Bericht vom Ötzi

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Den nachfolgenden Bericht vom Ötzi `03 habe ich auf Hernold´s Radsportseiten http://www.hernolds-radseiten.de gefunden:
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Am späten Abend eines langen Tages saßen die Radsportler des TV-Kettwig in ihrer Söldener WG und ließen in gemütlicher Runde die Erlebnisse des Ötztaler Radmarathons 2003 Revue passieren. So was wie heute hatte wohl noch keiner erlebt - jedenfalls nicht auf dem Fahrrad. Mein Freund und Vereinskollege Peter Hernold bat mich, doch einmal einen Bericht über diesen "Ötzi" zu verfassen. Hier also noch mal das Erlebte -aus meiner Sicht - zum Nachlesen. An einigen Stellen liest es sich sicher wie ein Heldenepos, aber die Geschehnisse und Gedanken sind ebenso authentisch wie die Momente der Schwäche - davon gab es auch genug.

Am Vorabend des "großen Tages" war ich bei der Rennleitung vorstellig geworden. Wollte ich doch um allen Eventualitäten vorzubeugen unbedingt in den ersten Startblock, in dem die Fahrer mit etwas größeren Ambitionen starten. Noch am Morgen hatte man mich auf die Warteliste gesetzt und auf den Abend vertröstet. Meine gesammelten "Palmares" hatte ich dabei und mit der Aussage "um die 8 Stunden wirds schon gehen" versucht, meinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Da dies mein erster "Ötzi" war und die Palmares vorwiegend aus Zeitungsartikeln über Supercups und die Bezirksmeisterschaften im Bergzeitfahren am rechten Niederrhein (immerhin ganze 1,8 km mit 110 hm) bestanden, nutzte das nur bedingt. Dennoch sprang Platz 2 auf der Warteliste heraus. Jetzt am Abend gab es die die Bestätigung, ich war "drin" und sollte nur noch meine Startnummer vorlegen. Die war natürlich längst auf dem Trikot und selbiges lag im Quartier. Naja, jeder Gang macht schlank. Flugs das Trikot mit Startnummer geholt und mit der "Sondermarkierung" vom Rennleiter ausrüsten lassen.

Ob das Einsortieren in den ersten Startblock nun wirklich notwendig war, sei dahingestellt. Dass ich vorne mit reinhalten wollte hatte ich zwar meinen Leuten angekündigt, aber so richtig geglaubt haben sie es wohl nicht. Auch wollte ich sicher sein, nicht gleich am Kühtai anzustehen, wenn die ersten "Brägels" nach rauschender Abfahrt schon in Oetz 50% aller Körner verschossen haben und dann mitten auf der Straße parken, um Windjacken und anderes zu verstauen oder auszupacken - so war mir jedenfalls das Treiben zuvor geschildert worden.

Außerdem schläft man besser. Vorausgesetzt, es regnet nicht. Nein, geschüttet hats. Trotzdem, ich schlief ganz brauchbar und mit dem Wecker um 4:10 stand ich senkrecht im Bett. "Alle Systeme ready, uff jeht et". Die ersten Meldungen der Vereinskollegen drangen an mein Ohr. Von "es tröpfelt noch" (Peter) bis "es gießt in Strömen" (Markus) war alles dabei. Ein kurzer Gang auf den Balkon. Naja, es war "fast trocken" dafür mehr als saukalt. Aber wir waren ja nun mal da und ich hatte eine Superform in den Beinen, dessen war ich mir sicher. Das wollte ich mir auch nicht mehr nehmen lassen, schließlich ist das Wetter für alle gleich und italienische Bergflöhe frieren genauso wie man selbst, wenn nicht noch mehr. "Ha, wir machen heute auf robust und harte Sau", dachte ich und sprach mir selber ein klein wenig Mut zu. "Wenn die Form stimmt, ist das Wetter egal - wo ist eigentlich das Melkfett?" Davon gab es jetzt erst mal eine extra Portion, schön dick auf die Beine, ungefähr so, als wenn man ein Innenlager montieren will.

