Der Markt für Kleinkameras boomt. Riesige Wachstumsraten und große Margen machen das Geschäft so attraktiv, dass auch branchenfremde Firmen ein Stück vom Kuchen abhaben möchten. Neben dem Schaltungsriesen Shimano will auch Navigationsspezialist Garmin mit einem Produkt einen Erfolg landen – wir haben uns angeschaut, mit welchen Argumenten die Garmin Virb Kunden überzeugen möchte.

Auf dem Helm spürt man die 230 g der Virb - zuzüglich Halterung (nochmals etwa 100g) deutlich
#Der heutige Kandidat: Die Garmin Virb Elite

Wir hatten das Modell Garmin Virb Elite inzwischen vier Monate im Test und haben interessante Eigenschaften festgestellt. Die Taktik von Garmin scheint dabei zu sein, den Kunden durch ein Mehr an Funktionen zu überzeugen. Neben Filmaufnahmen in Full HD soll sie den Nutzer mit GPS und der Einbindung diverser Sensoren unterhalten.

In der Hand

Das Mehr an Funktionen schlägt sich leider auch in einem Mehr an Gewicht und Größe nieder. Die Virb ist ein ganz schöner Brocken, neben einer GoPro neuerer Bauart wirkt das Teil nicht nur gefühlt doppelt so groß und schwer. Fairerweise muss man die Virb aber mit einer GoPro mit Gehäuse vergleichen, denn die Virb ist so konstruiert, dass ihr einziges Gehäuse zumindest bis einen Meter wasserdicht ist, was für Mountainbiker vollkommen ausreicht. Konkret erfüllt sie die Klasse IPX7, heißt: 1 m Tiefe, 30 Minuten.

Ohne Zusatzgehäuse wasserdicht und relativ schnell zu bedienen
# Ohne Zusatzgehäuse wasserdicht und relativ schnell zu bedienen

Am länglichen Gehäuse der Garmin Virb finden sich insgesamt fünf Tasten

  • Auf der linken Seite ein großer Schieber, mit dem die Aufnahme zu jeder Zeit gestartet werden kann, selbst wenn die Kamera aus ist, und der dank seiner großen Form auch mit Handschuhen und ohne hinzuschauen gut zu bedienen ist.
  • Auf der rechten Seite sind vier weniger leicht taktil zu bedienende Tasten zu finden, mit denen das Gerät ein- und ausgeschaltet wird und Einstellungen vorgenommen werden.

Auf der Oberseite liegt das kleine Farbdisplay der Kamera, das eine akzeptable, aber nicht sehr scharfe Darstellung bietet. Die Helligkeit ist eher schwach, bei viel Sonne ist das Ablesen keine ganz leichte Aufgabe. An der Unterseite der Kamera lässt sich eine Klappe öffnen, hinter der der riesige Akku (2000 mAh) und wieder darunter die Speicherkarte (MicroSD bis 64 Gb) zu finden sind.

Garmin VIRB - Besonders der große Aufnahmeschalter gefiel uns im Test
# Besonders der große Aufnahmeschalter gefiel uns im Test

Zur Montage der Kamera wird diese in eine Spange geklemmt, an der unten ein Gewinde angebracht ist. Damit lässt sich die Garmin entweder direkt an das zentrale Befestigungselement, einen Sockel mit Überwurfmutter aus Kunststoff, schrauben, oder erst an ein Sortiment von Winkelstücken anschrauben, ähnlich, wie man es von der GoPro kennt. Mit der Mutter des Befestigunssockels lässt sich die Kamera dann an passende Gegenstücke schrauben, die ein Außengewinde aufweisen. Dieses gibt es unter anderem als Klebepad (Konkav oder flach), als Schulterträger oder Rohrklemme.

In der Praxis

Auf dem Display der Virb lassen sich vier verschiedene Screens anzeigen: Der Viewfinder zeigt das Bild der Kamera sowie einen Neigungsmesser, mit deren Hilfe die Kamera optimal ausgerichtet werden kann – vorausgesetzt, man ist zu zweit unterwegs oder hat die Kameraoberseite im Blickfeld. Auf dem Dashboard lassen sich derweil die GPS- und Sensorgestützen Informationen anzeigen:

  • Geschwindigkeit
  • Höhe
  • Puls
  • Trittfrequenz
  • Strecke
  • Fahrzeit
  • Himmelsrichtung und mehr.

