Zusammen mit Ralf Heisig gründete Christopher Stahl bereits während seines Studiums 1989 den Bonner Fahrradladen H&S Bike-Discount, aus dem später die Fahrradmarke Radon hervorging. Vom Verkauf von Hi-Fi-Anlagen und Katalog-Rädern am Wochenende bis zum Geschäftsführer eines der führenden deutschen Fahrrad-Konzerne hat er es weit gebracht – und ganz nebenbei 30 Jahre Fahrrad-Geschichte mitbekommen. Wir haben uns mit ihm über seine bescheidenen Anfänge, die aktuelle Lage der Marke Radon und seine Zukunftspläne und -visionen unterhalten. Viel Spaß mit dem ausführlichen Interview!

MTB-News.de: Hallo Chris, stell dich vielleicht einfach mal den Lesern vor. Wer ist Chris Stahl?

Chris Stahl:  Ja, wer ist Chris Stahl (lacht) … Ich bin 53 Jahre alt, von Haus aus Volkswirt und habe mit 17, 18 Jahren schon angefangen, Rad zu fahren. Das war in meinem Studium auch so unser Haupthobby, das wir betrieben haben. Und letztlich hab ich aus dem Hobby den Beruf gemacht.

Chris Stahl ist Mitbegründer und Geschäftsführer des H&S Bike-Discount und der dazugehörigen Marke Radon
# Chris Stahl ist Mitbegründer und Geschäftsführer des H&S Bike-Discount und der dazugehörigen Marke Radon - der begeisterte Radfahrer konnte somit schon zu Studienzeiten das Hobby zum Beruf machen.

Wie kam es denn damals dazu?

“Wir hatten so viel Zubehör, das gab es auf der ganzen Welt nicht. Einmal hatten wir zwei 10 Liter-Eimer mit Chris King-Steuersätzen.”

Ralf Heisig und ich, wir haben im Studium angefangen uns selbst zu finanzieren, indem wir Mountainbikes verkauft haben. Wir hatten ein kleines Geschäft und haben das immer weiter entwickelt, bis wir in der Hausdorffstraße in Bonn einen etwas größeren Laden hatten. Schon damals – das war ja mitten im Studium – gabs schon den ersten Umsatz von einer Million … das war schon Wahnsinn! Das hat also total geknallt damals. Eigentlich war das die Hauptzeit des Mountainbikens und zu der Zeit ging alles über den Preis.

Wir hatten die ganzen Hauptmarken, die “in” waren: Marin, GT und Rocky Mountain mit dem Hammer und Vertex. Dann kam Klein dazu, Principia und so weiter. Wir hatten die ganzen Topmarken und auch die ganzen Teile – von Syncros bis zu Ringle und Grafton. Wir hatten so viel Zubehör, das gab es auf der ganzen Welt nicht. Einmal hatten wir zwei 10 Liter-Eimer mit Chris King-Steuersätzen in allen möglichen Farben und 200 – 300 Syncros-Vorbauten. Wir waren also dieses Bike-Mekka und hatten eigentlich als Hauptkonkurrenten den Bikepalast. Wir haben uns immer ein bisschen bekriegt und im Krieg sind natürlich auch viele andere Händler damals zustande gekommen. Ob das der Riedel in Köln war oder Probike.

Bei uns bekam man richtig geile Preise, wenn die Bikes rauskamen. Dann kam dann aber irgendwann mal der Punkt, wo es nicht mehr so viele Überproduktionen gab und der ganze Markt nicht mehr so ganz den Preis voraussagen wollte. An diesem Punkt fingen wir an, eigene Räder zu machen. Die ersten Rahmen haben wir uns in Taiwan besorgt und eine gute Ausstattung gewählt. Das Ganze wurde dann so perfektioniert, dass wir irgendwann eigene Rahmen im Low-Budget-Bereich produziert haben und immer weiter kamen. Als die ersten Fullys aufkamen, hatten wir super Erfolge mit unserem QLT. Das war auch der Punkt, wo Bodo (Probst, Konstrukteur, Anm. d. Red.) zu uns gestoßen ist. Da hat sich die Marke entwickelt, das ist jetzt auch schon 15 Jahre her.

Mit Bodo Probst konnte Radon frühzeitig einen der bekanntesten deutschen Mountainbike-Entwickler ranziehen
# Mit Bodo Probst konnte Radon frühzeitig einen der bekanntesten deutschen Mountainbike-Entwickler ranziehen - zuvor wurde er vor allem durch seine Arbeit bei Fusion und Cyclecraft bekannt.

