4 Flachlandtiroler in den großen Bergen

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Tach,

möchte heute endlich mal damit beginnen, die gesammelten Eindrücke von meinem ersten Alpencross im Forum zu verewigen. In der letzten Augustwoche sind wir: Gerhard aus Gonna, Christian aus Bennungen und Frank aus Sangerhausen und ich durch die Dolomiten gezogen.
Werde in den nächsten Tagen einige Fotos ins Album setzen - muß aber erst mal sortieren; wir haben insgesamt 430 Bilder geschossen.

Viel Spaß beim Lesen!

Die Planung lastete hauptsächlich auf den Schultern von Gerhard und Christian. Inspiriert vom Buch Traumtouren Trans Alp entschieden wir uns für die Tour Nr. 2, die von Bayrischzell bis zum Gardasee führt. Jedoch stiegen wir erst in Sterzing in die Tour ein. Überwiegend auf Wanderwegen und Straßen des 1. Weltkrieges wollten wir uns quer durch die Dolomiten bis nach Riva del Garda bewegen. Ich denke, dass wir uns nicht hinter den „eigentlichen Alpenüberquerern“ verstecken müssen, denn das Überqueren der Alpen ist schon mit ca. 350 km u. 6500 hm möglich. Uns sollten wesentlich größere Zahlen zu schaffen machen. Nicht umsonst wird diese Dolomiten-Route vielfach als eine der schwersten Alpentouren bezeichnet. Dazu verzichteten wir auf ein Begleitfahrzeug, die Utensilien für die 8 Tage verstauten wir in den Rucksäcken bzw. Frank z.t. in einer größeren Lenkertasche. Die Mitgliedschaft im Alpenverein Sektion Südharz/Sangerhausen machten wir noch perfekt, um bei den geplanten Hüttenübernachtungen bessere Karten zu haben. Christian beschäftigte sich viele Stunden mit der Vorbereitung der Routenkarten für die einzelnen Tage. Die Packzettel gingen wir gemeinsam durch und legten fest, wer welches Werkzeug, Medikamente etc. mitnehmen sollte. Die Bikes wurden letzten scharfen Prüfungen unterzogen, das eine oder andere Teil in Voraussicht der extremen Belastungen getauscht und unsere Bike-Wear mussten wir auch noch erweitern.
Jetzt ist alles vorbereitet: am 21.August 2004 soll unser 1. Alpencross in Sterzing starten!


Tag 0 die Anreise nach Sterzing​

Freitag früh 9:00 Uhr sitzen wir bei Gerhard in Gonna in unseren Vierrädern, die Bikes und Rucksäcke sind gut verstaut. Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen geht´s gut gelaunt und motiviert nach Sterzing. Gegen 17:15 Uhr finden wir das (vorgebuchte) Hotel Zoll an der alten Brennerstraße. Schnell beziehen wir das für vier Personen eigentlich viel zu kleine Zimmer. Lange halten wir uns nicht auf, denn ich habe meinen Herzfrequenzmesser vergessen – ein neuer muß her. Schnell bekommen wir die erste Gänsehaut, ganz schön frisch in Sterzing. Der Himmel ist inzwischen ordentlich wolkenverhangen. In der schönen Innenstadt wimmeln eine Menge Leute umher - typisch Italien! Ein paar Sportläden und Optiker (ja hier gibt´s Herzfrequenzmesser) klappern wir ab und finden endlich ein bezahlbaren Sigma in einem kleinen Bikeshop. Leider stellen wir später fest, dass einige zugesagte Funktionen fehlen. Doch ein schei... Geschäft gemacht! Aber zurückbringen will ich ihn nicht, ohne meine Herzfrequenz im Auge zu haben, möchte ich die Tour nicht fahren.

Wir suchen eine Pizzeria um mit Pasta unsere Kohlenhydratspeicher zu füllen und starten einen 1. Fehlversuch in der Pizzeria Clara an der Brennerstraße. Die Begrüßung sooooo „nett“, und Preise, das hat die Welt noch nicht gesehen. Also sollten die Blicke in die Speisekarte in diesem Lokal unsere letzten sein. Wir ziehen weiter. Gemütlich wird es dann in der Pizzeria Seiler in der Innenstadt. Moderate Preise und alles ganz lecker. Ein letztes Weizen an diesem Abend gönnen wir uns im Hotel. Lange halten wir es aber nicht aus, denn an den Geräuschpegel der Italiener können sich unsere deutschen Ohren so schnell nicht gewöhnen. Gerhard sichert noch seine Schlafgelegenheit (als Bett kann man das wirklich nicht bezeichnen) mit einer Kiste gegen Umkippen, bevor gegen 23:00 Uhr unsere Augen zufallen.


Tag 1
Sterzing – Fußendraß – Pfunderjoch - Pfunders – Vintl – Ehrenburg​

Viel zu früh 5:15 Uhr klingelt der Wecker. Durch den rauschenden Bach und die Straße mehr oder weniger (schlecht) geschlafen der Blick aus dem Fenster. Der Wetterbericht war leider richtig: Dauerregen. So´n Mistwetter am ersten Tag, keiner hatte so richtig Bock. Jedenfalls hat´s keiner zugegeben. Das Frühstück hatten wir für 6:15 Uhr bestellt, um 7 war der Tisch endlich gedeckt. Alle trödelten mächtig rum und sogar die Gedanken, den Start zu verschieben, wurden schon laut gedacht. Immerhin sollte es bis auf 2568 m rauf gehen und keiner konnte uns sagen, was da oben für ein Wetter herrscht. 20 Minuten nach 8 sitzen wir in Regensachen eingehüllt, Gerhard mit selbstgebastelten Füßlingen aus Folientüten, auf unseren Rädern. Schweinekalte 8°C und Wasser vom Himmel, als ob Du unter der Dusche stehst. Aber wir machen ernst!
Im Zentrum von Sterzing suchen wir kurz Schutz vor dem Regen unter dem Zwölferturm, das Startfoto wird gemacht, wir schlagen die Hände aneinander – hier ist unser Startpunkt, hier beginnt unsere „offizielle Strecke“. Gleich haben wir erste Orientierungsprobleme, bis wir merken, dass der Routenplan nicht stimmt. Die Karte verschafft uns einen groben Überblick und wir wissen schnell, wo es weiter geht. Die ersten Kilometer auf der Straße nach Fußendraß machen trotz der erheblichen Steigung und Dauerregen Spaß. Dann biegen wir ab auf den Schotterweg Richtung Pfunderjoch. Ab hier passt wieder der Routenplan. Uns fallen Steine vom Herzen. Denn ohne die genauen Bezeichnungen würden wir den weiteren Weg sicher nicht finden. Der erste heftige Anstieg unserer Tour. Laut Buch sollte die Strecke kpl. fahrbar sein. Doch nicht nur wegen der Witterung muß besonders ich mehr schieben, als mir lieb ist. Und mein angeschlagenes rechtes Knie möchte ich auch nicht gleich überbelasten. Ab ca. 2140 m liegt Schnee, ab 2200 m eine geschlossene Schneedecke. Endlich hat es aufgehört zu regnen. Aus dem Schotterweg wird oberhalb der Almwiesen ein Pfad, den wir Anfangs noch fahren können und später nur noch schieben. Hier oben wollte Mussolini Krieg spielen, das ist kaum zu glauben. Wir suchen nach einem Weg, um über einen Sturzbach zu kommen. Der Wind nimmt mit zunehmender Höhe zu und damit sinkt unsere gefühlte Temperatur. Immerhin haben wir noch 5 Grad über null. Geiler Sommerurlaub?! Es wird nicht gejammert! Die durchschnittliche Schneehöhe beträgt jetzt 30 cm und die Schneewehen gehen uns manchmal bis zum Bauch. Zum Glück haben wir einigermaßen gute Sicht, so dass wir meist erkennen, wo sich der Pfad zum Gipfel lang schlängelt. Die letzten Meter können wir unsere Bikes kpl. entlasten. Wer sein Auto liebt – der schiebt. Und wer sein Bike liebt – der trägt.... na ja, das mit dem Reimen muß ich noch üben. Nach 2 Stunden im Schnee erreichen wir die Passhöhe. Oben werden Erinnerungsfotos gemacht, bis wir dann auf dem Abstieg eine weitere Stunde unsere Räder mehr tragen als schieben. Auf der ersten Alm fahren wir einen traumhaften Single - Trail, der sich trotz 5 cm Schnee sehr gut unter die Räder nehmen lässt. Die ersten kleinen Stürze sind allesamt harmlos. Ab und an hören wir ein Pfeifen. Ein Murmeltier war´s, es hoppelt ein Stück weiter und versteckt sich in einem Erdloch. Etwa 200 m oberhalb der Weitenbergalm machen wir an einer kleinen Hütte Rast. Der Schnee verschwindet mehr und mehr und der Trail, der jetzt steiler wird, zwingt uns hin und wieder zum Absteigen.
In die Weitenbergalm möchten wir aus Zeitgründen nicht einkehren. Der Hüttenwirt gibt uns zu verstehen, dass wir heute die ersten „Verrückten“ sind. Ein anderer meinte lächelnd: „Es gibt immer wieder welche...“. Weiter ins Tal fliegen wir auf Schotter hinunter nach Pfunders. High-Speed, wir sind alle happy. Zwischendurch atemberaubende Schluchten, die durch den aufsteigenden Nebel noch viel gewaltiger wirken. Auf Asphalt fahren wir bis zum tiefsten Punkt an diesem Tag (750 m) nach Vintl. Damit hatten wir jetzt 1818 hm Downhill am Stück hinter uns. Meine neuen Magura – Bremsbeläge sind nur noch halb so dick. Der Radweg weiter nach Ehrenburg ist gesperrt, deshalb müssen wir die stark befahrene Hauptstraße im Pustertal nutzen. Jeden kleinen Anstieg merken wir inzwischen in unseren Waden. Eine Weiterfahrt bis zum Kronplatz mit weiteren ca. 1400 hm, wo wir die erste Hüttenübernachtung geplant hatten, ist nicht mehr zu schaffen. 17:15 Uhr finden wir in Ehrenburg schnell zwei Zimmer bei Hubert Lechner mit traumhaften Ausblicken über den Ort. 22,- Euro mit Frühstück, da gibt’s nix zu meckern.
Im Gasthof Obermair lassen wir uns das Abendessen servieren und haben uns viel vom ersten Tag zu erzählen. Nachtruhe ist schon um 20:50 Uhr. Der Tag hat uns alle ganz schön geschafft....


