Steinhummers Literat(o)ur Ecke

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30. Juli 2001
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Koblenz
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Steinhummers Literat(o)ur-Ecke. Aber lassen wir den Autor selbst sprechen:
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Buch jetzt!

Mit Büchern ist es wie mit Sätteln: Man muss sie erst kaufen und testen, um herauszufinden, ob sie für den Ar*ch sind. Kein Wunder, dass manche die Ausgabe scheuen und ewig auf einem Brooks kleben bleiben... Das muss nicht sein!
Um dem begrüßenswerten Trend zum Zweitbuch weiter Vorschub zu leisten, werdet ihr hier in loser Folge Pretiosen der Radbelletristik präsentiert bekommen, mit einer Leseprobe sowie meiner höchsteigenen Meinung als mögliche Entscheidungshilfe.
Teilnahme würde mich freuen, deshalb Kritikkritiken, Meinungen, Anmerkungen, Buchvorschläge und eigene Rezensionen einfach über die Tastatur eingeben.

"Books are not dead, they just smell funny."

Steinhummer
 
"Tödliche Tour"

Böses Dorf

Der Mann hat drei Gewissheiten. Die Welt ist böse. Die Welt ist ein Dorf. Und du kannst es schaffen, wenn du es wirklich willst. Das ist der Grundstoff, um den Greg Moody eine wilde Story strickt...

Der Rahmen

Will Ross ist ein abgehalfterter Ex-Straßenprofi, der seine Tage im Dämmerlicht von Hildas Kneipe mit billigem Rotwein wegspült. Ross kommt aus Michigan. So sanft gewellt wie seine Heimat ist auch seine kurze Karriere im europäischen Radrennsport verlaufen, ohne nennenswerte Höhepunkte. Dann fiel er hinten aus dem Feld und strandete in einer grauen belgischen Kleinstadt.
Das Leben ist ein ruhiger roter Fluss, als ihn sein Manager anruft und ihm erklärt, er habe einen Job als Wasserträger bei Haven, einem der besten Profiteams. Deren Star ist bei einer vermeintlichen Gasexplosion ums Leben gekommen, die restliche Truppe eine Stufe aufgestiegen. Ross darf sich hinten anstellen, und zwar übermorgen.
Was wie ein Märchen klingt, entpuppt sich schon bald als perfider Plan aus der Haven-Konzernspitze. Politik und Justiz sitzen mit im Boot, klar, und der gedungene Böse entstammt einer berüchtigten französischen Institution, der Fremdenlegion. Ross ist nur eine - ungewollt wichtige – Figur auf dem großen Schachbrett der Landstraße und dazu auserkoren, beizeiten mit einem lässigen Fingerschnicken vom Feld gekegelt zu werden. Doch dann wird sein einziger Freund ermordet, und Ross beginnt, dem übermächtigen Schicksalsfinger selbigen zu zeigen...

Testfahrt

Jetzt kam der Fahrer näher, viel schneller, als Jablom es für möglich gehalten hätte. Das war kein Tourist, das war ein Fahrer, der draußen sein musste, weil es ihm jemand befohlen hatte, oder weil er von sich aus dazu getrieben war. Dieser Drang, jeden Tag zu fahren, war ein Affe, der Jablom noch viele Jahre nach seinem Rücktritt im Nacken gesessen hatte,
Er zog ein letztes Mal an seiner Gauloise und schnippste sie in Richtung Straße. Der Wind drehte plötzlich, erwischte die Kippe und blies sie ihm wieder entgegen. Jablom duckte sich und bürstete sich die Asche von seiner Arbeitsweste. Eine schmutzige Angewohnheit. Ich muss damit aufhören.
Er konnte sehen, dass der Fahrer die Änderung der Windrichtung ebenfalls zu spüren bekam. Sein Tempo ließ nach und es sah so aus, als hätte er zu kämpfen. Es ist immer schlecht, dachte Jablom, auf dem Heimweg einen bitteren Wind im Gesicht zu haben. Jetzt kam er näher. Jablom konnte das Haven-Trikot und die gelbe Radbrille und einen schwarzen Kopfschutz erkennen sowie eine dicke Rotzfahne, die aus der Nase des Fahrers lief und in seinen Mundwinkeln hing.
Der Mann ist am Ende, dachte Jablom. Er hatte Mitleid und winkte ihn in den Laden. Der Haven-Mann hielt dankbar an.
„Komm rein. Es ist warm im Laden und ich habe eine Flasche Wein.“
Jablom sah, dass das Gesicht des Fahrers von roten Striemen durchzogen war, hässlichen Schnitten mit gelegentlichen schwarzen Nähten. Das vom Wind brennende Gesicht mit den Schnittwunden und den blauen Lippen sah aus wie das des Frankenstein-Monsters, nachdem es ein Fahrrad gestohlen hatte.
„Merci.“
„Non. Entrez s’il vous plait.“
„Merci.“
Das war alles, was Will im Moment sagen konnte. Der Schwung, den er vorher gespürt hatte, hatte nicht ausgereicht. Die Zeit und die Natur hatten sich gegen ihn verschworen und ihn langsam zermürbt. Mit jeder Richtungsänderung, so schien es, hatte der Wind gedreht und kam ihm immer wieder entgegen, kalt wie Stahl und immer stärker werdend. Der steinalte Mann in seinem schmuddeligen Kittel, der ihn heranwinkte, kam ihm vor wie ein Engel, der geschickt worden war, ihn zu retten. Er hätte weiterfahren sollen. Es waren höchstens noch 45 Minuten bis zum Velodrom und einer unerschöpflichen Menge heißen Wassers. Aber es gab keinen Grund, unvernünftig zu werden – er hatte trainiert und es sich bewiesen.
Es war Zeit für ein Bier. Oder für einen Kaffee. Oder um einfach nur den Rotz aus dem Gesicht zu wischen.
Die Tür zum Laden ging auf und die Glocke läutete müde, als wäre sie genauso erschöpft wie Will. Die Wärme traf ihn wie ein Schlag, die Wärme und der Geruch. Beides überschwemmte ihn wie eine Welle. Die Wärme strich über sein Gesicht und er merkte, dass ihm der Rotz in Strömen aus der Nase lief, während ihm gleichzeitig der Geruch von Lagerfett, Öl, Stahl und Gummi das Gefühl gab, an einem sicheren Ort zu sein. In einem Fahrradgeschäft fühlte er sich immer sicher. Auf einem Fahrrad fühlte er sich immer sicher.

