HomeMagazinMenschenFahrer & TeamsAuf eine Tour mit “Rad” Ross Schnell, XC- und Enduro-Racer aus Colorado — 24. August 2013 7:37

Auf eine Tour mit “Rad” Ross Schnell, XC- und Enduro-Racer aus Colorado

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Wir treffen Ross um halb sieben vor dem Bike-Shop “Over the Edge” in Fruita im Westen von Colorado. Hier ist Ross zuhause, im Herzen der USA. Wir waren bereits einen Tag vorher dort, und Ross eilt sein Ruf voraus. Beim Mittagessen unterhalten wir uns mit der Bedienung, die uns stolz ihre Schürfwunde von der letzten Bike-Ausfahrt zeigt: “Ross? Oh man, ich hab ihn mal fahren sehen, also nur kurz. Er ist unfassbar schnell!”. Oder als wir uns im Bike-Shop nach den besten Trails erkunden und auf ihn zu sprechen kommen: “Ross? Er ist einer der zwei Besitzer des Ladens! Und obwohl er nur ein, zwei Mal im Jahr vorbei schaut, kriegt er alles mit und kümmert sich.”

"Das Licht müssen wir nutzen!"
#Ross Schnell macht klar: “Das Licht müssen wir nutzen!”

Mit fünf Minuten Verspätung erscheint Mr. Schnell am Treffpunkt. “Ihr habt euch eine unvorstellbar volle Woche ausgesucht, entschuldigt die Verspätung. In einem meiner Häuser gab es einen Rohrbruch, da musste ich hin.” In einem seiner Häuser? Ross ist nicht der Typ, dessen Finanzplan nach der Profi-Karriere als Biker endet. Deshalb ist er nicht nur an einem Bike-Shop beteiligt, sondern besitzt auch sieben Häuser, die er vermietet.

Praktisch: Montageständer am Van
# Praktisch: Montageständer am Van

Die Sonne sinkt, trotzdem bleiben die Temperaturen unfassbar hoch. “Da müssen wir jetzt durch, wenn wir noch ein paar Fotos schießen wollen. Abends wird das Licht großartig.” Ross schwingt sich in seinen riesigen Van, wir folgen im SUV. Die Trails von 18 Road sollen nicht weit sein, die Angabe entpuppt sich jedoch als amerikanisch. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt, und das, obwohl sich Ross auch in einem 8m Van als Racer entpuppt und Tempo-Limits nicht so richtig ernst nimmt. Wir folgen, der Local wird es schon wissen.

Racer, und zwar auch am Steuer des Vans
# Racer, und zwar auch am Steuer des Vans

Alles drin: Bikes, Bad, Bier
# Alles drin: Bikes, Bett, Bier

Heute war er mit Brian Buell unterwegs, den wir auch kurz kennen lernen. Die Buell-Brothers sind eine feste Größe in der Gravity-Szene Colorados. Vormals als eigenständiges Downhill-Team in den USA unterwegs spezialisieren sie sich jetzt auf Enduro. Als die World-Series in Winter Park vorbei schaut, fahren sie mit und landen in den Top10, respektive Top20. Auch Ross fährt die amerikanischen Rennen der EWS mit. Auf Stage #1 in Winter Park wird er sechster, dann folgt eine Tret-Etappe, genau das richtige Revier für Schnell. Treten kann er nämlich. “Aber die haben mich ganz schön nass gemacht, ich wurde 20. oder so!” – ist klar, Rang 20, da sah er aber alt aus. Etappe 3: Ross wird wieder 6. . Auf Etappe vier dann der Rückschlag, er bricht sich das Schlüsselbein und muss das Rennen vorzeitig beenden, auch bis zum nächsten anvisierten Stopp in Whistler wird Ross nicht mehr fit werden.

"Immer diese Sprünge. Reicht es nicht, wenn ich schnell fahre?"
#“Immer diese Sprünge. Reicht es nicht, wenn ich schnell fahre?”

Steilheit ersetzt Ross durch Treten
# Steilheit ersetzt Ross durch Treten

So richtig wichtig sind Enduro-Rennergebnisse aber nicht. Der Mann ist inzwischen Vater, darf sich Weltmeister nennen und hat mehr als Genug Pläne für die Zeit danach. “Durch das Trek C3-Team habe ich René Wildhaber kennen gelernt. Er ist inzwischen echt einer meiner besten Freunde, obwohl wir uns nur wenige Male im Jahr sehen.” Wildhaber, der aus Flumserberg im Norden der Schweiz stammt, hat Gefallen an Colorado gefunden. “René sagt immer, er wolle hier herziehen. Im Winter mehr Schnee, im Sommer weniger Regen. Und diese Landschaft! Die Kulisse hier hat er übrigens für seine Filmserie “Buffalo Soldiers” genutzt.”

"Bleibt auf dem Trail, die Spuren bleiben sonst für Monate!"
# “Bleibt auf dem Trail, die Spuren bleiben in der Wüste sonst für Monate!”

