Westalpencross 2019 Genf - Riviera

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Tag 10-11, Piemonteser Alpentäler Varaita, Maira, Stura:

10. Etappe: Refuge du Viso – Passo Vallanta – Colle Losetta – Vallone di Soustra – Granges del Rio – Sentiero Lanzetti – Pontechianale – Casteldelfino – Sampeyre – Colle di Sampeyre – San Martino – Vernetti, 71,5 km, 2353 Hm


Knapp 2 Stunden Schieben/Tragen ab CAF-Hütte Réfuge du Viso (2460 m, Unterkunft), zum Passo di Vallanta (2811 m) und ausgesetzte Querung mit einigen verblockten Steilstufen im Aufstieg zum Colle Losetta (2872 m), Trittsicherheit/Schwindelfreiheit erforderlich. Eine Steinbockkolonie entschädigte für die Anstrengung.

Varaita-Tal: Anfangs technische Abfahrt, später leichter durchs Vallone di Soustra bis zur Talstraße SP251. Wiederaufstieg mit Schiebepassage 20 min. auf den Sentiero Lanzetti (kann ausgelassen werden: alternativ leichterer Weg Sentiero Crotto im Tal). Lange Trailabfahrt durchs Varaitatal auf der orografisch rechten Talseite bis Sampeyre. Elend lange Paßstraßenauffahrt (2:40 h) über den Colle de Sampeyre (2284 m) ins Mairatal. Ab Colle Bettone (1831 m) technisch anspruchsvolle Abschnitte auf den Percorsi Occitani über San Martino. Übernachtung in Vernetti in privatem B&B-Restaurant.

Fazit: Mühsamer Aufstieg zu Vallanta- und Losetta-Pass, lange Abfahrt nach Pontechianale und Sampeyre. Sehr lange Straßenauffahrt zum Colle di Sampeyre und technisch anspruchsvolle Trails ins Mairatal.

Etwas unausgeruht ging es am Morgen in die Bergsteigerei am Monviso. Ich quälte mich schon arg zum Vallanta-Pass rauf. Dann folgten wir den Empfehlungen der Schwarmintelligenz und querten rüber zum Colle Losetta. Sehr schön: wir trafen auf eine Kolonie junger Steinböcke. Nicht so schön: die Traverse hat ein paar haarige Stellen (leichte kurze Kletterei). Auch hier komme ich zum Ergebnis: der positive Eindruck des anschließenden Singletrails durchs Vallone di Soustra überdeckt die nüchterne Beurteilung der Schwierigkeit entlang der Traverse. Das ist zwar nichts, was man nicht zu mehreren überwinden könnte, aber gefährlich sind die Stellen schon.

Das Soustra-Hochtal ist sehr einsam, der Trail schön, aber nicht so, dass ich in Begeisterungsstürme ausgebrochen wäre. Hängt wahrscheinlich auch mit der Grundstimmung an dem Tag zusammen, denn ich spürte immer noch die Nacht in den Knochen und vernünftig gefrühstückt hatten wir auch noch nicht.

An der Passstraße dann entschied ich mich für den "Sentiero Lanzetti", oberhalb der Talstraße. Das würde ich heute nicht mehr so machen: 200 Hm Aufstieg, dann ein handtuchschmaler Singletrail in der Grasflanke mit hüfthohem Gras. Das Highlight: uns kam ein Schafhirte auf dem Moped entgegen!

Ich würde beim nächstenmal eher den Trail im Tal gegenüber der Talstraße nach Pontechianale nehmen. Das sollte schneller gehen. In Pontechianale gab es dann endlich ein Frühstück. Ich glaub, es war ein Teller Pasta, denn es war schon 14 Uhr. Talauswärts dann ins Varaita-Tal immer auf dem Trail geblieben und die Straße bis Sampeyre komplett gemieden. Die Wiederauffahrt auf der Straße von Sampeyre zum Colle di Sampeyre habe ich, insbesondere mein Hintern, in nicht allzu bester Erinnerung. Das zog sich. Und schmerzte. Wieder einmal kam ich für mich zur Erkenntnis: wenn ich schon solche langen Anstiege fahren muss, dann doch lieber auf Schotter. Das fühlt sich irgendwie "abwechslungsreicher" an. Auf Schotter brennt mir der A... jedenfalls nie so wie auf Teer.