Habt ihr nicht anfangs auch etwas mit Lautsprechern gemacht?

Ja ja, das war unser erstes Geld, das wir im Studium verdient haben. Wir haben damals mit Hi-Fi-Geräten angefangen.

Warum Hi-Fi-Geräte?

Das lief einfach toll! Das war so eine Ära, da wollte jeder eine Hi-Fi-Anlage haben – wie jetzt E-Bikes. Wir hatten einen Freund, der hatte ein riesiges Hi-Fi-Geschäft und unterstützte uns. Er hat uns die Geräte für einen geringen Aufschlag weiter gegeben, gerade Lautsprecher. Und wir haben dann halt wie die Wahnsinnigen Lautsprecher, Stereoanlagen und Zubehör verkauft. Dann kamen Anrufbeantworter und wireless Phones …

Wie habt ihr das vor Internet und Ebay gemacht?

Mit Printanzeigen, wie heute auch noch. Das war die Audio Stereo Play, dort hat man dann annonciert.

Warum dann Fahrräder? Die sind doch viel sperriger und unpraktischer.

Wir haben das eine Zeitlang synchron gemacht und irgendwann ging das mit den Fahrrädern einfacher – das war unglaublich. Anfangs haben wir das sogar nur am Wochenende von zu Hause aus gemacht. Da haben der Ralf Heisig und ich so 20 Stück verkauft, verschiedene Modelle. Dann mieteten wir die erste Location an – hatten aber auch nur freitags und samstags auf. Danach kam die Hausdorffstraße, hier hatten wir ein richtiges Ladengeschäft, welches auch permanent aufhatte. Wir haben erst einen Mechaniker fest eingestellt, dann zwei. Aber wir haben sehr viel selber gemacht: verkauft und auch selbst aufgebaut.

Zu ihren Anfangszeiten standen Chris Stahl und Ralf Heisig noch selbst im Geschäft und verkauften Räder und Zubehör.
# Zu ihren Anfangszeiten standen Chris Stahl und Ralf Heisig noch selbst im Geschäft und verkauften Räder und Zubehör.

Wie ist eigentlich euer Verhältnis zu Cube? Werden eure Bikes dort gebaut?

Nein, wir haben aber damals mit Cube angefangen. Marcus Pürner (Gründer von Cube, Anm. D. Red.) ist einer meiner ältesten Freunde und wir haben zu unseren Anfangszeiten auch das Geschäft so ein bisschen zusammen gemacht. Damals hießen sie noch Slickrock, dann Move und danach erst Cube. Das waren noch Marken, die wir über Annoncen verkauft haben. Cube hat uns dann auch mit der Fertigung von Radon unterstützt. Wir haben anfangs bei ihnen mit designen lassen und das Cube-Knowhow mitbenutzt – das machen wir jetzt jedoch komplett eigenständig. Wir sind eine eigene Marke mit eigenen Konstrukteuren, Designern und Technologien. Wir haben auch eine ganz andere Richtung, die wir verfolgen, und auch in Zukunft wird sich bei uns einiges drastisch verändern.

Radon und H&S gehört aber noch zusammen, oder?

Im Augenblick ja, aber wir wollen das jetzt ein bisschen trennen, Radon als eigene GmbH aufstellen und vom Versand lösen. Wir haben einfach festgestellt, dass so eine Rad-Marke wie Radon selbstständig dastehen muss. Auf der Bike Discount-Seite wird nicht richtig deutlich, wie eigenständig Radon selber ist. Das wird da ja auch als eine der vielen Rad-Marken mitgeführt.

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# D30 4236

Wie steht ihr zu E-Bikes: Sind die jetzt schon wichtiger für euch als Mountainbikes?

Ja, wichtiger auf jeden Fall! Du hast natürlich nicht den Preisverlust, den du jetzt im normalen Sektor hast. Ich meine: Radon ist jetzt auch kein Alleinstellungsmerkmal, sondern wir haben super Mitbewerber: Egal, ob es Propain, Specialized, Focus oder Trek ist. Das sind natürlich alles Topmarken. Möchte man den Kunden akquirieren, geht das heutzutage alles über den Preis. Und der E-Bike-Sektor ist noch nicht ganz so zerschlagen wie jetzt der normale Fully-Bereich.