Dämpferrate

So wie Will Ross – und wohl jedem – beim Rad fahren, so geht es Greg beim Schreiben: Er hat gute und schlechte Tage. Schade nur, dass sich die schlechten im Zielspurt häufen. Denn der Mann beginnt den Papiermarathon hoffnungsvoll, spannungsgeladen und recht feinfühlig. Wir spüren die große Rotwein-Schwere, wenn Ross am Tresen sitzt, riechen den süß-sauren Geruch aus schimmelnden Trikots und Duschgel im Innern des Mannschaftsheims, einem verfallenen Velodrom, und würden Cheryl gern mal kennenlernen, die Masseurin des Teams, die nicht nur Ross’ Oberschenkel massiert, sondern auch seine Seele.
Dann nimmt die Tödliche Tour Fahrt auf, das Tandem Moody/Ross gewinnt an Form, Ross auf einem alten gemufften Colnago mit Rahmenschalthebeln, das einen Sprengstoffanschlag, einen Auffahrunfall und Paris-Roubaix übersteht, Moody mit sensiblen Rückblenden in Ross’ Radsport-Jugendjahre und witzigen Sequenzen aus dessen Träumen vom Radrennfahrer-Himmel, in dem sich ein weiser, gutmütiger Fausto Coppi ständig mit dem galligen Jaques Anquetil streitet. So weit, so gut.
Doch dann scheint Greg Moody der Meinung gewesen zu sein, noch einen Zahn zulegen zu müssen, und bald kracht es wie in einer Vorabend-Actionserie. Plastiksprengstoff zerreißt die subtile Spannung, der finstere Ex-Legionär als Frankreichs Antwort auf das A-Team. Dazwischen wirklich packende Rennschilderungen, mit viel Fingerspitzengefühl geschrieben, die gar nicht zum hollywoodesken Spektakel drumherum passen wollen. Ein Kampf ist entbrannt, der bei Paris-Roubaix seinem Höhepunkt zustrebt, und mit Grauen müssen wir zuschauen, wie Literat Dr. Moody dem blutrünstigen Greg Hyde unterliegt! Der zieht wirklich alle Register, um gen Schluss auch noch den letzten kurzlebigen Stirnrunzler abzugrasen und uns in einer Schussfahrt des Irrsinns aus dem Buch zu kicken, auf dem Gesicht nichts als ein großes Fragenzeichen: Was sollte das jetzt? Denn plötzlich schließen sich alle Kreise in einer kugellagerkugelkleinen Welt, Cheryl stellt sich als eine Art Stiefschwester von Will Ross aus Jugendtagen heraus, die Assistentin des altersverwahrlosten Kommissars zufällig als die Schwester des Profikillers, und das Komplott des kühlen Konzernlenkers erscheint nun wie das acid-schwangere Werk einer Manson-Reinkarnation. Die Welt, ein böses Dorf voller Irrer.
Fazit: Der Dämpfer kommt spät, aber gewaltig.

Verarbeitung

Stabiler Umschlag, dessen schrilles Motiv hätte Warnung sein müssen. Angenehme Schriftgröße.

Technische Daten

Greg Moody: Tödliche Tour. 319 Seiten, Format ?? x ?? cm, broschiert. Delius Klasing Verlag (Bielefeld) 1999. 14,90 Euro (ISBN 389595148X)
 

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Lockere Lektüre eben.


Aber jetzt kommt der Albtraum von Peter Wark.

Der Autor:


Peter Wark,1961 auf der Schwäbischen Alb geboren, lebt heute nördlich von Stuttgart.
Nach fünf Semestern ungeliebtem BWL Studium wechselte er ins Journalistendasein, wo er bereits seit 15 Jahren bei verschieden Tageszeitungen als Redakteur tätig ist.

Für seine Arbeit wurde er mit zwei Journalistenpreisen ausgezeichnet.Die anhaltende Verbundenheit mit der schwäbischen Alb, seine Leidenschaft fürs Mountainbiking und seine Interesse an Kriminalliteratur animierten ihn zu seinem ersten Kriminalroman.


Kurzbeschreibung


Ein Toter am Stuttgarter Flughafen - Mord. Warum wird gerade der Stuttgarter Journalist Jörg Malthaner von der Polizei an den Tatort gerufen? Ein Zettel bei dem Toten gibt den Hinweis, dass es sich um Malthaners ehemaligen Schulkameraden Dietmar Hochdorf aus Albstadt handeln muss, der ihn nach langen Jahren um ein Treffen bat. Jetzt ist ihm klar, warum Hochdorf am vereinbarten Treffpunkt nicht erschienen ist. Diese Vorkommnisse lassen Malthaner in seine alte Heimat, die Schwäbische Alb, zurückkehren, und nach und nach werden die Umstände von Hochdorfs Tod immer mysteriöser. Malthaner beginnt mit eigenen Recherchen. Allmählich stellt sich heraus, dass der ehemalige Musterschüler in üble Machenschaften verstrickt war. Hat er tatsächlich Geld in Millionenhöhe unterschlagen? Und weshalb inter sich der Lokalredakteur vor so sehr für Malthaner und informiert ihn über geheimnisvolle nächtliche Aktivitäten in der hiesigen Mülldeponie? Noch ehe es ihm richtig klar wird, gerät Malthaner selbst in die Fänge einer kriminellen Bande.


Leseprobe

Um zehn hatte er sen Saab gepackt.Seine grüne Reisetasche hatte er mit ein paar Klamotten vollgestopft, Jeans, T-Shirts, zwei paar Schuhe und Radklamotten.Er montierte den Fahrradträger aufs Dach und zurrte das Centurion-B
 
na ja , er zurrte eben das Bike fest.


Alles in allem sehr langatmig.Auf den letzten 10 Seiten überschlagen sich die Ereignisse.

Broschiert - 285 Seiten - Armin Gmeiner Verlag
Erscheinungsdatum: Mai 2001
ISBN: 392663345X
Preis: 9.90 €
 

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Böses Dorf

Schrill wie ein grellowes Fat, schräg wie ein Slingshot, schön wie ein gelötetes Ritchey, witzig wie ein Salsa, eigenwillig wie viele Schatz-Kisten, die in den Kellern der Classic-Gemeinde schlummern, so sind die Perlen der Radliteratur in diesem Buch. Zugreifen, zugreifen, zugreifen, und Weihnachten ist gerettet!