Ein kleines Frühstück folgte, fast zu wenig für so einen Tag und dann ging es raus zum Start. Prima, es hatte mittlerweile sogar aufgehört zu regnen. Der "elitäre" Startblock war noch fast leer, während es weiter hinten schon voller aussah. Ich konnte mich aber nach Passieren der Sondermarkierungskontrolle vorne einreihen. Schweinekalt wars, neben mir fast alles Italiener, deren Sprache ich leider nicht mächtig bin. Aber das hier über das Wetter und vor allem die Temperaturen gesprochen wurde, konnte man auch so entnehmen. Jeder Blick in die Augen der Wettstreiter signalisierte so was wie "es ist echt kalt und wird heute ganz übel". Ich fand keinen, der so aussah als fände er irgendetwas in diesem Moment toll und sagte mir: "Gut Jens, dann ist das heute Dein Wetter." - total bescheuert, aber es funktionierte. Ich kann mich nicht erinnern, zu irgendeinem Zeitpunkt des Rennens wirklich anhaltend gefroren zu haben. Es gelang mir, das irgendwie auszublenden. Mir war zwar nicht immer warm, weiß Gott nicht, aber spürbar gefroren habe ich fast nie.

Der Start rückte näher und es wurde auch im vorderen Block voll. Schnell noch den Polar aktivieren. Hier um mich rum hatte mindestens jeder Zweite so ein Gerät. Da kann das Signal noch so kodiert sein, irgendwie wollte mein Empfänger nicht mit meinem Brustgurt harmonieren. Die Anzeige zeigte "00" und zwar das ganze Rennen. Wahrscheinlich war das auch besser so, aber dazu später.

Mit kurzer Verspätung wurde gestartet. Wahrscheinlich wollte man noch warten, bis es wieder anfing zu regnen. Ich kam gut weg und sortierte mich vorne ein. Am Ortsausgang von Sölden regnete es bereits merklich, nach 10 km goss es aus Kübeln und ich bewunderte die Zuschauer am Straßenrand, die bei diesem Wetter den Fahrern applaudierten. Verdammt gefährlich mit dieser Meute bei dem Wetter hier runterzubügeln. Ich sehnte mich schon nach Oetz und der ersten Steigung. Endlich der Abzweig zum Kühtai. "Ey was is denn hier los" - es ging da rein als gäbe es kein Morgen und das Rennen sei gleich zu Ende. Aber es beruhigte sich schnell und eine Gruppe formierte sich. Ein Fahrer zog jedoch weiter durch und zwar ziemlich energisch. Es war der Österreicher Paul Lindner, immerhin Sieger des RATA "Race Across The Alps" über mehr als 500 km und ungezählte Höhenmeter.

Die Gruppe fand ihren Rhythmus und ließ ihn ziehen. 18 Mann, fast alles Italiener. Jetzt kamen die ersten Autos herangefahren. Unglaublich, hier fuhr ein Haufen mit Sponsorenlogos beklebter Begleitfahrzeuge rum, mit allen Schikanen, inkl. Laufrädern und Ersatzmaschinen auf dem Dach. Links und rechts von mir wurden munter die Arme gehoben und aus den Fahrzeugen reichte man Trinkflaschen und Essbares heran. "Na Klasse, die Jungs winken und bekommen ein 0,33 Fläschchen oder einen Riegel gereicht und ich schleppe hier zwei Flaschen à 1 Liter den Berg hoch". Von den PowerBars und -Gel's in meinen Rückentaschen ganz zu schweigen. "Mahlzeit, dann esse ich jetzt erstmal einen meiner Riegel aus dem Vorrat, Ballast abbauen".

