Im September letzten Jahres machte ein Artikel über das Arbeitsgerät von World Cup-Gesamtsieger Stevie Smith (hier zum Artikel) ein paar wenige aufmerksame IBC-User mächtig stutzig: Auf einem Bild ließen sich bei genauerem Hinsehen zwei Ventile pro Laufrad erkennen. Ein bislang ungewohntes Bild in der Welt des Mountainbikes. Lange konnte man nur spekulieren, was es mit den zwei Ventilen auf sich haben könnte, doch nun scheint Licht ins Dunkel zu kommen.

Bei einer exklusiven Produktpräsentation stellte uns Smiths Reifen-Sponsor Schwalbe diese Woche ein gänzlich neues Reifen-System vor, welches des Rätsels Lösung sein könnte. Was Schwalbe in Kooperation mit Syntace im spanischen Malaga präsentierte hat das Zeug, zu einer der bedeutendsten Innovationen der jüngeren Mountainbike-Entwicklung zu werden.


# Noch gibt Schwalbe keine Auskunft darüber, ob Stevie Smith seinen World Cup-Gesamtsieg unter Einsatz des jüngst vorgestellten Doppelkammer-Reifensystem von Schwalbe und Syntace eingefahren hat – naheliegend ist es jedoch. 

Das Doppelkammer-Reifensystem

Mit weniger als einem Bar Reifendruck pannenfrei durch gröbstes Gelände! Mit diesem vollmundigen Versprechen präsentieren die Firmen Schwalbe und Syntace eine Neuheit, die den Mountainbike-Markt revolutionieren soll. Es handelt sich um ein System, welches im Reifeninneren zwei Luftkammern realisiert, die getrennt voneinander einmal mit hohem und einmal mit niedrigem Luftdruck aufgepumpt werden. Sinn der Sache soll sein, über zwei unterschiedlich starke Luftpolster Fahrkomfort, Traktion und Pannensicherheit zu erzeugen. Drei Eigenschaften, die bei bisherigen Systemen stets nur mit einem Kompromiss zu vereinen waren.

Unter abfahrtsorientierten Nutzern von Schlauchlossystemen dürfte der schmale Grad zwischen bestmöglicher Traktion durch geringen Luftdruck und der damit einhergehenden Gefahr von Luftverlust durch „Burping“ – Wegknicken des Reifens auf der Felge bis zur Undichtigkeit am Felgenhorn – wohl bestens bekannt sein. Neben einer verbesserten Traktion wirkt sich ein geringer Luftdruck auch auf den Fahrkomfort sowie den Rollwiderstand im Gelände positiv aus, doch wächst gleichermaßen die Gefahr von Durchschlägen und irreparablen Felgenschäden. Das Doppelkammer-System von Schwalbe und Syntace soll die Vorteile des geringen Luftdrucks weiter ausbauen, die damit einhergehenden Gefahren fürs Material jedoch minimieren.

Das neue Reifensystem von Schwalbe und Syntace: Die Doppelkammer im "Schlauchlos"-Reifen
# Das neue Reifensystem von Schwalbe und Syntace: Die Doppelkammer im „Schlauchlos“-Reifen, von außen nur durch das zweite Ventil erkennbar.

Da sich das System derzeit noch im Entwicklungsstadium befindet, war man beim Presse-Camp in Spanien sehr darauf bedacht, es beim Fahreindruck der anwesenden Medienvertreter zu belassen. Einen Blick ins Innere des Reifen gewährte man uns nicht, weshalb wir über den Aufbau lediglich spekulieren können. Der streng unter Verschluss gehaltene Aufbau des Doppelkammer-Systems dürfte wohl eine Art „Mini-Schlauch“ sein, der sich dank fester Struktur trotz hohem Innendruck nur bis auf eine vorgegebene Größe ausdehnen kann. Dieser „Mini Schlauch“ – sofern unsere Vermutung zutrifft – sitzt in einem Schlauchlosreifen, wodurch sie im Reifeninneren zwei Luftkammern ergeben.

