Geometrie: Kettenstreben - Warum länger bei größeren Größen?

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Hallo zusammen,

man hört immer wieder die Frage warum Hersteller X oder Y die Kettenstreben Länge nicht vergrößert bei größeren Größen. Ich verstehe den Sinn dahinter nicht so ganz. Warum soll die Kettenstreben Länge mit zunehmener Größe (und damit zunehmendem Reach) größer werden.
Ist nicht eigentlich die entscheidende Größe für die Agilität der Abstand vom Schwerpunkt des (Fahrer-)Körpers zur Hinterachse?

Wenn der Reach größer wird, verschiebt sich der Schwerpunkt des Fahrers (der bei größeren Größen ja auch größer ist) nur marginal. Bzw. wenn überhaupt dann sogar eher nach vorne. Zusätzlich schränkt ein größerer Reach auch die Bewegungsfreiheit des Körpers, und damit des Schwerpunkts, nach hinten ein und vergrößert sie nach vorne. Die Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterrad wird also eher auf das Vorderrad verlagert.
Somit würden doch mit steigender Größe gleichbleibende, bzw. eventuell sogar kürzere Kettenstreben Sinn machen.
Vorausgesetzt der Fahrer, der vorher eventuell nur Bikes mit kürzerem Reach gefahren ist, versucht nicht die Verlagerung des Schwerpunkts auszugleichen, indem er zu hecklastig fährt.

Ausganspunkt für die Frage war die Überlegung warum Commencal beim neuen META AM die Kettenstreben so kurz gestaltet und das über alle Größen so beibehält.

Was ist dann der Grund für die "mitwachsenden Kettenstreben", wo ist der Fehler in meinen Überlegungen?
 

GoldenerGott

Fuchstrail Mountainbiker
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Schau Dir mal ein Bike in verschiedenen Größen an. Die haben heute alle einen Offset, um Platz für den Federweg des Hinterrads zu schaffen. Dadurch wird bei mehr Beinlänge automatisch der tatsächliche Sitzwinkel flacher und der Schwerpunkt verlagert sich noch stärker nach hinten, als bei Bikes ohne Offset.
Je weiter man Richtung Hinterachse sitzt, desto mehr verlagert sich auch der Schwerpunkt nach hinten und steile Uphills werden schwieriger, das Vorderrad hat weniger Grip im Sitzen. Bergab im Stehen wird es wendiger. Das Hochziehen zum Manual wird natürlich leichter mit kurzen Kettenstreben. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass es auch zu kurz gibt, ebenso wie zu lang. Fahr mal ein Bike mit 460 mm langen Kettenstreben. Da kann man nur noch über alles drüber rollen. Vorderrad hochziehen wird zum Kraftakt und kann in Sekundenbruchteilen vor einem plötzlich auftauchenden Drop kaum umgesetzt werden. Kann man mal verschiedene Bikes zur Probe fahren, merkt man die Vor- und Nachteile und kann sich überlegen, was einem lieber ist. Man kann die Kettenstrebenlänge aber nicht losgelöst von der restlichen Geometrie beurteilen. Letztlich muss alles zu Deiner Anatomie und Deinem Fahrstil passen. Tendenziell machen aber mitwachsende Kettenstreben durchaus Sinn.
 
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Stimmt, ans Hochfahren habe ich jetzt gar nich gedacht. Das wird dann bei vielen Rädern durch sehr steile Sitzwinkel kompensiert, was in dem Beispiel vom META dann wieder zusammenpasst.
Meine bisherigen Räder hatten alle relativ kurze Kettenstreben (435 - 440mm), komme damit auch gut zuerecht, habe aber natürlich keinen Vergleich zu wirklich langen Kettenstreben.

Es ging mir bei meinen Überlegungen hautpsächlich um die Position bei der Abfahrt, also im Stehen.
 
