Der Jakobsweg und das alte Mountainbike...Camino Francés

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Kölner Umland
Hey Leute, ich möchte hier einen kurzen Bericht zu meiner letzten Urlaubsreise schreiben. Warum? Um zu begeistern! Fahrt Bergrad!

Es war an einem Nachmittag irgendwann Anfang September... ich kam nichtsahnend von der Arbeit, traf meinen Nachbarn im Flur und gesellte mich auf einen Kaffee zu ihm. Nanu - der war plötzlich Feuer und Flamme für ein altes Mountainbike was er aus den Kleinanzeigen gefischt hatte. Vor allem der Preis hatte es ihm angetan - Mehr als für eine Kiste Bier war nicht investiert worden :bier::bier:. Daher wurde dann erst einmal in Ruhe beratschlagt was denn mit den alten Möhren alles fahrbar sei... Radfernwege? langweilig! Aber kleinere Reisen über jegliches Terrain, die hatten uns beide doch immer begeistert. Kleines Gepäck drauf, und ab die Post. Und dann? Eine Rundtour? Ist doch langweilig, bei einer Rundtour muss ich ja auf schöne Trailabschnitte und weitere Entfernungen verzichten, und das zugunsten der schnöden Heimreise. Aber Halt o_O
Heimreise? Mit dem Fahrrad? Das kostet ja Geld und Zeit!:spinner:
Viel Besser! Rad verkauft - umsonst gesauft! :hüpf:

Das war die Geburtsstunde des Onewaybikes (Patent angemeldet)

Kurz gesagt: Bike billig gekauft, Bike günstig auf Vordermann gebracht, Bike weggefahren =Erlös X Bier

Nun stand die Grundidee, es musste ein Weg her. Und welcher, wenn nicht DER Weg würde einem solch grandiosen Einfall gerecht?
Zwei Tage später stand der Schlachtplan und die Flüge waren gebucht: Köln-Vitoria-Gasteiz mit Ryanair mit Sperrgepäck am Freitag Mittag, darauf die Woche Samstag Nachmittag ab Santiago de Compostela zurück.
Also Pilgerpässe und Kartons besorgt...

Und dann gings am Freitagmorgen in die Straßenbahn


Am Zielort hat uns der freundliche Zollbeamte noch beim Öffnen der Kartons geholfen, dann wurde alles festgeschraubt...


Dann wurden Kilometer geschrubbt. Der erste Tag war recht deftig, wir waren erst um drei Abfahrbereit und hatten noch 90 Kilometer bis zum reservierten Hostel. Dementsprechend müde wurden dann nach einem leckeren Abendessen und nem guten Wein die Betten bezogen. Hostel Punto B in Belorado- heisser Tipp!


Nach einem Top Frühstück (Buffet! Das sollten sich mehr Herbergen aneignen, vor allem mit viel Kaffee)
Gings dann auf in die Berge. Die Anreise vom Flughafen hatte recht viele Höhenmeter, glaube etwa 1400. Der zweite Tag war dann der vorläufig letzte bergige, bevor es auf der Meseta flach weiter ging. Die "roten Berge" vor Burgos begrüßten uns mit viel Nebel


Auch im Tal nach dem knackigen Anstieg noch viel Nebel mit Verirrungspotential...


Morgens wars frisch, Nachmittags Mordsbikewetter! Hier auf dem Schlussstück mit Sicht auf Castrojerez


Am Abend nächtigten wir im kleinen Ort Itero del Castillo, Wobei das einzig wirklich erwähnenswerte dort die Spezialität der einzigen Kneipe des Hauses ist: "Cubo de Cerveza" Klang toll, wir habens auch bestellt, es war aber einfach nur ein Eimer mit Eis und nem Sixpack Bier drinne...

Die nächsten beiden Tage führten durch die trostlose Meseta, erster Zwischenstopp in Reliegos (Elvis Bar-Heisser Tipp), der zweite Stop dann in Astorga. Erwähnenswert in der Meseta: Ein durchweg schnelles Terrain, was bremst sind die Wanderer. Die meisten wirken trostlos, weggetreten, wäre ich auch wenn ich zu Fuß durch diese Ebene mit ewig weitem Blick über Felder müsste. Die Autobahn entlang des J-Way scheint mir auch nicht gerade romantisch. Hier gibts keine Landschaftsfotos, die schönen Bars erspare ich euch.

Die Fünfte Etappe am Beginn der katabrischen Berge war dann das fahrerische Highlight der Tour, der Weg hoch zum Cruz De Fierro ist ein echter Uphill-Leckerbissen:


Steinig, wurzelig, zwischendurch Schiefer, stellenweise flach, dann wieder sacksteil. Aber alles mit Kraft fahrbar. Selten soviel Spaß bergauf gehabt.
Oben gabs dann eine ausgiebige Pause, und nachher auf zum ewig langen Downhill

Und weiter

Und Stop... War nur ein kleiner Snakebite, schnell geflickt...


Nachdem wir etwa eine Stunde lang bergab geflogen sind kamen wir in den kleinen Ort El Acebo. Dort war dann chillen im Nobelhostel angesagt. Leider hatte ich mir während der Pause hoch oben am Cruz de Fierro scheinbar einen Sonnenstich eingeholt. Abends packte mich der Schüttelfrost, so das wir am nächsten Tag nur weiter den Berg runter rollten ins schöne Städtchen Ponferrada. Dort haute ich mich ins Bett, später etwas Sightseeing und kochen im Wohnmobil eines Bekannten.