Die Stories

Amalie Rother rät ihren vermutlich schockierten Zeitgenossinnen 1897 in einem Ratgeber über zünftiges Tourenradeln, eine Hose zu tragen und weiß zu berichten, dass „ein Schluck vom allerbesten Cognac oder Rum von geradezu zauberhafter Wirkung bei äußerster Ermüdung und Abspannung“ ist; Fabrikant Johann Puch doziert zum Thema Freilauf, „dass ich jede Zeit, die mit dieser Erfindung vergeudet wurde, für verloren erachte“; Mark Twain schildert, wie er den Frontantrieb zähmte („Nimm ein Hochrad. Du wirst es nicht bereuen, falls du es überlebst“); der hochbetagte Henry Miller trauert seinem Chemnitzer Bahnrennrad nach, dass er in den 20er, 30er Jahren einem deutschen Fahrer im Madison Square Garden nach einem Sechstagerennen abgekauft hatte; Jerome K. Jerome lässt sich über Radwerbung aus, die dem unschlüssigen Anfänger suggeriere, „dass man beim Radfahrsport auf einem luxuriösen Sattel ruht und sich von unsichtbaren himmlischen Mächten in jede gewünschte Richtung bewegen lässt“; Journalisten-Ikone Egon Erwin Kisch reportiert vom zehnten Sechsragerennen in der Potsdamer Straße in Berlin. Und mit das Beste ist...

Testfahrt

...Flann O’Brien. Ein Ausschnitt aus „Neue irische Chemie“:
Der Sergeant trank zierlich, tief in Gedanken versunken. „Michael Gilhaney, einer meiner Bekannten“, sagte er schließlich, „ist ein Mensch, den das Wirken der Mollykül-Theorie schon fast erledigt hat. Würde es Sie ominös verwundern, wenn Sie erführen, dass er auf dem besten Wege in der Gefahr schwebt, ein Fahrrad zu sein?“
Mick schüttelte in höflichem Unverständnis den Kopf.
„Er ist nach einfacher Berechnung fast sechzig Jahre alt“, sagte der Sergeant, „und wenn er noch er selber ist, hat er nicht weniger als 35 Jahre auf dem Fahrrad verbracht, über die steinigen Feldwege und die unnachgiebigen Hügel hinauf und hinab und hinein in die tiefen Gräben, wenn sich die Straße unter der Mühsal des Winters verliert. Ständig ist er zu jeder Stunde des Tages unterwegs und fährt hierhin oder dorthin, und zu jeder zweiten Stunde des Tages kommt er mit seinem Fahrrad von hierher oder dorther zurück. Wenn ihm nicht jeden Montag das Fahrrad gestohlen würde, wäre es ihm sicher schon halbwegs gelungen.“
„Was wäre ihm gelungen?“
„Selber ein gottverdammtes Fahrrad zu sein.“
Hatte Sergeant Fottrell sich für einmal dazu verstiegen, trunken draufloszureden? Seine Grillen waren für gewöhnlich amüsant, aber weniger gut, wenn sie keine Bedeutung hatten. Als Mick etwas sagte, das darauf abzielte, starrte ihn der Sergeant ungeduldig an.
„Haben Sie je als junger Bursch die Mollykül-Theorie studiert?“ fragte er. Mick sagte: nein, zumindest nicht eingehend.
„Das ist eine sehr ernste Unterschlagung und schwerwiegende Verschlimmerung“, sagte er rau, „aber ich werde Ihnen sagen, wie es sich damit verhält. Alles besteht aus kleinen Mollykülen seiner selbst, und diese fliegen in konzentrischen Kreisen herum und in hohem Bogen und in Segmenten und unzähligen anderen Routen, zu zahlreich, sie kollektiv zu erwähnen, stehen dabei nie still oder ruhen sich aus, sondern sie flitzen davon und trudeln mal hier-, mal dorthin und sofort wieder zurück, immer auf Achse. Folgen Sie mir soweit verständnisinnig? Mollyküle?“
„Ich glaube schon.“
„Sie sind so munter wie zwanzig ungeratene Kobolde, die auf einem flachen Grabstein Reigen tanzen. Nun nehmen Sie mal ein Schaf an. Was ist ein Schaf anderes als Millionen kleiner Teilchen von Schafsmäßigkeit, die durcheinander wirbeln und innerhalb des armen Tieres verzwickte Konvulsionen aufführen? Na? Was?“
„Sehr wahr“, entschloss sich Mick zu sagen.
„Wenn man heftig genug und oft genug mit einem eisernen Hammer auf einen Stein schlägt, werden einige Mollyküle des Steins in den Hammer gehen, sowie ebensowohl umgekehrt.“
„Das ist wohlbekannt“, pflichtete er bei.
„Das Brutto- und Nettoresultat davon ist, dass die Persönlichkeit von Menschen, die die meiste Zeit ihres natürlichen Lebens damit verbringen, die steinigen Feldwege dieses Landkreises mit eisernen Fahrrädern zu befahren, sich mit der Persönlichkeit ihrer Fahrräder vermischt: ein Ergebnis des wechselseitigen Austauschs von Mollykülen, und Sie wären erstaunt über die große Zahl von Leuten in dieser Gegend, die beinahe halb Mensch, halb Fahrrad sind.“
Mick keuchte leicht vor Erstaunen, und das machte ein Geräusch wie Luft, die aus einem schadhaften Reifen austritt.
„Guter Gott, ich vermute, Sie haben recht.“
„Und Sie wären unsagbar baff, wenn Sie die genaue Zahl stämmiger Fahrräder kennten, die heiter am menschlichen Leben Anteil nehmen.“...