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Wenn du Agilität mit Wendigkeit gleichsetzt ist ehr der Radstand und der Nachlauf dafür verantwortlich. Der grund warum die Kettenstreben nicht länger gebaut werden dürfte sein das der Radstand dann einfach zu groß wird. Sprich größe xl von nen Fahrrad würde sich im gegensatz zu ner xs, s Größe wie nen Bus fahren.
 
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Wie schon erwähnt. Liegt an der Lage des Schwerpunkts!
Je länger das Sattelrohr ist / ja weiter der Sattel ausgezogen wird ist der Schwerpunkt weiter hinten.
Ich mit meinen 201cm sitze bei nem 26ger fast über der Hinterachse :hüpf:
Insb. bei Fullys passt dann die gesamte Kinematik nicht, da die auf eine bestimmte Schwerpunktlage ausgelegt ist!
 

trialsrookie

Stützradfahrer
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Also bei aktuellen Geometrien ist der Sattelauszug weit nicht mehr so ausschlaggebend wie früher. Ja, bei meinem 26er ist das noch übel, da war der Sitzwinkel aber auch so bei 72° vs. 76-78° aktuell.

Die Begründung, die ich eher gelesen habe, geht genau in die andere Richtung als im Eingangspost argumentiert wurde: dadurch dass sich bei großen Größen der Abstand Tretlager - Kontaktpunkt VR (bzw. Nabe) zunehmend vergrößert, verlagert sich das Gewicht durch die kurze/gleichbleibende Kettenstrebe zunehmend auf das HR. Um das auszugleichen, soll die Kettenstrebe mitwachsen.

Bei long/low/slack-Rädern wird ja immer darauf hingewiesen, dass man diese "aktiv" fahren muss, sprich KSP muss tendenziell nach vorne, um den notwendigen Druck auf das VR zu bekommen.

Was man wohl auf jeden Fall sagen kann, ist, dass längere Kettenstreben noch mehr Laufruhe reinbringen, man sitzt zentraler "im"/am Bike. Ich denke mal dass alle Designer, die dieses Verhalten ermöglichen wollen, auf lange bzw. mitwachsende KS setzen.
 
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Kettenstrebenlänge / Schwerpunktlage ist natürlich eher ein Thema im Sitzen. Oder zumindest das Delta Sitzen / Stehen.
Der längere Reach hilft mir dann insb. im Stehen.
 
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Aber die Schwerpunktlage im Stehen (überm Tretlager?) sollte sich über die Rahmengrössen weniger ändern als im Sitzen. Daher kommt ja dann das grosse Delta her.
Insb. bei meinem Bike ist es schon arg: Lege ich die Dämpfereinstellung auf Sitzen aus, nutze ich kaum noch Federweg im Stehen. Lege ich sie aufs Stehen aus, sackt mir der Hinterbau im Sitzen an Steigungen viel zu weit weg.
Das Problem haben "normalos" eben nicht so heftig.
 

McDreck

Cyclist for Justice
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Aber die Schwerpunktlage im Stehen (überm Tretlager?) sollte sich über die Rahmengrössen weniger ändern als im Sitzen. Daher kommt ja dann das grosse Delta her.
In so Extremfällen bei flachem realen Sitzwinkel, welche ja auch so eine Besonderheit bestimmter Rahmendesigns darstellt. Das Verhältnis Front-Center zu Rear-Center ist universell. Es bestimmt/beeinflusst die natürliche Gewichtsverteilung zwischen Vorderrad und Hinterrad. Gibt mittlerweile ja einige Räder bei denen realer und effektiver Sitzwinkel identisch sind, sprich das Sattelrohr ist nicht geknickt, und der dazu noch recht steil ist. Auch bei denen ist das FC:RC wichtig. Ändert man das, verändert man die Charakteristik des Rades. Bei Rädern mit nicht mitwachsendem Hinterbau haste genau diesen Effekt. Ein XL fährt sich anders als ein S, auch wenn der Fahrer im Verhältnis identisch ist.
 
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