Ich wollte mich immer wieder in die Gruppe einreihen, aber irgendwie ließ man mich nicht (wahrscheinlich stellte ich mich auch zu blöde an). Wenn ich das Rücklicht machte, dauerte es ungefähr 30 Sekunden und ich war wieder vorne oder merkwürdig auf der Windseite oder anderweitig bescheiden am unfahrbaren Rand positioniert. Außerdem war das Tempo mittlerweile äußert schleppend. Ich stand im kleinsten Gang auf dem Pedal und wollte gerne 5 Umdrehungen mehr fahren, damit der Tritt wieder so was wie rund sein würde und nicht so ein Gestampfe. Die Kollegen hatten hier mindestens ein 25er oder mehr im Angebot. Ich stand auf dem 23er wie angewachsen. Verstanden von dem "Palaver" der anderen hab ich auch nix aber vorne gurkte Linder jetzt schon mit 1-2 Minuten. "Wisst ihr was Jungs, ihr könnt mich mal. Wenn ihr lutschen wollt, dann bitte, hab ich nicht nötig, ich fahr jetzt meinen Stiefel." Ich fuhr vorne raus - nein, keine Attacke, einfach nur mein Tempo - hatte aber sofort einen Aufpasser am Hinterrad. Wir waren ungefähr 50 m vor der Gruppe als ein Flachstück kam. Ich schaltete zwei Gänge dicker und fuhr so weiter, eigentlich ganz harmlos. Der Kollege am Hinterrad ließ aber reißen und in der Gruppe kam etwas "Geschrei" auf. Es standen erst knappe 40 km auf der Uhr und der Gedanke, dass ich hier einen schweren Alpenmarathon mit internationaler Konkurrenz bei nicht gerade prickelnden äußeren Bedingungen fahre, kam mir nicht. Ich hatte jetzt tierisch Bock zu "braten", es war doch Wettkampf und als es wieder steiler wurde bin ich einfach auf dem Gang geblieben - kein Anschlag, aber schön mit Druck. Eine Pulsanzeige hatte ich ja nicht aber ich fühlte mich noch wohl. Dennoch: Eigentlich eine Wahnsinnsaktion aber nun machte ich weiter, vorne fuhr ja noch der Lindner.

Nun kam zum ersten Mal die Rennleitung im Auto vorbei. "Nummero, Nummero" rief man mir zu. Die Startnummer war unter der Regenjacke wohl nicht lesbar, aber ich bin KEIN Italiener. Oben reichte man mir einen Becher mit warmen Tee - mmh Klasse, tat gut. Es kübelte immer noch literweise, 50 Meter höher lag Schnee. In der Abfahrt lies ich es ziemlich laufen - einmal waren es gut 90 km/h. Bloß nicht nachdenken. Lustige Kühe mit Flauschohren und Galloway-Rinder mit beeindruckenden Hörnern tauchten auf der Strasse auf, glücklicher Weise immer schon von weiten sichtbar. Schnell fahren - dann ist auch die Gefahr schnell vorbei.

Irgendwo unten, irgendwo vor Innsbruck dachte ich schließlich, ich hätte mich verfahren, auf einmal war keine Menschenseele mehr zu sehen, kein Auto, nix. Ach du schei… das durfte nicht war sein! Der Schreck dauerte aber "nur" eine Minute, dann kam ein Motorrad des Veranstalters vorbei - Gott sei Dank. Ich belohnte mich sofort mit einem PowerBar. Jetzt kam die Rennleitung erneut vorbei: "Jens, der Paul Lindner ist 2 Minuten vor, wir fahren hin und fragen ob er warten will". Aha, jetzt sprach man deutsch mit mir, aber Paul wollte wohl nicht warten. Jedenfalls brauchte es noch lange, bis ich ihn hatte. Es ging in den Brenner. Ich hatte 53-16 gekettet und es lief richtig gut. "Nur nicht überziehen, wie ist die Atmung, Trinken nicht vergessen" ging es mir durch den Kopf. Wieder belohnte ich mich, diesmal mit einem Gel. Irgendwann hatte ich Paul eingeholt. Einen wartenden Eindruck machte er nicht, eher einen überraschten. Wir wechselten einige Male durch und ich sah an der Farbe seiner Startnummer, dass er ebenfalls in der "Altersklasse" fährt. "Schei.. der hat das RATA gewonnen und den musst Du nachher noch irgendwo weghauen". Irgendwer rief uns was von "Vier Minuten auf die Italiener" zu. Nach 2-3 Kilometern fragte Paul plötzlich: "Du willst bestimmt schneller fahren?" "Was..., ich…, nö, dann würd ich ja, ist schon ok so" Auf meine Frage "Wo bleiben denn die Italiener" antwortete er "Ach die kommen schon noch". Leider hatte Paul wohl jetzt schon Schwierigkeiten, die auf mich erst noch warteten. Jedenfalls ließ er plötzlich reißen. Ich nahm die Füße hoch und schaute mich um, 30 Meter betrug der Rückstand und Paul winkte "fahr, fahr, fahr".