Die Bike-Industrie ist gerade ja ziemlich im Wandel. Radon agiert im Direktvertrieb: Wie wird sich der Handel deiner Meinung nach in den nächsten Jahre entwickeln?

Es wird sich auf jeden Fall etwas ändern – das sehe ich ja selbst daran, wie ich einkaufe. Ich kann das jetzt nur auf mich beziehen. Man kauft tatsächlich viel bei Amazon ein, das ist einfach bequem. Genauso ist es natürlich auch im Bike-Sektor. Um sich Kleinigkeiten zu bestellen oder auch mal irgendwelche Sachen, die der normale Händler nicht hat, ist der Online-Handel natürlich prädestiniert. Vor allen Dingen auch, was die Preise angeht: Man hat geringere Personalkosten und andere Kosten, die der stationäre Handel hat, fallen ganz weg.

“Das Radfahren ist ein Hobby – und ein Hobby verbindet irgendwie mehr. Man hat mehr Bezug zum Produkt, als wenn man sich auf Amazon eine Pfanne kauft.”

Auf der anderen Seite ist es so, dass viele Leute sich nach wie vor – da gehöre ich dann auch wiederum zu – natürlich gerne ein bisschen mit den Produkten beschäftigen. Dieses Einkaufserlebnis geht einem natürlich irgendwo schwinden, wenn man nur virtuell unterwegs ist. Irgendwo in einen Laden rein zu gehen und dann auch seine Verkäufer zu haben, die man kennt und ein bisschen zu quatschen. Das Radfahren ist ein Hobby – und ein Hobby verbindet irgendwie mehr. Man hat mehr Bezug zum Produkt, als wenn man sich auf Amazon eine Pfanne kauft. Das sehe ich gerade bei hochpreisigen Produkten.

Dass wir immer noch an den Handel glauben, sieht man ja an unserem Megastore. Der läuft super und da sieht man auch, dass die Kunden von überall herkommen. Der Bonner Kundenkreis, den wir haben, ist relativ klein, aber wir haben Leute hier, die kommen aus Aachen, Essen, Oberhausen, Frankfurt, dazu viele Belgier und Luxemburger. Auch viele Münchener oder auch sogar Italiener, die hier hoch kommen für das Wochenende, um sich dann die Sachen anzugucken, Probe zu fahren und zu kaufen. Daran sieht man, dass das Internet bestimmt drückt, aber nicht alles ist. Wie sich das entwickeln wird … die Leute werden halt immer fauler. Das ist das Problem.

Seit einigen Jahren betreibt Bike-Discount auch den Mega-Store in Bonn mit bis zu 24.000 qm Fläche
# Seit einigen Jahren betreibt Bike-Discount auch den Mega-Store in Bonn mit bis zu 24.000 qm Fläche - Besucher aus ganz Deutschland und teilweise sogar Europa nehmen laut Chris Stahl teils lange Anfahrten in Kauf, um sich dort mit neuen Rädern und Zubehör einzudecken.

Zurück zu Radon: Was denkst du, kann Radon besser als andere Bike-Firmen?

Früher konnten wir halt die Preise. Das war immer ein Punkt, dass man gleichwertige Räder in einer gleichwertigen Ausstattung zu deutlich günstigeren Preisen anbieten konnte. Was können wir heute besser? Wir haben gute Ideen, wir haben Top-Produkte, die auch Tests gewinnen: unser Swoop, das Jealous und jetzt auch das Jab. Ich glaube, die müssen sich nirgendwo verstecken. Das ist High-End-Technologie … ob die jetzt besser sind als die Konkurrenz – das möchte ich mir gar nicht anmaßen zu beurteilen. Aber das ist einfach Konsumenten-Souveränität und jeder kann für sich entscheiden, was einem gefällt. Radon punktet da und wir haben einen Stammkundenkreis, der die Produkte gut findet. Und wir sehen ja auch, dass die Presse sich dafür überwirft. Das Swoop zum Beispiel, das 170er wurde auch bei euch super getestet.