Vorteile des Systems

Ein zweites Luftpolster schützt die Felge vor Beschädigungen durch Durchschläge.Drückt man den Reifen ein, so fühlt es sich von außen so an, als würde besagter Schlauch, der wohl etwa die Hälfte des Volumens eines Schwalbe Magic Mary-Reifens einnimmt, die Reifenwulst kraftschlüssig unter das Felgenhorn drücken. Dieser hohe Anpressdruck im Inneren dürfte es ein, der besagtes „Burping“ eliminiert. Hinzu kommt der Schutzfaktor, den das zweite, weitaus stärkere Luftpolster im Inneren bietet. Obwohl sich der Reifen bei einem ausreichenden Reifendruck von 1 Bar stark verformt, schützt die darunter liegende Luftkammer die Felge vor Schäden, da Schläge vom äußerst hart aufgepumpten „Mini Schlauch“ bzw. dem zweiten Luftpolster aufgefangen werden sollen. Diese Gegebenheit schützt auch den Reifen vor Beschädigungen.

Notlaufeigenschaften

Sollte es unerwarteterweise doch einmal dazu kommen, dass die äußere Luftkammer durch einen Defekt an Felge oder Reifen Luft verliert, soll die zweite Luftkammer immer noch gute Notlaufeigenschaften bieten. Nicht nur, dass sich das Rad dank der zweiten Luftkammer unter akzeptablem Rollwiderstand weiterfahren lässt, auch rutscht der Reifen weder auf, noch von der Felge. Das System gewährleistet somit auch bei einem Platten eine gute Kontrolle sowie – und das ist nicht zu unterschätzen – volle Bremstraktion.

Faszinierend sollen auch die "Notlauf"-Eigenschaften sein: Bei einem Platten soll das System weiterhin Grip und Bremstraktion gewährleisten.
# Faszinierend sollen auch die „Notlauf“-Eigenschaften sein: Bei einem Platten soll das System weiterhin Grip und Bremstraktion gewährleisten.

Fahrdynamik

All das sind Faktoren, die den Fahrer pannenfrei durchs Gelände bringen sollen. Das System bringt zusätzlich jedoch auch einen fahrdynamischen Vorteil mit sich: Aufgrund der Massenverhältnisse eines Mountainbikes leidet die Fahrdynamik nicht gerade geringfügig an den ungefederten Massen der Federelemente. Wie die Entwickler von Schwalbe und Syntace zu Protokoll gaben, konnte man im Zuge der Entwicklung beweisen, dass der Reifen stets das erste Bauteil sei, das bei einem Schlag ansprechen würde. Es sei sogar so, dass der Reifen oftmals bereits wieder ausgefedert wäre, bevor die Federelemente auf die einwirkende Kraft reagieren könnten. Diese Begebenheit hätte maßgeblichen Einfluss auf unseren Fahrkomfort sowie die Fahrdynamik.

Ein Reifen, der dank des Schutzes einer zweiten Luftkammer mit sehr geringem Luftdruck gefahren werden kann, soll also Unebenheiten erheblich besser abfangen können als Federelemente unter aktuellen Gewichtsverhältnissen. Die Thematik geht sogar so weit, dass man über die zweite Luftkammer die Federkennlinie des „Federelementes“ Reifen anpassen würde, so die Aussage der Entwickler. So würde sich die sonst sehr lineare Kennlinie dank des verkleinerten Kammervolumens zu einer progressiven Kennlinie wandeln, was dem Dämpfungsverhalten des Reifens sehr zuträglich sei.

Die zwei unterschiedlich langen Ventile erzeugen ein gänzlich neues Bild eines Mountainbike-Laufrades.
# Die zwei unterschiedlich langen Ventile erzeugen ein noch ungewohntes Bild eines Mountainbike-Laufrades.

Schwalbe und Syntace – gemeinsam zum Ziel

Die Vorteile des Systems scheinen vielfältig und versprechen eine der größeren Revolutionen in der jüngeren Geschichte der Mountainbike-Entwicklung zu werden. Dass diese Neuheit das Ergebnis einer Kooperation zweier namhafter deutscher Firmen ist, kommt nicht von ungefähr: Beide Seiten waren wohl unabhängig voneinander schon seit längerer Zeit damit beschäftigt, ein System dieser Art zu entwickeln. Auf Seiten von Syntace gelang das dem freien Mitarbeiter Oliver Zuther, der mit einem fertigen, selbst entwickelten System an Syntace herantrat, um sein Projekt in Serie zu bringen. Als Syntace und Schwalbe erfuhren, dass man auf beiden Seiten dieselben Ziele mit der gleichen Lösung in Angriff nahm, entschloss man sich die Kräfte zu bündeln, um gemeinsam schneller ans Ziel zu gelangen.

