Ein perfekter Tag – einmal Gott zu sein auf einem Trail und die Welt nach seinen Vorstellungen neu erschaffen zu haben, hat etwas Befriedigendes. Federweg und Reifenbreite sind die neuen Statussymbole. Mein Federweg darf gerne lang sein und nach dem Schwanzlängenvergleich mit meinen Kumpels kann er zeigen, was er kann. Skills müssen gelebt werden, lasst es spritzen und rauchen. Wer hat die meisten Bäume mit der magischen Mary angepimmelt? Hauptsache es sieht gut aus und hat Style. Der durchgeschredderte Downhillposer geht nicht ohne das Gefühl nach Hause, die Welt von Stock und Stein neu erschaffen zu haben.

Schreddern ist ein böses Wort. Bei manchem bedachten Zeitgenossen auf zwei Rädern lässt es aber den Adrenalinspiegel schon im Sitzen ansteigen. Wo sich beim verspielten Enduropiloten mit dem Wort schreddern die Freude am fahren manifestiert, so treibt es anderen Waldliebhabern die Zornesröte ins Gesicht. In einem Land voller Kleingärtner ist das auch nicht verwunderlich, so negativ wie dieses Wort für den Laien besetzt ist. Welchen Eindruck soll ein Wort wie schreddern auch in der Welt der Laubenpieper hinterlassen? Dieses Wort ist gleichzusetzen mit Zerstörung, im besten Fall von Rekultivierung. Genauso gut könnte man von „durch den Wald häckseln“ sprechen. Leider bestätigen viele unserer Zunft, dass man auch mit dem Bike harvestern kann. Da werden nach einem arbeitsreichen, reglementierten, langweiligen und nutzlosen Arbeitstag Hirn und Verstand am Traileingang abgegeben.

Schreddern hört sich cool an, ist böse, sogar an mir geht dieses Wort nicht spurlos vorbei. Einen Trail zu erfahren ist das, was unseren Sport ausmacht. Der eine kann es besser, der andere schlechter. Der eine mit Hirn, der andere lieber ohne. Ist ja auch super, wenn die stressgepeinigte Hackfresse oben in den Trail einfährt und nach dem Genuss einiger Anlieger entspannt vom Trail ausgespuckt wird. Auch bei mir kann es mal stauben und Steine ein Tänzchen aufführen, jedoch sind mir kampfentschlossene Attitüden, einen Trail besiegen zu wollen, fremd. Jedoch ist mir auch das Wort Skills nicht geläufig, ich versuche mich lieber an Fahrtechnik.

#1
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Es laufen viel zu viele Kollegen auf dem Bike durch den Wald, deren Horizont nicht weiter reicht als bis zum nächsten Drop. Mit alles ohne nix kann nicht genug Dreck durch das Bild fliegen. Nach dem Motto „mein Downhillschredder ist in Wirklichkeit ein Mulchhäcksler“ wird der Waldboden fachgerecht vertikutiert, Moos und Rinde können durch abstrakte Bremsmanöver nicht weit genug als Gemarkung im Steilhang verteilt werden. Eine Bremsspur muss so tief sein, dass sie als Ideallinie eindeutig erkennbar ist. Oh Gott, ist es nicht erhaben, sich so zu fühlen wie die YouTube-Vorbilder?

Entschuldbar ist dies nicht, egal ob das Hirn ab oder angeschaltet war. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich damit eben nicht ungeniert. Wer sich im vollen Bewusstsein zu einem Paarhufer mit Hauern zurückentwickelt, muss sich nicht wundern, zum Abschuss freigegeben zu werden.
Ich würde gerne glauben wollen, dass durch Anstieg des Adrenalinspiegels das Gehirn automatisch abschaltet. Das würde den Vorsatz ausschließen. Wenn aber zwingend eine GoPro Kamera als Mittel, den Horizont anderer zu erweitern, mitgeführt werden muss, ist auch ein Troy-Schlafanzug keine Entschuldigung mehr.

Zur genauen Dokumentation der Heldentaten brauchen wir dann noch exakte Ortsangaben mit einprägsame Landmarken im Video. Damit kann der Ortsunkundige eine Besichtigung am Tatort vornehmen, um aus seinem Vorurteil heraus ein Urteil fällen zu können. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um Privatgrund, Schutzzone, Habitat, Nationalpark oder Wandersteig handelt. Wir sind die Minderheit und somit die, die durch ihr angepasstes Benehmen und Voraussicht in Vorleistung treten müssen.

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Schreddern dann doch bitte dort, wo es erlaubt ist. In Bikeparks werden durch unsere Eintrittsgelder auch die erodierenden Leistungsabzeichen im Parcours beizeiten wieder beseitigt. Niemand muss zwingend jede erdenkliche Möglichkeit wahrnehmen, sich unbeliebt zu machen, wo doch ein Bikepark nach dem anderen in Deutschland gebaut wird. Keine Bremsfurche muss das illegale Befahren eines Trails in Naturschutzgebieten dokumentieren. Unser Narzissmus, nein ich rede nicht von den Blumen, muss nicht zwingend auf Kosten der Allgemeinheit bei YouTube zum Höhepunkt onanieren. Es gibt Menschen, die mehrfach auf den gleichen Trails fahren wollen.