Was ein Problem ist, das wir selbst sehen, ist natürlich die Kurzlebigkeit der Produkte. Wir haben einen Produktzyklus, der liegt mittlerweile in der gesamten Branche bei zirka drei Jahren. Wenn man so eine Ausrichtung und Produktvielfalt hat wie wir, die wir in allen Bereichen irgendwo tätig sind, muss man sehen, dass man da überall bei der Musik ist. Radon ist ja im Trekking-Bereich tätig, ein bisschen im Rennrad-Bereich, viel bei den Mountainbikes und jetzt auch im E-Bike-Sektor. Die Produkte wollen ständig gepflegt werden – da überlegt man sich schon manchmal, ob man nicht vielleicht den ein oder anderen Bereich ganz beendet oder da weniger macht. Im Augenblick sind wir primär an den E-Bikes dran.

Du bist doch Autofan: Mit welcher Marke würdest du Radon am ehesten vergleichen?

“Wer auf Chichi steht oder auf eine besondere Marke, der ist sicherlich mit einem Santa Cruz im Bekanntenkreis besser aufgehoben als mit einem Radon.”

Was wäre Radon als Automarke … vielleicht Skoda. So sehen wir uns auch: Wir wollen einfach Top-Produkte bieten, wo kein Chichi dran ist. Und so denken auch unsere Kunden, die uns mögen. Wer auf Chichi steht oder auf eine besondere Marke, der ist sicherlich mit einem Santa Cruz im Bekanntenkreis besser aufgehoben als mit einem Radon. Das sehen wir selbst. Aber das sind auch nicht die Kunden, die wir ansprechen wollen – obwohl wir auch viele Kunden haben, die aus dem High-End-Sektor kommen und die einfach sagen: “Mensch, die Räder sind klasse, die sind super und machen auch Spaß!”

Ihr habt euren Weltcup-Einsatz für die kommende Saison deutlich reduziert. Wie geht es da weiter?

Ja, das mit dem World Cup … im Downhill-Bereich waren wir ja schon seit drei Jahren tätig und hatten da auch den Fischbach und den Faustin Figaret. Dann hatten wir die Manon (Carpenter, Anm. d. Red.) dazu geholt – das war natürlich ein super Coup. Manon wollte zu uns kommen, die kannte die Marke. Dass Manon nach einem Jahr oder im laufenden Jahr aufhört, war natürlich ein Schlag für uns und hat uns ziemlich verwirrt. Unter anderem auch, weil Johannes Fischbach die ganze Saison verletzt war. Das war also nicht, was wir uns vorgestellt hatten. Manon wird aber weiterhin als Botschafterin für uns tätig sein und Fischbach und Figaret fahren auch weiter. Aber im DH-Bereich haben wir uns letztendlich umorientiert: Wir haben jetzt die Produktion der DH-Räder in Richtung E-Bikes geopfert und machen jetzt auch im Gravity-Bereich E-Bikes. Das Swoop wird jetzt kommen als E-Bike – das ist die Ausrichtung, wo wir eigentlich unsere Zukunft eher sehen.

Für die Saison 2017 konnte Radon einen großen Coup landen und die DH-Weltmeisterin von 2014, Manon Carpenter, unter Vertrag nehmen
# Für die Saison 2017 konnte Radon einen großen Coup landen und die DH-Weltmeisterin von 2014, Manon Carpenter, unter Vertrag nehmen - dass Manon ihre bisher erfolgreiche Rennkarriere noch während der Saison beenden würde, konnte jedoch niemand voraussehen.
Weitere Probleme entstanden dadurch, dass sich das deutsche Downhill-Aushängeschild, Johannes Fischbach, die ganze Saison über mit einem nicht verheilenden Schlüsselbein herumplagen musste.
# Weitere Probleme entstanden dadurch, dass sich das deutsche Downhill-Aushängeschild, Johannes Fischbach, die ganze Saison über mit einem nicht verheilenden Schlüsselbein herumplagen musste. - Selbst das dritte Team-Mitglied, der sehr schnell Franzose Faustin Figaret, kam nicht ohne Stürze und Blessuren davon.

Was Cross-Country angeht: Das war das Jealous, was uns da rein getrieben hat. Wir haben dieses wahnsinnige Rad entwickelt und wollten das jetzt mal rennmäßig testen. Durch diesen Einstieg, gerade mit Ralph Näf als mehrfachen Weltmeister und den Top-Fahrern, die wir hatten, haben wir das Rad weiter entwickeln können und eigentlich gute Erfolge gehabt. Aber das Ganze ist natürlich unglaublich kosten- und zeitintensiv für uns. Weil die Betreuung der ganzen Veranstaltungen rund um die Welt uns zeitlich so eingeengt hat und wir eine kleine Firma sind, haben wir gesagt, dass wir das für die nächste Saison nicht mehr vorsehen.