Kilometer 58

Höhenmeter 2132

Fahrzeit 7 Stunden 55 Minuten

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Tag 2
Ehrenburg – Bruneck – Kronplatz – Korerhof – St. Vigil – Pederü-Hütte
Fanes – Pian de Loa – Cortina d`Ampezzo​

Oropax im Ohr funktioniert. Das Piepen meines Sigma dringt nicht bis zu meinem Trommelfell durch. Gerhard weckt mich kurz nach 6, er macht einen ausgeruhten Eindruck, obwohl er letzte Nacht schwer im Wald gearbeitet hatte. Die Sägeblätter müssen geglüht haben.... Frank und Christian haben es auch aus Ihren Kojen geschafft.
Mit einer Stunde Verspätung starten wir 8:00 Uhr bei Sonnenschein und frischen 8°C. Die Schönwetterwolken hängen wie Watte zwischen den Bergen. Da wir am Vortag den Kronplatz nicht mehr geschafft haben, aber deshalb nicht auf die immer wieder schön beschriebene Aussicht und die Abfahrt verzichten möchten, entscheiden wir uns, ab Bruneck mit der Seilbahn den Berg zu erklimmen. 5 Minuten vor 9 stehen wir an der Seilbahnstation kaufen schnell die Tickets (10,- Euro pro Kopf mit Bike) und sind ruck zuck auf´m Berg. Hier oben bietet sich uns ein einzigartiger Rundumblick. Die schneebedeckten Berggipfel der Nordalpen erinnern uns an das schlechte Wetter vom Samstag. Heute sieht alles friedlich aus. Postkartenwetter. Sehenswert ist auch die riesige Glocke, ich glaube 13 Tonnen soll die wiegen? Bei der Abfahrt verlieren wir uns fast aus den Augen, finden uns nach 2 Minuten wieder und legen nochmals fest, dass niemand alleine irgendwo abfährt. Jetzt den Hintern hinter den Sattel und runter vom Berg. Besonders zu Beginn ein brutales Gefälle. Wir fahren ab in Richtung St. Vigil. Auf den schnellen Schotterstraßen mit Spitzkehren kommen die Bremsen an Ihre Grenzen. Bei den Scheibenbremsen lässt der Bremsdruck nach und ich habe Angst, dass meine Felgen überhitzen (es riecht nach verbranntem Gummi) und mich eine Knallpanne überrascht. Es geht aber alles gut. Kurz vor Korerhof fahren wir in die erste Sackgasse unserer Tour. Nach 5 Minuten sind wir wieder auf dem richtigen Weg und fahren weiter auf Asphalt bis nach St. Vigil. Im Tal endlich sommerliche Temperaturen. Wir ziehen die langen Sachen aus und schützen uns mit Sonnencreme.
Die Straße zur Pederü – Hütte finden wir nicht so prickelnd und fahren deshalb soweit es ging auf dem Wanderweg, der sich neben dem Fluß durch das Tal hoch zur Hütte schlängelt. Der Schotter ist meist gut fahrbar, wir genießen einfach die Natur, so ähnlich muß es in Kannada sein? Auf vielen freien Plätzen breiten die Italiener Decken aus, Picknick – Körbe stehen herum, manche Grillen, sie trinken Rotwein, die Kinder spielen – nirgendwo sonst hatten wir den Eindruck, dass alle so zufrieden waren, wie hier. Je näher wir der Pederü-Hütte kommen, desto größer werden die Geröllfelder rechts und links neben dem Weg. Teilweise hatten Bulldogger die Steinmassen zur Seite geräumt. Jetzt liegt alles so ruhig da, dabei sind diese Erdrutsche beängstigend groß. Wir sind beeindruckt. An der Pederü-Hütte finden wir einen Platz auf der Terrasse und bestellen uns Pasta und Apfelschorle – „die beste der wo gibt auf die ganze Welt“! Gerhard kommt aus dem Schwärmen nicht mehr ´raus. Der weitere Anstieg zum Limojoch zieht permanent unsere Blicke auf sich. Immer wieder sehen wir hoch – gewaltig. Nach der Mittagspause nehmen wir Anlauf. Das Thermometer zeigt eine drei und eine null danach, kein Wölkchen am Himmel, das uns für kurze Zeit Schatten spenden könnte. Gestern hatten wir auch eine drei und eine null, allerdings bezifferten wir damit die Schneehöhe. Ok., da müssen wir jetzt durch. Der Schotter ist teilweise sehr grob und mein rechtes Knie beginnt zu schmerzen. Deshalb schiebe ich fast 80 % der Auffahrt. Gerhard fährt 80 % und Frank und Christian fahren, von kleinen Verschnaufpausen abgesehen, trotz teilweise 22 % Steigung und riesigen Schotterwacken kpl. durch. Meisterleistung! An der ersten Hütte trinkt Gerhard für satte 4,- Euro eine weniger gute Apfelschorle. Ist er seit der Pederü-Hütte verwöhnt? Frank will seine Wasserflasche an einem Brunnen füllen, doch einer Kuh scheint das nicht zu passen. Oder wollte sie was aus der Flasche abhaben? Das Limojoch erreichen wir genau eine Stunde und 35 Minuten nach unserer Mittagspause, das waren jetzt 600 hm edelster Schotter. Entschädigt werden wir mit traumhaften Ausblicken an einem der, wie man immer wieder liest: „schönsten Orte der Welt“. Am herrlich gelegenen Limo-See müssen wir meine hintere Magura-Bremse nachstellen, sie schleift am Reifen. Weiter geht´s, und laut Wegbeschreibung müssen wir eigentlich kurz vor der Fanesalm scharf links abbiegen, doch wir fahren die paar Meter weiter und bestaunen aus der Ferne den Marmolada-Gletscher. Gigantisch....! Wir müssen aufhören zu träumen, denn ein Stück haben wir heute noch vor uns. In Richtung Cortina geht es zunächst eine breite Straße auf wirklich groben Schotter bergab ins Tal. Immer öfter halten wir an, um kurz unsere Handgelenke auszuschütteln und um auch unseren Bremsen eine kleine Pause zu gönnen. Gerhard scheint aber irgendwie von dieser Holperei die Nase restlos voll zu haben. Selbstmordversuch. Nur ein paar Zentimeter weiter nach links, hier ging es gleich mal ca. 50 Meter runter, hatten gefehlt und wir hätten ein Kreuz schnitzen können. Hurra er lebt noch – er lebt noch – er lebt noch..... Auf der weiteren Abfahrt erwischt mich auch ein Schwächeanfall oder so was ähnliches...? Jedenfalls bremse ich, weil mir die Unterarme langsam einschlafen. Ganz zum Stillstand komme ich dann nach einer seitlichen Rolle ins weiche Gras. Nix passiert - und nachdem Gerhard auch seinen Lachanfall überstanden hatte, fahren wir weiter. Spitzkehren und schnellere Passagen wechseln sich ab. Der Untergrund ist nicht mehr so grob wie zu Beginn der Abfahrt. Ein Stück fahren wir gemeinsam mit ein paar italienischen Bikern, die mit wenig Gepäck sicher eine Tagestour gemacht haben. Bestimmt kennen die hier jede Kurve, sie geben mächtig Gas. Kurz vor dem Ort stoppen wir an einer Brücke. Riesige Felswacken liegen in dem Flussbett. Irre, die Kraft vom Wasser. Irgendwann stehen wir auf der alten Landebahn von Cortina. Die Piloten, die hier geflogen sind, müssen wahre Abenteurer gewesen sein. Jetzt könnten wir direkt auf Asphalt in den Ort fahren, uns gefällt aber der Single-Trail neben dem Flusslauf wesentlich besser. Wurzelpassagen, Waldboden und Schotter wechseln sich permanent ab. Wir biegen rechts ab zum Campingplatz, am Eingang fahren wir links auf den Waldweg und holen uns für die Statistik noch mal ca. 70 Höhenmeter vor unserem Tagesziel dazu. Ein paar Pfützen und Schlammlöcher verewigen sich noch an unseren Sachen und Bikes, dann stehen wir glücklich und zufrieden direkt über Cortina d´Ampezzo. Der Promi-Treff, High-Societi, Ski-Weltcup, Nobel-Ort …. Eigentlich sieht der von oben so aus, wie andere auch. In der Fußgängerzone etwa 100 Meter unterhalb der Kirche essen wir unser erstes italienisches Eis. Zeit, um die Leute hier mal näher zu betrachten. Ganz normale Touristen und tatsächlich ein bisschen mehr Schickimicki als anderswo. Alte aufgedonnerte Damen mit Gucci-Täschchen. Ein Herr, seine langen schwarzen Haare hat er mit Gel nach hinten gelegt, scheint für ein Parfüm Werbung machen zu wollen. Meine Nase brennt, mir tränen die Augen. In den Schaufenstern protzen Marken-Logos noch und nöcher. Das ist also Cortina, na ja....
Wir fragen Passanten nach Übernachtungsmöglichkeiten. Ein Tipp führt uns auf dem Weg direkt an einem Bike-Shop vorbei. Freundlich vermitteln sie uns ein Sporthotel 2,5 km südlich von Cortina. In dem zuerst empfohlenen Hotel bringt Frank den Preis in Erfahrung, 45 Euro sind uns zu heftig. In dem Sporthotel Casa Tua sparen wir 20 Eu´s, das passt. Die Rucksäcke laden wir ab und fahren zurück nach Cortina, direkt neben dem Bike-Shop ist die Pizzeria „Vienna“ unser Ziel. Eigentlich hätten wir noch weiter fahren können. Ohne die Last auf dem Rücken geht plötzlich alles so leicht. Aber wir haben natürlich alle mächtigen Kohldampf. Die Speisekarte liest sich wirklich gut: Gang 1..... Gang 2.... Gang 3..... Bei der Bestellung dann aber die ersten Probleme. „Weizen ja! Sie auch? Ja! Und Sie? Auch ja! Und Sie? Ein Pils bitte! Mhhh? Piiiils? Großes Bier! Biiiieeeer?“ Kopfschütteln. „Nein!!!!!!“ Neue Gäste kommen und unsere Bestellung ist abrupt beendet! I love you Du blöder Kellner denke ich und hole mir mein Bier an der Bar selbst. Bei der Bestellung der Speisen ist er dann verwundert, dass wir tatsächlich 2 Gänge bestellen. Der 2. kommt natürlich zuerst, aber darüber konnten wir inzwischen lachen. Geschmeckt hat es und auch Christian haben wir satt gekriegt, die Welt ist i. O.! Halb elf trinken wir noch ein Bierchen auf dem Zimmer. Christian versorgt sein schmerzendes Knie und die Scheuerstellen vom Rucksack und ich glaube alle ihre wunden „Hinterteile“, die sollten schließlich noch ein paar Höhenmeter durchhalten. Dann ist Nachtruhe.