Die Zeitplanung war bis dato super locker gewesen, durch den Verlust eines ganzen Tages war allerdings dann zwei Tage zügig Berge fahren angesagt. Also Kette rechts, erst nach Villabranca, von dort aus einen eewig langen Berg hoch bis zu einem kleinen Weiler wo wir noch das Viehtreiben beobachten konnten


Und über einen sehr lang gestreckten Höhenzug mit toller Aussicht


Und dann weiter nach Sarria, durch die Stadt ein Paar Kilometer raus in den kleinen Ort Barbadelo, in die empfehlenswerte Herberge Casa de Carmen.

Bikes drinne find ich immer toll.

Am nächsten Tag gabs dann die finale Etappe nach Santiago.
Die begann zwar ohne Frühstück, aber dafür mit Ausblicken wie im Süden Englands, kleine gemauerte Wege und Nebel:


Meine weiterhin schlechte Form nach dem blöden Sonnenstich brachte uns ohnehin ein bisschen ins trudeln, und dann auch noch das:


Zum Glück hat sich der Lenker im Uphill verabschiedet... Der gute 3ttt Extreme Lenker im 3ttt Chromix Vorbau. scheinbar war er angeknackst. Hier nochmal ein herzliches Danke an meinen Freund Lukas, er fasste sich ein Herz, sprintete noch vor der Siesta zum nächsten Radladen und machte dem Verkäufer irgendwie klar das einen Lenker mit 25,er Maß braucht. Ich hab dann in der Zwischenzeit alles demontiert und nach gut einer Stunde waren wir wieder fahrbereit.

Nachdem wir es dann am Abend endlich ins Herz von Santiago geschafft hatten, nutzten wir die verbleibenden Kräfte um diesen Erfolg noch mit ein paar Bier zu begießen.
Am nächsten Morgen hatten wir dann flugs mit ein paar Pappen unsere Bikes eingekleidet und begaben uns in die Innenstadt:


Die Verkaufsaktion lief gut, viele waren begeistert - aber wenige entschlossen. Nachdem das kleinere Bike mit Erfolg verkauft war begab ich mich nach dem Tipp eines Einheimischen zum Cash Converter- einem dubiosen Gebrauchtwaren An- und Verkäufer. Dort bot man mir 12€ für den schönen Schlitten... Nix da. In wilder Eile begab ich mich zum Airport Shuttle. Dem nächsten dort am Platz hockendenden Obdachlosen gab ich das Bike, und gab ihm gestikulierend zu verstehen das es geschenkt ist.
Ich traf mich mit Lukas, wir rannten zum Bus... Einige Minuten später stieg der vermeintliche Obdachlose ebenfalls ins Airport-Shuttle. Mein Fahrrad sah ich von einem jungen Mann über die Straße geschoben der sich scheinbar wie Bolle freute :daumen:

Fazit - Jakobsweg (Camino Francés) rockt. Für uns war alles fahrbar, bis auf wenige Stufen. Federwege bedarf es also keine, allerdings sind dicke Schlappen zu empfehlen. Was toll ist: Die Infrastruktur! Jeden Nachmittag nur schnell überlegen: Na was wollen wir denn heute noch fahren? Denn am Zielort ist bestimmt eine Albergue mit super Konditionen für den bescheidenen Biker (Pilger).

Wer Ideen und Anregungen zu ähnlichen Touren hat: Immer raus damit. Im nächsten Jahr interessieren mich: Die Alpen, die Pyrenäen, sowie die Südkarpaten. Die Mitstreiter vom Karwendel hatte ich ja schonmal angesprochen: @Silberrücken @Thias @Rieboldo @caemis @AirTomac
@ArSt

Ach bevor ich es vergesse, so ein Onewaybike entsteht ja nicht aus dem Nichts, meines ist aus den gesammelten Resten entstanden. Danke an @mubi für das KHS Frameset was ich dir damals abgetauscht habe (wir hatten viel Spaß und 3 verschiedene Aufbauten), vielen Dank lieber @ceo für die Bremsen, sowie die Sattelstütze. Und den Tacho nicht zu vergessen! Der hat mit mir nochmal 750km erlebt und erfreut jetzt hoffentlich einen weiteren Menschen.
Ach, ich habe ja auch vorgesorgt: @t.schneider ich hab immer noch Interesse an dem Marin Rahmen ;)
 
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Ich kann Georgien empfehlen. War mir dieses Jahr zum Wandern beinahe zu überlaufen, und natürlich sind Radler dort in weiten Teilen eher Freiwild. Man fährt dort ziemlich wild. Aber im Kaukasus waren sehr viele Urlauber mit Mountainbikes auf Mehrtagestouren unterwegs, die Region Swanetien ist mit (überwiegend unbefestigten) Wegen sehr gut erschlossen und Mestia als zentraler Ort sieht inzwischen kaum anders aus als ein toskanisches Dorf, das vom Tourismus lebt. Jede Menge guest houses, einfache, aber gute Restaurants (georgische Küche = ultralecker!), mit zwei, drei Brocken Russisch und Englisch kommt man gut weiter. Und (noch) sehr günstig, sowohl das Hinkommen (WizzAir), als auch das Leben dort. Die Freundlichkeit der Georgier ist ohnehin toll.
 
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Herzlichen Dank Kevin, für diesen unterhaltsamen MTB-R:)ise Bericht. Wir besprechen am besten alles Weitere im Mai bei unserer dritten, und hoffentlich nicht letzten, Karwendeltour :daumen: "in alter Frische"!
 
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Danke Kevin; tolle Tour & Geschichte. Abenteuer, Suspense , Drama und Herz vor großer Kulisse.
:daumen:

PS: Noch etwas Sex und Sie betteln um die Rechte.
 
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