“Die Kalkulation der Räder: Je mehr man drumherum macht, desto teurer wird man natürlich.”

Dazu muss man auch auf einen Punkt noch eingehen – die Kalkulation der Räder. Je mehr man drumherum macht, desto teurer wird man natürlich. Und das ist etwas, wo man einfach versucht, wieder schlanker zu werden. Wir haben eigentlich nur zwei Komponenten, die uns letztendlich hier beeinflussen: Das ist einmal der Dollarkurs, mit dem wir hier alle Hersteller absichern müssen. Der ist die letzten Jahre zum Teil um 20 % geschwankt. Diese Komponente kann man eigentlich sehr schwer einschätzen – das sieht der Endverbraucher aber nicht. Und der nächste Punkt ist natürlich, dass man sich einen Wasserkopf aneignet, indem man einfach immer mehr macht – gerade diese ganzen World Cups und so. Das macht natürlich die Räder immer teurer. Wenn man sich daraus so ein Firmenprofil schafft, dass der Endverbraucher bereit ist, das wie bei anderen High-End-Marken zu bezahlen, dann geht das auf. Aber unser, laut Leserbefragungen perfektes, Preis-/Leistungsverhältnis, das kann man natürlich nur bieten, wenn man schlank ist. Und wenn man immer teurer wird und das letztendlich den Endverbraucher mitbezahlen lässt, ist die Frage, ob man das irgendwann noch möchte.

Mit Mathias Flückiger konnte Radon 2017 auch einen der spektakulärsten XC-Piloten verpflichten
# Mit Mathias Flückiger konnte Radon 2017 auch einen der spektakulärsten XC-Piloten verpflichten - diese Saison wurde das Team jedoch eingestellt.

Du bist bekannt dafür, dass du auch bei uns im Forum mal mitkommentierst. Wie wichtig ist das Feedback der Kunden für dich?

Ich diskutiere da jetzt gar nicht mehr mit, ich habe irgendwann die Notbremse gezogen. Ich finde das Forum unheimlich wichtig – der Andi ist derjenige, der das bei uns jetzt betreut. Wir kriegen durch das Forum halt auch das ganze Feedback: Was der Endverbraucher haben will und wo Probleme sind, ob das jetzt Service oder Handhabung ist. Wo ich ein Problem sehe, ist, dass das Ganze so anonym ist. Man gibt sich selber letztendlich als offene Persönlichkeit, stellt sich an den Pranger und du hast dann irgendwelche anonymen Leute … keine Ahnung, ob das jetzt Ex-Mitarbeiter waren oder Kunden. Ich weiß, es gibt sehr viele Kunden von Mitbewerbern, die dann einfach blöde Bemerkungen machen.

“Und wenn man sich jeden Schuh selber anzieht, kommt man auch leicht in Rage. “

Und wenn man sich jeden Schuh selber anzieht, kommt man auch leicht in Rage. Deshalb halte ich mich da ganz raus. Und das Problem ist, dass diejenigen, die da am Herumschreiben sind, letztendlich vom Antwortenden eine Contenance erwarten, die sie selber nicht bieten. Da werden die Sache super-emotional geschrieben und man selbst darf nur sachlich bleiben. Wenn man selber emotional wird, dann ist man unprofessionell. Wenn man die eigene Meinung nicht mehr da kundtun darf, sondern letztendlich nur noch so diskutieren muss, dass das Gegenüber irgendwie befriedigt wird … das war dann auch ein Punkt, wo ich mich verabschiedet habe. Ich finde, das ist auch nicht mehr Sinn einer Diskussion.

Mit Bodo Probst hat Radon lange einen der bekanntesten Entwickler der deutschen MTB-Branche beschäftigt. Ende letzten Jahres hat er bei euch aufgehört – wie kam es dazu?

Der Bodo hat uns treue Dienste geleistet. Aber der Bodo ist mittlerweile knapp 70 und wollte eigentlich mit Mitte 60 aufhören. Jetzt haben wir einfach überlegt, gerade mit den E-Bikes et cetera – da nehmen wir wieder frische Luft mit rein. Der Bodo hat bis jetzt ja die wichtigsten Projekte betreut und geleitet – aber Bodo hat bisher auch keine großen Erfahrungen mit der Konstruktion von E-Bikes gemacht. Wir haben uns ganz neu aufgestellt und haben ein ganz junges Team. Ich meine: der Bodo war immer sehr gut für die Ideen und alles, aber mit dem Computer stand er natürlich etwas auf Kriegsfuß. Jetzt haben wir drei Jungs, die da extrem fit sind. Bodo war doch bei Cyclecraft und dann Fusion. Das ist auch so ein Punkt: Wir wollten einfach, dass unsere Räder einen frischen Anstrich bekommen.