Kilometer 68,5

Höhenmeter 1223 (+ 1300 mit Seilbahn)

Fahrzeit 9 Stunden 50 Minuten


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Tag 3
Cortina d´ Ampezzo – Rifugio Croda al Lago – Forcella Ambrizzola – Rifugio Citta di Fiume – Passo Staulenza – Alleghe –
Forcella San Tomaso – Rifugio Lagazzon​

4:55 Uhr. Aufstehtest. Gerhard springt sofort aus dem Bett. Aber so früh soll die Nacht zu Ende sein? Nicht wirklich – Frank hatte nur eine SMS bekommen. Wir machen alle noch einmal unsere Augen zu. Eine viertel Stunde später schleicht sich einer auf die Toilette. (Aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeit möchte ich den Namen des betroffenen nicht bekannt geben.) Achso - wen das jetzt nicht interessiert, der liest bitte beim nächsten Absatz weiter! Alles menschlich! Froh, es bis in dieses Örtchen geschafft zu haben, ist er dann selbst von der Dauer der bollernden Gasentladung überrascht, da bricht im Schlafraum das totale Gelächter aus. Wie mitfühlend doch alle sind....?! Jetzt geht es ihm besser.
- Absatz -
Um sechs schaffen wir es dann tatsächlich aus den Federn. Auf dem Frühstückstisch fehlt manchen die Wurst – ich fand´s auch ohne o.k. Dann sind wir alle stolz auf uns! Ja ja! Punkt acht starten wir wie geplant unsere Tagestour. Es geht doch! Wir finden sofort den Einstieg zum Aufstieg zum Forcella Ambrizzola. Erst fahren wir auf Asphalt und weiter auf unserem geliebten Dolomiten-Schotter. Eine Serpentine folgt der nächsten, im dichten Wald ist die Luft noch angenehm frisch. Wir scheinen die Ruhe hier oben zu stören, denn ein Greifvogel macht ein fürchterliches Geschrei. Leider bekomme ich den nicht zu Gesicht. Etwas unterhalb der Malga Federa machen wir eine kleine Verschnaufpause. Es ist wieder hochsommerlich warm. Die Kühe veranstalten mit Ihren Glocken ein richtiges Konzert. Die Berge ringsherum, gigantische steile Felswände, das sind die Dolomiten pur. Nach weiteren 230 Höhenmetern erreichen wir die Rifugio Croda al Lago. Laut Buch Traumtouren Trans Alp sollte auch dieser Weg kpl. fahrbar sein. Doch da sogar Frank und Christian ihr Vorderrad manchmal nicht mehr auf dem Boden halten konnten, glaube ich nicht, dass diese extremen Steigungen irgendjemand fahren kann. Für uns jedenfalls waren eine Menge Schiebepassagen dabei. Uns begegnen einige Wanderer, hier oben ist allerhand los. Der Croda al Lago liegt wie gemalt vor dem Bergmassiv. Während Gerhard eine Apfelschorle trinkt, nutz Frank die Zeit und dreht eine Runde um den See. Bald starten wir und queren den Hang auf einem Pfad, immer wieder fahren wir über Geröllfelder, hin und wieder müssen wir schieben, bis zum 2277 m hohen Forcella Ambrizzola. Oben ist es halb zwölf – jetzt haben wir 1100 Höhenmeter am Stück geschafft. Wir werfen noch mal einen Blick auf Cortina ganz unten im Tal. Auch die Rif. Croda al Lago sieht von hier oben winzig aus. Abwärts fahren wir genau nach dem Tourenplan, dabei hätten wir uns besser weiter oben links halten sollen. Der Trail ist teilweise nicht fahrbar und endet abrupt im Niemandsland. Wir fangen uns schnell 100 hm zusätzlich ein, um hoch auf den Hauptweg zu kommen. Dabei sollte es vorerst nur bergab gehen. Der dann abschnittsweise extreme Single-Trail dürfte jedes Freerider-Herz höher schlagen lassen. Mehr Abwechslung geht nicht: tiefe Rillen, steile steinige Passagen, Spitzkehren und dann wieder Waldboden mit Wurzeln oder einfach nur Wiese. Dazu permanent traumhafte Aussichten. An der Rifugio Citta di Fiume ärgern wir uns über die viel zu kleinen Portionen Spaghetti. Dafür ist die Aussicht mal wieder grandios. Die folgende Schotterabfahrt ist das Aus für meinen Vorderradschlauch. Glück im Unglück bei ca. 45 km/h – die Luft war nicht sofort raus. Kurze Zwangspause – ein neuer Schlauch ist gemeinsam schnell montiert. Den Passo Staulenza haben wir dann flink erreicht, bis wir hinter dem Abzweig Fertazza in dem Skigebiet böse Orientierungsprobleme haben. Ein netter Wanderer hilft uns bei der Suche auf der Karte. Doch so richtig kann er uns auch nicht unterstützen. Wir fahren weiter und merken, dass alle Aufregung umsonst war, wir sind auf dem richtigen Weg. Der Downhill, teils führt er über die Skipiste mit tiefen ausgefahrenen Rillen, teils durch den Wald, ist brutal steil. Rutschende Hinterräder sind bei 25 % Gefälle keine Seltenheit. Gerhard bemerkt erst weiter unten, dass er bei einem Sturz eine seiner Trinkflaschen verloren hat. Den Ortsrand von Coi streifen wir nur und fahren weiter ab in Richtung Alleghe. Mal nutzen wir Asphalt und mal fahren wir steile Trails, die den Weg abkürzen. Oberhalb von Alleghe werden Fotos gemacht mit dem See im Hintergrund. Die Runde durch Alleghe mit dem kleinen Hauptplatz ist obligatorisch, genauso die Fotoposen direkt am See in 980 m Höhe. Bis auf 834 m geht es weiter bergab, bis wir den heutigen vorletzten Anstieg bis zum 1367 m hohen Forcella San Tomaso beginnen können. Bis Pianezze fahren wir die im Schnitt 13 %ige Steigung auf Asphalt. Die letzten km bergauf sind wieder sehr traillastig, die extremen Steigungen schaffen uns ganz schön. Eigentlich scheint nur noch Frank Spaß zu haben. Oben angekommen und erschöpft lesen wir in unserem Routenplan: Pfad Gefälle 28 %. Aua Aua. Eigentlich habe ich darauf jetzt null Bock! Aber irgendwie müssen wir ja runter vom Berg. Und warum nicht so steil wie möglich, schließlich haben wir auch die steilste der möglichen Auffahrten gewählt. Nur die Harten kommen in den Garten! Am Ende war´s dann doch nicht so schlimm. Wenn es zu steil war, wurde einfach geschoben. Einige kleinere Anstiege sollten wir noch abstrampeln, bis wir in der Rifugio Lagazzon oberhalb von Feder unser nächstes Nachtlager aufschlagen. Auf der Terrasse gibt es, was sonst? Spaghetti/Bolognese, hatten wir ja lange nicht mehr....
Natürlich trinkt jeder sein Bierchen und die Tagesauswertung wurde auch noch gemacht. Gegen 22:00 Uhr wünschten wir uns alle eine „Gute Nacht“.