Na denn, weiter gings. Die Rennleitung im Auto tauchte wieder auf: "Jens, wo sind denn Deine Leute?" Ich dachte "Hää, welche Leute?" und antwortete "Keine da". "Jens, wirst Du oben verpflegt?" Ich schüttelte den Kopf und rief:"Nee, ich hab alles dabei und die reichen da oben doch Tee, oder!?" "Waaass, Du bist alleine" "Joo!" "Für welches Team fährst Du?" "TV-Kettwig …ist kein Team, das ist'n Verein … bin Hobbyfahrer" "Ach Du ******* ….Sendepause … na gut, dann machen wir das" kam es aus den Wagen zurück. Ich gab meine Trinkflasche ins Auto und bekam sie etwas später mit heißem Getränk zurück. Danke Jungs. Dazu gabs lecker Kirschkuchen, zwei Stück. Als Nachtisch genehmigte ich mir noch einen High5-Riegel aus der Trikottasche. Die Rennleitung begann mich anzufeuern, jedenfalls hatte ich den Eindruck. Ich bildete mir fortan ein, dass die froh sind, dass hier in ihrem Rennen ein "Nichtitaliener" die verkappten und unverkappten Profis mal ein bisschen aufmischt. Jetzt machte die Sache richtig Spaß und der Regen ließ ebenfalls nach.

Angekommen war ich mittlerweile in Bella Italia und es hatte auch aufgehört zu regnen. Der Jaufen wartete und meine Ötztal-erfahrenen Freunde und Vereinskollegen hatten im Vorfeld gesagt "Das ist ein Pass so richtig für Dich, schön gleichmäßig, nicht zu steil, der wird dir gefallen". Die Stelle suche ich heute noch. Ok, er war gleichmäßig, aber es dauerte, bis ich meinen Rhythmus fand. Ich war wohl zu lange auf der großen Scheibe unterwegs gewesen. Nach ein paar Kilometern kam die Rennleitung und rief: "Gute Nachrichten, das wird dich freuen, du hast jetzt 3,5 Minuten auf Paul Lindner und weitere 3,5 Minuten auf die Italiener". Geil, dafür durfte ich mir sofort ein Gel reinziehen. Um mich rum war jetzt auch immer was los, zum einen das Kameramotorrad, ab und an die Rennleitung und hinter mir ein Pkw der Italiener. Als die Rennleitung das spitz hatte, wurde der erst einmal rausgezogen. Wie mir nachher berichtet wurde telefonierte der nämlich "nach hinten", welchen Gang ich trat, wie ich noch aussah, ob ich aß, trank usw. Hinten hatte man jetzt offenbar Muffensausen.

Die letzten Kilometer zum Pass waren wirklich hart und erstmals beschlich mich ein Gefühl wie "Was soll das noch werden". Die Körner schwanden und die Riegel und Gels kamen mir langsam hoch. Oben reichte man mir Cola und wollte mich anhalten. Das liebe Mädel im Auto der Rennleitung stand mit einer dicken Kartonpappe in der Hand am Straßenrand. "Jens, nimm dir die Zeit, Du hast jetzt 7,5 Minuten" und sie fingerte mir am Trikot rum um ihre Pappe zu versenken. "Nee Mädel lass mal, ich hab ne Windweste unterm Trikot, das is schon ok". Die 7,5 Minuten wollte ich nicht recht glauben. Kurz vor der Passhöhe hatte ich die Jungs doch irgendwo unter mir gesehen. Versprengt in Häufchen zwar, aber keine 7,5 Minuten mehr hinter mir. Mehr Zeit zum denken ließ man mir nicht, schon war der Wagen wieder da - mit Kuchen. "Junge, fahr da jetzt schön runter und wir bringen dich durch". Ich dachte "Man, ihr seit ja echt klasse". Das Mädel fragte noch "Brauchst'e noch was" "Jaaa, einen Satz neue Beine". Die Abfahrt vom Jaufen war schei… Erstmals war mir kalt - mehr vom Fahrtwind der Abfahrt und auch nur an den Beinen, aber das reichte. Hose und Knielinge waren doch vom Regen noch total nass. Sobald ich ein Bein ausstellte und um eine Kurve eierte krampfte der ganze Oberschenkel. Manchmal beide gleichzeitig und die Waden zuckten auch so komisch. Das muss von hinten so dämlich ausgesehen haben, dass man mir zurief "Jens, die Strasse ist gesperrt, Du kannst die Kurven schneiden, da kommt keiner von vorne". Würde ich ja, aber mit den Krämpfen war ich froh, dass ich nicht schon auf der Geraden vom Rad fiel. Unten wartete gleich das verdammte Timmelsjoch und wenn ich da noch diese Krämpfe habe würde, dann wär Feierabend.

