KW-WB: Die TRASSE

Marcus

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Trasse, die; -, -n <franz.> Verkehrsw. Techn. (abgesteckte, festgelegte) Linienführung eines Verkehrsweges, einer Fernleitung: die T. der projektierten Umgehungsstraße; die T. der U-Bahn durchschneidet die Stadt von einem bis zum anderen Ende; eine T. für e. Erdölleitung, Kanal, Straßenbahn; bemannte Flüge auf der T. Erde -- Mond; die Arbeiten an der 14 km langen T. sind im Gange; die Talsperre wird die an der T. der Fernleitung liegenden Landgemeinden mit Trinkwasser versorgen; trassieren, trassierte, hat trassiert
dazu Luft-, Straßen(bahn)-, Tunneltrasse
[1]

Schoene Beschreibung des Wortes "Trasse", oder? Rob und ich wollten wissen, wie es sich in Realitaet verhaelt mit so einer Trasse. Ich meine, hier und da mal drei Kilometer bin ich ja auch schon auf einer traditionellen ostdeutschen, damals einfach brutal in den Wald geschlagenen Erdoeltrasse gerollt, aber eine Tour _nur_ auf einer Trasse lang, das hatten wir -- zumindest im ESK -- noch nicht.

Wurde also Zeit, dass da mal was ausgeheckt werden musste. Letzte Woche habe ich ja von meiner Singlespeed-Runde durch den Sand berichtet und hatte einige Fotos von richtigen Maennerwegen (damit ist in diesem Fall der Trassenkontrollweg gemeint) veroeffentlicht. rob schrieb daraufhin per PM, dass es vielleicht mal ratsam waere, mit dem ESK eine Tour nur auf so einer Trasse wegzureissen. Nachdem ich mein Top50 angeworfen hatte und mir schnell einen Ueberblick ueber die Entfernung einer Erdoeltrasse zu Orten mit guter Verkehrsanbindung verschafft hatte, bekam rob innerhalb von fuenf Minuten Antwort: Von Koenigs Wusterhausen (KW) nach Lutherstadt Wittenberg sollte unsere Tour gehen. Entlang oder besser gesagt, auf der Erdoeltrasse, die von der Raffinerie Schwedt direkt in unser Lieblings-Chemieindustriegebiet bei Bitterfeld fuehrt. Laut meinen Messungen in der Top50 sollte die Strecke 107 km lang sein.

rob sagte sofort zu und wir machten Samstag als den Tag aus. Leider kam rob was dazwischen, aber ein Eisenschwein waere kein Eisenschwein, wuerde er nicht einfach sagen: "Ok, dann machen wir's halt Sonntag". Frueh um 8.02 Uhr stiegen wir in den RegionalExpress, der uns von Ostbahnhof nach KW bringen sollte. Mit uns im Fahrradabteil eine Horde Neuntklaessler auf Klassenfahrt. Waehrend sich die Maedels langweilten, spielten die Jungs Skat (anstatt sich mit den Maedels zu beschaeftigen). Na ja, vielleicht ist man ja in dem Alter noch nicht "so".

Wir stiegen dann in KW ueber die Taschen von den Gruetzen und verliessen den Zug. Rob fummelte auf dem Bahnsteig erst mal an seinem Tacho -- erfolglos, er war nicht zu einer korrekten Anzeige von Geschwindigkeit und Strecke zu bewegen. Nach kurzer Zeit verliessen wir KW und stachen in den Wald. Wir mussten erst einmal den Weg bis hin zur Trasse ueberbruecken -- ca. 20 Kilometer. Fuer eine Wegbeschreibung moege der geneigte Leser doch bitte in meinen Tourbericht von letzter Woche schauen, genau so sind wir naemlich auch gefahren.