Möglichkeiten: Wenn es nicht schon so spät gewesen wäre und es am Pass nicht so heftig gewindet hätte (mit heranziehenden Wolken und Nebel), dann hätte ich mich für eine Variante auf der Höhenstraße "Strada dei Cannoni" entschieden. Aber nicht nach Südost, sondern nach Nordwest! Östlich des Colle Terziere sollte es einen Trail geben, der hinunter nach Elva führt und dann wieder bergwärts zum Col Giovanni und Colle Bertone (alles Sentiero Italia). Da es aber schon spät war und der mir lieb geschätzte Peter Vogt von der Unterkunft in Vernetti sich nach unserem Verbleib erkundigte, ließ ich das sein und wir steuerten auf der Straße zum Colle Bertone, wo wir die Sentieri Occitani hinunter nach San Martino nahmen. Irgendwann in der technisch anspruchsvollen Abfahrt querten wir eine Stromleitung und sahen eine vielversprechenden Markierung, welche in die direkte Linie zum Pont Dla Ceino (Straßenabzweig nach Elva) deutete, aber der Weg war schon nach wenigen Metern unter dem hohen Gras nicht mehr identifizierbar. Schade, aber es war definitiv nicht mehr die Uhrzeit für Trailscout-Aktionen dieses Kalibers. Also droppten wir auf dem normalen Trail irgendwo bei Grange Vignale auf die Hauptstraße und kurbelten den Rest auf der Straße zum Ziel. Die Unterkunft Ceaglio war mit Abstand die teuerste auf der gesamten Tour, aber ich würde da immer wieder Halt machen, denn das Essen ist sensationell.



11. Etappe: Vernetti – Col del Preit – Rifugio Gardetta – Colle Malgherina – Col Bandia – Colle Valcavera – Monte Omo – Colle Serour – Gias Salé – Vallone della Madonna-Schlucht – Sambuco – Pietraporzio, 45,7 km, 1650 Hm

Mairatal: Lange Teerstraßen-Auffahrt auf SP 283 über Preit auf die Gardetta-Hochebene (es gäbe eine kürzere Variante ebenfalls auf Teer zum Colle Fauniera). Lange Traversierung der Gardetta-Militärstraße (Schotter) bis zum Colle Valcavera (2416 m). Technische Pfadtraverse (mit einigen ausgesetzten Schiebestücken) zum Monte Omo und ca. 20 min. Schieben/Tragen im Aufstieg zum Colle Serour (2432 m). In der technischen Abfahrt immer wieder verblockte Schiebepassagen. Technisch und ausgesetzte lange Abfahrt ins Sturatal durch die Schlucht Vallone della Madonna nach Sambuco. Übernachtung in einfachem Hotel in Pietraporzio (da in Sambuco alles ausgebucht war).

