Im August 2002 verstarb Renate Wössner, Schwester des Chiemgau Biking Inhabers Markus Alexander Wössner, bei einem Flugzeugabsturz in der Stadt Kristi / Nepal. Während zweier Angehörigen-Besuche von Markus Wössner in Kristi, war dieser bestürzt über die dortige Schul- und Bildungssituation. Als Wössner erfuhr, dass nahe der Absturzstelle eine Schule gebaut werden soll, rief dieser das Charity Projekt “Kristi” ins Leben. Dabei geht es um eine Spendensammlung, um den Aufbau der Schule, die Fortbildung der Lehrkräfte und den Ausbau der Infrastruktur in Kristi zu finanzieren.

Unter dem Motto „Unglück zum Glück wandeln“ möchte Markus Wössner den Menschen in Kristi helfen, seine Hilfe besteht dabei jedoch nicht nur aus finanziellen Transaktionen ins ferne Nepal, sondern auch aus Aufenthalten vor Ort. Samt MTB macht sich Wössner regelmäßig in die Höhen des Himalaya auf, um dort die Menschen in Kristi persönlich zu treffen. Im Gepäck hat er dabei jedoch nicht nur seine Bike-Ausrüstung, sondern auch eine Vielzahl an Spendengaben, die den Dorfbewohnern das Leben erleichtern sollen. Erst vor Kurzem war Wössner wieder auf dem Dach der Welt unterwegs, selbstverständlich mit dem Bike. Von dieser Reise möchte er uns hier erzählen.

Ausblick Himalaya – MTB-Spezialtour der Extraklasse [Text: Markus Wössner]

Ralf Schüssler, Michael Scherf und Markus Wössner machten sich auf, das ferne Nepal per Mountainbike zu queren. Mit im Gepäck: Jede Menge Kinder-Geschenke und Finanzmittel für eine Schule. Erlebt haben sie sportlich einen Trip der Extraklasse. Im abschließenden Trekking-Part nach Ghandruk, auf halben Weg zum Annapurna-Base-Camp dann der Höhepunkt einer sehr speziellen Reise mit vielen Gänsehauterlebnissen.

Was für ein Anblick! Nepal. Wir staunen andächtig, und sind fast demütig. Denn wir betrachten hier einen ganz Besonderen aus der Phalanx dieser schier endlos weißen Riesen. Stolz ragt er auf. Der Machapuchare. Er gilt als Sitz des Buddhas des grenzenlosen Lichts. Dieser Machapuchare hat – wie das Storyboard unserer Biketour durch Nepal selbst – zwei Gesichter: Von Süden aus gleicht er ein wenig dem Matterhorn, wenngleich mehr als 2500 m höher…! Etwas westlicher erkennen wir eine riesige Fischflosse, die vom Berg her in die Annapurna-Kette abzutauchen scheint. Wie Fische im Wasser fühlen auch wir uns wohl. Begierig, alles in uns aufzusaugen: wir fressen Höhenmeter immerzu und überwinden so etliche Pässe per Mountainbike. In zwei Wochen zieht ein Kaleidoskop der Andersartigkeit an uns vorbei: Abgeerntete ockerbraune Getreideund Reisterrassen an rötlichen Hängen wechseln mit quietsch-gelben Rapsfeldern, aufgelockert durch das intensive Grün von Salatbeeten.

Hinterm zwiebelartigen Mittelland überragen die 8000er vor azurblauem Himmel das Vorgebirge prächtig und majestätisch. Am Wegesrand dagegen herrscht emsiges Treiben. Wenn wir unsere Pedalritte unterbrechen, ist die Aufmerksamkeit sofort auf unserer Seite: „Where do you come from? Where are u goin’? Nepali sind neugierig, und wissensdurstig! Ein besonders profunder Fachmann und Guide ist stets an unserer Seite: Bhai Krishna Khadka. Der Mann spricht und schreibt neben einigen anderen Sprachen perfekt Deutsch. Akribisch und ehrgeizig erlerntes Wissen ist es, erlernt im Goethe-Institut in Kathmandu, und natürlich aus dem touristischen Leben. In deutscher Gründlichkeit organisiert uns dieser Tausendsassa das beste Zeltlager, das ich je genießen durfte. Geduldig bringt er uns dem Buddhismus nahe; er führt uns mit Heiterkeit dolmetschend gern mit seinen Landsleuten zusammen. Und abends, in der Rückblende eines gewaltigen Tages, lachen wir mit ihm über eines von tausend sinnigen Sprichwörtern, die Bhai natürlich alle beherrscht.