In St. Leonhard war es warm und es schien die Sonne. Man begrüßte mich mit viel Applaus und Gejubel. "Ist ja schön und macht auch irgendwie Spaß, nur bin ich leider jetzt schon voll im Sack". Rein in die Steigung, zum Glück keine Krämpfe. Wieder gab ich die Trinkflasche bei meinen "Fans" im Auto ab und weg waren sie. Vielleicht noch ein Gel, irgendwas musste ich schließlich gleich verbrennen. Jetzt noch 30 km diesen langen verdammten Berg hoch. Oh Jens, das wird übel. Wo blieben die Italiener? Ach verdammt, die Regenjacke musste ich auch noch ausziehen und loswerden. Zum Glück kam wieder dieses Kameramotorrad und ich drückte dem Fahrer das Teil in die Hand. Jetzt überholten mich wieder reichlich "Teamfahrzeuge". Der eine fuhr rechts ran und stand mit zwei Trinkflasche in der Hand über meine Schulter blickend am Rand. Schweine ihr, eure Jungs waren da noch locker 3-4 Minuten hinter mir. Beim zweiten Mal hab ich ihn fett angegrinst. Viel schlimmer war dieser andere mit dem Dachträger, der alle paar Kurven irgendwo mit offener Tür stand. Da hätte ich jetzt prima einsteigen können, Rad oben rauf, ein Träger war ja noch frei, und wäre so komfortabel ins Ziel gebracht worden. Ich weiß nicht, wie oft ich in diesen Momenten am Timmelsjoch ans Aufgeben dachte. Zu oft, aber wenn nix mehr drin is, kommste halt auf so 'n Mist. Aber ich kann nicht aufgeben, wenn ich noch Erster bin.
Ich passierte die Zeitkontrolle kurz hinter Moos. Wieder Gejubel und Geschrei. Ha, geht doch, schon ein Drittel von diesem Ding liegt hinter mir. Einen (geschätzten) knappen km später hörte ich sie wieder applaudieren. Aha, da kommt wohl was von hinten. Es dauerte noch etwas und er war da, bei ca km 184. Mirko Puglioli, jeweils Zweiter in den letzten beiden Jahren. Klar, der wollte gewinnen. Ich konnte vielleicht 100 Meter mitfahren, dann war ich wieder allein. Und das Alleine sein tat jetzt weh. Man dachte soviel ans Aufhören, wie auch an Defekt und was macht man dann."Ich kann doch nicht aufgeben, nur weil der mich überholt hat. Wie sieht das denn aus … und was denken dann die Leute ..."

Wo blieben denn die anderen? Warum textet mich jetzt keiner zu? Irgendwo hatte ich sie schon mal kurz erblickt, aber sie waren noch nicht dran. Überflüssig zu sagen, dass die Kette jetzt nur noch steif links lief. Oh mein Gott war ich im Eimer. Das Polarteil zeigte was von gut 1400 m Höhe. Noch verdammte 1100 hm. "Ey, wenn du noch an dem Ding rumfingern kannst, kannste auch noch treten." Vielleicht 5 Minuten später hörte ich was von hinten und glaubt mir, ich war froh, dass sie endlich da waren. Endlich nicht mehr allein sein. Ich rief dem ersten ein "Bravo" zu, worauf der mich derart verdreht anschaute, als sei ich bekloppt. Naja, war ich ja auch. Jetzt nicht quatschen, sondern drauflatschen. Meine Befürchtung, dass die an mir vorbeibügeln würden bestätigte sich nicht. Ganz im Gegenteil, die klebten erstmal wieder hinten dran. Wir kamen auf das Flachstück und ich sollte weiterhin vorne fahren. "Nee Jungs, nu seid ihr auch mal dran. Na geht doch". Ich zählte nochmal durch: Drei Mann, alle mit grüner Nummer, also aus der Hauptklasse. Erster Gedanke: In der Altersklasse war ich immer noch Erster und wenn ich welche von ihnen knacken könnte, wäre auch noch das Podium drin. Ehrlich gesagt, wäre ich das Flachstück alleine wahrscheinlich wieder schneller gefahren, aber das hätte ich dann später sicher doppelt kassiert. So konnte ich mich ein Stück weit erholen, essen ging nicht mehr, ob da noch ein Gel kam, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls kam so eine Labestation und ein kleiner Bub hielt mir eine Dose RedBull hin. Flüssige Gummibärchen, "hoffentlich vertrag ich das". Meine Mitstreiter anscheinend schon, so wie die sich das reinkippten. Das Zeugs war echt super, mir wuchsen zwar keine Flügel, aber für einen Augenblick gings wieder besser. Ich reichte die Dose zu den anderen, die aber alle versorgt waren. Das muss Eindruck gemacht haben, denn wenig später reichte man mir aus einem der italienischen Begleitfahrzeuge einen Riegel, den ich ebenfalls dankend ablehnte. Außerdem wurde es jetzt wieder steiler und ich sagte mir "Wenn die attackieren, lass sie fahren, bleibt das Tempo so, dann dranbleiben solange es geht". Es ging mal mehr, mal weniger. Hinten ging einer weg. Sehr schön. Vorne allerdings auch und etwas später der nächste. Nein, ich wollte nicht allein sein. Von "irgendwo" kam jetzt ein Audi mit deutschem Kennzeichen und die Jungs quatschten mich zu. Dann um die Kehre und plötzlich dieser verdammte Gegenwind. Musste das sein, als wenn der Berg nicht schon schwer genug ist. Allerdings sah ich die Jungs vor mir wieder und kam sogar näher. Ging das überhaupt bei dem Wind? Die waren doch zu zweit. Ich wollte aufgeben, aber es ging nicht, nicht in dieser Position und schon so weit gekommen. Nächste Kehre, kein Wind, ich war mal kurz vor, aber auch das war keine gute Idee, ich dachte ich stand. "Die beiden kurbeln noch und ich steh auf dem Pedal. Aha, die fahren auch wieder ihr 25'er. Hmm, hätte ich jetzt auch gerne."