Gluecklicherweise war die Trasse genau im gleichen Zustand, wie schon letzte Woche: Sand. Ich meine richtig viel Sand. rob hatte ein fieses Grinsen in den Backen, als er das sah und ich denke, mir ging es aehnlich. Wir drueckten wie die Tiere durch die Zuckersandfurchen. Das Vorderrad suchte sich seinen Weg und schlingerte dabei 50 Zentimeter nach links und rechts. Keine Chance, dem Rad auch nur grob die Richtung vorzugeben. Hin und wieder wurde der Sand so tief, das nichts mehr ging. Das Laufrad stand dann bis ueber die Felge im Sand. Kurz an den Wegesrand (welcher Rand eigentlich?) getragen und weitergefahren. Meter um Meter kamen wir voran. Kein Gedanke verschwendet an: "Schaffen wir es heute noch?", "Haben wir genug zu trinken?", "Gibt es hier wilde Tiere?", "Sind wir eigentlich totel bescheuert, so eine Aktion hier durchzuziehen?".

Ganz interessant waren die Kilometermarkierungen der Trasse. Da sah man den stellenweise, wie wenig man schon geschafft hat. Trotzdem wusste ich die ganze Zeit, dass wir das Ding nach Hause bringen -- wie geplant und bevor es dunkel wird. Wir waren gerade irgendwo hinter Egsdorf in der Neuendorfer Heide. Wer aus der Gegend kommt, oder dort schon mal Biken war, weiss, was es mit dem Begriff "Heide" auf sich hat (wenn ich es mir so ueberlege, gilt das fuer ganz Brandenburg). Ich habe mir mal irgendwann angewoehnt, Landstriche, die dieses Wort im Namen tragen ob der schier unendlichen Vorkommen von Zuckersand tunlichst zu meiden (ich meine, hier und da mal paar Kilometer ist schon in Ordnung, aber zuviel muss auch nicht sein). Heute ging das leider nicht. Denn da wo die Trasse langgeht, mussten auch wir langfahren -- so war es abgesprochen. Welcher Biker kann schon von sich behaupten, mal sieben Kilometer lang auf einem Panzertrack das Relief der Landschaft abgefahren zu sein? Stellt euch die Trasse in der Neuendorfer Heide folgendermassen vor: Du hast Holzwueste. Sprich, Kiefernwald, ca. 20-25 Jahre alt. Nichts anderes. Nur Kiefern. In diesen "Wald" (der auf hellem Sand waechst) schlaegt man eine gut 100 Meter breite Schneise und laesst die dann so. Hier und da waechst eine Steppengrasart, aber gerade einmal so duerftig, dass ein Aufsetzen des Fusses das Wachstum einer Graspflanze der letzten zehn Jahren zunichte macht. Diese gut 100 Meter breite Schneise wird nun von einer weiteren, ebenfalls so breiten Schneise mit einer 110 kV Leitung drauf im 90 Grad Winkel gekreuzt. Dazu hast du Temperaturen weit jenseits der 30 Grad -- Schatten gibt es ja keinen. Was ein Bild! Leider musste ich zu diesem Zeitpunkt feststellen, dass der Akku meiner Kamera leer war. Ich bin wie angestochen ueber den Sand getobt und flucht die ganze Zeit vor mich hin. Das 360 Grad-Panoramabild von dieser Trassenkreuzung reiche ich aber auf jeden Fall irgendwann nach. Versprochen.

Mit der Wut im Bauch, drueckten wir weiter suedlich, Richtung Baruth. Wir erreichten das Baruther Urstromtal, wo wir uns ueberlegen mussten, wie wir einen 2 Meter breiten Wassergraben ueberqueren wollten. Nachdem ich meine Beine ausgiebig mit Brenesselblaettern massiert hatte und diese total rot waren, kletterte ich auf einen Jagdhochstand und konnte in einiger Entfernung einen Uebergang ueber den Graben erspaehen. Rob wurde vorgschickt, um meine Beobachtung zu verifizieren, was er dann auch wahrheitsgemaess machen konnte. Nun mussten wir noch ca. 2,5 Kilometer ueber eine Wiese. Querfeldein. Absoulut nervend und asozial, aber notwendig. Das naechste Stueck Wald, in dem die Trasse verlief, war dann genau von der gleichen Beschaffenheit, wie im vorletzten Absatz beschrieben...