Dämpferrate

Stämmige Fahrräder, die heiter am menschlichen Leben Anteil nehmen – etwa imWohn- oder Schlafzimmer, sind für hiesige Forumsmitglieder sicherlich nichts Bemerkenswertes. Bemerkenswert ist hingegen die Recherchearbeit von Prof. Dr. Hans-Erhard Lessing, der Welt- und Fachliteratur durchforstet und diese Sammlung zusammengetragen hat. Der Mannheimer Physikprofessor und Design- und Technikhistoriker ist ohne Zweifel ein Radhead, das beweist die feinfühlige Auswahl an Geschichten. Damit ist für beste Unterhaltung gesorgt, kurzweilig, witzig und gar lehrreich – sofern man zum Blick über den Zaun geneigt ist. Wer mit Fahrradhistorie ausschließlich Fisher, Kelly & Co. meint, zieht den Kürzeren. Aber es ist auch schlicht spannend, wenn Simone de Beauvoir von ihrer mehrwöchigen Radtour mit Sartre durch den von Deutschen unbesetzten Südteil Frankreichs berichtet (und dabei durch einen schlichten Fahrfehler ihre Todesangst verliert).
Zugegeben auch: Es gibt Tiefschläge. Wie Arno Schmidts Interpunktions-Stakkato, in dem er eine Radtour mit seiner „Dämonin“ beschreibt, die im Gewitter unterm Baum endet („/Wir köpften uns in ein Fichticht. Hockten unter das barbije Weir (= knochiges Drahthaar) der unten-Erstorbenen. Und warteten eben. -.-./- -. /: Pause.“). Aber vielleicht reicht dazu auch nur meine bescheidene Bürgerbildung nicht aus-.-.— Egal!
Serviervorschlag für die Feiertage: Buch mit einem wohltemperierten Roten auf der Couch degustieren.

Verarbeitung

Taschenbuch, so what?

Technische Daten

Hans-Erhard Lessing: Ich fahr’ so gerne Rad... Geschichten von der Lust, auf dem eisernen Rosse dahinzujagen. 296 Seiten, Dt. Taschenbuchverlag (dtv) 1995, 9 Euro (ISBN 3-423-20527-X)
 
Was das Flann O'Brien-Zitat angeht: Das ist aus "Der dritte Polizist".
Es gibt kein besseres Buch mit Fahrrädern.
Das ist nicht meine Merinung, sondern eine Tatsache.
Man beachte nur den Text auf dem Rückendeckel:

"Handelt es sich um ein Fahrrad?" fragte er.

Göttlich übersetzt von Harry Rowohlt

suhrkamp
ISBN 3-518-38310-8
9,- Euro

reiner
ganzarggroßero'brienfan
 
RADFAHREN


Lieben ist wie Radfahren.
Man sieht gut dabei aus,
wenn es so mühelos geht.
Viele machen den Eindruck,
als ob es ganz leicht sei.
Von einem gewissen Alter an
kann man das einfach --
sonst grinsen die anderen
und spotten


Aber die Angst,
auf die Nase zu fallen,
schlecht auszusehen und ungeschickt,
ausgelacht zu werden und abgewiesen,
sich schämen zu müssen
und traurig dazustehen.


Lieben ist viel schwerer als Radfahren.
Radfahren kann man allein,
lieben niemals.
Da ist man immer Tandem.
Aber gelernt muß es doch werden
wie Radfahren
 
Original geschrieben von cibinium
RADFAHREN
Lieben ist wie Radfahren.
Man sieht gut dabei aus

Diese Zeile beweisen, dass sich auch große Literaten bisweilen ziemlich verrennen...;)

An dieser Stelle möchte ich mal danke sagen an die literarischen Mitstreiter, die diesen Fred mit ihren Beiträgen bereichern. Denke, auf fast 400 Hits dieses doch ziemlich off-topicen Themas können wir stolz sein. Wenns so weitergeht, ist Pisa zumindest für Classic-Deutschland bald wieder das, was es war: eine Stadt in Spanien*:D

Und noch eine Frage: Ich bin fast 100%ig sicher, dass es von Thomas Mann eine Kurzgeschichte mit dem Titel "Der Radfahrer" gibt. Hat die jemand bzw. weiß jemand, in welchem Werk die zu finden ist?

Abschließend: In Bälde werdet ihr hier eine Rezension finden zu dem Buch eines Jungen, der über den Job des Kurierfahrers zum Mann wurde. Stay tuned!

Steinhummer

* in Anlehnung an den Auspruch irgendeines bekannten Ballkünstlers: "Mailand oder Madrid - egal! Hauptsache Spanien..."
 
...einer Frau mit dem Fahrrad entlang des Himalaja:

Bettina Selby
Himalaja
Mit dem Fahrrad durch Nepal, Kaschmir und Sikkim

Eine Frau um die fünfzig fährt mit ihrem Fahrrad 8000 Kilometer von Karatschi Richtung Himalaja, durch Indien und Nepal bis nach Katmandu und weiter nach Sikkim. Immerhin, wenigstens das Fahrrad ist eine Spezialanfertigung. Das ist aber auch der einzige Luxus auf der fünfmonatigen Tour, die Bettina Selby mitten hineinführt in die Fremde, die sie konfrontiert mit unabwägbaren, manchmal gefährlichen Situationen, mit Neugier und Gastfreundschaft, mit Zuneigung und Zudringlichkeit, vor allem aber mit dem intensiven Erleben einer atemberaubenden Landschaft.

Bettina Selby schildert mit britischem Humor ihren erfolgreichen Kampf gegen Sonne, Hitze, Bürokratie und Polizisten, um am Ende ihrer Reise sagen zu können: ''Kein Ziel kann schöner sein als jenes, das mit eigener Kraft erfahren wird.''

Eine Autorin, mit beiden Beinen im englisch-westlichen Kulturkreis stehend, unternimmt eine strapaziöse Fahrradtour nach Pakistan, Indien, Nepal in den Himalaja hinein. Für eine Engländerin selbstverständlich betrachtet sie diese Länder aus ihrer durch unsere Kultur geprägte Sicht. Sie ist frei von den speziell bei Deutschen zu beobachtenden romantisierenden Eindrücken südlicher Länder. Vielmehr beschreibt sie den Schmutz als Schmutz, Unrat als Unrat und das haarsträubende Verhalten vor Allem in Muslim-Einflussgebieten als das, was es ist: eine nicht zu überbietende brutale Gewalt an der Hälfte der jeweiligen Bevölkerung! Die Paradigmen, die hier auf einander stoßen werden in anderen Büchern nur selten so beschrieben. Daher beschreibt sie ihre Tränen als festen Bestandteil ihrer Reise. Aber auch, dass sie immer wieder - und besonders unter den Ärmsten der Armen - freundliche Menschen trifft, die ihr in den schwärzesten Stunden selbstlos helfen. Eine Mahlzeit unter denen einnehmen zu können, die selbst schlimmsten Mangel leiden, eine Übernachtung bei Menschen, die zusammenrücken, damit die Fremde ein Obdach hat, sind beeindruckende Beschreibungen in diesem Buch. Aber auch die Verrohung in den Gebieten, die bereits vom Tourismus erfasst sind und in denen die Bewohner ihre Traditionen und ihre Kultur verloren haben und voller Aggressivität die Touristen um Geld angehen. Ein hervorragendes Buch mit wundervollen Beschreibungen der gewaltigen Himalaja-Szenerie. Ein Lob auch an den deutschen Übersetzer des Buchs, Jürg Wahl, der "kongenial" das geradebrechte Englisch ins Deutsche herüber gerettet hat! Absolut empfehlenswert, um tristem Herbst- und Winterwetter in Mitteleuropa zu entfliehen.


