der die ideale Safety-Jacket zur Atlas-Brace gefunden hat? Ich habe mir die Atlas-Brace in M gekauft und bin an sich auch ganz zufrieden, allerdings passt sie nicht wirklich gut mit meinem alten 661-Protektor zusammen. Nun würde ich mir gerne etwas neues kaufen. Idealerweise sollte die Jacket dann natürlich auch mit der Atlas-Brace zusammenpassen. Über Hilfe und Tipps wäre ich sehr dankbar.
    Gruß,
    Trouble

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