Enduro-Pilotin Franzi Meyer hat es sich auch an ihrem Geburtstag nicht nehmen lassen, an einem Enduro-Rennen teilzunehmen: Die schnelle Rennfahrerin machte sich auf in die Vogesen, um das von Rémy Absalon organisierten Enduro des Hautes Vosges Rennen mitzufahren. Hier gibt’s den Rennbericht des anspruchsvollen Rennens.

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Französische Rennen heißen für mich immer, anspruchsvolle, frisch gebaute Stages ohne Training zu fahren und das Ganze für recht wenig Geld. Genau so sollte auch das Enduro des Hautes Vosges ablaufen, zumindest wenn ich den Berichten der anderen vertraue. Also ging es am Freitag spätabends noch schnell die 1,5 Stunden rüber nach Frankreich, um sich auf dem Liftparkplatz noch ein paar Stunden Schlaf abzuholen. Samstags stehen nur zwei Stages auf dem Plan und eine davon ist, ganz entgegen der französischen Renngewohnheit, zum Trainieren freigegeben. Nach zwei Abfahrten auf Stage 2 reichts mir eigentlich auch schon mit dem Training, schließlich ist blind fahren eh viel spannender. Da die anderen wenigen Deutschen noch irgendwo verschollen sind, schließe ich mich einer Gruppe Belgier an, die mich mit auf die anderen Bikepark-Strecken nehmen. Nachmittags gehts mit einem kurzen und vor allem französischem Ridersbriefing los in den Renntag. Da ich lediglich „Bonjour“ und „Merci“ verstehe, mache ich kurzerhand blau und habe hoffentlich nichts Wichtiges verpasst.

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Für die erste Stage geht’s mit einem extra fürs Rennen geöffneten Lift nach oben. Die ersten Renn-Meter werden in rutschigem, tiefen Boden zurückgelegt, ich parke beim Überholen erstmal unfreiwillig in ein Schlammloch ein, lasse mein Fahrrad kurz alleine und gebe den Überholten direkt die Möglichkeit, sich wieder vor mich zu setzen. Dumm gelaufen. Die zweite, schon bekannte Stage im Bikepark läuft dann schon deutlich besser. Als Geburtstagsüberraschung zieht noch der Herr T. im Ziel blank, während ich vorbei race. Kleine gelbe Kärtchen aus unserem Starterpaket, die wir sofort in Bier und Radler umtauschen, machen den Abend in der Sonne sehr erträglich und so verschwinden wir erst zum Essen, als die Sonne schon fast verschwunden ist.

Der Sonntag soll mit zu 1700 zu erklimmenden Höhenmetern und sechs Stages recht anstrengend werden. Durch die zwei Gin Tonic am Abend noch etwas angeschlagen, quäle ich mich zu spät aus dem Bett und muss mich beeilen, um mit den anderen Mädels um 8:30 Uhr starten zu können. Die erste Stage sollte noch einmal die Gleiche wie die von Gestern sein. Diesmal ohne Einparken, aber dafür mit etwas Stau auf der Strecke vor mir, lief es um einiges besser als gestern. Vielleicht hilft das Training ja doch. Die vierte Stage des Enduro des Hautes Vosges ist schnell und unheimlich spaßig zu fahren. Nach zirka der Hälfte höre ich allerdings das Geklapper eines anderen Fahrrads hinter mir. Ich beschließe nicht erst auf das Rufen oder Drängeln zu warten, mache gleich auf der nächsten Wegkreuzung Platz und gebe wieder Vollgas, um mir von dem Franzosen noch die Lines abzuschauen. Das klappt erstaunlich gut und wir schießen direkt nacheinander durch die folgenden Kurven. Fast so geil wie Fahren im Team und so beschließen wir kurzerhand, die nächsten Stages genauso in Angriff zu nehmen.

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Für die Transfers gibt es hier übrigens semi-feste Zeiten. Die ersten 100 Nummern haben theoretisch eine vorgegebene Startzeit, aber so genau nimmt das hier keiner. Da ich mit der Startnummer 127 aus dem Block raus bin, habe ich nur eine recht großzügig gesetzte Maximalzeit. So kann man sich bei dem folgenden Transfer über die vogesischen Hochwiesen auch mal Zeit nehmen, La Bresse von oben anzuschauen. Die folgende fünfte Stage soll laut dem, was ich aus der französischen Beschreibung entnehmen konnte, die technischste sein und bei relativ kurzer Stagelänge trotzdem knapp zehn Minuten dauern. Ich bin gespannt was kommt und sprinte vor meinem neuen Racebuddy Arnaud in die Stage. Nach einem harmlosen Beginn kippt der Hang ab und verwandelt sich in ein Spitzkehrenmassaker. Eigentlich ganz geil, allerdings sind gefühlte 100 glatte, bergab zeigende Wurzeln in jeder Kurve, was das Ganze noch etwas schwieriger macht. Arnaud hat seine 20 Sekunden Startabstand endlich eingeholt und ich hechte wieder hinterher, direkt auf eine glatte Wurzel, die mich direkt auf den Boden der Tatsachen zurückwirft. Im Aufstehen ein kurzer Schreckmoment: direkt neben mir liegt eine Kette. Zum Glück ist meine Kette aber doch noch dort wo sie hingehört und so spute ich mich, um wenigstens noch etwas Linien schauen zu können.