Kilometer 45,3

Höhenmeter 2394

Fahrzeit 10 Stunden 40 Minuten

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Tag 4
Rifugio Lagazzon – Feder – Falcade – Passo Valles – Val Venegia –
Baita Segantini – Passo Rolle – San Martino di Castrozza – Imer​

Endlich mal kein Gejammere. Alle haben bis zum Weckerklingeln viertel sieben gut geschlafen. Auch das Frühstück ist reichhaltig. Der Tag fängt gut an! Jeder bezahlt bereitwillig seine 25,- Euro für die Nacht, bis auf einen. Gerhard hat Zahlungsschwierigkeiten – er ist Pleite! Kein Scheinchen mehr in seiner Geldbörse. Alle sind in helle Aufregung versetzt und vor allem entsetzt. Gerhard erinnert sich an einen Türkei-Urlaub und glaubt, dass wir in der Nacht im Schlaf ausgeraubt wurden. Ich vermute, dass sein Geld am Abend im Restaurant verschwunden ist. Das Zimmer wird nochmals unter die Lupe genommen, aber die Kohle ist weg. Dann zeigt er uns wiederholt sein Portmanie, einen Reißverschluss zieht er auf und siehe da: doch nicht Pleite! Mit dem Geld in der Hand bekommt er auch wieder eine natürliche Farbe ins Gesicht.
Unsere Abfahrt verzögert sich weil ich einen Reifen ein Stück drehen muß (das Ventil stand total schief) und Gerhard an einem SPD-Pedal ein Schräubchen verloren hat. Um neun starten wir bergab nach Falcade um anschließend gleich den längsten Anstieg (816 hm) am heutigen Tag zu fahren. Die Steigung auf Asphalt ist nicht so krass, so dass wir zügig voran kommen. Wir schwitzen mächtig, so schwühl wie heute war es auf unserer Tour bisher noch nicht. Frank und Christian fahren, wie meist bei solchen Auffahrten, ein ganzes Stück voraus. In dem jungen Blut steckt eben doch mehr Power, als in unserem. Die letzten 200 Höhenmeter haben wir nette weibliche Begleitung. Eine Rennradfahrerin scheint in der Gruppe auch mehr Spaß zu haben, als alleine. Sie spricht sehr gut deutsch. Kleine Pause auf dem Passo Valles (2031m), bevor wir bei der Abfahrt ins Val Venegia mal wieder vergeblich versuchen, die 80 km/h Marke zu knacken. Viel hat aber nicht gefehlt, 79,5 km/h stehen auf einem Tacho. Frank und Christian ertragen offensichtlich nicht mehr den Anblick der Bikemaus vor Ihnen und überholen. Die paar Tage ohne die eigene Partnerin erzeugen wohl erste Entzugserscheinungen?
Jetzt haben wir genug vom Asphalt und biegen (auf 1672 m) links ab zur Baita Segantini. Einige dunkle Wolken hüllen die Berggipfel ein. Hoffentlich schlägt das Wetter nicht um. Mein rechtes Knie schmerzt schon bei leichten Belastungen, das Eisspray lindert meine Beschwerden kaum. Ich trete fast nur noch mit dem linken Bein, bis ich die ersten Krämpfe kriege. Klar, dass das auf Dauer nix wird. An dieser Stelle dachte ich, dass die Tour für mich sicher bald beendet sein wird. Die anderen drei fahren inzwischen ein ganzes Stück vorneweg und warten an der Malga Venegiota auf mich. Sie möchten, vor allem in meinem Interesse, eine längere Pause machen, aber ich möchte sie natürlich nicht aufhalten und gebe zu verstehen, dass ich langsam weiter schiebe. Ich habe dann vielleicht 10 Minuten Vorsprung, die sich gleich rächen sollten. Eine der dunklen Wolken entlädt sich und zwingt mich, die Regenjacke überzuziehen. Als mich die anderen einholen, sind sie über meine Anzugsordnung verwundert. Die Schlucht, in der schon zahlreiche Spielfilme gedreht wurden, begeistert uns nicht nur durch die optischen Eindrücke, sie bietet auch ihre ganz eigene Geräuschkulisse. Manchmal hören wir mehr das rauschende Wasser am Wasserfall und dann wieder mehr den Sturm, der hier oben tobt. Vielleicht kommen auch Steine ins Rutschen? Irgendwie klingt diese Kombination unwirklich. Ich schiebe, die anderen fahren weiter bis zur auf 2200 m Höhe liegenden Baita Segantini. Kalter Wind bläst uns um die Ohren, immer wieder verkürzen Nebelschwaden die Sicht. Schöne Aussicht auf diesem Berg – leider Fehlanzeige. In der Hütte finden wir ein Platz und bestellen uns Kleinigkeiten, denn in der Speisekarte stehen nur große Zahlen. Minestrone 6,50 Euro + 1 Euro für die Bedienung. Zumindest können wir uns alle damit aufwärmen. Draußen messen wir nur noch 12 Grad. In lange Sachen eingehüllt brettern wir auf Schotter runter bis zum Passo Rolle. Auf der weiteren Abfahrt bis San Martino di Castrozza haben wir Asphalt unter unseren Stollen. Sogar das eine oder andere Auto ist langsamer als wir (oder besser nicht so schnell wie wir). Doch die 80er Marke knacken wir wieder nicht. Der Ort selbst gefällt mir. Zumindest das, was wir bei unserer Durchreise so sehen. Am Campingplatz vorbei wechseln wir wieder auf Schotter und klettern hoch in Richtung Malga Crel. Mein Knie hat sich, entgegen meiner Befürchtungen, inzwischen beruhigt. Ich kann wieder sehr gut mithalten. Abweichend von der Tourbeschreibung fahren wir nach der zweiten Links-Gabelung hinter der Gabelung San Valentino gleich wieder links, wir bleiben also nicht auf dem Radweg, sondern finden einen megageilen Single-Trail der hier schon ins Tal führt. Steil, aber 100 % fahrbar. Ein kurzes Stück Radweg (Asphalt) sollte folgen bis wir wieder links auf den nächsten Trail in Richtung Siror abbiegen. Der sollte es aber jetzt in sich haben. Eigentlich nicht mit mehr Gefälle als der letzte, überrascht er uns dann mit moosbewachsenen, glitschigen Steinen. Und das war doch zu viel des Guten. Christian bekommt sein Rad nicht zum Stehen und landet an einem Baum. Bei Gerhard triftet das Hinterrad seitlich weg, bis auch Ihn die Erdanziehungskraft besiegt hat. Mein Vorderrad rutscht in eine Kuhle, die abrupte Verzögerung war so groß, dass ich meinen Hintern nicht mehr über den Sattel bekam und an diesem schön hängen bleibe. Aua! Aber macht Euch bitte keine Gedanken, meine Stimme ist jetzt nicht höher als vorher, ich bin noch ein ganzer Mann! Ja und zuletzt Frank: Da muß ich erst mal nachdenken. Und eigentlich fällt mir dazu nur ein, dass der Kerl sicher verwandt ist mit David Copperfield. Der ist doch da tatsächlich fahrend runtergekommen. Nicht vorstellbar. Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten und Frank fährt. Seine seit der Kindheit intensiv ausgeübte Sportart Turnen hat ihm sicher zu diesem unglaublichen Balancegefühl verholfen. Echt stark!
Kurz vor Siror, die letzten Kilometer der Abfahrt sind befestigt, gibt es die nächste Zwangspause. Diesmal aus Sicherheitsgründen. Wir wollen uns ja nicht „die Birnen einfahren“. Die Bremsscheiben glühen mal wieder, der Bremsdruck verringert sich fast gegen null. Meine Felgen sind auch kochheiß. Ist schon irre, wie das Material strapaziert wird...
Im Tal fahren wir durch Siror, weiter nach Fiera di Primero und Medazzo, bis wir kurz nach vier unser Tagesziel Imer erreichen. So zeitig sind wir bisher noch nie angekommen. Die Unterkunftssuche ist so unproblematisch, wie an den vorangegangenen Tagen. Der erste Versuch ist schon erfolgreich. Unsere Rucksäcke laden wir ab im (Moto)-Bike-Hotel Miravalle (25,- Eu´s mit Frühstück). Endlich mal mehr Zeit nach der Tour. 2 Kilometer fahren wir zurück nach Medazzo, schlendern unterwegs durch einen Supermarkt und genießen unter einem Sonnenschirm in aller Ruhe italienisches Eis, Espresso und Latte Macchiato.
Am Abend lohnen sich für uns 30 Minuten Fußweg bis in die Pizzeria „al bus“. --------BERGFEST ------- Eine wunderschöne Lokalität, rustikal aber irgendwie edel. Die Speisekarte lässt keine Wünsche offen und die Preise sind absolut fair. Mhhhhhh, lecker, schade nur, dass wir nicht noch mehr essen können und ein halber Liter offener Wein muß auch reichen. Morgen geht´s weiter, wir können uns nicht „beknallen“. Mit einer leichten Bettschwere knipsen wir halb elf im Hotelzimmer das Licht aus.

Kilometer 61,2

Höhenmeter 1578

Fahrzeit 7 Stunden 7 Minuten


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am Kyffhäuser
Tag 5
Imer – Gobbera – Canal San Bovo – Passo del Brocon –
Santo Donato - Castello Tesino – Selva – Rifugio Barricata​

