Mal angenommen, ihr macht eine Weltreise mit dem Bike...

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Guter Artikel, bekommt ein Lesezeichen.

Bin überrascht das man da so günstig wegkommt wenn man das Bike komplett selbst zusammen stellt.

Dachte immer Radschmieden profitieren von besonderen Rabatten die sie an die Kunden weitergeben können.
 
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Ich reaktiviere mal diesen Thread, auch wenn es streng genommen im Folgenden nicht um eine Weltreise geht, eine Weitreise ist es aber allemal:

Seit Jahren hatte mein Neffe den großen Traum, nach dem Abi mit dem Fahrrad von Berlin nach Japan zu fahren, vergangenen Sommer war die schulische Laufbahn dann erfolgreich absolviert und die Planungen für dieses Vorhaben wurden konkreter. Mir oblag es nun, für einen passenden fahrbaren Untersatz zu sorgen, und da er zwischenzeitlich auch seine Freundin mit dem Radreise-Virus infiziert hatte, mussten gleich zwei entsprechende Räder aufgebaut werden.

Nachhaltigkeit und das Ausschöpfen von Ressourcen stehen bei beiden hoch im Kurs, zudem lag das Budget jeweils bei lediglich € 1000,-, starre Stahlrahmen-MTBs aus den frühen 90ern erschienen somit als die perfekte Basis für den angedachten Einsatzzweck. Die Suche wurde dann recht bald auf Modelle von Marin eingegrenzt, Gründe dafür: Die Oversize-Rohre (35mm Unterrohr, 31.8mm Sitzrohr) und der voluminöse Afterburner-Hinterbau bilden ein stabiles und steifes Gerüst, die wichtigsten Anlötteile sind vorhanden, zudem waren meine Erfahrungen mit der Marke bisher durchweg positiv. Passende Räder fanden sich am selben Wochenende über Kleinanzeigen, kurioserweise nur wenige hundert Meter voneinander entfernt in Heiligensee, beide wurden von Menschen um die 60 angeboten, welche die Räder 1991 neu gekauft hatten, um sich etwas mehr zu bewegen, in beiden Fällen war es offensichtlich bei dem Vorsatz geblieben. Die Verschleißteile waren allesamt original und nur wenig verschlissen, Schmauchspuren an den Rahmen gab es reichlich, rührten aber im wesentlichen vom jahrelangen Hin- und Herräumen in der Garage bzw. auf dem Dachboden her. Konkret handelte es sich um ein Marin Eldridge Grade in 17.5" und ein Marin Pine Mountain in 19", und so sahen sie aus (gibt leider kein besseres Bild):



Die meisten Teile wurden verkauft bzw. gespendet, nur weniges wurde weiter verwendet. Trotz individueller Vorlieben war es mir wichtig, beide Räder grundlegend mit dem selben System auszustatten und möglichst viele Teile gleich bzw. untereinander austauschbar zu wählen. Die Aufbauten im Detail:

Die Laufräder wurden bei Goldsprint von Hand gebaut (hab da bereits fünf LRS bauen lassen, klare Empfehlung für die Berliner) und bestehen aus folgenden Komponenten:

Nabe vorn: Shimano Nabendynamo DH-3N72, 32H
Nabe hinten: Shimano Deore LX FH-T670, 36H
Felge vorn: Ryde Andra 30, 32H
Felge hinten: Ryde Sputnik, 36H
Speichen: Sapim Force
Reifen: Schwalbe Marathon Mondial 26x2.0 Faltreifen

Beim Antrieb fiel die Wahl auf 9-fach, da langlebig, robust und bewährt, zudem sind Verschleißteile günstig und einfach verfügbar. Vorn drehen 3-fach-Kurbeln (alte LX vom Eldridge Grade bzw. ungelabelte Sugino) mit den besseren Stronglight-Kettenblättern in der Abstufung 46/36/24 bzw. 46/34/24 (der Deore-Umwerfer stieß leider am 36er KB an), gewechselt wird mit einem alten Suntour- bzw. einem relativ aktuellen Deore-Umwerfer, hinten bedienen Deore-Schaltwerke Kassetten mit 11-34 Zähnen:





Beim Cockpit gibt es wesentliche Unterschiede:

Er wollte unbedingt einen Dropbar, das ließ sich sinnvoll nur im Dirtdrop-Stil mit steil aufsteigendem Vorbau realisieren, Lenker ist ein Ritchey Venturemax, welcher recht viele mehr oder weniger komfortable Griffmöglichkeiten bietet, geschaltet wird mit Microshift Lenkerendschalthebeln, gebremst mit Tektro RL520 Bremshebeln:



Sie wollte keinen Dropbar, die nächst bessere Variante für Langstrecken-Einsatz schien mir ein Jones-Bar zu sein, und da das Original das Budget gesprengt hätte, wurde es die Kopie von On-One namens Geoff, geschaltet wird mit Deore-Rapidfire, gebremst mit Avid FR5:



Bremsen sind die einfachen Deore V-Brakes mit Koolstop R16-Belägen (die sind dicker und damit langlebiger), vorn schwarz und hinten lachs. Tubus-Gepäckträger vorn und hinten, SKS-Schutzbleche und mittelpreisige Lampen von B&M vervollständigen das Ganze, und so sehen die Räder schlussendlich aus:





Die Beiden sind jetzt seit drei Monaten unterwegs, haben reichlich 5000km zurückgelegt und befinden sich momentan in Tiflis. Die Räder haben sich bisher bestens geschlagen, Ketten werden intervallmäßig alle 2000km gewechselt (jeweils drei haben sie dabei), ansonsten funktioniert alles zufrieden stellend, mit einer Ausnahme: Die Marathon Mondial gelten ja gemeinhin als unzerstörbar, als der Abenteuer-Reiserad-Reifen schlechthin, gut für mindestens 20.000km und nahezu unplattbar. Die bisherige Platten-Bilanz: Er acht, Sie einen, also insgesamt neun auf 10.000km, das erscheint mir dann doch recht viel. Oder der Junge stellt sich einfach an.



Hoffe die Ausführungen waren für den ein oder anderen interessant, hilfreich oder inspirierend, danke für die Aufmerksamkeit.


PS: Für die Lowrider-Montage und die Lichtkabel-Verlegung zeichne ich nicht verantwortlich.
 

randinneur

gekühlt streichzart
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Sehr, sehr geil. Gute Story! Einzig auf einen Gewindesteuersatz würde ich heute verzichten, zwecks Spezialwerkzeug und so.

Immer gut, wenn mindestens einer in der Familie vom Fieber befallen ist.
 
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Einzig auf einen Gewindesteuersatz würde ich heute verzichten, zwecks Spezialwerkzeug und so.
Hätte auch lieber Ahead verbaut, aber mal abgesehen vom limitierten Budget habe ich schlicht keine passende Gabel mit der korrekten Einbauhöhe gefunden. Einmal sauber eingestellt und gekontert ist so ein Schraubsteuersatz aber eigentlich auch relativ unproblematisch, im schlechtesten Fall müssen sie halt einen Radladen ansteuern, bisher scheint das aber zu halten.
 
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