Der spätere Zweite fuhr mir irgendwann davon. Der andere ließ etwas später hinter mir reißen und ich quälte mich als dritter die letzten Kehren hoch. Die Jungs im Audi riefen ganz aufgeregt: "Komm, den holst Du dir wieder, dann bist'e Zweiter". "Ey ich bin total platt, sach mir mal wo der hinter mir ist und wie weit ist es noch bis oben?" "Der hinter dir is noch platter und noch zwei Kehren dann haste es". Der Tunnel kam in Sichtweite und der Wind, der dann von vorne blies, war nicht ohne. Endlich oben, endlich Abfahrt.

Moment mal, war da nicht noch was von Gegensteigung und Mautstation? Der Audi war wieder neben mir und man rief mir selbiges zu. "Alles klar, danke Jungs ich weiß Bescheid". Der Gegenwind verhinderte die ganz großen Geschwindigkeiten, aber mit schönem Schwung gings rein in die Steigung zur Mautstation. Plötzlich schoss ein Begleitwagen der Italiener an mir vorbei. Und Sekunden später der (Renn)Fahrer. Schei… gelinkt. Aber nix zu machen. Ist auch egal, es war bei mir kein Korn mehr drin, gar nichts, null. An der Mautstation warteten wieder meine neuen Freunde im Audi. Sie wollten mich die Abfahrt im Windschatten runterziehen, aber ich kam gar nicht rein und dann wurde es auch kurvig und gefährlich. Bin kein Abfahrer, muss die Kurve sehen. Ein, zwei mal blockierte kurz das Hinterrad und das Geeier begann erneut. Diesmal ohne Krämpfe, aber mit ein paar Touri-Pkws im Weg. Bloß nicht noch hinmaulen jetzt. Irgendeiner hielt sie kurz auf und ich kam durch. Jetzt freute ich mich nur noch auf Sölden und als ich endlich durch den Ort brausen durfte, waren alle Schmerzen weg. Die Leute am Rand jubelten und ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu heulen. Vorbei an unserem Quartier, dann die 200 m Markierung, eine Kurve noch und dann das Ziel. Riesenjubel und mein Schatz nahm mich in Empfang. 4. Platz Gesamt, 1. der Master I. Vom Rad gestiegen bin ich wohl auch wie ein alter Herr. Viele Interviews, viele Komplimente und im Ziel wurde mir berichtet: Die Italiener fragten während des Rennens immer wieder "Chi è il tedesco?" Wer ist der Deutsche? Das ist doch ein schönes Kompliment.