Bei Klein Ziescht querten wir die Bahnstrecke. und folgten weiterhin der Trasse. Etliche Kilometer weiter machten wir dann das erste Mal Pause, der Tacho zeigt 52 Kilometer ab KW an. Ich bemerkte, dass mein Hinterrad scheinbar Luft verlor, schnappte mir also die Pumpe und machte noch etwas von der guten Luft rein. 200 Meter weiter war schon wieder wenige Luft drin und genau in diesem Moment knalle ich durch eine Bodenwelle. Snakebite.

Ersatzschlauch raus, leicht angepumpt.
Lautes Zischen zu vernehmen.
Shit.
Flickzeug raus.
Schlauch repariert und eingebaut.
Aufgepumpt.
Ventil schief.
Shit.
Luft wieder raus.
Neuer Versuch.
Das gleiche wieder.
Nochmal Luft raus und diesmal auf das Ventil geachtet.

Habe es dann geschafft, den Willen von dem Teil zu brechen und es blieb dann dort, wo ich es haben wollte. Endlich weiterfahren.

Ein paar Kilometer weiter erreichten wir Petkus und beobachteten im Vorbeifahren Skater auf ihrem neuen Rundkurs "Flaeming Skate" (oder so), bei uns besser bekannt als "Els Haustrail". Keine Ahnung, was er daran so toll findet auf einem zwei Meter breiten Asphaltweg Rad zu fahren, aber gut, wenn er meint, dass das in Ordnung geht, warum nicht? Jeder definiert Mountainbiken halt anders. Irgendwann bekamen wir Probleme: die Trasse war als solche nicht mehr zu erkennen, da sie quer ueber ein bestelltes Feld verlief. Da wir von der Gegend kein Kartenmaterial bei hatten (das fing erst zwei Kilometer weiter wieder an, was wir aber nicht wussten), schlugen wir grob eine Richtung ein, von der wir dachten, sie sei richtig. Ruettelnd ging es ueber Stoppelacker, die Gesichter schmerzverzerrt. Wir erreichten einen Ort: Vier Strassen, alle hiessen Dorfstrasse. Unglaublich. Wir stellten fest, dass es sich um den Ort Schlenzer handelte und freuten uns, denn das Kaff war am oestlichsten Rand auf unserer Karte verzeichnet. Vernuenfitge Navigation war also wieder moeglich.

Nun wurde Tempo gemacht, wollten wir doch in Wittenberg vor der Abfahrt unseres Zuges wenigstens noch ein Weissbier trinken. Nun kam es, dass wir zehn Kilometer weiter in Oehna an einem lecker Cafe vorbeifuhren und rob war absolut nicht davon zu ueberzeugen weiterzudruecken. Also kurz rangefahren und breitgemacht. Neben uns waren nur noch ein paar Skater anwesend (ja, auch hier geht El's Haustrail lang), die dummes Zeug laberten. Also ich meine, noch duemmeres Zeug als wir. Nach einer Apfelschorle + zwei Stueck Kirschquarkkuchen (rob) und zwei Radler + zwei Kirschquarkkuchen (rikman) und 10,40 Euro + Trinkgeld ging es wieder in den Wald. Wir ueberquerten kurz darauf die Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt und wurden sogleich Zeugen, wie Steuergeldverschwendung in seiner reinsten Form aussieht: Mitten im Wald (und ich meine damit wirklich "mitten im Wald") steht da doch tatsaechlich ein Schild, welches in der StVO als Nummer 327 gelistet ist: Radweg. Wir haben uns erst mal weggehauen und danach darueber philosophiert, warum es so etwas in Brandenburger Waeldern nicht gibt.