Fazit: Über die Gardetta-Hochebene hatte ich mir zuvor mehrere Tracks zurecht gelegt. Spontan entschieden wir uns über Preit aufzufahren, um die Hochebene so vom Rifugio Gardetta vollständig in West-Ost-Richtung zu durchqueren. Am Colle Valcavera (an der Passstraße zwischen Vernetti und Demonte) wollten wir nämlich die östliche Traverse um den Monte Omo zum Colle Serour machen, ehe uns eine Abfahrt wieder zum eigentlichen Weg durch die Schlucht des Vallone della Madonna bringen sollte. Auch dieser Tipp kam aus dem Forum und ich nehm's vorweg: das würde ich so nicht wieder machen. Die nordseitige Traverse am Monte Omo konnte ich zu 80 Prozent fahren, während mein Kumpel fast alles schob. Der Weg war so schmal, dass die Flatpedals sich quasi ununterbrochen im Heidekraut verfingen, unkontrollierte Abflüge inbegriffen. Östlich des Monte Omo folgte eine kurze technische Abfahrt und dann sofort wieder ein anstrengender Aufstieg zum Colle Serour. Der nun beworbene anschließende Trail entpuppte sich als Blockmonster, von Flow keine Spur. Mir ist schon klar, dass andere besser fahren können. Dafür kann ich einen Trail offensichtlich genauer beurteilen. Die Abfahrt bis zum Sentiero Italia beim Gias Sale schoben wir jedenfalls weitgehend. Auch der Rest durch die Schlucht ist nicht ganz ohne: es geht steil bergab und Fahrfehler sollte man sich keine erlauben, denn an einigen Stellen geht es senkrecht in die Schlucht. Highlight hier: ein alter Einheimischer, der Mühe hatte, seinen völlig entkräfteten Schäferhund zum Abstieg zu überreden. Dem Hund war heiß und er hatte nichts zu Trinken. Nach ein paar aufmunternden Worten passierten wir ein paar Meter unterhalb den zurückgelassenen Rucksack des Alten, er war voller gepflückter Edelweiß! Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir Sambuco, wo ich noch einen letzten Versuch unternehmen wollte, die Unterkunftslage im empfohlenen Hotel della Posta zu checken. Aber es war wie erwartet bis auf den letzten Platz ausgebucht. Dafür wurde ich an der Rezeption Zeuge, wie die (mir namentlich bekannte) Leiterin einer deutschen Reisegruppe von Alpencrossern (eines bekannten deutschen Tourenveranstalters) dem Inhaber mit harschen Worten erklärte, dass es nicht hinnehmbar sei, dass zwei Doppelzimmer ihrer gebuchten Gruppe sich ein Badezimmer teilen müssten. Ohne Worte...

Zu unserer Unterkunft in Pietraporzio fuhren wir taleinwärts auf der Straße, das Regina delle Alpi war jedenfalls ein guter Ersatz.
 
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Tag 12-14, Seealpen, Vésubie, Grafschaft Nizza:

12. Etappe: Pietraporzio – Sambuco – Pratolungo – Colle Lombarda – Isola 2000 – Col Mercière – Nationalpark Mercantour – Col de Salèse – Le Boréon – Saint-Martin-Vésubie, 73,3 km, 2072 Hm


Sturatal: Schotterweg auf der orographisch rechten Talseite bis Pratolungo (alle Geschäfte im nahen Vinadio). Lange Auffahrt auf schmaler Teerstraße SP 255 Richtung Wallfahrtskirche Santuario di Sant’Anna di Vinadio und Colle Lombarda. Ab Abzweig (1830 m) Sant’Anna di Vinadio weiter auf holpriger Karrenpiste (Malga Orgials), später verfallener Maultierweg bis zum Grenzpass Col de la Lombarde (2351m) ins französische Département Alpes-Maritimes.

Abfahrt auf französischer Seite nach Isola 2000 auf Straße M 97 (Abschneider über Skipisten lohnen nicht). Sehr steile Auffahrt mit Schiebepassagen durch das Skigebiet von Isola 2000 zum Pass Col Mercière (2338 m), Nationalparkgrenze Mercantour. Abfahrt (legal) auf Karrenweg Richtung Col de Salèse (2031 m). Abfahrt auf Strasse M 89 bis le Boréon (GR 52 im NP ist verboten). Besichtigung des Wolfszentrums möglich. Ab le Boréon parallel zur M 89 verläuft der Sentier Valléen de la Vésubie bis St-Martin-Vésubie (927 m). Wir haben schon beim Einstieg bei le Boréon ziemlich viele durch Windbruch umgestürzte Bäume gesehen und es dann vorgezogen, auf Straße abzufahren. Unterkunft in privatem B&B in St-Martin-Vésubie.