Den Puls im Blick, inklusive zeitlichem Verlauf
# Den Puls im Blick, inklusive zeitlichem Verlauf

Im Einstellungsmenü lassen sich relativ schnell alle Bild- und Kameraeinstellungen verändern. Natürlich die Grundeinstellungen wie Auflösung und Bildwinkel, aber auch einige andere Funktionen:

  • Der digitale Bildstabilisator beispielsweise
  • oder die Barometer- oder GPS-gesteuerte Aufnahme:
  • Es kann eingestellt werden, dass die Virb immer dann filmt, wenn sich ihr Fahrer bergab bewegt oder sich überhaupt bewegt.
  • Auch eine Loop-Aufnahme, die dauerhaft filmt und bei voller Speicherkarte die Aufnahme von vorne weg wieder überschreibt, kann gestartet werden.
  • Wer will kann die Virb mit einer Fernbedienung oder dem Smartphone koppeln.

Das Montage-Zubehör ist klasse gemacht
# Das Montage-Zubehör ist klasse gemacht

Starten wir mit der Montage auf dem Helm:

Das konkave Klebepad ließ sich an diversen Ski- und Bike-Helmen gut befestigen. Klarer Vorteil gegenüber der GoPro: Es kann in jeder Orientierung angeklebt werden, da sein Sockel rund ist und damit keine Richtung vorgibt. Das ist bei einigen stark belüfteten Helmen sehr geschickt. An dieser Stelle kann also bereits einmal die Richtung eingestellt werden, durch das Gelenk am Fuß der Spange kann die zweite Achse geneigt werden. Insgesamt machen die Halterungen einen sehr guten Eindruck. Durch das Festschrauben kann die Kamera bombenfest montiert werden, es bleibt kein Rest-Spiel.

Die Lenkerhalterung ist sehr solide gemacht und durchaus sinnvoll
# Die Lenkerhalterung ist sehr solide gemacht und durchaus sinnvoll

Auch die zusätzlichen Elemente wirken hochwertig, die Gewindeeinsätze aus Metall sind eingeklebt und damit nicht zu verlieren, wie es etwa bei GoPro der Fall sein kann. Auch die Spange hält die Garmin Virb solide an drei Punkten und lässt sie bei Bedarf schnell wieder los, ihr Nachteil ist aber natürlich, dass sie nochmals zusätzliches Gewicht mit sich bringt. Wir hatten die Kamera wie gesagt auf einigen verschiedenen Helmen (POC Trabec, Sweet Bushwacker, Specialized Tactic II) montiert, auf jedem war das Gewicht allerdings deutlich zu spüren. Nicht tragisch, aber doch leicht störend. Mit Fullface- und Skihelmen war der Einfluss geringer und kaum zu spüren.

Auf dem Kopf benutzten wir die Virb dann wie jede andere Helmkamera auch, ihre Zusatzfunktionen sind dort schlicht nicht zu nutzen, zumindest nicht während der Fahrt. Natürlich lässt sich am Computer hinterher der GPS-Track auslesen, aber die Funktionen dabei zu haben und nicht zu sehen ist natürlich schade.

Ersetzt den Tacho: Strecke, Tempo, Höhenmeter,... wird alles angezeigt
# Ersetzt den Tacho: Strecke, Tempo, Höhenmeter,… wird alles angezeigt

Deswegen und durch das doch hohe Gewicht auf dem Kopf haben wir öfters auch die Lenkerhalterung benutzt. Dann ersetzt die Virb einen vollwertigen Tacho, alle relevanten Funktionen werden gut sichtbar dargestellt. Stellt sich nur die Frage: Wie werden die Filmaufnahmen vom Lenker? An der Stelle sollte natürlich der Bildstabilisator unterstützen. Was einem die Kamera nicht verrät aber „heimlich“ doch tut: Bildstabilisator und „Wide“ Weitwinkel sind nicht kombinierbar. Da heißt es entweder oder. Technisch gesehen ist das klar: Der Bildstabilisator nutzt dennoch den ganzen Bildwinkel, gibt aber nur einen kleineren Bildausschnitt aus. Die Differenz nutzt er, um Wackeln durch Verschiebung zu kompensieren.

Ein Kompass steckt auch drin
# Ein Kompass steckt auch drin

Leider ist ein großer Weitwinkel aber das A und O bei Filmaufnahmen aus Fahrerperspektive. Mit dem mit Bildstabilisator kompatiblen „Ultra Zoom“ verlieren die Aufnahmen eindeutig an subjektiver Geschwindigkeit, sind dafür etwas ruhiger, aber auch etwas weniger scharf. Bei den mit Weitwinkel aufgenommenen Aufnahmen vom Helm stimmen der Eindruck von Geschwindigkeit und die Schärfe, bei stärkerem Rütteln leidet die Bildqualität allerdings sichtbar. In Sachen Farben und Kontrastumfang gibt es an den Bildern wenig auszusetzen, die Bildrate wird erst bei Slow-Motions nicht mehr ausreichen.