Markteinführung

Wie man uns beim Pressecamp in Spanien mitteilte, wird sich das System in die Schwalbe-Produktpalette eingliedern und auch über das Vertriebssystem des Reifenherstellers an den Mann gebracht. Preise stehen bisher nicht fest, doch zeigten sich beide Seiten optimistisch, das derzeit noch im Prototyp-Stadium befindliche System zur Eurobike final präsentieren zu können. Das Mehrgewicht pro Laufrad wird derzeit noch mit 200 Gramm angegeben.

In der MTB-News.de-Redaktion verfolgt man die Entwicklung eines solchen nun von Schwalbe und Syntace präsentierten Systems schon seit Längerem gespannt. Umso spannender war es nun, ein solches System erstmals einem Praxistest zu unterziehen. Da es den Umfang dieses Artikel sprengen würde, möchten wir euch unsere Praxiseindrücke in Kürze in einem zweiten Teil schildern.

Entstanden in einer Entwicklungskooperation zwischen Syntace und Schwalbe: das Doppelkammer-System für "Schlauchlos"-Reifen. Das Testobjekt basierte auf einer breiten Syntace W35 Felge und einem "First Ride"-Sondermodell des Schwalbe Reifens Magic Marry. Aktuell ist das System auf breite Felgen ausgelegt, wie dieser Syntace W35 Felge. Volle Traktion sowohl beim beschleunigen wie auch beim Verzögern - 1,0 Bar Reifendruck sollen neue Maßstäbe setzen.
Diese Fotos im Fotoalbum anschauen

Cube Action Team-Fahrer Nico Lau stellte eindrucksvoll unter Beweis, bei welchen Geschwindigkeiten der Reifen noch volle Bike-Kontrolle gewährleistet.
# Cube Action Team-Fahrer Nico Lau stellte eindrucksvoll unter Beweis, bei welchen Geschwindigkeiten der Reifen noch volle Bike-Kontrolle gewährleistet.

Weitere Informationen

Auf dem aktuellen Entwicklungsstand richtet sich das System ganz klar an Enduro- und All-Mountain-Biker, die auf Schlauchlossysteme setzen. Aber auch im Downhill-Sport soll das System zum Einsatz kommen – erste Tests habe das System bereits erfolgreich gemeistert. Zwar wollten sich die Schwalbe-Mitarbeiter nicht zum aktuellen Entwicklungsstand im Downhill-World Cup äußern, so ist aber stark davon auszugehen, dass Steve Smith und andere Schwalbe Pro-Rider bereits 2013 auf diesem System diverse Erfolge im World Cup erzielten.

Vergleicht man die Bilder von Smiths Devinci Downhill-Bike mit denen der Testräder vom Product-Launch in Malaga, so dürfte einem die Anordnung der beiden Ventile auffallen. Während die Ventile bei den Test-Laufrädern noch nebeneinander angeordnet waren, so möchte man sie zukünftig, wie am Bike von Smith zu sehen, in einem Abstand von ca. 30 Grad auseinandersetzen, um die Schwächung der Felge durch das zweite Ventilloch möglichst gering zu halten. Wie der Markt die Umsetzung des zweiten Ventillochs annehmen wird, bleibt derzeit abzuwarten. Als Entwickler des Systems ist bei Syntace aber davon auszugehen, dass Syntace-Felgen ab Werk mit der zweiten Bohrung ausgeliefert werden.

Wie schnell andere Felgenhersteller auf diese Innovation reagieren werden, wollte oder konnte man uns seitens Schwalbe derzeit nicht verraten. Es ist aber davon auszugehen, dass es vorerst in der Hand des Kunden liegt, sich das zweite Loch selbst zu bohren, wobei der Garantieverlust anfangs in Kauf zu nehmen sein wird. Bei Schwalbe zeigt man sich jedoch fest davon überzeugt, dass sich dieses System schnell durchsetzen wird und alle gängigen Hersteller eine Lösung finden werden, ihren Kunden die Nutzung des Systems zu ermöglichen.

Über welches der beiden Ventile man welche Kammer befüllt wollte man uns nicht verraten.
# Über welches der beiden Ventile man welche Kammer befüllt wollte man uns nicht verraten.

Besonders erfreulich ist auch, dass weder Syntace noch Schwalbe das „Nachrüstprodukt“ an ihre bestehenden Produkte binden wollen – so bleibt der Kunde frei in der Entscheidung, das Doppelkammer-Luft-System gegebenenfalls mit anderen, dafür geeigneten Felgen und nahezu allen Schlauchlos-Reifen zu kombinieren.