Abwechslungsreich dank Straße, Karrenweg, Skigebietspisten, Grassätteln und Nationalpark. Von allem etwas dabei. Bei der heutigen Etappe konnte ich im Vorfeld nicht so recht Länge, Dauer, Beschaffenheit der Wege, Zustand einschätzen. Ich hatte angepeilt, dass wir am Colle della Lombarda über Isola2000 auf die französische Seite in den Nationalpark Mercantour kommen würden, wusste aber wenig darüber, wie es da wohl weitergehen und wie wir vorankommen würden. Die erste greifbare Unterkunft auf französischem Boden wäre die Gîte Le Boreon gewesen und die peilte ich mal grob an. Wir folgten zunächst talauswärts der Waldstraße bis Pratolungo. Da Ebbe in der Kasse war, mussten wir einen Geldautomat in Vinadio anpeilen, was nur einen kleinen Umweg bedeutete. Am Campingplatz nahm ich einen falschen Abzweig hinauf in den Ort, der dazu führte, dass wir uns plötzlich inmitten der dicken Befestigungsmauern der Fort-Anlage befanden, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Es fehlte nur der Gegner, der uns mit heißem Öl, brennenden Pfeilen und Kanonen zu empfangen schien. Über mehrere Treppenaufgänge und Gewölbegänge kamen wir schließlich ins Innere des Dorfes. Wieder zurück auf der Anstiegsstraße zum Lombardapass folgen rund 13 km auf Teer bergauf bis unterhalb der Wallfahrtsanlage von Sant'Anna di Vinadio, wo mein treuer Gefährte mal wieder auf mich wartete. Ich wollte von dort nicht auf der Straße zum Pass hoch fahren, sondern auf der Almstraße. Diese wird allgemein als ein rechtes Rüttelmonster beschrieben und das kann ich so bestätigen. Auf 2150m gibt es aber einen unscheinbaren Abzweig auf die andere Hangseite, wo ein verfallener Karrenweg unterhalb der Krete zum Colle della Lombarda führt. Wir teilten uns auf und mein Begleiter nahm den Karrenweg unter die Räder, der sich als teils spaßiger Bergauftrail erwies.

Auf der französischen Seite runter nach Isola 2000 bleibt einem nur die Straße. Wir hatten zwar ein paar Abschneider auf Wanderweg und Skipiste ausprobiert, aber das war kein Gewinn. Unser nächstes Zwischenziel war der Col Merciere im Skigebiet von Isola 2000. Die Auffahrt türmte sich immer steiler auf und eine auf der Karte als verlockend aussehende Loren-Traverse im Bikepark erwies sich als nicht auffindbar. Also wuchteten wir die Räder die Pistenrampen dem Pass entgegen. Oben dann beginnt der Nationalpark Mercantour, wobei die Piste vom Col Merciere bis zum Col de Salèse befahren werden darf. Zumindest war das bis zum Zeitpunkt unserer Befahrung so (inzwischen benötigt man eine schriftliche Erlaubnis der NP-Verwaltung). Bis zum Wegweiser 265 geht es bergab, danach immer mal wieder auch bergauf, ehe man kurz unter dem Col de Salèse auf eine Straße stößt. Die Abfahrt nach Le Boreon machen wir auf der Straße. Der Wanderweg GR52 daneben sieht zwar sehr verlockend aus, aber Nationalpark ist Nationalpark und mit den Franzosen ist in dieser Hinsicht nicht zu spaßen.

Früher als erwartet sind wir in Le Boreon und so entscheide ich, bis Saint Martin de Vesubie weiter talauswärts zu fahren. Wir wollen südlich des kleinen Stausees den "Sentier valléen de la Vesubie" nehmen und so die Straße vermeiden. Aber der Weg ist nicht recht zu finden. Schon nach wenigen Metern liegen Bäume kreuz und quer und wir wissen nicht, wie sich das fortsetzt. Notgedrungen kehren wir um und nehmen doch die Straße.

Zeitsprung: Durch die Unwetter der Tempete Alex im Jahr 2020 ist in dem Tal deutlich mehr zerstört worden. Selbst die Talstraße und die Dörfer hat es heftig erwischt. Die Spuren der Verwüstung sind bis heute zu sehen.