Der Chef trägt die Verantwortung, aber der Entwickler trägt den Chef
# Der Chef trägt die Verantwortung, aber der Entwickler trägt den Chef - Bodo Probst leitete deutlich länger als ursprünglich geplant die Entwicklungsabteilung von Radon, Ende 2017 trennten sich jedoch die Wege.

Das neue Radon Jab hat ja eine komplett neue Formsprache. Werden weitere eurer Räder diesen stylischen Ansatz haben?

Ja, wir haben einen neuen stylischen Ansatz. Wir haben mit dem Radon Jealous damals angefangen, mit diesen neuartigen Carbon-Lagen und dem harzfreien Carbon exorbitant leichte Räder zu machen. Ich glaube, das Jealous ist mittlerweile eins der leichtesten, obwohl wir das jetzt in so vielen Tests hatten. Wir haben überall die DIN-Plus Tests und der Rahmen ist absolut steif und unzerstörbar – auch das Jab jetzt. Wenn man als Versender zu niedrig kalkuliert, dann kann man sich auch nur Neuentwicklungen leisten, die funktionieren. Wir sind, was die Garantie- und Gewährleistungsabwicklung angeht, sehr großzügig und versuchen den Gewährleistungsapparat zu optimieren, indem wir einfach keine Gewährleistungen haben. Das kriegt man nur hin, wenn die Produkte 100 % passen. Dann darf man ans letzte Gramm nicht dran gehen und man muss gucken, dass das Produkt funktioniert.

Was ist der Plan bei den E-Bikes, wird die Palette dort auch so breit werden?

Im E-Bike-Sektor haben wir eigentlich ja schon sehr große Erfolge eingefahren. Wir haben mit dem ZR Race Hybrid, dem Hardtail, und mit dem Sunset, dem Trekkingrad, im Focus den Gesamttest gewonnen. Und das Slide 140 Hybrid habt ihr ja auch getestet (hier geht’s zum Test auf eMTB-News.de, Anm. d. Red.). Jetzt kommt das Jealous als normales Aluminium-Hardtail raus. Gleichzeitig haben wir es als Carbon-E-Bike – das ist bestimmt ein sehr interessantes Rad. Dann haben wir jetzt auch das Swoop 170 als Hybrid. Die neuen Entwicklungen, die dann so in Richtung Bosch-Powertube und so kommen, die werden dann auch so ein bisschen die Optik vom Jab und dem Nachfolger vom Jab bekommen.

Hat das neue Swoop dann auch schon einen integrierten Akku?

Nein, das ist noch mit herkömmlicher Technik. Aber im Hintergrund laufen die Entwicklungen für das Intergrierte.

Fährst du selbst auch E-Bike?

Ja klar, wir fahren alle E-Bike! Das macht mehr Spaß, weil du einfach eine größere Reichweite hast. Klar, wenn du dich auf ein Jealous heute drauf setzt mit 7,5 kg – das fliegt auch den Berg hoch. Aber das ist natürlich auch nicht zu vergleichen mit einem Fully E-Bike, mit dem du auch problemlos den Berg hochfahren kannst. Man sieht das dann bei uns an den ganzen Sportlern: Ob das jetzt Ralph Näf als mehrfacher Weltmeister, Johannes Fischbach oder Joost Wichmann ist – die trainieren heute alle sehr viel auf E-Bikes. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Das ist auch deren Hobby. Auch die Manon fährt mit einem E-Bike und deshalb kann ich auch nicht verstehen, dass wir da teilweise irgendwelche aggressiven Argumentationen haben, wenn es um den Punkt E-Bike geht. Das ist nicht wegzudiskutieren.

Chris Stahl fährt auch selbst gerne mit dem E-Bike und sieht darin die Zukunft des Mountainbikens und der Marke Radon.
# Chris Stahl fährt auch selbst gerne mit dem E-Bike und sieht darin die Zukunft des Mountainbikens und der Marke Radon.