aus dem Englischen von Jürg Wahl
298 Seiten mit 16 Seiten Farbbildteil
Kartoniert
EUR(D) 12,90 / sFr 22,60
ISBN 3-492-23338-4
 

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Hatte das Buch auch schon in den Fingern, aber dann kam mir der Klappentext so ein Stück weit total betroffen machend vor, du... von wegen böse Welt und so, du. :rolleyes:
Naja, Klappentexte sind halt nicht alles und nie vom Autor selbst. Also danke für den Tipp, werds mir die Tage holen!

Steinhummer
 
Kurzbeschreibung

In dem Reisebericht "Allein auf den Everest" begleitet der Leser Göran Kropp, der allein auf den höchsten Berg der Welt steigt.
Da vor Kropp schon einige andere Bergsteiger solch eine Solo-Expedition erfolgreich durchgeführt haben, ist seine Geschichte eigentlich nichts Besonderes, wenn er nicht zuvor von seiner Heimat Stockholm in Schweden bis nach Nepal (und teilweise zurück) mit dem Fahrrad gefahren, anschließend allein und ohne Träger ins Basislager gewandert wäre und schließlich ohne Flaschensauerstoff im Mai 1996 den Gipfel des Mount Everest erklommen hätte.
Diese authentische und gleichzeitig so unglaubliche Geschichte wurde in diesem Buch niedergeschrieben.


Die Autoren

Göran Kropp, Jahrgang 1966, war ein schwedischer Ausnahmebergsteiger und Abenteurer, der bereits im Alter von 24 Jahren als vierter den Muztagh Tower - "den unmöglichen Berg" - bestieg.
In den Folgejahren schaffte er es unter anderem auch auf den Gipfel des Cho Oyu, des K2 und zuletzt eben auch des Mount Everest.
Wenn Göran Kropp gerade einmal nicht mit einer neuen Bergbesteigung beschäftigt war, hat er Vorträge gehalten und Fortbildungskurse für Bergführer geleitet.

Am 6. Oktober 2002 ist Kropp beim Klettern in den USA tödlich verunglückt.

David Lagercrantz, Jahrgang 1962, arbeitete als Korrespondent für die englische Zeitung "Express" und ist seit 1992 freier Schriftsteller und Fernsehjournalist.


Buchinhalt

In den ersten Kapiteln des Buches erfährt der Leser zunächst einiges über die Person Göran Kropp - und das aus bester Quelle, denn Kropp selbst legt seinen recht interessanten Lebenslauf angefangen in seiner Kindheit über seine Jugend bis hin zum Erwachsenenalter in sehr detaillierter Weise dar.

Ebenso beschreibt Kropp, wie er zum Bergsteigen und Klettern gekommen ist und was er alles unternommen hat, um sich auf die Besteigung des Mount Everest vorzubereiten.Nach all diesen Vorgeschichten setzt die Erzählung schließlich in Schweden zu Beginn von Kropps unglaublicher Tour ein.

Kropp schildert seine einerseits aufregenden, andererseits aber auch erschreckenden Erlebnisse während seiner Fahrt mit dem Fahrrad nach Katmandu.

Eine Strecke, deren Länge ca. 11 000 Kilometer beträgt!

Diese Leistung ist so unglaublich, dass der Leser bereits Zweifel hegt, ob Kropp es tatsächlich auch noch zu Fuß auf den höchsten Berg der Welt schafft.
Also liest man gespannt weiter und begleitet Göran Kropp beim Aufstieg zum Basislager in 5300 m Höhe mit 65 Kilogramm Gepäck, das er wohlgemerkt allein hinauf trägt.
Ab dem Zeitpunkt, wo Kropp sich im Basislager befindet, ist die Spannung kaum noch zu übertreffen. Gebannt verfolgt man Kropps mehrmalige Versuche, den Gipfel zu erklimmen, die Stimmung im Basislager, andere Expeditionsteams, die in größte Bergnot geraten, sowie die dramatischen Rettungsversuche. Zeile für Zeile verschlingt man, um die atemberaubenden, spannenden und auch tragischen Ereignisse am Mount Everest im Mai 1996 zu erfahren.
Auch vergisst Göran Kropp nicht, seine eigenen ganz persönlichen Gefühle in vielerlei Situationen zu schildern.Kropps Tage am Berg sind so packend und authentisch beschrieben, dass man sie mit eigenen Worten in keiner Weise so gut darstellen kann, wie das Buch es tut.
Das Interessante und auch Besondere an Kropps Buch ist weiterhin, dass er neben den Ereignissen, die er umfangreich schildert, auch einige Hintergrundinformationen rund um den Mount Everest gibt.
So erläutert er unter anderem, wie der Berg zu seinem Namen kam. Auch die Geschichte von der Erstbesteigung des Everest erfährt der Leser während der Lektüre.
Weiterhin äußert Kropp viele kritische Gedanken in Bezug auf die großen Expeditionen, die den Mount Everest zur Müllhalde machen, und argumentiert für und gegen Sauerstoffflaschen.
Im Epilog, der an das Ende der Beschreibung seiner Solo-Expedition anschließt, erfährt der Leser von Kropps neuen Plänen für die Zukunft, die nicht weniger abenteuerlich als die Geschichte dieses Buches sind.Es folgt ein Nachwort von David Lagercrantz sowie ein Dankeskapitel von Göran Kropp.Im Anhang findet man noch Kropps Packliste für die Tour, eine Liste der Entfernungen und der Gipfelbesteigungen des Everest.