Als wir mit Laestern fertig waren(so eine halbe Stunde spaeter) und einen stinkenden Kuhstall weit hinter uns gelassen hatten, waren wir auch schon fast direkt an der Elbe, der wir aber heute ausnahmsweise mal keinen Besuch abstatten wollten. Von da aus waren es auch nur noch ein paar (unspektakulaere) Kilometer nach Wittenberg rein. Dort zogen wir erst mal Geld aus dem Automaten und erwiesen irgendeinem (der wahrscheinlich im Wochentakt stattfindenden) Luther-Fest die Ehre. Wir beschlossen vor dem sehnsuechtig erwarteten Weissbier erst noch etwas Nahrung zu uns zu nehmen und entschieden uns fuer einen Doener. Dieser hat ja bekanntermassen das beste Preis-/Sattmachverhaeltnis von allen an deutschen Imbissstaenden zu erwerbenden Fressalien. Nach dem wir die Dinger eingeatmet hatten rollten wir 50 Meter weiter und liessen uns bei einer ganz nett ausschauenden Pizzeria nieder. Nach ca. fuenf Minuten kam dann auch schon die Bedienung, man wuerde sagen, ein 20jaehriger, Golf I fahrender, dreimal-im-Jahr-nach-Malle-reisender Moechtegernsuedlaender in Achselshirt und Labberjeans.

Rob hat mich gebeten, ab hier fortsetzen zu duerfen. Also dann, leg mal los.

Die Tour: (vorbeigekommen an folgenden Ortschaften) Koenigs Wusterhausen > Krummensee > Gallun > Motzen > Mochheide > Egsdorf > Neuendorfer Heide > Baruth > Klein Ziescht > Kemlitz > Merzdorf > Petkus > Charlottenfelde > Schlenzer > Werbig > Borgisdorf > Langenlipsdorf > Oehna > Seyda > Leetza > Zoernigal > Labetz > Lutherstadt Wittenberg

Kilometer: 135
Fahrzeit: 6h38m
Hoehenmeter: ca. 350
Wetter: heiter, 20-25 Grad

Viele Gruesse, euer rikman

[1] Woerterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG)
 

Marcus

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Es gibt uebrigens auch ein paar (wenn auch leider viel zu wenige) Bilder. Schade, dass der Akku von meiner Kamera so frueh entleert war.

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Gruesse, Marcus
 

Marcus

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Das Gute-Nacht-Hoehenprofil.
 

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rob

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Spongohausen bei Berlin
Ja, mein Vorschlag die Trasse abzufahren war wirklich ernstgemeint. Deswegen freute ich mich umso mehr, dass Rikman sofort darauf einging. Leider konnten wir das Vorhaben, wirklich NUR auf der Trasse zu fahren nicht ganz realisieren, da sie, besonders weiter im Süden desöfteren von Feldern bedeckt war. So kamen aber noch ein paar Kilometer mehr dabei heraus.

Rikman hat den Hauptteil des 'Alpencross Brandenburgs' ja schon beschrieben, ich will trotzdem noch etwas ausholen.

Nach dem Örtchen mit dem schönen Namen Petkus konnten wir wunderbarste Trasse abfahren, bevor wir an einem Getreidefeld riesigen Ausmaßes stoppen mussten. Ein Blick von einem Hochstand verriet das Ende des Feldes nicht und so mussten wir unseren Weg an Ackerrändern und über gepflügte, knochentrocken-harte Äcker fortsetzen. Mit meiner Judy mit effektiven 2cm Federweg, der aber auch erst dann genutzt wird, wenn man mit 30km/h gegen eine Bordsteinkante brummt, kein wirklicher Spass. Ich glaube die Pace RC30 hat da mehr Schockabsortion.
Nochmal zur Trasse: ich konnte es kaum glauben, aber das Befahren machte wirklich saumäßig Spass, denn diese Schneise im Wald folgt ungehindert dem Relief der Landschaft und führt durch keinen Ort. Wenn man sie nicht umfahren muss, kann man locker 30km am Stück fahren ohne auch nur ein Haus oder eine Menschensehle zu sehen.