Wir machen das seit 30 Jahren und ich habe vieles kommen und gehen sehen. Als die ersten Federgabeln damals kamen, da hat man gesagt: “Das setzt sich nie durch, das ist viel zu empfindlich.” Dann kam die Scheibenbremse, da hat man gesagt: “Eine Scheibenbremse, auf keinen Fall!” Dann hatte man auf einem Mountainbike 18 Gänge, dann 21 und dann 24 Gänge. Dann hieß es nur Stahl – Aluminium setzt sich nicht durch. Dann kam Carbon, das setzt sich nicht durch. Dann kamen die Fullys, da hieß es ja: “Fully setzt sich auf keinen Fall durch!” Und heute sehe ich ein Carbon-Fully mit einer Federgabel und einer Disc drauf und einer nie dagewesene Übersetzungsauswahl. Da frage ich mich, was hat sich da alles nicht durchgesetzt? Das sind alles Sachen, die kommen einfach und entwickeln sich weiter. Das E-Bike, das ist einfach … ob wir es mögen, ob wir es nicht mögen: Es ist die Zukunft, fertig! Die werden immer besser, die werden immer leichter, die Akkus werden immer integrierter, haben eine höhere Laufdauer, die Motoren werden stärker!

“Du kannst natürlich die schönsten Dinge machen, aber wenn du sie nicht verkauft kriegst, dann kriegst du sie nicht verkauft.”

Das Ganze ist bei uns ja auch so eine Sache. Wir haben da sehr viel Herzblut in der ganzen Geschichte. Wir verirren uns auch teilweise in Gassen, wo wir gar nichts zu suchen haben. Aber letztendlich – wir wollen Profit machen, in Anführungsstrichen. Das heißt: alles, was wir hier an Kosten verursachen, muss ja irgendwie wieder reinkommen. Das ist auch der Grund, warum wir so ein XC-Fully eingestellt haben. Du kannst natürlich die schönsten Dinge machen, aber wenn du sie nicht verkauft kriegst, dann kriegst du sie nicht verkauft. Wir haben immer super Hardtails verkauft in der Einstiegsklasse. Fullys wie das Slide um die 2000–3500 €. Dass wir jetzt den Spagat gemacht haben mit dem Jealous und dem Jab – das hat halt funktioniert. Aber das ist vielleicht auch die Federwegsklasse, in der der Kunde uns auch noch sieht. Aber ob wir jetzt im XC oder DH die richtige Marke sind oder auch im Rennradbereich … unser Name im Rennradbereich, der ist ja nicht gerade ein “must have”, oder?

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# DSC5179

Im Rennradbereich hab ihr vermutlich eher kein großes Image?

Nein, aber das sind die Räder, die wir verkaufen: so Tiagra und 105er Rennräder um die 1000–1200 € – die verkaufen wir super. Auch ein Carbonrad für 1600 € mit einer Ultegra-Schaltung, die verkaufen wir wie geschnitten Brot. Aber halt keine 5000–6000 € Räder. Da gibt es vielleicht auch Firmen, die da mehr Renommée und vielleicht auch eine bessere Technik haben als wir. Da wollen wir uns auch gar nicht vergleichen.

Im Rennradsektor ist es ja letztendlich nur der Rahmen und das Image. Man hat heute den Komfortgedanken und das Gewicht und es ist extrem teuer, diese ganzen Rahmen zu konstruieren. Wenn man sie nicht verkauft, dann ist das natürlich tödlich. Im Mountainbike-Sektor, wenn ich so Marken sehe wie Rocky Mountain … wir waren ja damals die größten Anbieter von Rocky Mountain-Rädern, da schlägt auch mein Herz noch bei Rocky. Aber wenn ich unsere Räder vergleiche mit ihren … da sind wir keinen Deut schlechter! Im Fall vom Jab würde ich sagen, sind wir noch eine Spur voraus und wir sind ja deutlich billiger. Wer ein Rocky Mountain haben will, der ist auch gerne bereit, das Geld auszugeben, um sich ein Rocky zu kaufen. Das habe ich damals auch gemacht. Als ich Student war, fuhr ich Rocky Mountain. Das war halt einfach mein Tick. Und deshalb bin ich da auch gar nicht böse, wenn wir das Renommée nicht haben und wir versuchen halt das beste Rad zum besten Preis zu bieten.

Vielen Dank für das Interview!

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