Schreibstil

Zunächst sei gesagt, dass die gesamte Geschichte in einer außerordentlich spannenden und packenden Art und Weise erzählt wird. Die Autoren haben es geschafft, so zu schreiben, dass es auf über 200 Seiten wirklich an keiner Stelle langweilig wird.
Etwas verwirrend hingegen sind die häufigen Perspektivenwechsel, die den Leser vor allen Dingen zu Beginn der Lektüre ab und an ein wenig durcheinander bringen. Hat man sich daran aber erst einmal gewöhnt und ist mit den Personen, die in der Geschichte eine Rolle spielen, vertraut, macht der Wechsel zwischen den Perspektiven die Erzählung sehr interessant und abwechslungsreich.
Alles in allem ist das Buch in einem sehr klaren Stil geschrieben, der sich sehr angenehm in jeder Situation lesen lässt.

Verlag, Erscheinungsort und -jahr, Hinweis auf die Originalausgabe

"Allein auf den Everest" von Göran Kropp und David Lagercrantz ist im November 1998 im Wilhelm Goldmann Verlag, München, erschienen.Die Originalausgabe ist unter dem Titel "Göran Kropp - 8000 plus" bei Bokförlaget DN, Stockholm, erschienen.

Empfehlung

All diejenigen, die außergewöhnliche, spannende und zuweilen auch dramatische Bergsteigergeschichten mögen, werden von Kropps Buch sicherlich nicht enttäuscht.
Da zu Beginn des Buches aber auch Kropps Fahrt mit dem Fahrrad von Schweden nach Nepal beschrieben wird, könnte dieses Buch auch für alle, die Abenteuerbücher mögen, interessant sein.
Zudem lernt der Leser in diesem Buch viel über das Bergsteigen im Himalaja, wird sensibilisiert für die Probleme, die der "Massentourismus" am Mount Everest mit sich bringt, und erfährt allgemein viel über den Everest, seine Erkundung und die Erstbesteigung.

"Allein auf den Everest" ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert!
 

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@ Pan: gute Beschreibung, Danke :daumen:

kann das Buch ebenfalls nur empfehlen, wenngleich eher Bergsteiger- denn Radbuch, aber wie schon erwähnt ein bisschen Radanteil ist ja dabei (11.000 km :D )
 
Inside BDR

Nach längerer, Abstinenz, hier die nächste Literatour, die diesmal auf dem Rennrad stattfindet. Was die Teilnehmer erwartet: eine messerspeichenscharfe Analyse des Phänomens Radfahren und Radrennfahren, in schlichten Worten einfühlsam verpackt.

Der Rahmen

... ist die Autobiographie von Seatons Leben: wie er als Kind zum Radfahren kam (wie wir alle, auf einem ernsthaften Herrensportrad mit Beleuchtung, weil die Eltern sich weigerten, ein Bonanzarad zu kaufen); wie das Radfahren - Freiheit und Geschwindigkeit - zur kindlichen Passion wird; wie das Auto das Rad für eine Weile verdrängt; wie er bei Versammlungen der studentischen Linken seine spätere Frau Ruth kennenlernt und sie zusammen nach London ziehen; wie das Fahrrad dort wieder an Bedeutung gewinnt; wie er auf einer karitativen Kaffeefahrt Mike vom Vélo Club de Londres trifft und Mitglied wird; wie er wie besessen trainiert ("Manchmal stand ich an einem dunklen Februarmorgen um halb sechs auf, um vor der Arbeit noch zwei Stunden radfahren zu können"); wie er seinen ersten Stahl-Maßrahmen kauft und auf der Bahn fährt; wie er die oberste Straßen-Amateurkategorie erklimmt; wie er Vater wird und die Rennerei aufgeben muss; wie seine Frau erkrankt und stirbt, und wie er aufhört, Rennfahrer zu sein (Ende der Neunziger). Dazwischen Menschen, Geschichten, Anekdoten und Analysen seiner Rennfahrerzeit, angefangen beim Ausreißversuch bis hin zur Herzfrequenz. Wie diese:

Testfahrt

"Vor LeMond und Indurain hatte sich niemand dafür interessiert, wie hoch etwa Stephen Roches Herzfrequenz war. Vom Profi bis hinunter zum Vereinsfahrer sprach jeder einfach davon, daß er an dem Tag "gute Beine" habe oder "schlechte". Indurins magischer Wert dagegen hatte zur Folge, daß die Radrennfahrer wie besessen ihren Ruhepuls maßen. Jeden Morgen lagen sie nach dem Aufwachen im Bett, preßten die Finger auf das Handgelenk und verfolgten mit den Augen den Sekundenzeiger ihrer Uhr, wobei sie versuchten, so gleichmäßig zu atmen wie im Schlaf und sich absolut nicht zu bewegen... Das Leben kam einem Radfahrer lebenswert vor, wenn sein Ruhepuls von 46 auf 42 gesunken war."

Oder die:
"Wenn gerade nicht viel passierte, war das einzige, was man in einem großen, sich schnell bewegenden Feld von 60 oder 70 Fahrern hörte, das emsige Surren, mit dem die straffen Ketten um Kettenblätter und Ritzel herumsausten. Diese reine, kinetische Musik war das weiße Rauschen des Rennens. Manchmal nahm man es überhaupt nicht wahr, dann wieder löschte es alles andere aus."
"Es war erstaunlich, wie schnell meine Liebe zu meinem alten, einst so sorgsam gehüteten Fahrrad erkaltete, nachdem ich es Ruth vermacht hatte. Jetzt, da ich es nicht mehr verehrte, bedeutete es mir fast überhaupt nichts mehr. Ungeliebt, verlor es bald jeden Reiz."
"- Was machst du beruflich?
- Ich bin Fahrradkurier.
Ich war beeindruckt und ein wenig eingeschüchtert. Fahrradkuriere war damals noch eine neue, exotische Spezies in den Straßen von London. Manche von ihnen hatten seltsame Räder mit besonders tiefem Lenker und trugen die volle, hautenge Montur. Andere fuhren die neuen Mountainbikes mit einer coolen Leidensmiene, die aussah, als wären sie schon breit. Sie bevorzugten meist eine Art Stadtguerilla-Anarchisten-Schick."
"Man sagt den Briten allgemein nach, daß sie Verlierer lieben, aber keiner konnte das Verlieren so zelebrieren wie wir britischen Kommunisten."
"Eine gewisse gewollte geistige Dumpfheit ist für Radfahrer hilfreich - zumindest für die Art von Radfahrern, zu denen ich gehörte: für den Radrennfahrer."
"Oft setzten sie sich an die Spitze und zogen das Feld in stetigem Tempo bis zu einer Ausreißergruppe, nur um dann, sobald der Kontakt hergestellt war, von einer Schar Fahrer mit frischen Beinen überholt zu werden. Die Triathleten schien das kaum zu scheren: Es ging ihnen nicht um die Punkte, ja nicht einmal darum anzugeben, sondern nur um das Workout. Wir Radfahrer schüttelten ob dieser sinnlosen Kraftentfaltung nur ungläubig den Kopf."

