Systematik der Zollgroessen – Versuch einer Erklaerung

nightwolf

Bremst nicht fuer Fische
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Vorwort

Da es mit Zollgroessen staendig Verwirrung gibt und ich auch ueber Google keine vernuenftige Beschreibung finde, schreibe ich jetzt selber eine.
Manche Details wird man recherchieren muessen, wenn man sie nicht kennt – Ich will versuchen das Ganze kurz zu halten.
Von Einfach nach kompliziert ?

Grundsaetzlich zur Umrechnung: Ein Zoll ist vor Jahrhunderten mal als ‘Daumenbreit’ oder dgl. eingefuehrt worden und ist ‘in echten Dimensionen’ 25.4mm

1 Einfach und systematisch: Die Rad- und Reifengroessen nach ETRTO

Hier gibt es zu jedem Reifen zwei Angaben: Die nominale Breite und die Felgengroesse. So heisst es zum Beispiel bei einem traditionellen MTB:
54-559
Das bedeutet: 54mm breit und passend fuer 559mm Felgen.

Wenn ich jetzt einen neuen Reifen brauche, dann muss ich folgendes beachten:
Die 559 muessen genau eingehalten werden.
Ein anderer Reifen wird nicht passen auf dieses Laufrad.

Bei der Breite hat das System allerdings recht grosse Toleranzen in beide Richtungen.
Man kann auch schmalere oder breitere Reifen auf die vorhandene Felge ziehen.

Bei ‘breiter’ muss man allerdings auch bei Rahmen bzw. Gabel den Freigang beachten. Endlos breiter kann man eben nicht gehen, irgendwann steckt man fest.
Wer das Thema Kompatibilitaet Felge / Reifen genau untersuchen will, sucht einfach die ETRTO Tabelle raus.


Die Gesamtlaufradgroesse inclusive Bereifung kann man ueberschlaegig mit ‘doppelte Breite plus Felgengroesse’ berechnen (man unterstellt einen in etwa runden Querschnitt, der Reifen traegt also in der Hoehe genauso viel auf wie in der Breite).
Hier ergibt sich nun: 2x54+559 = 667mm

Die Gesamtlaufradgrosse brauchen wir spaeter. Multipliziert mit der Kreiszahl pi ist sie dann auch das, was man in den Radcomputer eingeben muss, zumindest mal fuer den Anfang (die beim Tacho in der Bedienungsanleitung eingetragenen Angaben sind mindestens genauso ungenau). Wenn man das genau wissen will, dann sollte man eine Tachokalibrierstrecke befahren.

2 Schon bissl komplizierter und irgendwie so eine Art Zwischending: Franzoesische Radgroessen

Eine franzoesische Groessenangabe ist zum Beispiel 700Cx32.
Die letztere Angabe entspricht der Breite, genau wie bei ETRTO, und das erstere ist die Felgengroesse. Allerdings wird hier jetzt, statt der relativ genauen Groesse wie bei ETRTO, eine ‘nominale’ Groesse angegeben. Hier in diesem Falle also 700C. Jede dieser franzoesischen Angaben laesst sich aber einer ETRTO Groesse zuordnen, und zwar eindeutig. Der Buchstabe ist wichtig.

Bekannte Entsprechungen sind 622 ETRTO = 700C franzoesisch sowie 584mm ETRTO = 650B. Etwas weniger bekannt sind z. B. 635 ETRTO = 700B franzoesisch sowie 571mm ETRTO = 650C. Es gibt natuerlich noch sehr viele weitere

Also hat unser Reifen aus der ersten Zeile dieses Kapitels nach ETRTO eine Dimension von 32-622.

Und warum habe ich ‘Zwischending’ geschrieben? Nun ja, die ‘700’ in der Angabe entspricht eben in gewisser Hinsicht 28” - wenn man mit 25 ‘glatt’ umrechnet.
Und der Buchstabe korreliert mit den verschiedenen Felgengroessen, die zu einer (nominalen) Zollgroesse gehoeren.