Die Siegerehrung war ein bleibendes Erlebnis aber der Hammer war der Ehrenpreis für die herausragendste Leistung des Tages. Die Jury wählt mich zum kämpferischsten Fahrer. Ich nahm den Preis mit Stolz entgegen, aber jeder der hier heute das Ziel erreichte, verdient großen Respekt. Nicht zuletzt meine Freunde und Kollegen vom TV-Kettwig. Katja war unter den Top10 der Damen und 3 ihrer Altersklasse. Markus bei seinem Debüt kurz vor Peter, der auf den Abfahrten heute wohl viel Zeit gelassen hatte. Ralf, ebenfalls Debütant, und bis zuletzt an Katjas Seite. Ralph, bei dem Wetter fast so schnell wie im letzten Jahr. Nur Beat hatte in Oetz die Nase voll. Toll auch unsere Mädels Sylke, Stephanie und Melanie, die zusammen mit Michael, der leider aus gesundheitlichen Gründen diesmal vorzeitig passen musste, alle in Empfang nahmen.

Jens Volkmann
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Technische Daten:
Termin: 31.8.2003
Ausrichter: Tourismusverband Sölden
Distanz: 225 km
Höhenmeter: 5200

Karte:
Oetzikarte2003.gif

Profil:
Oetziprofil2003.gif


Die vier Steigungen:
Name Aufstieg Länge Hmeter d. Steigung
Brenner Innsbruck 38 785 2,10%
Jaufen Sterzing 5,6 1107 7,10%
Kühtai Ötz 17 1200 6,8%
Timmelsj. St. Leonh. 28,9 1819 6,30%


Hallo Rune und Hilleruli:
wäre das nix für euch ?? ;)

Gruss
Tvaellen
 

Snake

Fraggel
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Super Bericht!!!!!!!!!!!!!!!!

Ötzi ein großer Traum, allerdings wohl unerreichbar, wenn man weniger als 10.000km pro Jahr fährt, oder was meint Ihr? Würde mich mal interessieren, welches Trainingspensum so in der Mittelklasse bis Ende gefahren wird.
 

tvaellen

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Da hatte ich doch mal was gelesen...
such...

ach ja hier :D
http://www.dkverlag.de/tour/showthread.php?s=&threadid=4847
und hier
http://www.dkverlag.de/tour/showthread.php?s=&threadid=5007

Es scheint auch mit weit weniger Kilometern in den Beinen machbar zu sein, wenn man sich nicht gerade eine Zeit von unter 9:00 h als Ziel setzt.

Nach der Homepage http://www.oetztaler-radmarathon.com haben diejenigen, die letztes Jahr am Ende des Klassements lagen, über 13:00 h gebraucht und sind einen 17 er Schnitt gefahren. Das scheint trotz der Strecke und der Höhenmeter nicht völlig "out of reach".

Von den Teilnehmer des Treffens letzter Woche traue ich das zumindest den beiden o.g. und NKWD zu; auch die anderen -ausser mir- würden es vermutlich schaffen, wenn sie sich gezielt darauf vorbereiten würden.

Auch auf meiner persönlichen Wunschliste steht der Özti als langfristiges Ziel sehr weit oben. Ich brauche aber noch mindestens 2-3 Jahre konsequentes Training (trainiere ja erst seit rund einem Jahr so richtig), 8 kilo weniger Gewicht auf den Rippen (vielleicht sollte ich mich Manitou`s neuem Leichtbauthread anschliessen :D ) und muss mit dem Rauchen aufhören. :dope:
Dann wird das vielleicht was :cool:

Gruss
Tvaellen
 
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Super Bericht!
Deckt sich mit meinem Erfahrungen nach 6 x Ironman Triathlon: Früher oder später lernt man auf der langen Strecke Demut!
Und als erstes streikt meist wirklich der Magen, nicht die Beine. Als Nordlicht traue ich mir so eine Höhenmeterschinderei aber nicht zu. Daher: Respekt!
 

tvaellen

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@ Kunibert
wann waren deine Ironman Teilnahmen ?
Habe hier einen (aus Bayern stammenden) Bekannten, der Mitte/Ende der 80er dreimal beim Ironman ins Ziel kam.
Vielleicht kennst du ihn ?

Gruss
Tvaellen
 

Snake

Fraggel
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Wow! Noch nen geilen Bericht!!!!

@Manitou: Wie kann man denn bis ans Ende der Welt reisen, sich monatelang vorbereiten und dann nicht dran teilnehmen, weil das Wetter zu schlecht ist?????:lol:
 
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