Der Spaß tut gut. Denn abends sind wir durchaus groggy. Die Tour läuft diesmal schnell und flüssig. Denn wir sind in Kleinstgruppe unterwegs. Und unsere Vielfederweg-Bikes lassen wir bergab ordentlich sausen. Unsere Kondition ist überdurchschnittlich gut: und so klettern wir selbst die steilsten Uphills enorm zügig und freuen uns. Denn so haben wir noch mehr Zeit, alles präzise im Bild festzuhalten. Die Tour durch ihr ruppiges Terrain, mit ihren auch technischen Passagen, und mit den herrlich andersartigen Pfaden. Sie ist die absolute Steigerung zu jedem Alpencross. Neun Bikeetappen sind wir unterwegs. Im Höhenkorridor zwischen 400 bis 2200 m. Jeden Tag erneut verursacht der Blick aufs Himalaya-Panorama pure Verzückung. Insgesamt klettern wir ca. 9000 hm, wobei die Zahlen trügen: die Tour kommt uns härter vor. VieIe steile, sandige und steinige Passagen fordern Ihren Tribut. Die atemberaubende Natur ist zu neu für unser europäisches Auge. Das zehrt zusätzlich. Permanent erfolgt daher auch der Griff zur Kamera.

Obwohl diese Tour von uns aufwändig in Pioniersleistung schon vor sechs Jahren erschlossen wurde, sind wir noch ziemliche Exoten hier, natürlich auf unseren unvergleichlichen Edelrädern. Immer sind wir hochwillkommen: Selbst wenn wir im surrenden Freilauf und kontrolliert grenzwertiger Geschwindigkeit die Hänge hinabschießen, feuern uns die Nepali am Straßenrand sogar mit einem lauten „Yihaaaah“ an. Das kommt natürlich gut und beflügelt für den nächsten Uphill. Leider haben wir nicht gefilmt, wie die Staubwolken der vorauspeitschenden Fahrer einem die Sicht teilweise völlig vernebeln. Was für ein Feeling! Allein die Fahreindrücke über die abenteuerlichen Hängebrücken bleiben uns auf alle Fälle nachhaltig und in bester Erinnerung.

Ist die einstige, alte Handelsroute zwischen Kathmandu und Tibet bis nach Pokhara absolviert, und damit die Biketour beendet, taucht man wieder ins hektischere Stadtleben ein. Pokhara, die touristisch besterschlossene Stadt Nepals liegt idyllisch am See und malerisch vor dem Annapurna-Massiv. Hier beginnt ein add-on, das beide meiner Bike- und Bergsteiger-Kollegen fast sprachlos machen wird vor Begeisterung: Nach kurzem Transfer in Richtung der mächtigen Bergkette steht ein Zwei-Tages-Trek von 40 km Distanz auf dem Plan. In 48 Stunden werden 3000 Höhenmeter überwunden. Eine charmante Übernachtung in 2000 m Höhe entpuppt sich als Höhepunkt mit Naturschauspiel der Extraklasse: Frühmorgends um 6:00 h zeichnet sich ab, dass der Fishtail fast mit Händen zu greifen ist. Das Morgenrot am Berg, Zirpen der Grillen ringsum, dann die ersten Sonnenstrahlen am Gipfel verursachen magische Rückenschauer vor Begeisterung!

Gepusht von diesem morgendlichen Spektakel wird Ralf auf dem Rückweg entlang des Modi Khola Flusses beginnen, die Treppen hinab immer schneller zu springen. Übermut, der sich für den fitten Triathleten tatsächlich später in einer ordentlichen Portion Muskelkater zeigen wird… Doch das ist kein Aufreger, vor allem nicht in diesem Land, in dem Hindus, Buddhisten, wenige Moslems und Christen in geradezu unglaublicher Toleranz friedlichst zusammen leben. Es muss an den Bergen liegen! Die wir sogar noch näher betrachten dürfen. Aus einer Propeller-Maschine erkennen wir zunächst in Vogelperspektive einen Teil unserer Himalaya- Route. Wir glauben, spektakulärste Blicke auf Ganesh- und Langtang- Himal gesehen zu haben. Doch tags darauf wird das erneut getoppt: ein Mountainflight zum Mt. Everest stellt nun die absolute Krönung dar! Lohtse, Nuptse, Ama Dablan, Cho Oyo… wow!