3 Zollgroessen: Erstmal systematisch und ohne Sonderlocken angewendet

Das System der Zollgroessen beim Fahrrad bezieht sich mit der Nominalgroesse (zumindest eigentlich, Abweichungen beginnend im naechsten Kapitel) immer auf den Gesamtlaufraddurchmesser - Das im Gegensatz zu ETRTO und auch zu Zollgroessen z. B. bei Autofelgen (was die Sache nicht gerade vereinfacht ...).
Dieser Bezug auf den Gesamtdurchmesser stammt aus dem Zeitalter der Stempelbremsen. Die Bremse musste von oben auf den Reifen druecken, und damit das funktioniert, muss der Reifen aussen einen gewissen Durchmesser haben – nicht zu gross, sonst schleift es, nicht zu klein, sonst erreicht man ihn mit dem Stempel nicht und man erzielt nicht einmal die sowieso eher symbolische Bremswirkung einer Stempelbremse.
Nun hat ein Reifen einen naeherungsweise runden Querschnitt – er wird vom Luftdruck aufgeblasen, dieser hat keine Vorzugsrichtung, und dann wird es nun mal rund ?
Somit ist ein Fahrradreifen also in etwa gleich breit wie hoch.

Ist ein Reifen nun schmaeler, so braucht es fuer die Erzielung desselben Gesamtdurchmessers eine groessere Felge – es gibt also verschiedene Felgengroessen fuer die selbe (nominale) Zollgroesse
In gewisser Hinsicht die Kroenung stellt 26” dar, davon gibt es fuenf verschiedene Felgengroessen. In der Auflistung sieht man, dass der Gesamtdurchmesser jedesmal in etwa gleich bleibt.
Code:
Zoll......– ETRTO - Gesamtdurchmesser/mm
26 x 1 ¼...– 32-597 – 661
26 x 1 3/8.– 37-590 – 664
26 x 1 ½...– 40-584 – 664
26 x 1 ¾...– 47-571 – 665
26 x 2.....– 50-559 – 659

Daraus resultieren dann schon einmal ein paar Absurditaeten - fuer die es aber eine Erklaerung gibt
(1) 27” ist groesser als 28” - Nein, eigentlich nicht. Nur die Felge ist (minimal) groesser. Da man 27” immer mit schmalen Reifen benutzt hat, und 28” mit den breiten, ergeben sich fuer 27” 2x25+630 = 680 und fuer 28” 2x47+622 = 716
Also ist eben doch 28” groesser – Wenn man das System beachtet wo diese Information herkommt.
(2) 28” und 29” sind gleich gross
Nun eigentlich stimmt auch das nicht, denn nur besonders breite Reifen auf 622mm Felge werden nicht mehr als 28”, sondern als 29” bezeichnet. Gerade hatten wir 716mm fuer 28”, bei einem 57mm Reifen werden daraus 736mm - und dann sind wir bei 29”
Aehnlich ist es mit breiten Reifen auf der 584mm (650B oder 26 x 1 ½) Felge, die dann 27.5” genannt werden. Hier ist es allerdings an dem Punkt anders, dass auch das traditionelle 26 x 1 ½ nun falsch als 27.5” bezeichnet wird.

4 Zollgroessen: Sonderlocken die das System ad absurdum fuehren

Jetzt wird es komplizierter ?
Es gibt Reifen, die nominal einer gewissen Zollgroesse zugeordnet sind, mit der sie aber de facto nichts (oder nur begrenzt) zu tun haben.
Das ‘funktioniert’ wie folgt: Man gibt nun zwei Breitenangaben an.
Die eine ist die tatsaechliche Breite, die andere besagt, welche Felge man nun wirklich verwendet.
Dabei entstehen nun zwei Optionen fuer Irritationen, und zwar
(1) welche der beiden Breitenangaben zuerst genannt wird ist uneinheitlich und
(2) man laesst die zweite Angabe gleich weg

Ein Beispiel ist das traditionelle deutsche Einkaufs-Omarad mit 47-559.
Diese Groesse heisst in Zoll (traditionell, findet man nur noch in alten Tabellen, dazu spaeter mehr) 26 x 1 ¾ x 2
Bedeutet: 1 ¾ Zoll breiter Reifen auf der Felge, die mit einem 2 Zoll breiten Reifen 26 Zoll ergaebe.
Hier ist die Abweichung noch nicht wirklich gross, es gibt aber auch andere Faelle.
Wir werden spaeter nochmal auf diese Reifengroesse zurueckkommen.