Wir kamen also nach Schlenzer, dem Ort wo jede Strasse gleich heisst - Einöde pur. Hier hatten wir schon ca. 70km auf dem Tacho. Leider war ab hier auch immermal der ein oder andere kurze Kilomterer Strasse dabei. Die nächsten Stationen waren ziemlich unspektakulär. In Langenpissdorf knurrte mir mächtig der Magen, also hielten wir an einer Gaststätte mit herzbrecherischem, ostdeutschen Autobahnraststättencharm an, mussten aber leider das Schild mit der Aufschrift 'Sommerpause. Next 23.8.' lesen. Nun gut, wirtschaften hat man hier noch nicht gelernt. Aber im nächsten Ort konnten wir Regionalentwicklung am eigenen Leibe erfahren, gab es doch dank der Skatertouris ein annehmbares Lokal in dem wir uns für die nächsten Kilomter ein leckeres Kirsch-Quark-Fundament legen konnten.
Frisch gestärkt stiessen wir in den Wald. Die Wege waren hier gut fahrbar, sodass wir mit 25km/h durch die Heide knallten. Ausnahmsweise entsprach hier die Heide auch dem Bild das man normalerweise von einer Heide hat: flache Kiefern, Birken, lila Heidekräuter und Gras en mas. Problem war nur, dass der Weg plötzlich zu Ende war und es nurnoch in westlicher Richtung ging ging. Aber es war richtig. Wir sind nur so schnell unterwegs gewesen, dass wir nicht dachten schon an der brandenburgisch-sachsen-anhaltinischen Grenze (was für ein Wort) zu sein.

Auf sehr flotte Weise gelangten wir nun weiter. Es lief, obwohl wir nun schon weit über 100km in den Beinen hatten noch überraschend gut. Die Wege liessen aber auch ein hohes Tempo zu - obschon man sagen muss, dass wir auf der ganzen Strecke merklichen Gegenwind aus SW hatten. Doch der Kuchen gab genug Kraft. Wir gelangten also über einige Schlenker und nach weiteren 30km nach Lutherstadt-Wittenberg. Der Ort hat ein wahrlich pitoreskes Innenstädtchen, jedoch die Leute die heute hier wohnen scheinen von dem Stile der damaligen Zeit wenig übrigbehalten zu haben. Also ich meine genrell von Stil.

Wie schon erwähnt nahm eine äußerst trübselige Gestalt unsere Bestellung auf. Zu unserem Entsetzen führte die Lokalität kein Hefeweizen, obwohl alle Stühle mit 'Erdinger Weissbier' bedruckt waren. Zu unserem zweiten Entsetzen verlangte man von uns sage und schreibe VIER Eurosen für ein Pils zu löhnen. Nach dreimaligen Nachfragen meinerseits und dreimaligen Bejahen der anderen Seite legten wir die Kohle auf den Tisch und dampften ab. Und das in einer Stadt in der nur häßliche, arbeitslose Menschen wohnen - Deutschland gute Nacht.
Wir machten uns auf zum Bahnhof und konnten unterwegs die Lagerhallen und dazugehörigen Güterzüge der Bundesmonopolverwaltung für Branntweine entdecken. Für das Anstechen eines Güterwaggongs blieb leider keine Zeit mehr, sollte unser RE nach Berlin doch gleich abfahren. RE? Nix da! In Wittenberg - man ist ja schliesslich Weltstadt und hier hat vor 500 Jahren nicht irgendwer vergilbte Zettel an morsche Kirchentüren gehämmert - verkehren nach Berlin nur noch ICE's! Deutschland gute Nacht!