Saint-Martin scheint bis aufs letzte Bett ausgebucht zu sein. Mit viel Glück bekommen wir ein Doppelzimmer in einem privatem B&B. Auch die Tische in den Restaurants sind voll.



13. Etappe: Saint-Martin-Vésubie – La Colmiane – GR 5 – Col de la Madeleine – Baisse de Venanson – Col d’Andrion – Le Brec d’Utelle – Utelle, 38 km, 1521 Hm

In den Ausläufern der französischen Seealpen Auffahrt auf Straße M 2565 zum Col St. Martin (1500 m) nach la Colmiane. Im Bikepark sehr steile Auffahrt durchs Skigebiet mit kurzen Schiebestücken zum Col de Colmiane (1641 m) und Col de Varaire (1740 m). Entlang des GR 5 längere Schiebepassagen ab dem Col de la Madeleine (1736 m) Richtung Mont Tournairet (höchste Stellen erreichen die 2000 m-Marke). Wenig begangene Traverse westseitig des Tournairet-Kamms zum Col d’Andrion (1684 m) auf der Strecke des Enduro-Rennens „Transvésubienne“. Nahezu alle Bergaufpassagen sind zu Schieben, alle Abwärtspassagen technisch sehr anspruchsvoll. Durchgängig steile Flanken und immer wieder ausgesetzte Passagen. Technisch anspruchsvolle Abfahrt auf dem GR 5 vom Col d’Andrion bis zum Col de Fournés (1350 m). Trailtraverse am Chemin du Tournairet zum Col de Gratteloup. Sehr mühsamer Aufstieg (20 min.) auf dem GR 5 in die Brec d’Utelle-Scharte (1530 m). Sehr anspruchsvolle Abfahrt auf dem GR 5 mit ständigen Schiebestücken bis Utelle. Unterkunft in kommunaler Gîte.

Der heutige Plan sieht vor, auf der Teerstraße nach La Colmiane hochzufahren und von dort auf der Strecke der "Transvésubienne" nach Süden. Die "Transvesubienne" ist ein berüchtigter MTB-Marathon, bei dem die Teilnehmer an einem Tag von La Colmiane bis nach Nizza abfahren. Das sind knapp 80 km und um die 2500 Höhenmeter, wobei das meiste bergab führt. Ich habe uns für diese Aufgabe 2 Etappen gegönnt und wir sind zuversichtlich, das auch so zu schaffen. Grob gesagt, geht es entlang dem GR5 immer entlang der Bergflanke, die das Vesubie-Tal vom Tinée-Tal trennt. Also ein Höhenweg so richtig nach meinem Geschmack. Recht bald schon merken wir, dass die Traverse einiges zum Schieben parat hält. Bergauf ist vieles zu steil zum fahren, bergab wird es sofort technisch schwierig und wo es im Bereich des Machbaren erscheint, ist die Bergflanke plötzlich ausgesetzt steil, das Gras brusthoch oder andere Gemeinheiten fordern zu allerhöchster Konzentration. Ich frage mich langsam, wie man in diesem Gelände ein Rennen veranstalten kann? Das geht nun stundenlang schon so und unser Tagesziel Levens ist noch in weiter Ferne. Langsam beschleichen mich Zweifel, ob wir das schaffen können.