Heute haben wir viel vor. Schade, dass der Bäcker erst spät die Brötchen ins Hotel bringt, so dass es erst dreiviertel acht Frühstück gibt. Eine gute Stunde später fahren wir ab. Auf einer Teerstraße knüppeln wir gewissermaßen zum Warmwerden die ersten 360 Höhenmeter bis zur Passhöhe Gobbera. Es folgt eine schnelle Abfahrt vorwiegend auf Schotter bis Canal San Bovo. Eine herrliche Gegend. Der Ort selbst liegt am Hang und ist auf einer Terrasse gebettet, etwa 150 m über dem tiefsten Punkt der Schlucht. Auf die andere Seite gelangen wir über eine riesige Brücke. Menschen, die wir von der Brücke aus am Flusslauf sehen, wirken winzig klein. Wir nehmen den nächsten Aufstieg in Angriff. 870 hm am Stück verteilen sich jetzt auf 16,5 Kilometer. Die Straße ist meist sehr schmal, in den unzähligen Serpentinen hupen die wenigen Autos um den Gegenverkehr zu warnen. Ein paar Rennradfahrer kommen von oben und grüßen uns freundlich. Wir kommen gut voran und machen am Passo del Broccon (1615 m) eine Latte Macchiato – Pause. Wir liegen sehr gut in der Zeit. Der Downhill bis Castello Tesino beginnt auf Schotter. Uns überfällt mal wieder ein Geschwindigkeitsrausch. Mal ist der Schotter fester, dann wieder lockerer Kies und plötzlich sind die Steine faustgroß. Spitzkehren zwingen uns immer wieder, ein bisschen Speed rauszunehmen. Mehrfach stoppen wir, um die Bremsen abkühlen zu lassen oder einfach, um uns an dem Weg, der sich wie eine graue Schlange durch den dichten Wald schlängelt, satt zu sehen. Solche Bilder kannten wir ja bisher vorwiegend aus Bike-Zeitschriften. Jetzt sehen wir´s life und können da gleich runter düsen. Geil, geil, geil....! Zu geil? Leider ja! Wir fahren ab bis auf 890 m Höhe. Die ersten Häuser passen nicht zu unserem Routenplan. Was das? Wir sind viel zu tief. Wo sind wir? Auf Nachfrage und einem Blick auf die Karte haben wir die traurige Gewissheit: verfahren. Schei.....! Wir sind in Santo Donato gelandet, genau auf der falschen Seite der Schlucht. Weiter ab ins Tal zu fahren wäre Quatsch, denn da würden wir uns entweder 60 km mehr oder mindestens 700 hm mehr einfangen. Also beschließen wir, bis zu der Gabelung, die wir im Speed-Rausch missachtet haben, zurückzufahren. Wir nehmen die Rucksäcke auf und wollen los, doch als ich mein Bike aufhebe, zischt es grausam an meinem Hinterrad. Ich denke: das kann jetzt nicht sein. Sind wir hier bei der „Versteckten Kamera“ gelandet? Ich wusste nicht, ob ich in diesem Moment lachen oder heulen sollte. Also einen neuen Schlauch rein und erst dann geht es weiter. So gut wie bergab ließ sich der Weg bergauf natürlich nicht fahren. Auf einigen Abschnitten waren wir zu Fuß schneller. Wir brauchen eine ganze Weile, bis wir bei 1345 m endlich die Gabelung erreichen. Hier beginnt wieder ein Sahnestück unserer Tour. Die rechte Seite der Schlucht ist wesentlich steiler, als die linke, die wir vorher „probiert“ haben. Für einen breiten Weg ist hier kein Platz. Der Single-Trail ist teilweise in den Fels gehauen. Jeder Ausrutscher talwärts hätte tödliche Folgen. Wir halten hin und wieder an, um die Aussichten zu genießen. Schätzungsweise 500 bis 700 Meter geht es an einigen Stellen in die Tiefe. Ein paar Meter Fußweg kommen vor allem bei mir dazu, das Risiko hier abzustürzen, halte ich teilweise für nicht kalkulierbar. An einer Stelle können wir noch einmal schön die Serpentinen gegenüber sehen, die wir versehentlich hinunter gefahren sind. Kurz vor Castello Tesino entschärft sich der Trail, das letzte Stück nutzen wir einen Radweg. Wir fahren in den Ort und machen gegen um vier in der Pizzeria Crosara die nächste Pause. Vor uns liegen heute noch Höhenmeter im vierstelligen Bereich. Deshalb ist es um so trauriger, dass es erst ab 17 Uhr Pasta gibt. Also müssen wir uns mit Brötchen zufrieden geben. In Castello Tesino geht es ein paar Meter bergauf, dann rasen wir die Straße (jetzt nicht mehr gesperrt) hinunter nach Grigno. Einige 180 Grad–Kehren sind in Tunneln versteckt. Aufregend, hier mit 60 Sachen und ohne Licht reinzufahren. Im Tal (253 m) angekommen fahren wir weiter bis nach Selva. Ab hier ist wieder Schluss mit Lustig. Genau 1098 Höhenmeter Schotter müssen wir jetzt noch rauf. Am Beginn des Anstieges, es ist inzwischen 18:15 Uhr, träumt keiner von uns mehr davon, es heute bei Tageslicht bis an das Etappenziel zu schaffen. Trotzdem sind alle gut gelaunt. Einen Pickup halten wir an und fragen vorsichtshalber nach, ob die Hütte geöffnet ist. Zufällig ist es die Wirtin, die sich schon darüber wundert, dass wir den Weg heute noch packen wollen: „Ihr braucht mindestens 4 Stunden.....“. Egal denken wir und starten! Frank und Christian sind wieder schneller als Gerhard und ich. Etwa nach 500 Höhenmetern warten die beiden auf uns. Die Sonne ist schon lange verschwunden und es wird merklich kühler. Wir schwatzen nicht lange und sehen zu, dass wir weiter kommen. Eine Spitzkehre folgt der nächsten, ab und zu ist es so steil, dass ich schiebe oder ich steige ab, weil der Schotter so grob ist und ich keine Lust mehr auf diese Eierei habe. Gegen 8 ist es dann stockdunkel. Der Weg ist eigentlich klar. Verfahren können wir uns kaum, erst weiter oben kommen einige Abzweige. Doch wir bleiben immer auf dem Hauptweg. Nach einer Weile blitzt es aus dem Wald. Christian will unsere geschafften Gesichter auf einem Foto festhalten. Langsam kommen wir an unsere körperlichen Grenzen. Frank ist voraus gefahren und erreicht als erster gegen 20:50 Uhr die Rifugio Barricata auf 1351 m Höhe. Seine Begrüßung in der Hütte war: „ein Weizen bitte!“ Christian, Gerhard und ich sind noch unterwegs, die Steigung haben wir inzwischen auch hinter uns, die letzten Kilometer fahren wir auf einer Hochebene. Da kommt uns ein Auto entgegen. „I come to help you!” hören wir von dem Fahrer, der ein Angestellter der Hütte ist. Er möchte uns die schweren Rucksäcke abnehmen und uns vor allem den Weg leuchten. Dankend geben wir zu verstehen, dass wir die letzten Meter auch noch alleine schaffen möchten. Er fährt zurück in die Hütte. Hier sagt er zu Frank: „Deine Freunde“ die linke Hand klopft erst an seinen Kopf, „Kopf aus“ und jetzt klopft er sie auf einen Tisch aus Marmor und lächelt dabei. Die Kühe auf der Alm hören wir mit ihren riesigen Glocken lange bevor wir sie zu Gesicht bekommen. Einige stehen direkt auf dem Weg. Aber die lassen uns natürlich vorbei. 21:15 Uhr erreichen wir dann die Rifugio Barricata. Einige Italiener stehen draußen und klatschen und johlen umher. Kommt sicher auch nicht jeden Tag vor, dass so spät noch Mountainbiker die Hütte ansteuern. Jetzt waren wir mehr als einen halben Tag unterwegs. Das war schon hammerhart. In der Hütte überrascht uns die Lautstärke. Olympia läuft im Fernsehen, die Italiener sind dran und spielen Fußball und die Hüttengäste sehen begeistert zu. Wir lassen uns Nudeln und Schnitzel bringen und bei einem Bier bleibt es auch nicht. Der Hüttenhund (ein riesiges Tier) verkriecht sich unter unsere Bank und schläft. Gerhard fragt die Chefin nach Tiramissou, da wird aus ihrer bis jetzt so freundlichen Mine plötzlich ein böser aggressiver Blick. Gerhard fragt noch einmal vorsichtig, in dem Moment lacht sie los. „Ich habe verstanden: Du fragst, wie alt bist Du?“ Und sie lacht munter weiter. Die leckere Süßspeise hatte sie für Schleckermaul Gerhard aber leider nicht. Wir werten noch mal ein paar Erlebnisse der letzten Tage aus. Ich sage dann, ohne mir genau die Wörter zurechtzulegen: „Welcher Tag war das, an dem wir so früh losgelaufen sind?“ Da erwischt Gerhard ein Lachanfall der allerübelsten Sorte. Es dauert nicht lange, bis er über einen Krampf in der Nierengegend klagt und rausrennt. Den Arzt mussten wir dann aber nicht holen. Ja, so einfach kann man Freunde zum Lachen bringen....
Heute brauchen wir zum ersten mal unseren Hüttenschlafsack. Das Matratzenlager (12 Euro mit Frühstück) ist für uns eine ganz neue Erfahrung. Schwer zu sagen, ich schätze so ca. 40 Schlafplätze (Matratzen auf dem Boden u. ein paar Wolldecken) gibt es. Ein Wirrwarr Wäscheleinen zieht sich kreuz und quer über den Dachboden. Dicke Balken stützen das Dach. Aufregend. Die Dusche zwei Treppen weiter unten hat sogar warmes Wasser – Luxusunterkunft! Außer uns schlafen nur noch zwei Wanderer hier oben. Bei voller Auslastung würde hier bestimmt Chaos herrschen? Lange brauchen wir nicht, bis uns die Augen eine halbe Stunde vor Mitternacht zufallen.

Kilometer 86,8

Höhenmeter 2839

Fahrzeit 12 Stunden 22 Minuten


Fortsetzung folgt
 

Pan

Big-Six-Member
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5. März 2002
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Deisterrand
Geiler Bericht!

Allergrößten Respekt: knapp 87km/über 2800hm in den Dolos. Das is schon ne sehr ordentliche Hausnummer. :daumen: :daumen:

Gibts auch Fotos??