Die ausweglose Situation schnell erkannt beschlossen wir den bereitstehenden Zug nach Dessau zu nehmen. Dieses Kaff war uns aus Jockels Erzählungen bekannt und auch Eisenschwein Clemens1 verbingt seine Tage dort mit Studieren. Unterwegs konnten wir bei der überaus netten und gesprächigen Schaffnerin unsere Tickets nach Beeliz-Heilstädten (ab dort sollte unser C-Ticket von Berlin gelten) erwerben: 12,4€. Hossa! Und dann auch noch ne Fahrradkarte dazu. Aber nee, 12,4 ist ja der Preis von Wittenberg direkt nach Berlin und wir mussten ja über Dessau - macht dann 15,6. In Dessau angekommen stellten wir fest, dass der nächste RE nach Berlin erst in über einer Stunde fährt und zudem dann noch 2 Stunden braucht bis zum Ostbahnhof - dafür zahlt man doch gerne mehr! Deutschland gute Nacht!

Eine kleine Stadtrundfahrt brachte uns das ganze Elend dieses Ortes näher und so beschlossen wir die restliche Zeit bei einem gepflegten Weissbier zu verbringen. Idyllisch an einer vielbefahrenen Strasse sitzend konnte man das noch größerer Elend der hiesigen Bevölkerung wahrnehmen, deren einzige Befriedigung darin liegt, unschuldige Menschen mit denkbar schlechter Musik aus denkbar prolligen Autos zu beschallen. Bei mehr als jedem zweiten KFZ war das der Fall. Deutschland gute Nacht!
Erfrischt nach dem Weizen rollten wir zurück zum Bahnhof und erspähten unterwegs ein Spätverkauf der gekühltes Flaschenbier für 1 Euro preisbot. Eine bessere Beschäftigung für die lange Zugfahrt war nicht denkbar. Ausserdem konnten wir so gut unsere ausgeschwitzten Mineralstoffe zuführen. Ich also vier Hülsen eingepackt und ab gings.

Am Bahnhof konnte ein Schild mit einmaliger Aufsschrift fotodokumentarisch festgehalten werden: 'Radführen erlaubt!' Auf dem Bahnsteig wartend wurde uns das Größte aller Elende vor Augen geführt: besoffene sächsiche Regionalligafussballfans. Deutschland gute Nacht!
Die Bahnfahrt über liessen wir es uns gut gehen, tranken uns etwas Hoffnung an was unser Land angeht und resümierten die geniale Tour.

Nicht nur das unsere längste Tour mit dem Geländerad bisher war, es war auch eine der schönsten die ich gefahren bin. Ich war überrascht, dass wir bis zum Schluss ordentlich Druck aufs Pedal bringen konnten - und das bei über 130km. Der Beginn der Tour war zwar mit am härtesten, aber wir konnten unser eigenes Tempo fahren (und waren dabei trotzdem flink unterwegs). Ich denke wir werden nicht das letzte Mal die Trasse, unseren treuen und ehrlichen Freund, besucht haben.

rob
 
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Menis

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komme garnicht aus dem lesen dieser genialen berichte heraus - bzw an meine redliche arbeit (ja p+r...) heran. die idee mit der trasse ist sehr schön! vielleicht können wir die tour im winter (so -3 grad und schneematsch) nochmal wiederholen? jungs - das liesst sich wie eine richtige, ehrliche eisenschweintour! hut ab und bis bald... menis
 

Ackebua

Im Winter gibt es Schnee.
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Berlin-Pankow
Reife Leistung, Ihr Pansen! Das nenne ich eine wirkliche sportliche Herausforderung, der Ihr Euch gestellt habt. Selbst die Berichterstattung verdient das Prädikat "Janz juut" :daumen:
 

nicolai

...
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Berlin/F'Hain
Original geschrieben von Menis
... vielleicht können wir die tour im winter (so -3 grad und schneematsch) nochmal wiederholen?