Dämpferrate

Unschuldig blassblau stand es im Bücherregal. Der Klappentext eher abschreckend: "Das tragisch-schöne Protokoll einer großen Leidenschaft und eines schmerzlichen Verlustes." Schreiben als Therapie, gebunden für satte 17,90 Euro? Ich hab kurz reingelesen, es sofort mitgenommen und nie bereut. Das Werk ist mit stiff upper lipp geschrieben, frei von Weinerlichkeiten, aber nicht kaltschnäuzig. Sein Leben und die Tragödie bilden die überwiegend streiflichthafte Rahmenhandlung für sein (wahres) Dasein als Rennfahrer. Und hier glänzt er mit brillianter Beobachtungsgabe und präziser Analyse, die einfühlsam und distanziert ist. Außenstehenden - wie mir - schließt Seaton die faszinierende Welt des Radrennfahrens auf, Aktiven mag es Hilfestellung bieten und Ehemaligen Erinnerungen entlocken. Und falls nicht, ist es auf jeden Fall höchst unterhaltsam. Meine Nummer Eins in Sachen Radliteratur.
Fazit: Toll.

Verarbeitung

Gebunden. Top bis auf ein paar Schreibfehler.

Technische Daten

Matt Seaton: Der Ausreißer. Meine Rennradjahre. Gebunden. Erschienen 2003 (Malik/Piper verlag, ISBN 3-89029-259-3). 17,90 Euro. Bild folgt morgen.
 
Hier ein paar Bücher/Hefte etc. die ich dem MTB-Classic Fan nahe legen kann:
Wobei ich die ersten 3 wirklich empfehle, die anderen sind aber auch noch ganz gut.
Das Tour-Sonderheft und ist allerdings von ca. 88/89 also nichts für die Mitte-Neunziger-Fans.
 

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und noch einige:
 

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dann noch das nette Blättchen aus der Bike.
Man verzeihe mir die Einmischung in den Literatur-Thread...;)
 

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Hier mal eine (IMHO) wunderschöne Kolumne zum Thema Retrobikes vs. Leichtmetallmodegestänge... :D :daumen:

schwabinger krawall: das neue rad und der mittelfinger von MICHAEL SAILER

Gegen ein neues Fahrrad hätte Herr Reithofer eigentlich nichts einzuwenden gehabt. So etwas ist eine sinnreiche Anschaffung, wenn man fünf Hosen an der rostigen Klapperkette ruiniert, den Gepäckträgerbügel samt Feder abgerissen hat, dreimal mit dem Gesicht erst auf die Lenkstangenhalterung und dann in den Kies geflogen ist, weil die Schraube sich weder auf- noch zudrehen lässt, wenn der alte Ledersattel aussieht wie ein Eichkätzchen, das von einem Sattelschlepper überfahren worden ist, und überhaupt das alte "Brandenburg" aus einer Zeit herstammt, als man einen König resp. Kaiser gehabt hatte.

Aber es hat alles seine Grenzen: Wulstige Schweißnähte sind inakzeptable Substitute für die gewohnten Rohrgestecke, Leichtmetall geht sowieso nicht, und ein Gelee gehört auf den Pfannkuchen, aber nicht in einen Sattel hinein. Der Fahrradhändler verzweifelt: Herr Reithofer könne doch die Errungenschaften moderner Technik nicht ignorieren. Das könne er wohl, sagt Herr Reithofer. In Paris breche der Flughafen auseinander, am Starnberger See zerbrösle es die nagelneuen Millionenschiffe, auf den Autobahnen rasten Elektronikmonster mit plötzlich außer Kraft gesetzten Computerbremsen herum, selbst die Weltraumstationen seien bloß mehr Schrott - da lasse er sich nicht zwingen, seine Gesundheit und sein Leben einem Modegestänge anzuvertrauen.

Das lässt er am Ende notgedrungen doch. Das neue Rad ist auch vorzüglich gefahren, und dass Herr Reithofer außer seinem Vorderrad wenig gesehen hat, weil man sich auf diese neuen Räder draufbuckeln muss wie beim Bodenschrubben, war ihm vorderhand einerlei, schließlich gibt es auf der Schleißheimer Straße sowieso nichts Erfreuliches zu sehen. Dann ist er aber in eine Einbahnstraße eingebogen, und da hätte er das Schild und den entgegenkommenden Wagen im Nachhinein doch ganz gern gesehen. Letzterer machte keine Anstalten, dem schlingernden Herrn Reithofer auszuweichen, sondern fuhr mitten in ihn hinein, schmiss ihn vom Rad, ließ sodann das Seitenfenster heruntergleiten, aus dem der kahl rasierte Fahrer herausbellte: "Sie gefährden sich und andere!"

Da waren Herrn Reithofer Schweißnähte ebenso egal wie der Lauf der Welten und überhaupt alles; ein Leichtmetallgestänge hat immerhin den Vorteil, dass es sich besser als Wurf- und Schlagwerkzeug eignet als ein zentnerschwerer Drahtesel aus der Vorkriegszeit. Dummerweise ist er bei dem Vergeltungsversuch mit dem linken Mittelfinger im Gabelschaftrohr hängen geblieben und gestolpert, woraufhin er als eine Art menschlicher Schrotthaufen scheppernd einen solchen Lärm verursacht hat, dass ein Anwohner die Polizei und diese die Feuerwehr rief, der es weder mit Schmierstoffen noch mit Eis gelang, den ballonartig angeschwollenen Mittelfinger zu befreien. Erst als ein resoluter Feuerwehrmann einen Trennschleifer anbrachte, ist die Schwellung schlagartig abgeklungen, Herr Reithofer aus dem Stangenensemble heraus- und sofort in Ohnmacht gefallen.