Hinsichtlich der Bildqualität (Details, Schärfe, Bildrate) kann eine GoPro ab V3 oder auch eine Sony etwas mehr, doch die Aufnahmen der Virb lassen sich, vor allem bei gutem Licht, absolut herzeigen. Im Wald und an trüben Tagen sieht das Ergebnis weniger berauschend aus, was allerdings für Helmkameras sehr typisch und keine Virb-Eigenheit ist.

Der potentielle Virb-Interessent wird allerdings ohnehin nicht primär aus Gründen der Bildqualität auf das Gerät aus dem Hause Garmin aufmerksam werden. Spannender sind doch die zusätzlichen Möglichkeit: Sein Training beobachten, Informationen zur Tour sammeln oder seine Videos hinterher mit Zusatzinformationen aufpeppen.

Nachbearbeitung

Für alle jene heißt die entscheidende Frage: Wie werden die Zusatzinformationen gespeichert? Mit welcher Software lassen sie sich ins Video einbauen?

Zahlreiche mögliche Overlays mit allen Arten von Anzeigen
# Zahlreiche mögliche Overlays mit allen Arten von Anzeigen

Die Antworten der Reihe nach: Schaltet man die Kamera ein und hat in den Einstellungen GPS aktiviert, so vergehen 2-4 Minuten, bis die Kamera ein GPS-Signal gefunden hat. Ab dann werden auf dem Display mit nur geringer Verzögerung Informationen wie Strecke und Geschwindigkeit angezeigt. Aufgezeichnet werden sie allerdings nur, solange auch eine Video-Aufnahme läuft. Auf der Speicherkarte der Garmin werden dann beide Dateien, Video und GPX, separat abgelegt. Das heißt, sofern die Virb überhaupt eine zweite Datei schreibt. Leider war das bei unserer ersten Testkamera nicht der Fall, auch die Zweite dokumentierte ihre Messungen erst nach Formatierung der Speicherkarte und einem Software-Update zuverlässig. Das gelegentliche Einfrieren des Systems bei Bedienung der Kamera ausschließlich über den Aufnahme-Schalter, ohne die Kamera konventionell ein- und auszuschalten, blieb aber auch mit Update bestehen und konnte dann nur durch Entfernen des Akkus gelöst werden.

Falls die GPS-Datei nicht automatisch zugeordnet wurde kann dies auch manuell geschehen
# Falls die GPS-Datei nicht automatisch zugeordnet wurde kann dies auch manuell geschehen

Werden – so wie es sein soll – beide Dateien auf die Speicherkarte geschrieben, kann die Weiterverarbeitung mit bekannter Software für den jeweiligen Einsatzbereich erfolgen, oder man nutzt die für Windows und Mac erhältliche Software „Virb Edit“. Virb Edit bietet gegenüber anderer Software einen entscheidenden Vorteil: Wer die Dateien direkt von seiner Virb über den Software-Dialog importiert, der spart sich die Arbeit, GPX- und Video-Dateien manuell zueinander zuzuordnen. Außerdem kann er die von der Kamera mit aufgezeichneten Daten als Overlay ins Bild packen.

Das ganze ist frei konfigurierbar; passend zur Aufnahme lassen sich beispielsweise also Puls, Höhe, Steigung und Geschwindigkeit einblenden, möglich sind aber viele mehr. Ganz nach Geschmack sind zudem diverse Größen, Farben und Formen von Anzeigen einfach per Drag-and-Drop ins Bild einzufügen.

Der Upload zu Youtube ist direkt aus der Video-Software möglich
# Der Upload zu Youtube ist direkt aus der Video-Software möglich

Virb Edit bietet weiterhin die grundlegenden Möglichkeiten einer Videoschnitt-Software. Clips lassen sich schneiden und trimmen und Musik hinzufügen, Slow- oder Fastmotions stehen zur Wahl – viel mehr aber auch nicht. Wer etwas mehr Anspruch an die Postproduction hat, der wird schnell an die Grenzen des Programms stoßen.

Clips lassen sich rudimentär schneiden
# Clips lassen sich rudimentär schneiden

Video

Mit der Virb hat Garmin keinen GoPro-Killer am Start, sondern eine gute Alternative für eine Zielgruppe mit anderem Einsatzbereich. Neben Filmaufnahmen in vernünftiger Qualität sind es die Aufzeichnung von GPS-Daten und die Anbindung von Herz- und Trittfrequenzsensoren, mit denen die Virb lockt. Gewichtsbedingt wird die Kamera häufiger an den Lenker wandern, wo ein optischer Bildstabilisator eine sinnvolle Ergänzung wäre. Die Möglichkeiten von Virb Edit sind zwar beschränkt, für Dokumentationszwecke oder das Aufpeppen von Aufnahmen durch Statistiken erweist sich die unkomplizierte Einbindung der gpx-Files aber als stechendes Argument.