Das Doppelkammer-System in Einsatz:

Besten Grip bei allen Bedingungen, das und vieles mehr verspricht das neue System.
# Besten Grip bei allen Bedingungen – das und vieles mehr verspricht das neue System.

Nico scheint bestens vorbereitet für die bevorstehende EWS-Saison.
# Nico scheint bestens vorbereitet für die bevorstehende EWS-Saison.

Nicht nur die Traktion soll das System verbessern - vor allem würde die Dämpfung neue Maßstäbe setzen.
# Nicht nur die Traktion soll das System verbessern – vor allem würde die Dämpfung neue Maßstäbe setzen.

Kein Grip-Verlust mehr? Nein, das ist und bleibt Zukunftsmusik.
# Kein Grip-Verlust mehr? Nein, das ist und bleibt Zukunftsmusik.

Was könnte es besseres geben als eine Ausfahrt in sonnigen Gefilden bei warmen 20 Grad im Februar?
# Was könnte es besseres geben als eine Ausfahrt in sonnigen Gefilden bei warmen 20 Grad im Februar?

Der lockere Boden lädt förmlich zum Driften ein!
# Der lockere Boden lud förmlich zum Driften ein!

——————————————————————

Redaktion und Bilder: Maxi Dickerhoff




Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

    1st_Parma

    dabei seit 07/2008

    sanwald81
    Wenn der äußere Schlauch ein Loch hat, flickt man den halt wie bisher auch...
    Welcher äußere Schlauch?!:ka:
  2. benutzerbild

    Anzeige

  3. benutzerbild

    sanwald81

    dabei seit 08/2008

    1st_Parma
    Welcher äußere Schlauch?!:ka:
    Naja, ist zwar Spekulation, aber evtl. gibt's das System ja auch mal mit ner Art Doppelkammerschlauch (Hochdruck und Niederdruckkammer), sodass man das System ohne Dichtmilch nutzen könnte.
  4. benutzerbild

    Kharne

    dabei seit 05/2012

    Blöde Frage:

    Wär´s nicht am Einfachsten, das 2. Ventil einfach mit in die Hochdruckkammer einzuvulkanisieren?
  5. benutzerbild

    1st_Parma

    dabei seit 07/2008

    Kharne
    Blöde Frage:

    Wär´s nicht am Einfachsten, das 2. Ventil einfach mit in die Hochdruckkammer einzuvulkanisieren?
    Ist keine blöde Frage.
    Genau das ist eine Problemstellung die es unter anderem zu lösen gilt meiner Meinung nach.
    Würde man einfach ein übliches also starres Messingventil einvulkanisieren, welches durch die Hochdruckkammer hindurch geht, dann hätte man gerade bei niedrigen Luftdrücken ein zusätzliches Pannen/Verletzungsrisko.
    Ich glaube das meintest Du doch, oder?
    Eine harte Landung genau auf die Stelle wo das Ventil sitzt, würde wohl üble Folgen für Reifen und Felge haben.
    Statt eines starren Ventils könnte eine Art flexibler Schlauch, als Verlängerung eines wie bei Fahrradschläuchen ein/anvulkanisierten Ventils, eine adäquate Lösung sein.
    In Abhängigkeit davon wieviel Platz/Raum die Hochdruckkammer einnimmt, wieweit sie in den/die Reifen/Niederdruckkammer hineinragt, ist oben durchdachtes möglicherweise zu vernachlässigen.
    Ich behaupte folgendes ist am Bike jedenfalls nicht praktikabel:

    [​IMG]

    Oder vielleicht doch, in abgewandelter Form?
    Wir werden sehen was Schwalbe/Syntace sich ausgedacht haben.

    Gruß

    :)
  6. benutzerbild

    fone

    dabei seit 09/2003

    das metallteil brauchen wir ja auch nicht.


    mit 2 schläuchen würde vielleicht auch gehen, wär mir aber irgendwie zu viel krempel.
    ich hoffe mal die jungs machen es vernünftig, ohne schlauch und milch nur wenn man auf dorn-pannensschutz wert legt.

Was meinst du?

Hier kannst du den Artikel direkt im Forum kommentieren.

Hier geht es zu Thema und Kommentaren im Forum.

Verpasse keine Neuheit. Trag dich für den MTB-News-Newsletter ein:
Anmelden