Ein Beispiel fuer uneinheitliche Reihenfolge: Fuer 37-622 findet man sowohl 28 x 1 3/8 x 1 5/8, als auch andersrum 28 x 1 5/8 x 1 3/8
Dreht man beim oben genannten 26 x 1 ¾ x 2 die Reihenfolge um auf 26 x 2 x1 ¾, dann findet man dazu eine ETRTO Angabe von 54-571 – auch diese Reifengroesse gab es mal.

Ein Extremfall ist 23-571, was im Triathlonbereich ueblich ist oder war.
Die Zollgroesse waere hier 26 x 1 ¾ x ¾ und wird dann sogar gerne noch ‘vereinfacht’ zu 26 x ¾ ... Verwirrungsoption (2) von oben.
Nachgerechneterweise ist das dann 2x23+571 = 617mm gross - und somit nur gut 24”, es muesste also eigentlich 24 x ¾ heissen (was dann aber wieder zu dem verwirrenden Effekt fuehren wuerde, dass die 571er Felge nicht nur eine der fuenf 26er Felgen waere, sondern auch bei den 24er Felgen auftauchen wuerde ...).
Aehnliches gilt fuer 28” Rennrad. Und so weiter.

Plusgroessen haben den entgegengesetzten Effekt. Ein Laufrad mit 26x3.0 Bereifung (76-559) ist in Wirklichkeit ziemlich genau 28” gross: 2x76+559 = 711mm – es muesste also 28x3 heissen - wenn man dem System treu bliebe. Aber siehe oben ...

5 Die endgueltige Verwirrung: Vermeintliche Entsprechungen Zoll zu ETRTO

Ich hoffe, es ist klar geworden, warum es keine Entsprechnung geben kann: Die Systematik der Groessenangaben ist unterschiedlich.
In Zoll misst man das gesamte Laufrad incl. Reifen, ETRTO misst nur die Felge ohne Gummi.
Das zoellige System erfordert verschieden grosse Felgen fuer ein und dieselbe Zollgroesse, das ist genau kontraer zum Wunsch nach einer ‘Entsprechung’.

Somit sind beliebte Entsprechungen wie
  • 26” = 559 ETRTO
  • 27” = 630 ETRTO
  • 27.5” = 584 ETRTO
  • 28” = 622 ETRTO
  • 29” = 622 ETRTO
eigentlich alle a priori Unfug.

Manchmal ‘stimmt’ es ja (wenn man so ungefaehr diejenige Reifenbreite hat, fuer die es stimmt) - aber genauso oft stimmt es eben auch nicht ?

Beispiele fuer ‘so richtig schoen falsch’ sind
  • 28” fuer Rennradreifen auf 622mm (es gibt nicht mal eine Moeglichkeit es richtig zu machen)
  • 27.5” fuer mittelschmale-/breite Touringbereifung mit 584mm (korrekt 26 x 1 ½)

6 Zollgroessen: ‘Mathematisch gleich’ heisst noch lange nicht gleich gross

Im vorangegangenen Abschnitt hatte ich erzaehlt, dass man einzelnen Zollgroessen bestimmte Felgengroessen ‘zugewiesen’ hat.
Reifen fuer diese Felgengroessen werden dann mit Dezimalbruechen -also Kommazahlen- bezeichnet – im Gegensatz zur eigentlichen Systematik, die ja nur Brueche mit Zweierpotenzen im Nenner nutzt.
So wird zum Beispiel alles, was zur 559er Felge passt, als ‘26 x Kommazahl’ verkauft.
Das fuehrt zu dem Effekt, dass mathematisch scheinbar / offensichtlich identische Radgroessen in Wirklichkeit verschieden sind.
Der Klassiker ist: 26 x 1 ¾ und 26 x 1.75
Ersteres folgt noch der Systematik und entspricht nach ETRTO einer Dimension 47-571.
Letzteres folgt der ‘Dezimalbruch-Sonderlocke’ und entspricht 47-559.
Weiter vorne war schon mal von dieser Groesse die Rede gewesen und auch die ‘traditionelle’ Bezeichnung 26 x 1 ¾ x 2 genannt worden, die hier eine Verwechselung ebenfalls verhindern wuerde - aber unueblich geworden ist.