Ich habe nichts gegen GoPro-Videos und einen gepflegten Downhill. Ich bin nicht Justizias Lieblingssohn und ohne Fehl und Tadel schon lange nicht. Aber so ab und an mal das Gehirn einschalten macht schön im Kopf. Lasst uns den Vorurteilen anderer Waldbenutzer entgegenwirken, indem wir zeigen, dass wir es besser können. Gebt dem Populisten auf der anderen Seite keine Chance. Aber was rede ich da? Hört sowieso keiner hin. Soll der Selbstdarsteller, der nicht weiß, wie es ist jung zu sein, reden was er will. Denn solange manche Radhersteller uns vormachen, wie man sich in der freien Natur zu benehmen hat, muss unser eigenes egoistisches Verhalten doch gar nicht reflektiert werden und ich kann mir meine Gedanken dazu sparen.

How to be a Downhillposer

  • Kaufe ein fettes Enduro- oder Downhillbike mit maximalem Federweg.
  • Bau dir die absolut fettesten Reifen dran, die man käuflich erwerben kann.
  • Deine zwei GoPro-Kameras zeichnen jeden deiner gottähnlichen Moves auf.
  • Mit deiner krassen Benzinschleuder verkürzt du die Anfahrt zu deinem Trail.
  • Deine Fullface Turtle-Uniform ist ein Ausdruck deiner Individualität.
  • Wichtig! Ausgiebige Einstellarbeiten am Fahrwerk dokumentieren deine Kompetenz beim Einrollen.
  • Auf den ersten Metern im Wald erstmal eine fette Bremsspur hinlegen, das hat Style!
  • Shortcuts sind voll dein Ding, Wege geben doch eh nur grob die Richtung vor.
  • Der Wald muss geschreddert werden, Bunny Hop ist Oldschool.
  • Am Ende folgt der absolut radikale Drop auf dem Parkplatz von der Bordsteinkante, public viewing garantiert.
  • Zuhause werden sich schnell noch die neuesten Videos der größten Mosher des Planeten reingezogen, Proooooost.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi

Anmerkung: Für den Inhalt der Artikel aus der Serie “Muschi am Mittwoch” ist der benannte Autor verantwortlich. Die in den Artikeln vertretenen Ansichten und Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider. Für Anregungen und Kritik steht der Autor hier themenbezogen in den Kommentaren und allgemein per privater Nachricht zur Verfügung.




Über den Autor

Muschi

Mario, geboren 1970 und lebt in der Nordeifel. 2 Dinge bestimmen sein Leben. Africa und Radfahren sind seine Passionen. Muschi fährt leidenschaftlich gerne 24H Rennen und das gerne auch mal mit dem falschen Rad. Seine Bikes sind wie seine Texte, etwas anders.

Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

    jammerlappen

    dabei seit 04/2007

    Burnhard
    Und jeder der da war kann auch bestätigen dass daran Enduro Helden und nicht Downhill Ritter daran Schuld sind. Kohlern und Ritten sehen dagegen aus wie eh und je...
    zumindest die sich schatteln-lassenden Endurohelden. Ich find ja die Tüpen geil, die die Schatteltrails fahren. Die stören halt nich auf den guten Trails
  2. benutzerbild

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  3. benutzerbild

    H.B.O

    dabei seit 03/2006

    talybont
    Da macht einer "Satire" und schon geht der shitstorm los. Hat wohl den richtigen Leuten den Spiegel vorgehalten...
    Die anführungszeichen bei satire sind aber mal sowas von gerechtfertigt. man kann drüber streiten wann was satire ist - gute satire nimmt das publikum aber immer auch mit sodass man gerade durch die überspitzung das eigentliche problem besser erkennt. deshalb ist gute satire auch eine geistige höchstleistung. satire draufzuschreiben und dann zu maulen ist allenfalls grottige satire. er sollte es lassen.
  4. benutzerbild

    toyoraner

    dabei seit 11/2010

    schraeg
    Es gibt in unsere Gegend ein sehr sensibles Gebiet in dem Mountainbiken gerade noch so gedulded ist.
    Einigen wenigen ist das auch egal. Sie knattern dort fröhlich durchs Gemüse, kürzen Serpentinen ab weil sie zu doof sind die anständig durchzuziehen,bremsen Kurven aus und fahren alles breit. Nun ist es dort so das die Bodenbeschaffenheit sowas nur schwer verzeiht,will heissen das dort einige wenige mit "unangepasster" Fahrweise dort schon für Schäden gesorgt haben. Zudem sind dies meist "Auswärtige", die "Einheimischen" kennen meist die Problematik dort und verhalten sich entsprechend. Wie würdet ihr es finden wenn das Euer "Homespot" wäre und dort biken aufgrund einiger weniger Vollpfosten gänzlich verboten würde ?

    Wir haben auch schon versucht dort ins Gespräch zu kommen, aber leider sind die Kollegen sehr ignorant.

    Ich denke das ist es worums in Muschis Artikel auch geht
    Genau so!Regt mich hier im Dresdener Heimatwald auch so auf.Immer mehr Chickenways damit mit Fullspeed durchgerauscht werden kann.Hier erholt sich auch nix - da stark sandiger Boden!

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