Natürlich gibt es da oben keinerlei Möglichkeiten einer Einkehr und schlechtes Wetter bekommt man da besser auch nicht. Eine Colapause und ein Snickers sollen die Moral wieder aufrichten, aber das währt nur kurz: vor uns türmt sich plötzlich der Brec d'Utelle auf, ein schon von weitem sichtbarer Felsmonolith. Weder von weitem noch aus der Nähe hingegen ist ersichtlich, wie man an dem vorbeikommen soll, denn er stellt sich uns direkt in den Weg. Als wir dann davor stehen, sehen wir es: der Weg geht steil aufwärts direkt in die Felsflanke. Das klingt gefährlicher als es ist, aber eine ziemliche Schinderei ist es in jedem Fall. Inzwischen ist klar, dass wir das geplante Hotel in Levens knicken können. Dazwischen läge noch die Querung des Tals und der Wiederaufstieg zu Fuß. Wo aber anstattdessen übernachten? Einziges Dorf an der Bergflanke ist Utelle, ein paar Häuser, mehr nicht. Wir haben Glück: es gibt eine kommunale, unbewirtschaftete Gîte für GR5-Wanderer. Dort treffen wir einen Wanderer aus dem Elsaß. Und wir haben noch mehr Glück: ein Restaurant gibt's auch. Mit dem Elsässer verbringen wir einen netten Abend, der uns davon abhält, mit unserem Schicksal zu hadern. Das war's: die Etappe zeigte uns deutlich unsere Grenzen auf. Von den 10 Stunden unterwegs sind wir gefühlt vielleicht eine Stunde auf dem Rad gesessen. Wie machen das die Teilnehmer der "Transvesubienne"?



14. Etappe: Utelle – GR 5 – Vésubie-Schlucht – Levens – Tourette – Saint-André-de-la-Roche – Nizza, 46,3 km, 860 Hm

Auffahrt zur Wallfahrtskirche Sanctuaire de la Madone d’Utelle (GR 5 variante). Schiebestücke an der Cime du Diamant. Verblockte Abfahrt (mit Schieben) zum Col d’Ambellarte. Wenig begangener Weg zum Col de la Moutète (mit Schiebestücken). Abfahrt auf technischem Pfad nach La Villette, dann Strasse bis Le Cros d’Utelle und hinab in die Vésubie-Talschlucht. (Empfehlung: ab Utelle besser direkt den GR 5 bis Le Cros d’Utelle nehmen.) Überquerung des Flusses über alte Steinbrücke und steiler Aufstieg auf GR 5 bis zur Straße M 19 bei Levens (über 300 Hm Schieben bergauf!). In der alten Grafschaft Nizza ab Levens auf der Strecke der „Transvésubienne“ entlang der Mont Ferion-Flanke östlich und westseitig Mont Cima-Chauve-Aspremont-Traverse auf dem GR 5 bis St.-André-de-la-Roche. Wir haben auf der letzten Etappe angesichts der zermürbenden vorangegangenen Schiebepassagen irgendwann aufgegeben und sind ab Levens auf Straße M 19 ca. 25 km bis an die Küste gefahren. Unterkunft in B&B in Nizza.

Es beginnt also mit dem, was uns gestern noch bevorgestanden hätte: auf der Auffahrt zur Madone d'Utelle nimmt die TV (Transvesubienne) nämlich nicht nur die geteerte Straße, sondern umrundet zusätzlich (und überflüssigerweise) noch die Cime du Diamant auf einem ziemlich zugewachsenen Trail. Die Abfahrt von der Wallfahrtskirche zum Col d'Ambellarte verdient diesen Namen nicht. Es ist ein Schottermassaker durch scharfes Gestein. Kurzes Verschnaufen bergauf, dann muss man am Colle d'Housti den Pfad westwärts suchen. Keine Spur weit und breit! Dafür hilft der GPS-Track einigermaßen die Richtung zu halten. Am Col de la Moutete ist der Pfad zwar wieder erkennbar, aber einfacher wird er dadurch nicht. Ich beschließe, dem Drama ein Ende zu bereiten: wir wollen auf direktem Wege ostwärts nach La Villette und Le Cros d'Utelle und hinunter ins Tal. In der Abfahrt plündern wir einen Feigenbaum mit reifen Früchten. Im Tal der Vesubie queren wir den Fluss auf einer alten Steinbrücke und schieben nun gute 300 Hm bergauf zur Hauptstraße. Dort treffen wir wieder auf den Wanderer aus dem Elsaß, der einfach der GR5 gefolgt war. All unsere Irrfahrt hätte uns nach bisheriger Planung am Vortag noch erwartet! Gut, dass wir die Gîte in Utelle gefunden hatten, wenngleich es nicht die beste Übernachtung war.