Bin auch dafür das im Winter zu machen, dann gibt es wenigstens kein Zuckersand Problem mehr. ;)

Ziemlich heftige Tour, Respekt !! :daumen:

P.S. Schade das es keine Bilder von der Trasse zu sehen gibt.

Gruss, Nicolai
 

jockel

Cpt.Ahab
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Setzt man voraus, daß uns die lokale Presse, zur Steigerung ihrer Auflage, mal nicht mit aufgebauschten Ammenmärchen versorgt, sondern am Ende Recht behält, so werden uns in naher Zukunft wohl des öfteren Konditionen wie die beschriebene ins Haus stehen.
Wohl Denen, welche sich und ihre Technik bereits heute auf die künftig zu stellenden Aufgaben einstellen.

Tapfer Jungs, habt Ihr doch allen gezeigt, daß selbst Ihr, als Teile der Spaßgesellschaft, zu derartigen Entbehrungen bereit seid.
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Ihr, unter brennender Sonne, die Zunge fest am Gaumen angeklebt, die Wohnstätten der unwirtlichen Mark sorgsam umgehend, Euren Weg gesucht habt. Geführt von den Schneisen der Wohlstandsgesellschaft, welche diese mit gewalttätiger Hand in das dürre Pflanzenkleid der heimatlichen Mark geschlagen hat. Seid versichert: Ich fühle Euch nach.

Original geschrieben von rob
RE? Nix da! In Wittenberg - man ist ja schliesslich Weltstadt und hier hat vor 500 Jahren nicht irgendwer vergilbte Zettel an morsche Kirchentüren gehämmert - verkehren nach Berlin nur noch ICE's...
...beschlossen wir den bereitstehenden Zug nach Dessau zu nehmen.
Halt! Falsche Richtung. Hättet Ihr stattdessen die Regionalbahn nach Jüterbog genommen (Abfahrt alle zwei Stunden, jeweils ungerade Stunde 14) hättet Ihr dort (in Jüterbog) direkt Anschluß nach Berlin gehabt. Fahrzeit: 1:26 bis Ostbahnhof.
 

onkel

------------------
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Eine wirkliche Männertour, da wundert man sich dass solche Recken noch so fein die Feder schwingen können!

Wenn ihr den Sand wegschaufeln würdet, würde ich ja mal an so einer Trassentour teilnehmen wollen!
 

steinbeißer

haaallloooooooooo
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kuckuckstown im eichsfeld
super bericht, fette tour, spitze!!


sand, ja sand haben wir leider bei uns nicht (ist aber spitze für die fahrtechnik).
aber, von dessau aus ist es doch gar nicht mehr soooo weit bis ins thüringsche eichsfeld....hättet ihr ja mal auf ein weizen vorbei schauen können!!

@rob: als denn, wir sehen uns im august?!
 

Marcus

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Original geschrieben von jockel
Halt! Falsche Richtung. Hättet Ihr stattdessen die Regionalbahn nach Jüterbog genommen (Abfahrt alle zwei Stunden, jeweils ungerade Stunde 14) hättet Ihr dort (in Jüterbog) direkt Anschluß nach Berlin gehabt. Fahrzeit: 1:26 bis Ostbahnhof.

Shit. Jetzt faellt mir ein, was ich noch schreiben wollte:

"Und wehe, jockel macht sich lustig ueber unsere beschissene Rueckfahrplanung, dann gibt es Kloppe!"

Fakt ist, dass wir 18.03 in den Bahnhof von Wittenberg kamen und 18.04 der Zug ging. An JB habe ich in dem Moment garnicht gedacht...

Ausserdem will ich an dieser Stelle noch das Gespraech bei der Bestellung der Biere in Wittenberg nachliefern. So hoerte mein Bericht auf (den ich eigentlich noch zu Ende geschrieben habe und hier jetzt rumliegt, aber rob wollte unbedingt weiter dichten).