Seitdem sieht man ihn täglich im Hinterhof an seinem alten "Brandenburg" herumschrauben und -polieren, und dabei macht er ein irgendwie frohes, fast seliges Gesicht.

taz Nr. 7517 vom 18.11.2004, Seite 20, 105 Zeilen (Kommentar), MICHAEL SAILER

schönen Tag noch, Vmax
 
Hab heute ein wunderschönes Buch bekommen:



Einige Impressionen daraus: http://books.google.de/books?id=tqJlDwJOR5kC&printsec=frontcover&dq=custom+bicycles+-+a

Nein, nicht klassisch und auch ein leichter Überhang Richtung Randonneur, Rennrad und ähnliches (aber auch sehr schöne Mountainbikes in Stahl und Titan).

Trotzdem, denke ich, für den einen oder anderen hier im Forum ein echter Buchtipp, da es einfach um wunderschöne, handgemachte Fahrräder geht. Auch für jeden, der gerne mal auf die NAHB nach USA gegangen wäre, und immer stattdessen ersatzweise die teilweise ungenügenden Bilder im Internet googlet in der Hoffnung was schönes zu entdecken.

So einen schönen Bildband würde ich auch kaufen, wenn das Thema "klassische MTB" wäre. Vielleicht kommt so etwas ja irgendwann nochmal...
 
Der Fahrradkurier
von Travis H. Culley
# Taschenbuch
# Verlag: Unionsverlag (2003)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3293003125
# ISBN-13: 978-3293003125
Dürfte sowas um die 10 Euro kosten (Taschenbuchpreis halt)

Kurzbeschreibung
Travis Hugh Culley ist pleite, sein Theaterprojekt war ein Flop, da stößt er auf eine Anzeige: "Fahrradkurier gesucht". Es sollte der Beginn eines neuen Lebens werden. In seinem so authentischen wie rauschhaften Bericht lernt Culley, die Stadt neu zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken.

Über den Autor
Travis Hugh Culley wuchs in Miami auf. Nach Misserfolgen mit seinem eigenen Theater, begann er Ende der Neunzigerjahre als Fahrradkurier in Chicago und in Philadelphia zu arbeiten.

Leseprobe
»Für mich war die Stadt zugleich roh, ehrlich, dreist und zutiefst anmutig. Ich durchschaute die Choreografie der um Parkuhren kämpfenden Autofahrer. Ich konnte verfolgen, wie auf den Reklametafeln an Bahnhöfen wandgroße Plakate auftauchten und wieder verschwanden. Ich sah Yuppies und selbstvergessene Penner, die den Mittelstreifen einer Straße entlangschlenderten, als würde er ihnen allein gehören.
Ich konnte die Wege von grün uniformierten Politessen verfolgen, die Tickets für Falschparken auf die Kühlerhauben von Autos regnen ließen wie orangefarbene Blütenblätter. Mich faszinierte das menschliche Wesen in dieser künstlichen Landschaft. Ich verliebte mich in den öffentlichen Raum.«

Fazit
Ich fand es sehr kurzweilig und besonders die Beschreibungen seiner Strecken durch Chicago haben mir sehr gefallen. Culley musste immer wieder arge Kritik für sein Buch einstecken (findet man alle im Internet), ich fand es dennoch durchaus lesenswert.

Bild
3293003125.jpg
 
Eins hab ich noch:

Abgefahren - In 16 Jahren um die Welt
(Ich gebe zu, Hauptdarsteller ist ein Motorrad, kein Fahrrad, aber ein Motorrad ist doch auch irgendwie ein Fahrrad... nur halt mit Motor, oder? :D
von Claudia Metz und Klaus Schubert
# Taschenbuch: 317 Seiten
# Verlag: Kiepenheuer & Witsch (April 2001)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3462030078
# ISBN-13: 978-3462030075

Aus der Amazon.de-Redaktion
Stellen Sie sich vor, Sie sind 20, Studentin und haben einen Freund namens Klaus (23), dessen Schwester in Japan lebt. Und nun stellen Sie sich weiter vor, Ihr Freund will in zehn Monaten mit dem Motorrad nach Japan fahren, um dort eben diese Schwester zu besuchen. Und Sie fahren mit. Erstmal nur bis Griechenland, doch dann entschließen Sie sich, weiterzufahren. Das nämlich ist die Ausgangssituation für die wahre Geschichte von Claudia Metz, die mit ihrem Freund Klaus Schubert in den Jahren 1981 bis 1997 unterwegs war -- denn aus zehn Monaten wurden 16 unglaubliche Jahre, in denen sie die ganze Welt bereist haben.

In dieser fantastischen und vor allem spannend geschriebenen Geschichte berichten die zwei von ihren Reisen, ohne sich dabei jemals zu wiederholen, obwohl sie einige Länder öfter bereist haben. Dieses Buch gewährt einen faszinierenden Einblick in fremde Kulturen und erzählt von ihren unglaublichen Erlebnissen. Aber problemlos war diese Reise nie, denn schon der Start aus Deutschland verlief gegen das Gesetz, da die beiden mit völlig überladenen und TÜV-untauglichen Maschinen starteten. Das Paar wurde während seiner Tour, die keinem bestimmten Verlauf folgte, sondern von Mal zu Mal festgelegt wurde, einige dutzend Male verhaftet, hatte unzählige Unfälle, bei denen sie fast immer durch die Freundlichkeit der Landsleute gerettet und versorgt wurden -- und musste sich mit allen möglichen Krankheiten herumschlagen.

Mit den wunderschönen Fotos in der Buchmitte wird der Leser dieses mitreißenden Berichts noch mehr in die Geschichte mit einbezogen und kann das Buch, das einen von der ersten Minute an packt, nicht mehr aus der Hand legen. Eine faszinierende Dokumentation, die einen durch die Perspektive des Ich-Erzählers und die unglaublichen Erlebnisse der Autoren in den Bann zieht -- und nicht mehr loslässt. Und jetzt ist dieses Abenteuer erstmalig im Taschenbuch erhältlich. --Tschernoussow

Fazit
Absolut lesenswert! Schöne Bilder und mir gefiel der Stil, dass viele Situation doppelt beschrieben wurden - die einzelnen Sichtweisen von Claudia und Klaus bekommt man nacheinander zu lesen. Außerdem fand ich es interessant zu lesen, wie Deutsche außerhalb Deutschlands so den Mauerfall mitbekamen. Also: Unbedingt mal zu Gemüte führen! ;)

Bild
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