Gruß
Pan
 
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1. Dezember 2002
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am Kyffhäuser
Tag 6
Rifugio Barricata – Bivio Italia – Passo Portule – Porta Manazzo –
Forte Verle - Passo Vezzena – Forte Luserna –
Centro Fondo Millegrobbe – Bertoldi – Chiesa​

Gerade mal eine knappe Stunde geschlafen (bis ca. 00:30 Uhr), weckt uns lauter Donner und die Blitze erhellen den sonst finsteren Dachboden. Eine halbe Stunde später beginnt es zu regnen. Das Gewitter ist so laut – kein Vergleich zu Unwettern in heimischen Gefilden. Das Dach ist zum Glück absolut dicht. Früh um Sieben noch der gleiche Lärm, wir verschieben todmüde das Aufstehen. Ich habe in der Nacht höchstens 1,5 Stunden geschlafen. 10 vor 9 sitzen wir kaputt vom Vortag und der unruhigen Nacht am Frühstückstisch, das Gewitter ist jetzt endlich abgezogen und der Regen hat auch nachgelassen. Als wir dann gegen 10 Uhr endlich die Bikes aus dem Schuppen schieben, erinnern nur noch riesige Pfützen und aufsteigender Nebel an das Unwetter der letzten Nacht.
Den größten Abschnitt (mit 1.098 hm) des Anstieges ab Selva hatten wir gestern geschafft. Weitere gut 700 Höhenmeter bis über Bovio Italia hinaus, natürlich auf Schotter, standen jetzt auf dem Plan. Wer das durchfahren will, hätte also 1.800 Höhenmeter Schotter am Stück vor sich, verteilt auf nur 34 Kilometer. Ich würde aber den Zwischenstopp in der Hütte wieder genau so planen, wie wir das auch gemacht haben. Die Landschaft hier oben ist karg. Wir sehen schroffe Felsen und Überreste von Ansiedlungen. Sonst absolute Ruhe. Eine Ewigkeit treffen wir keine Menschenseele. Touristen verirren sich selten in diese Gegend. Dabei hat die für mich irgendwas Besonderes? Ich kann das nicht beschreiben. Jedenfalls passt das Wetter zu diesem Landstrich. Die Sonne scheint aber der Wind ist eisig kalt. Eine riesige Schafherde versperrt uns den Weg auf einer Abfahrt. Die Wolltiere machen bereitwillig Platz, doch die Esel sind hier genauso störrisch wie sonst auch auf der Welt. Einige hatten Lasten auf den Rücken geschnallt. Vielleicht Verpflegung und Gepäck für den einsamen Hirten? Links neben dem Weg ist eine Höhle in den Fels gehauen. Sie diente im 1. Weltkrieg als Munitionsdepot, wie wir auf einem Schild nachlesen. Selbstverständlich besichtigen wir die auch von innen. In ca. 2.000 m Höhe entdecken wir ein Denkmal vom österreichischen Erzherzog Karl. Bevor wir auf seiner, der Erzherzog Karl Straße, ein ganzes Stück weiterfahren können, müssen wir bei Frank den Hinterradschlauch erneuern. Achso, Straße: kein Asphalt, die wurde im 1. Weltkrieg natürlich aus Schotter gebaut! Und so ist sie auch heute noch vorzufinden. Zur Mittagszeit erreichen wir die Malga Larici di sotto. Der Empfang ist überaus herzlich, hier machen wir doch gerne eine längere Pause. Eine himmlische Ruhe hier oben. Später kommen noch ein paar Gäste dazu. Den Laden „schmeißt“ ein etwa 11-jähriges Mädchen. Die kleine ist total auf Draht. Mit den übergroßen Portionen Pasta in den Bäuchen zieht es uns in die Wagerechte. Zwanzig Minuten Mittagsruhe bei Sonne und frischer Bergluft auf der schmalen Feldbank. Dass die nicht gepolstert ist, stört uns nicht im geringsten. Das ist Urlaub! Vor der Abfahrt lassen wir uns noch Brötchen mit selbstgemachter Salami und Käse schmieren. Feinste Biokost.
Nach der Pause sind wir gespannt auf die ersten Festungen, die wir auf unserer Tour sehen wollten. Wir kommen ohne Plattfuß gut voran und stehen dann vor Forte Verle. Im Kriegsjahr 1915 sollen hier im Mai innerhalb von nur 4 Tagen ca. 5.000 Granaten eingeschlagen sein. Das Fort ist total zerschossen. Sicher wegen der Baufälligkeit ist das Gebäude, oder besser das was davon noch übrig ist, gesperrt. Man muss kein Gutachter sein, um festzustellen, dass der Großteil der Beschädigungen aus den Kriegszeiten stammt. Die Mauern sind so abartig dick, dass kein Unwetter und keine Jahre dem Bauwerk etwas anhaben könnten. Die Granateinschläge sind überall sichtbar. Auch riesige Trichter zeichnen sich im Umfeld der Festung ab.
Etwa 10 Kilometer sind es jetzt zur größten Festung aus dem 1. Weltkrieg. Forte Luserna. Teilweise durch unterirdische Gänge sind die drei Bauwerke der Festung Luserna miteinander verbunden. Zuerst besichtigen wir die östliche Station. Diese steht oben auf dem Berg und bietet Weitsicht in die Täler. Schade finde ich nur, dass ausgerechnet hier eine Antennenanlage aufgebaut wurde. Das Hauptwerk ist ein paar hundert Meter entfernt. Auch diese Festung ist total zerschossen. Manche Räume sind begehbar. Auf Tafeln können wir nachlesen, wie viele Schützen, Telefonistinnen, Schützengrabenbauer und viele andere im Krieg hier ihren Dienst taten. Auch die Bewaffnung ist haarklein beschrieben. Absolut interessant, selbst für uns Geschichtsmuffel. Deshalb nehmen wir uns viel Zeit für die Besichtigung.
Die Weiterfahrt, es ist bereits nach 18:00 Uhr, treibt uns einige Stressfalten auf die Stirn. Leider stimmen einige Wegbezeichnungen nicht. Manchmal passen weder die angegebene Höhe noch die Entfernungen zwischen den einzelnen Wegpunkten. Oft nehmen wir die Karte, um uns Orientierung zu verschaffen. An einigen Kreuzung, die nicht aufgeführt sind, raten wir. Sicher hatte Ulrich Stancui (Buch Traumtouren Trans Alp) hier nicht gerade seine beste Zeit. Aber wir wollen nicht meckern, ohne ihn hätten wir die meisten schönen Erlebnisse unserer Traumtour nicht gehabt! Wir finden uns trotz der Probleme durch die schönen kleinen Dörfer Bertoldi und Albertini und fahren schließlich weiter nach Chiesa.
Es ist spät und deshalb beschließen wir, hier eine Unterkunft zu suchen. Unmittelbar neben dem Hauptplatz, etwas zurückversetzt, beziehen wir zwei Doppelzimmer in einem kleinen Hotel (der Name ? sorry). Hungrig müssen wir noch 40 Minuten auf die Zimmerschlüssel warten. Zum Abendessen verlassen wir das Hotel nicht. Die nette Kellnerin erzählt uns, dass ihr Freund in Leipzig wohnt. Zuerst gibt’s Spaghetti/Bolognese als Vorspeise und als Hauptgang Steak, Pommes und Grünkohl. Ich teile mein Steak, weil mir das einfach zu viel ist und gebe eine Hälfte Christian, da steht die rege Kellnerin schon neben mir und füllt die Lücke auf meinem Teller mit Pommes und Grünkohl. Den anderen ging es später auch so. Als Nachtisch gibt es Eis. Wer hier eine Woche Urlaub macht, fährt bestimmt mit 5 kg mehr auf der Waage nach Hause. Die einzige Nacht für uns in Chiesa beginnt kurz vor 23:00 Uhr.


Kilometer 63,7 (davon nur ca. 10 auf Asphalt – we love Schotter!)

Höhenmeter 1.613

Fahrzeit 9 Stunden 48 Minuten


Fortsetzung folgt
 
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Tag 7

Chiesa – Carbonare – Passo Sommo – Passo Coe –
Monte Maggio – Passo Borcola – Malga Gulva – Zoreri – Roverto​