Inzwischen sind wir auf dem oberen Parkplatz der Trails angekommen. Ross hat am Heck seines A-Team Vans einen Montageständer ausgeklappt und ölt nochmals seine Kette. “Der Van ist optimal, da ist einfach alles drin. So viele Räder, wie ich brauche, Schlafplätze, ein Bad, Werkzeug… und: Kühles Bier für nachher!” Zunächst geht es aber auf den Trail. Während Ross munter weiter erzählt, konzentrieren wir uns darauf dran zu bleiben. Der Mann hält nämlich scheinbar nicht viel von Gemütlichkeit, gibt einfach mal Gas und muss sich auch nicht umschauen. Wir klettern den Anstieg deutlich langsamer rauf, als unser Puls durch die Decke schießt. Als wir in den flachen, kurvigen Downhill einbiegen, wird die Sache nicht besser: Unser Guide hört auch hier kaum auf zu treten, nur das Gespräch wird kurz unterbrochen, der Fahrtwind lässt auch keine andere Möglichkeit zu.

Rad Ross
# Rad Ross

Am Ende des Trails: Keine Pause, einfach weiter treten, kurz die Reverb nach oben gefahren und weiter versuchen, dran zu bleiben. Seit 2005 fährt Schnell für Trek, sein Vertrag läuft noch weitere 3 Jahre. “Dann mach ich mir Gedanken, ob ich immer noch nicht zu alt bin, um so weiter zu machen. Momentan fühle ich mich so, aber schauen wir mal weiter. Die Reiserei wird schon anstrengender, wenn Du Familie hast. Zum Glück kommt meine Frau mit, ich würde sie echt nicht zuhause lassen wollen.” Und so tourt die junge Familie durch die USA, besucht Rennen, Spots und Freunde. Auch hier boomt die lokale Enduro-Szene, wir fragen Ross, ob er sich Chancen ausrechnet. “Das letzte Rennen in New Mexico lief ganz gut, ich glaub, ich habe schon Chancen.” Erst auf Nachfrage, wie gut es denn tatsächlich gelaufen sei, präzisiert Ross sein “ganz gut”: “Ich habe gewonnen!” – Alles klar, es läuft also immer noch ganz gut.

Kurven-Könner
# Kurven-Könner

Wir fragen Herrn Schnell, ob ihm bewusst ist, was sein Nachname im Deutschen bedeutet. Er weiß es, und freut sich, die Namensgebung zu erfüllen. Ob er auch weiß, was sein Vorname im Deutschen bedeutet? “Nein, hat “Ross” auch noch eine Bedeutung?” Ich erkläre es ihm, und er ist nochmals angetan: “Haha, cool. An einem guten Tag bin ich auch ein Pferd, was die Leistung angeht.” Wie viele gute Tage er im Jahr hat? “Ich würde sagen, so etwas mehr als 200. (lacht)”

In seinem Bike-Shop hat Ross eines seiner Lieblingsräder ausgestellt. Nicht nur, weil dieses Trek Fuel Carbon komplett rot-weiß-hellblau lackiert ist und jedes Teil farblich passt, auch nicht, weil es ein ultra-leichtes Singlespeed-Fully ist, sondern weil es ihn an seinen Sieg bei den Singlespeed-World-Championships erinnert. Warum ich Singlespeed mag? Es ist eine pure, sehr effiziente Form der Kraftübertragung und fordert Trittfrequenz und Kraft – einen vollen Sportler also.

Singlespeed - Rad Ross mag es
# Singlespeed – Rad Ross mag es

8,6kg leicht, das SS-Weltmeister-Bike
# 8,6kg leicht, das Singlespeed-Weltmeister-Bike

Der Sport ist Ross überhaupt sehr wichtig, für ihn ist Mountainbiken einfach Lebensinhalt. Als ich ihn bitte, vor dem Sonnenuntergang einen Manual zu machen, macht er dreimal passend seinen Manual, um dann zu sagen: “Eigentlich bin ich einfach nicht gut darin, Manuals zu machen – kann ich nicht einfach nochmals irgendwo durch eine Kurve heizen?” Mal abgesehen davon, dass die Manuals gut aussahen: Klar Ross, shredde ein paar Kurven für mich!

"Manuals kann ich nicht so gut" - und beweist das Gegenteil
# “Manuals kann ich nicht so gut” – und beweist das Gegenteil

Nach zwei Stunden hohem Puls, unterbrochen nur durch kurze Fotopausen, kommen wir zum Van zurück. Es ist inzwischen fast dunkel geworden, es wird langsam kühler, herrlich. Jetzt kommt der Kühlschrank zum Einsatz, die Kronenkorken ploppen und die Flaschen klirren. Ross serviert ein Belgisches Lager “Mein Lieblings-Sommerbier!”. Ob man nach dem Bier in Colorado noch Auto fahren dürfe? “Eines wird in Ordnung gehen!” Und ob Alkohol ihm als ernährungsbewussten Sportler nicht schadet? “Glückliche Sportler sind gute Sportler!” – Prost!

Lässt es auf dem Hometrail stauben
# Lässt es auf dem Hometrail stauben

Rad Ross07
# Und ab in den Feierabend…

Zum Abschied gibt Ross uns noch einen Tipp, wo wir um die Uhrzeit etwas vernünftiges zu Essen kriegen und wer uns in Moab shutteln würde. Anteile an einer Shuttle-Firma in Moab besitzt er nämlich auch noch. Umtriebiger, fleißiger Typ, denke ich mir nur, als ich ein weiteres Mal staune. Er selbst muss dann zurück zu seiner Familie – Ross und sein Remedy verschwinden im A-Team-Van und der A-Team-Van in der Dunkelheit Colorados. Was bleibt, ist ein guter Eindruck: Von einem sympathischen, vielseitigen Mountainbiker. Wir hoffen, die Verletzung der EWS aus Colorado ist bald verheilt und “Mr. Schnell” bald wieder mit alter Geschwindigkeit zurück.


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