Er (Kellner): "Was wollt ihr?"
rob: "Ja zwei Erdinger." (War ueberall Erdinger-Werbung an der Bude dran)
Er dreht sich gelangweilt um und schaut die Strasse runter.
rikman: "Zwei Weissbier."
Er: "?"
rikman: "Irgendein Hefeweizenbier?"
Er: "Ham wa nich"
rob: "Aber steht doch hier ueberall dran?!"
Er: "Hasseroeder, Warsteiner"
rikman: "Zwei Hasseroeder"

:lol:

Gruesse, Marcus
 

J-CooP

Eisenschweinkader
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Wirklich herrlich! Klasse Tour und nicht minder gute Berichte.
Das gibt bestimmt jde Menge ES-Punkte.

Ich habe Sonntag Abend auch noch Chrisu, Florian (war auch im Harz) und noch einen Potsdamer durch den Süden gescheucht. Schöne 70km,

Und in Blankensee ist die Welt noch in Ordnung. Da kostet ein Hefe 1,80 und ein Radler, das da Potsdamer heißt 2,00.

Eine Stromtrasse gibt es ja bei mir hier auch. Vielleicht tue ich mir das auch mal an.

Nur ist jetzt erstmal meine Gabel zum Buchsentausch bei Centurion, oder auf dem Weg dahin, und das kann jetzt dauern:(
 

sketcher

over the hills
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Eichsfeld
Scheint so, als ob man sich nur durch solche Zivilisationsflucht der wahren Schönheit des Lebens öffnen kann. Immer wenn ihr euch in der menschenfeindlich Umgebung geschunden habt, fühltet ihr euch wohl. Unter Menschen eher weniger.
Jockel hat mir das mal erklärt, das mit dem Eremidentum auf dem Geländefahrrad. Und ich muß im Recht geben.

So kann unsere Forderung nur lauten:
Mehr Trassen für Deutschland!

Das wäre doch was für die DIMB! Und die Zweimeterregel ist auch kein Problem. ;)

Grüße
sketcher
 

rob

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Spongohausen bei Berlin
Original geschrieben von sketcher
Und die Zweimeterregel ist auch kein Problem.

*lol* weiss gott nicht...


Original geschrieben von sketcher
Unter Menschen eher weniger.

nun ja, ich habe mich das auch schon desöfteren gefragt und würde drei möglichkeiten anbieten:

- nach einer wunderschönen tour, abseits der zivilisation inmitten der natur im einklang mit sich selber ist halt alles was auf einen einprasselt einfach nur abtörnend - und wenn goethe höchstpersönlich am zielbahnhof einer tour faust zitieren würde,

- oder liegt es daran, dass der großteil der bevölkerung (hmmm, sagen wir 80%, in machen städten auch 98%), gelinde gesagt nicht ganz dicht ist,

- oder könnte der grund doch der sein, dass der esk, zurecht, über all dem steht?

sind die 80% (oder98%) normal und der rest unnormal (wenn ja, dann gute nacht deutschland), oder sind die 80% (oder98%) unnormal und nur der rest normal (wenn ja, dann gute nacht deutschland)??

schneematsch ist auch mal ne ansage, aber bisdahin ist noch genug zeit zum schwitzen, r°b

p.s.: nächste trassenaktionen:
° schwedt - rostock 280km
° die drushba-leitung von schwedt nach westsibirien 5000km
 

X-Präsi

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Original geschrieben von sketcher

So kann unsere Forderung nur lauten:
Mehr Trassen für Deutschland!

Das wäre doch was für die DIMB! Und die Zweimeterregel ist auch kein Problem. ;)

Grüße
sketcher

Laß ma stecken ! Als Ergebnis wird dann bestimmt janz flott die 2m-Regel kurzerhand umgedreht - also nix mehr über 2m Breite erlaubt !

Eigentlich ne geniale Taktik...

Open Trassen !
 
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