Die "Transvesubienne" würde nun noch einmal östlich der Hauptstraße zum Mont Ferion auffahren, dann die M19 wieder queren und dann westlich zum Mont Chauve d'Aspremont hinauf, ehe es endlich hinab nach Nizza gegangen wäre. Und all das ab La Colmiane an einem einzigen Tag!!! Ich fasse es nicht und gebe es unumwunden zu: Uns hat die gestrige Etappe so zugesetzt, dass wir heute keine Lust mehr auf Extratouren haben. Wir beschließen, von Levens auf der Straße nach Nizza zu fahren. Irgendwo vor Tourette stoßen wir auf eine große MTB-Hinweistafel, wo der Ex-Profi Fabien Barel für die Biketrails seiner Heimat wirbt. Aber auch das kann uns nicht mehr motivieren. Es bleibt dabei, wir nehmen die Straße. Und in weniger als einer Stunde sind wir in der südfranzösischen Metropole, die an diesem Wochenende Austragungsort der 70.3-Ironman-Triathlon-Weltmeisterschaft ist.
Auch schön, mal auf andere Gedanken kommen.



INFO

Beste Reisezeit: Mitte Juli bis Mitte September

An- und Abreise per Flugzeug: Genf und Nizza werden von Lufthansa und Air France angeflogen. Beide Airlines befördern verpackte Bikes innerhalb der Freigepäckgrenze von 23 kg kostenlos. Die Transalp-Rucksäcke gehen als Handgepäck gerade noch so durch.

Bei Anreise mit dem PKW: Rückkehr von Nizza nach Genf ist etwas umständlich mit der Bahn möglich. Oder mit Mietwagen.

Unterkünfte in Berghütten, Gîtes, einfachen Pensionen, Gasthöfen und Hotels.

Literatur: Alpencross, Mit dem Mountainbike über die Ost- und Westalpen, Achim Zahn, Bruckmann-Verlag, ISBN 978-3765440595. Alpencross West-/Südalpen, Achim Zahn, Bruckmann-Verlag, ISBN 978-3765447730

Karten: In gedruckter Form Karten für eine 700 km lange Strecke mitzunehmen ist natürlich unmöglich. Umso wichtiger ist vorherige Beschäftigung damit. IGN-Karten im Maßstab 1:25.000 sowie Online-Kartenmaterial auf OSM-Basis diverser Trackportale waren für die Planung von Nutzen. Auf einem zuverlässigen Navigationsgerät sollten diese Karten in elektronischer Form mit auf Tour sein. Die digitalen IGN-Karten kann man kaufen oder über Smartphone-Apps für eine zeitliche Dauer nutzen.
 
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Vielen Dank für den ausführlichen Bericht und die persönliche Einschätzung im Fazit. Ich werde in wenigen Wochen die cottischen Alpen durchqueren und bin gespannt, stelle mich auch schon auf lange Schiebe-Tragepassagen ein. Die schweren Unwetter im Oktober 2020 mit den schlimmen Folgen machen die Planung sehr schwierig.
 
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Toller Reisebericht, komme gerade selber von der GTA3 Seealpen zurück und bin einige Passagen selber gefahren. Auf unserer Strecke war von den schweren Unwettern im Oktober letzten Jahres(wo ich vor Ort war) nichts mehr zusehen, alles war super fahrbar auf unserer Strecke. Ich übernehme natürlich keine Verantwortung für von mir nicht gefahrene Streckenteile, aber evtl. hilft es ja bei der Einschätzung.

VG
Michael
 
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Würzburg, Bayern
Hallo Gemeinde,
wir hatten vorletzte Woche isartrails Strecke in Angriff genommen. Leider war an Tag 4 wg. technischen Problemen, Krankheit und Schlechtwetteraussicht Schluss. Bis dahin kann ich sagen: Eine wirklich gelungene Strecke!

Hinweis: Die erste Seilbahn seiner Planung "Saleve" (https://www.telepherique-du-saleve.com/), gleich "aus Genf raus", schliesst Ende August 2021 für 20 Monate für Modernisierungsarbeiten.
 
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