Top of the world! Nepal hat in kurzer Zeit wirklich einen gewaltigen Sprung gemacht! Seit seinem jungen Wandel zur Demokratie herrscht hier so eine wohltuende Aufbruchstimmung. Alleine vier neue Schulen habe ich gezählt auf unseren gut 350 km Bikeroute. Unmittelbar am Wegesrand der fast vergessenen Hauptroute nach Tibet nahm ich viele neue Häuschen wahr. Mehr und bessere Straßen.
Während die Felder nach wie vor mit Ochs und Pflug bearbeitet werden, sah ich im Kathmandu-Tal vermehrt den ein oder anderen Bagger. Der Fortschritt ist also selbst im Himalayastaat nicht aufzuhalten. Die Zeit der Hippies dort ist lange schon vorbei.

Fortschritte wünschen wir uns ebenfalls vermehrt für das zweite Gesicht dieser grandiosen Tour, denn:
wir erfüllen auch eine kleine, doch wichtige Charity-Mission. Angekommen im kleinen Bergdorf Kristi durchfließt uns ein hochemotionaler Moment, als tosender Applaus von 65 kleinen Schulkindern auf uns prasselt, nebenan die glückliche Lehrerschar. Wohlwissend, dass diese abgelegene Schule ohne unsere Finanzhilfe nicht überleben kann, spüren wir eine enorme Dankbarkeit. Im Schulterschluss mit der Nürnberger Stiftung «Zahnärzte ohne Grenzen» überbringen wir neben hundert ORAL-B- Bürsten auch Zahnpasta – und auch Bonbons für die Kinder. Diese sollen verdient sein: durch Zahnpflege…

Wir haben Freundschaften geschlossen, sind erfreut und erleichtert. Der Schulbetrieb ist ein weiteres Jahr gewährleistet. Auch und vor allem mit einem ordentlichen Zuschuss für die Mittagspausenbrote der Kinder. Deuter-Teddybären und -Caps runden unser Belohnungssystem für die Kinder schön ab. Der größte und beste Fortschritt würde freilich hier für uns sein, endlich das bestehende Wellblechdach der Schule durch eine Betondecke austauschen zu können. So kann es nur unser Ziel sein, erneut diese Schule, dies Land, diese Berge zu bereisen! Sehnsucht und Aussicht auf erfolgreiche Rückkehr… – was für ein Ausblick…

Namaste Nepal!

Es ist immer wieder erfreulich zu sehen, dass sich Menschen uneigennützig für andere einsetzen. Besonders in Hinblick auf Markus´ persönliche Verbundenheit mit dem Bergdorf Kristi würden wir uns freuen, wenn ihm durch euch Hilfe zuteil werden könnte – Spenden an: Gemeinnützige Stiftung „Zahnärzte ohne Grenzen“ – www.dentists-without-limits.de
Wer selbst mit Marcus eine MTB-Reise samt Schulbesuch nach Kristi unternehmen möchte, findet hier alle nötigen Informationen.

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Quelle: Text – Markus Wössner / Bilder – Michael Scherf & Markus Wössner

  1. benutzerbild

    Tyrolens

    dabei seit 03/2003

    Jawohl, es gibt noch gute Menschen auf diesem Planeten.
  2. benutzerbild

    Drop-EX

    dabei seit 05/2010

    sehr gute aktion und grandiose bilder :love:
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  4. benutzerbild

    svennox

    dabei seit 02/2010

    tolle Sache .. [​IMG]
    ..schöne Fotos
  5. benutzerbild

    supercollider

    dabei seit 09/2007

    @Björn

    Im November 'ne Tour von Kathmandu ins Langtangtal und wieder zurück gemacht. Das Tal rein muss viel getragen werden aber dann wieder raus geht es richtig schön - wenn man es anspruchsvoll mag.

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