Für 25,- Euro haben wir sehr gut geschlafen und reichhaltig gefrühstückt und beginnen den Tag ausgeruht und mit viel Elan. Gut so, denn 300 hm von gestern haben wir noch im Gepäck. Und die möchten wir natürlich aufholen. Es ist Punkt 9. Chiesa hat einen schönen See, jedoch fahren wir an dem aus Versehen vorbei. Schade. Der erste Anstieg zur Malga Clama hat es schon in sich. Danach geht es mit gemäßigter Steigung weiter zum Passo Sommo. Eine erste Rast machen wir nach ca. 500 Höhenmetern Schotterweg in einem Skigebiet in der Rifugio Stella d´Italia (1.521 m). Es ist noch früh am Tag, wir naschen nur Kuchen und trinken Latte Macchiato. 50 hm weiter oben, direkt auf dem Berggipfel, gibt es das Forte Sommo alto zu bestaunen. Die Bilder erinnern uns an die anderen Festungen, die wir bereits gesehen haben. Dicke Mauern, Granateneinschläge überall. Hier war es nicht immer so friedlich, wie heute.
Weiter geht es über den Passo Coe, bis wir einen hammermäßigen Trail bis zum Monte Maggio fahren und schieben. Im Buch Traumtouren Trans Alp steht: „Monte Maggio nur für Fahrtechnik-Könner“! Wir können das nur bestätigen. Auf dem Gipfel (1.853 m) steht ein riesiges Gipfelkreuz. Frank und Christian mussten da unbedingt rauf, Gerhard und mir hat die Höhe auch so gereicht. Es geht teilweise extrem steil in die Täler. Wir genießen mal wieder traumhafte Ausblicke in alle Himmelsrichtungen. Selbst hier oben werden wir an den Krieg erinnert. Die Schützengräben sind überall sichtbar. Auf dem Kriegspfad hinunter zum Passo Borcola erleben wir aus meiner Sicht das absolute Highlight unserer Tour. Der Trail ist der blanke Wahnsinn! Er schlängelt sich direkt am Hang entlang. An vielen Stellen hätte man bei einem Sturz in die Tiefe etwa 300 m Flugphase bis zum ersten Aufprall und sicher weitere 300 bis man dann endlich irgendwo liegen bleibt. Wie hat Gerhard so schön gesagt: „Demjenigen, der hier abschmiert, brauchst Du nur noch ein Kreuz hinterher schmeißen!“ Wir gehen alle auf Nummer sicher und schieben an den gefährlichsten Stellen. Wobei ich nicht verschweigen möchte, dass ich sicher der Angsthase unserer Gruppe bin und nicht nur bergauf, um mein Knie zu schonen, sondern auch bergab, ja einfach wegen der Angst vor Stürzen, die längste Strecke zu Fuß zurückgelegt habe. Aber hier am Monte Maggio haben wir alle fast 90% des Downhills bis zum Passo Borcola schieben müssen. Benötigte Zeit für den Abstieg etwa 2 Stunden. Das war einfach der Hammer-Trail unserer Tour! .......
Weiter unten kommen wir an dem alten LKW vorbei, der schon oft in Bike-Zeitschriften abgebildet war und von dem keiner erzählen kann, wie der hier hergekommen ist. Das Rätsel ist auch für uns unlösbar. Der Weg weiter ins Tal ist zwar breiter, aber durch das Laub und das Geröll bei dem starken Gefälle an einigen Passagen nicht immer fahrbar. In der Malga Borcola möchten wir eine Pause machen, leider gibt es kaum was zwischen die Zähne, deshalb ziehen wir sofort weiter. Christian fährt an der nächsten Linksabbiegung gerade weiter, wir warten oben, irgendwann merkt er das und hat ein paar Höhenmeter zurückzustrampeln. Der folgende Single-Trail in Richtung Malga Gulva ist wieder mega stark. Durch den Wald am Hang entlang geht es immer wieder rauf und runter. Zwei Stellen sind schwieriger, hier liegt grobes Geröll in Wasserläufen. Danach verlieren wir auf Schotter 166 hm bis in das nächste Tal. Der Schotter sorgt mal wieder für Zwangspausen. Zuerst erwischt es mich und dann Frank. Zwei Plattfüße fast zeitgleich, das hatten wir auf unserer Tour auch noch nicht geschafft. Zumindest Frank hat sich eine schöne Stelle für seine Panne ausgesucht. Genau im Tal mitten im Wald, auf einer sonnigen Holzbrücke, die über den Bach gebaut ist. Die Reparaturen dauern ein bisschen länger als sonst, weil uns die Ersatzschläuche ausgegangen sind, Flicken ist angesagt. Und weil ich auch meinen vorderen Mantel kleben muss. Ein paar Höhenmeter müssen wir auf Schotter dann wieder bergauf, bis wir auf Asphalt abfahren bis nach Zoreri. Hier machen wir die Pause, auf die wir seit zweieinhalb Stunden warten. Ich glaube in der einzigen Gaststätte in dem Ort direkt an der Hauptstraße. Ich erinnere mich, dass genau unterhalb ein schöner kleiner Friedhof angelegt ist. Die Pasta schmeckt wieder hervorragend.
Heute haben wir noch einen anspruchsvollen Schotteranstieg auf unserem Plan. 1.190 Höhenmeter bis zur Rifugio Lancia. Christian hat die Nase voll: „Dieser schei... Anstieg, so sinnlos, da rauf ......“ Klar, das Trailen oder Rasen bergab auf Schotter oder Asphalt machen schon mehr Spaß, als diese stundenlange Quälerei bis zum nächsten Gipfel oder Pass. Aber das gehört nun mal zu unserem Programm. Hier wird einmal mehr deutlich, dass bei solch einer Unternehmung nicht nur die physischen Belastungen extrem sind, sondern auch an die Psyche hohe Anforderungen gestellt werden. Aber darauf möchte ich später noch einmal zurück kommen. Seine Attacke überwindet Christian schnell. Gegen 17:15 Uhr fahren wir weiter.
Unser nächstes Zwischenziel liegt im Tal und heisst Geroli. Es geht teilweise steil bergab, meine Augen sind permanent auf die Routenkarte an meinem Lenker gerichtet. Mit ca. 60 km/h fahren wir durch Maureri und halten uns rechts, so wie es der Plan beschreibt. Nach ca. 3,5 km müsste jetzt Geroli kommen, doch auf den Ortsschildern stehen alle möglichen Namen, nur nicht Geroli. Wir halten ein erstes mal an und möchten uns vergewissern. Aber wir müssen richtig sein, denn wir haben uns wie beschrieben immer rechts gehalten. Also fahren wir weiter bergab. Vielleicht stimmen einfach die km-Angaben nicht? Gestern hatten wir ja schon ähnliche Probleme. Bald merken wir, das auch die Höhenangabe nicht stimmt. Geroli liegt auf 713 m und wir sind bereits bis 370 m abgefahren. Das kann nicht sein! Die Landkarte klärt uns auf. Wir hätten in Maureri scharf links abbiegen müssen. Dabei steht im Routenplan: „Punkt Nr. 379 Abzweig am Ortsanfang Maureri – schräg rechts Geroli“. Wir sind alle am Boden zerstört, besonders Gerhard kämpft mit sich. Ein vorbeifahrender Mountain-Biker kann uns auch keinen Tipp geben, wie wir die verlorenen Höhenmeter entschärfen können. Nach Geroli kommen wir nur über Maureri, und das liegt 780 Meter hoch. Da es schon so spät ist (17:45 Uhr), bleibt uns nichts weiter übrig, als uns damit abzufinden, dass aus unserer letzten Hüttenübernachtung in der Rifugio Lancia nichts wird. Schade auch deshalb, weil wir natürlich gerne noch die 1190 hm mitgenommen hätten. Auch Christian hat sich geärgert.
Wir beschließen, uns in Roverto eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Durch Roverto wären wir auch nach Plan am nächsten Tag gefahren. Im Kaffee-Sport in der Innenstadt stoppen wir. Wir sitzen draußen und fotografieren ein altes Haus, das wunderschön bemalt ist. Der Kellner empfiehlt uns ein Hotel. Mehrere Passanten müssen wir fragen, bis wir endlich nach 20 Minuten Suche den Namen „Hotel Christina“ lesen. Direkt an einer stark befahrenen Straße, aber was soll´s, 25,00 Euro sind o.k.; eine bessere Unterkunft kostet hier sicher das Doppelte. Den Zustand der Dusche auf dem obersten Flur beschreibe ich besser nicht, die Zimmer sind sauber. Wir schlüpfen in frische Klamotten und fahren in das Zentrum der Stadt. Schöne enge Gassen, große alte Häuser. Eine riesige Kanone oder ein Granatwerfer (ich verstehe davon nix), steht als Denkmal auf einem Podest und mahnt an den 1. Weltkrieg. Prima, das hätten wir alles nicht gesehen, wenn wir am nächsten Tag einfach nur durchgefahren wären. Einen Tisch ergattern wir in einer Pizzeria und lassen es uns gut gehen. Auf dem Heimweg kommt uns dann ein ungewöhnliches Pizza-Taxi entgegen. Ein dreirädriges Geschoss – sah aus wie eine Rakete. Tolle Werbe-Idee. Ich musste schnellstens zurück ins Hotel, offensichtlich war meine Pizza doch mit Oregano gewürzt, das vertrage ich nicht. Ich schaffe es rechtzeitig. Die anderen machten alle eine Sitzprobe in dem Pizza-Taxi mit Fahrradantrieb. Anschließend besuchten sie noch eine Lambada-Party im Schwimmbad von Roverto und sind fasziniert von den tänzerischen Qualitäten der Italiener. Als sie dann kurz nach Mitternacht ins Hotel möchten, müssen sie erst den Eigentümer Wachklingeln, damit der aufschließt. Der Tag nahm so durch die vielen schönen Eindrücke in Roverto doch noch ein versöhnliches Ende. Die blöde Verfahrerei war vorerst vergessen.


Kilometer 51,3

Höhenmeter 1.178

Fahrzeit 9 Stunden 21 Minuten


Fortsetzung folgt


Winter im August - habe ein paar Bilder vom ersten Tag im Album.
 
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Tag 8

Roverto – Patone – Passo Bordala – Santa Barbara –
Arco – Riva del Garda​

Die Nacht im “Luxushotel” Christina war ein einziger Krampf. Nicht nur der Straßenlärm ließ uns nicht die nötige Schlafruhe finden, sondern zu allem Übel ist hinter einer Mauer auch noch eine Schnellbahnstrecke versteckt. Die Wände sind aus Presspappe – Geräuschdämmung nicht vorhanden. Frank und Christian kam der Typ so ungeheuer vor, dass sie Ihre Bikes in der Nacht mit im Zimmer hatten. Das Frühstücksangebot gibt uns den Rest. In der Kaffeetasse ist ein Pfützchen, etwa so viel wie in einer Espressotasse. Eine zweite erhalte ich nur wiederwillig. Ein Brötchen sollte auch für jeden reichen. Unser Urteil: 7 Sterne mit einem dicken Minuszeichen davor! Schlechter geht wirklich nicht!
Gegen 9 sitzen wir auf den Rädern und fahren unter der Brenner-Autobahn durch in Richtung Patone. Die Sonne meint es wieder gut mit uns. Heute wird es sehr heiß. Bei der Auffahrt habe ich immer noch Wut im Bauch. Beim Runterschalten fällt mir die Kette vom kleinsten Ritzel und verklemmt sich. Ich ramme mir die Dämpferaufnahme neben das Schienenbein, weil ich aus dem einen Pedal nicht gleich rauskomme, bin froh, dass ich nicht stürze, da hupt auch noch so ein blö... Autofahrer. War besser für den, dass er nicht angehalten hat. Weiß nicht, ob ich hier meine Aggression unter Kontrolle gehabt hätte. Die Nerven liegen blank. Das Eisspray war zum Glück noch nicht aufgebraucht, die Beule am Bein hat sich über die Abkühlung gefreut. Ein ganzes Stück queren wir den Hang. Serpentinen sorgen dafür, dass wir abwechselnd mal nach Norden, mal nach Süden sehen. Roverto sieht auch von oben schön aus. In Patone füllen wir wieder unsere Trinkflaschen auf und biegen links ab auf eine immer steiler werdende Straße. Teilweise 27 % Steigung prägen auch den letzten Anstieg unserer Alpen-Tour fest in unser Gedächtnis ein. Bald ist der Weg nicht mehr mit Asphalt belegt, hurra noch einmal Schotter. Gerhard und ich schieben wieder viele Abschnitte. Am Passo Bordala ruhen wir uns auf der Terrasse erst mal aus. Bis auf einen winzigen Anstieg haben wir´s gepackt. Gedanklich sind wir schon am Ziel. Wir lassen uns mehr Zeit als an all den Tagen vorher. Eine größere Gruppe Mountain-Biker kommt sicher schon vom Gardasee. Auch sie lassen sich hier nieder. Die nächsten etwa 100 Höhenmeter haben wir auch schnell geschafft. An der Kirche oberhalb von Santa Barbara machen wir noch ein paar Fotos und blicken noch einmal über die herrlichen Berge. So schnell würden wir die nicht wiedersehen. Der Downhill beginnt auf Asphalt und sollte dann auf Schotter bis runter nach Bolognano führen. Irgendwie verpassen wir die Abfahrt bei 900 Metern Höhe. Aber das ist kein Problem, eben nur schade, weil sich tatsächlich alle noch einmal auf die letzte Schotterabfahrt gefreut haben. Die Straße führt auch ins Tal nach Arco. Wir machen das Beste draus und sind guter Dinge. Auch meine schlechte Laune vom Morgen ist verschwunden. Frank beschließt, seinem Hinterradreifen den Rest zu geben. Das Profil ist seiner Meinung nach zu ungleichmäßig abgefahren. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit driftet er mit blockierendem Hinterrad durch die Serpentinen. Wir möchten auch gerne unsere Räder so beherrschen. Das sah schon toll aus.....
Endlich sehen wir unser Ziel, Luftlinie sind es vielleicht 12 km. Aus ca. 600 Metern Höhe zeigt sich das erste mal zwischen den Bäumen der Gardasee. Natürlich halten wir hier an. Ganz haben wir es noch nicht geschafft, mich erwischt auf der Abfahrt noch ein Plattfuß, der dritte dieser Tour am Vorderrad. Aber auch den habe ich zum Glück ohne Sturz überstanden. Von Arco fahren wir am Fluß entlang nach Torbole bis direkt an den Gardasee. Der Weg am Strand bis Riva ist übervoll. Wir zirkeln uns durch Badegäste, Spaziergänger und Surfer, die ihre Riggs ans Wasser tragen. Auf dem See blinken unzählige Surfsegel, die berühmte Gardasee-Thermik funktioniert. Auch in Riva ist die Hölle los. Im Seglerhafen packen die besten Segler der Welt ihre 470er Jollen zusammen. Als „alte“ Segler und begeisterte Surfer fallen Gerhard und mir fast die Augen raus. Natürlich machen auch Frank und Christian große Augen. Wir erfahren später, dass gerade ein WM-Lauf stattgefunden hatte.