Der 2000 mAh große Akku zeichnet bis zu 3h lang Video auf - irgendwann ist aber auch damit Schluss
# Der 2000 mAh große Akku zeichnet bis zu 3h lang Video auf – irgendwann ist aber auch damit Schluss

Das folgende Video zeigt ganz gut, dass beispielsweise ein steigender Puls in eine dröge Aufnahme eingebaut werden kann, oder auch die Geschwindigkeit vielleicht ganz sehenswert ist. Bei manchen Aufnahmen sieht man aber auch, dass unsere erste Testkamera kein GPS aufgezeichnet hat. Der Schnitt, die Musik – alles in wenigen Minuten entstanden, viel mehr Möglichkeiten bietet Virb Edit aber auch nicht.

Garmin Virb Elite Edit Testvideo von nuts – mehr Mountainbike-Videos

Ehrlicherweise fehlt eigentlich den meisten Videos, die nicht mit viel Zeitaufwand und unterschiedlichen Perspektiven gedreht wurden, einiges an Abwechslung. Wenn diese in Form von Geschwindigkeitsangaben oder rasendem Puls ins Bild finden, dann ziehen wir ein solches Video einem ebenso eintönigen Helmkamera-Video ohne Zusatzinfos klar vor. Das folgende Video zeigt beispielsweise, dass man beim Skifahren doch manchmal fix unterwegs ist, was die sonst langweiligen Aufnahmen etwas anfixt.

Mittlerer Turm – Garmin Virb Test von nuts – mehr Mountainbike-Videos

Schließen wir den Test mit zwei wichtigen Eigenschaften der Garmin Virb ab: Akkulaufzeit und Datenaufzeichnung. Während der fast doppelt so große und dementsprechend lang haltende, auswechselbare Akku ein echtes Argument für die Garmin-Kamera darstellt, fehlt uns eines: Dass GPS- und Puls nicht nur dauerhaft angezeigt, sondern auch dauerhaft als .gpx aufgezeichnet werden (und nicht nur dann, wenn auch Video aufgezeichnet wird). Dann könnte man die Garmin nämlich auch ideal nutzen, um beispielsweise sein Training zu dokumentieren. Das von ihr für jede Aktivität aufgezeichnete .fit-Dateiformat haben wir einfach als unpraktikabel empfunden.

Fazit zur Garmin VIRB

Die Garmin Virb hat was – trotz ihrer nicht absolut zuverlässigen Software, der Weitwinkel/Bildstabilisator-Entscheidung und dem für viele Helme zu hohen Gewicht. Lange Akku-Laufzeit, schnelle, haptische Bedienung und tatsächlich interessante Zusatzinformationen machen sie zu einem praktischen Begleiter am Berg. Die GoPro schlägt sie in deren Parade-Disziplinen nicht, bietet aber interessante Zusatzfunktionen – und damit einfach einen anderen Einsatzbereich. Ein Duell mit Shimanos Newcomer wird spannend. Momentan gibt’s die Garmin Virb ab 312 € z.B. bei Amazon, die Lenkerhalterung kostet extra.

Preisvergleich Garmin VIRB

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  1. benutzerbild

    MrPaddy

    dabei seit 06/2012

  2. benutzerbild

    soundwaveONE

    dabei seit 03/2010

    An CQB: Die Garmin hat keine Möglichkeit, wie die GoPro raw-ähnlich aufzunehmen. Das Video ist eindeutig in Protune aufgenommen und die Virb ist da natürlich erstmal schärfer. Wäre das Video nicht in Protune aufgenommen, säh es anders aus
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  4. benutzerbild

    wetter-frosch

    dabei seit 06/2009

    Hi,
    mich würden zwei Sachen interessieren...
    Wie schaut es bei der virb edit mac Software mit der Hardwareanforderung aus ? Habe nur ein älteres MacBook mit core2duo zur Verfügung ... Kann man da was mit anfangen?
    Stimmt es, dass man sich, wenn man schon einen Garmin Edge 800 hat, eigentlich die elite Version sparen kann und nur die Basic braucht, wenn man sich die Daten ins Video einblenden möchte? Gleicht die Software dann anhand des Zeitstempels die Fit Datei mit dem Video ab? Dann müsste das ja auch mit anderen Videofiles funktionieren?

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