7 Zusammenfassung

Es wird klar, dass ein System, bei dem man anfangs die Gesamtlaufradgroesse bemasst hat, dann aber immer weiter / wieder davon abwich und nun auf gleiche Felgengroessen referenziert hat, weder eine Aussage treffen kann, wie gross das Laufrad insgesamt ist, noch, mit welcher Felge welcher Reifen zusammenpasst.
Ob man das nun schlau findet, es dennoch zu nutzen ... muessen die Leute selber wissen ?

8 Links

Ganz schoen und auch mit Bildern, allerdings auch ohne richtige Erklaerung warum die Zollgroessen nun so chaotisch sind:
 

nightwolf

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Leute, Ihr muesst das nicht lesen, wenn Ihr es ueberhaupt nicht verstehen wollt und / oder von vornherein nicht genug Substanz zwischen den Ohren habt um auch nur irgendetwas zu verstehen ?
 
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Leute, Ihr muesst das nicht lesen, wenn Ihr es ueberhaupt nicht verstehen wollt und / oder von vornherein nicht genug Substanz zwischen den Ohren habt um auch nur irgendetwas zu verstehen ?
Alter , das was du da aus , wie vermute , Langeweile zu erklären versuchst haben 70% der der Forumsuser schon seit anbeginn der Zeit verstanden . Und dem Rest ist es scheiß egal .
Und wenn du das nicht verstehst mußt noch so manches dazulernen .
 

ruppidog

Fullmental Jackass
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…und ich auch ueber Google keine vernuenftige Beschreibung finde…

Basiswissen für Uninspirierte :


Eine Seite die obiges erklärt von 1997. Findet man mit jeder beliebigen Suchmaschine seit 22 Jahren.
Und wenn man nicht Englisch kann :


Bitte, gerne..
 

nightwolf

Bremst nicht fuer Fische
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Basiswissen für Uninspirierte : (...)
Die Links kenne ich. Nur gehen die fuer meine Begriffe nicht Schritt fuer Schritt von 'einfach und klar' zu 'Chaos und wo es herkommt'.
So dass es jemand einfach nur durch diesen Artikel verstehen kann.

Wenn die Leute hier alle das 'laengst verstanden haetten', dann stellt sich mir die Frage, wieso dann immer so viel Mist gepostet wird.

Und die Geschichte mit den deutschen Sonderzeichen langweilt einfach.
Auf die verzichtet man im Internet besser. Punkt, Aus, Ende.
Alle, die das aufwaermen, kommen auf Ignore. Wo sich uebrigens einige der unqualifiziert Antwortenden schon vorher befanden ?
 
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Alter, ich finde es ja gut, wenn man sich die Mühe macht, eine Sache in eigenen Worten zu erklären. Wenn du es aber auf deutsch verfasst, dann verwende bitte Umlaute, das hält man ja nicht aus!
 

nightwolf

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au-dela de Grand Est
Deine Meinung.
Ich mache das so, dass es sicher funktioniert.
Kann schon sein, dass es manchen mit deutschen Sonderzeichen besser gefaellt.

Aber was halt wirklich schaisze aussieht, ist, wenn es die deutschen Sonderzeichen -die ja unbedingt sein mussten- verhagelt.
 
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Gute Zusammenfassung! Dass die Aussendurchmesserangabe beim Fahrrad von der Stempelbreme kommt war ein interessantes Detail :daumen:
Die Nichtverwendung von Umlauten ist mir garnicht aufgefallen.
Aber was ist eine "Sonderlocke"???
 

RetroRider

Pfadtrampel
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Bzw. ausnahmsweise mal nicht zwischen den Zeilen lesen sondern das Geschriebene wörtlich nehmen statt das richtige Reifenmaß in ein falsches Felgenmaß umzudeuten.
 
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