Dann sind wir gegen 15:00 Uhr am Ziel: Riva del Garda, der Platz vor dem Hotel Sole, direkt am Gardasee. Unsere Alpen-Tour 2004 ist vorbei. Wir haben es tatsächlich geschafft. Adrenalin, Glücksgefühle, Zufriedenheit.
Das war´s...... Tief Luft holen...... Männer dürfen nicht weinen.....!

Im Hotel Sole gibt es das leckerste Eis überhaupt. Gerhard und ich kannten das von vorangegangenen Gardasee-Besuchen. Frank und Christian probieren bestimmt 8 Sorten. Dann fahren wir nach Torbole zurück, wo bereits Gerhards Frau Gabi mit Sohn Norman und Freundin Susen auf uns warten.


Unsere Ankunftsfeier findet am Samstagabend in Torbole auf dem Hauptplatz in einer Pizzeria statt. Klar, dass sich Gerhards Familie für unsere Erlebnisse interessiert. Auch für uns war es schön, einige der vielen Eindrücke zu beschreiben. Krönung des Abends war ein riesiges Feuerwerk in Riva, das wir wunderschön von Ufer in Torbole aus beobachten konnten. Ein Schlückchen trinken wir noch in der Speckstube gleich neben dem Hotel und lassen so den Tag angemessen ausklingen.


Kilometer 49,3

Höhenmeter 1.242

Fahrzeit 6 Stunden 43 Minuten




Am Sonntag fahren Christian, Frank und ich zurück in die Heimat. Unser Auto hatte Gerhards Familie aus Sterzing mit an den Gardasee gebracht. Gerhard hat noch eine Woche Gardasee – Relax – Urlaub drangehängt.

Das Resümee​

Unsere 1. Alpentour liegt hinter uns. In acht Tagen sind wir mit unseren Mountainbikes quer durch die Dolomiten bis zum Gardasee gefahren. Acht Tage, die sicher nicht unser Leben verändert haben, die aber ganz gewiss tief in unserem Gedächtnis sitzen.

484,1 Kilometer

14.199 Höhenmeter (+ 1.300 hm Seilbahn)

ca. 74 Stunden benötigten wir für die 8 Etappen

dabei haben wir täglich bis zu 6.500 kcal verbraucht.​


Keiner von uns wusste vor dem Start, was auf uns zukommt. Lediglich Gerhard und ich waren schon mit den Mountainbikes am Gardasee.
Wie lange sollten wir unterwegs sein? Wie schwer sind 2.000 Höhenmeter vorwiegend auf Schotter mit dem schweren Rucksack am Tag wirklich? Wir hatten keine Erfahrung mit dem Routenplan. Halten unsere Räder den Belastungen stand? Und schließlich wussten wir nicht, ob wir überhaupt fit genug sind für solch eine Tour.

Wenn ich an die Erlebnisse der acht Tage zurückdenke, dann erinnere ich mich zuerst an den Samstag und den Schnee auf dem Pfunderjoch, schweinekalt war mir da. Am nächsten Tag ein absolutes Highlight der Tour, das Fanestal und der Aufstieg zum Limojoch bei gnadenloser Hitze. Oben ist´s wunderschön. Am Montag gleich zu Beginn 1.100 Höhenmeter am Stück zum Forcella Ambrizzola folgt dann der erste Hammertrail der Tour bis zur Rifugio Citta di Fiume. Der vierte Tag ist fast das Aus für mich, ich habe starke Schmerzen im rechten Knie. Mittwoch der schwerste Tag für alle. Wir verfahren uns. Über zwölf Stunden brauchen wir für knapp 87 Kilometer und 2.839 Höhenmeter. Der Donnerstag ist der Tag der großen Festungen. Nie in unserem Leben wurden wir bisher derart mit dem 1. Weltkrieg konfrontiert. Am vorletzten Tag unserer Tour bezwingen wir die Freeride-Legende Monte Maggio und kommen anschließend in Maureri total vom Weg ab. Am Samstag fahren wir bei einer Gluthitze den letzten Berg unserer Tour bis wir am Ziel in Riva den Tränen nahe sind.
Unseren Tourenplan konnten wir fast genau einhalten. Am ersten Tag machte uns der Neuschnee ein Strich durch die Rechnung und am Tag 7 war es der Routenplan, so dass 2.498 Höhenmeter in der Endabrechnung fehlen. Die knapp 500 Kilometer hatten wir kalkuliert. Womit jedoch keiner von uns gerechnet hatte, war die lange Zeit, die wir an den meisten Tagen auf dem Rad saßen. Bestimmt waren wir auch deshalb zeitweise extrem gereizt. Acht Tage körperliche Anstrengung teilweise bis zur Erschöpfung produzieren sicher automatisch Psychostress? Am 7. Tag hatte ich schon von Christians Maulerei berichtet und am letzten Tag von meiner Wut im Bauch. Aber lange vorher sind auch schon zwischen Gerhard und mir böse Worte gefallen. Wir haben uns alle immer wieder rechtzeitig vor der Eskalation der Situationen eingekriegt. Keiner war nachtragend. Es ist also ganz wichtig, das jeder mit der nötigen Disziplin und Selbstbeherrschung solch ein Unternehmen angeht. Für absolut wichtig halte ich, dass das Team zusammenpasst. Und aus meiner Sicht war das bei uns trotz der Szenen i. O.!
Keiner von uns war schwer gestürzt. Alle bekamen früher oder später Sitzprobleme. Selbst mit viel Sitzcreme haben wir Scheuerstellen nicht verhindern können. Mit einem angeschlagenen Knie (Entzündung der Patella-Sehne) würde ich jedoch nicht wieder in so eine schwere Tour starten. Schmerzen hatte ich eigentlich jeden Tag, obwohl ich fast jede extreme Steigung geschoben habe, beim Laufen hatte ich keine Probleme. Außerordentlich wichtig sind stabile Bike-Schuhe in denen man gut laufen kann. Gerhards und meine waren nach der Tour trotzdem reif für die Mülltonne. Bikes: Unbedingt Fullys! Die hatten wir. Ich montiere vor meinem nächsten Alpen-Cross definitiv Scheibenbremsen, vorzugsweise Freeride mit vergrößerten Scheibendurchmesser. Pech? Ich war der Pannenkönig mit vier Plattfüßen. Doch an meinen Reifen (IRC-Mythos) kann es nicht gelegen haben. An den Bikes hatten wir keine größeren Defekte zu beklagen. Der Rucksack war mit ca. 7,5 Kilogramm zu schwer. Die ersten Tage hatte ich Rückenschmerzen. 1 bis 1,5 kg weniger – das wär´s. Weiß nur nicht, wo ich die einsparen könnte, ich hatte alles gebraucht. Christians Vaude hatte total versagt. Er klagte über Druckstellen am Rücken und Scheuerstellen auf seinen Schultern.
Völlig unproblematisch gestaltete sich die Unterkunftssuche. Nur ein mal hatten wir Pech bei der Auswahl – in Roverto.

Zum Schluss möchte ich DANKE sagen: Ulrich Stancui für die Tourempfehlung in seinem Buch Traumtouren Trans Alp. Ein großes DANKESCHÖN geht an unsere Frauen, die uns für die Tage frei gegeben haben. DANKE Christian, Frank und Gerhard für die schöne gemeinsame Zeit.

Was mir geblieben ist, ist dieses unvergessliche Naturerlebnis, das kennenlernen meiner persönlichen Grenzen und das tolle Gefühl etwas außergewöhnliches vollbracht zu haben. Ich bin mit dem Virus Alpen-Crossen infiziert!

HAWKI
 
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