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Für die zweite Tageshälfte geht es erstmal wieder bergauf. Erst durch kleine Wege im dichten Wald, dann ganz nach oben auf einen Berggipfel. Vor dem Start gibt es noch Diskussionen in der deutschen Racefraktion. Wir haben alle das Briefing geschwänzt, aber trotzdem irgendwie mitbekommen, dass es einen Gegenanstieg gibt, in dem die Zeit neutralisiert wird. Blöderweise weiß keiner von uns mehr, in welcher Stage das war. Also egal, einfach Gas geben. Irgendwann kommt dann auch der besagte Anstieg, allerdings gibt es kein erlösendes Piepsen vom Transponder an meinem Handgelenk, das mir gesagt hätte, dass die Zeit jetzt gestoppt wird. Also Zähne zusammenbeißen und hoch sprinten. Die Rampe ist allerdings später zu Ende als gedacht und so gehts ziemlich blau und zittrig gefahren in den letzten Abschnitt der Stage, der natürlich nochmal technisch, rutschig und nass ist.

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Auf dem Transfer nach oben herrscht allgemeine Wasserknappheit, da niemand weiß, wann genau die nächste Verpflegungsstelle kommt. Ein netter Bauer an einem Hof direkt am Transfer sieht uns das wohl an und legt einen Wasserschlauch raus, an dem wir erst mal die Flaschen wieder auffüllen können. Ungefähr einen Kilometer später finden wir dann auch die Verpflegungsstation und machen dort eine zweite Pause.

Die letzte Stage des Tages soll dann noch einmal alles bieten: Von Almwiese mit Panoramablick bis steilster Wald ist alles dabei. Noch bevor es wirklich steil wird habe ich den Fahrer vor mir eingeholt und höre auch schon Arnaud kurz hinter mir. Nach einem schnellen „two riders“ machen wir ein kurzes Bäumchen-wechsel-dich und tauschen alle drei einmal die Plätze. Jetzt wird’s aber erst richtig steil. Der Hang kippt immer weiter ab und ich fühle mich schon fast, als wären wir bei 90° Neigung angekommen. Dazu kommen rutschige Wurzeln, enge Kurven und einige herumliegende Räder und Fahrer. Ich warte kurz an manchen Passagen, um nicht mit in das Fahrrad und Personenknäuel zu geraten. Am Rand stehen erstaunlich viele Zuschauer, die es beim Enduro des Hautes Vosges sowieso reichlich gibt, und feuern uns bei jedem Crash und jeder Stunteinlage kräftig an.

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Der Weg zurück ist recht kurz und führt an einen See. Meine Prioritätenliste steht somit auf jeden Fall fest: Zuerst Baden im See, dann Pastaparty und abschließend zur Siegerehrung. Der Sprung in den See ist auf jeden Fall das Beste, was man machen kann. Nach fast acht Stunden auf dem Rad klebt Kuhscheiße genauso wie Schweiß an mir und ich bin dankbar, das vor dem Essen noch abwaschen zu können.Nach ausreichend Pasta geht es endlich zur Siegerehrung. Hinter zwei schnellen Französinnen bin ich auf Platz drei gelandet, was für mich ein super Ergebnis ist. Dass bei den Männern nur Top 20 EWS-Fahrer auf dem Podium zu sehen sind, unterstreicht einfach noch mal die gute Besetzung des Enduro des Hautes Vosges.

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Fazit Enduro des Hautes Vosges

Die Stages hier sind wirklich fordernd, vor allem, da man sie blind fährt. Trotzdem sind alle Trails megacool und mit viel Liebe angelegt und ausgesucht. Außerdem bekommt man hier ein sehr hohes Fahrer-Niveau und eine super Organisation für recht wenig Geld geboten. Wenn man aber auf der sicheren Seite sein will, schaden ein paar Bröckchen Französisch sicher nicht. Ich hatte auf jeden Fall ein sehr cooles Geburtstags-Rennwochenende und habe so einige neue Leute kennengelernt, trotz kleinerer Verständigungsprobleme.

Video

Fotos: Xavier Grassone/ArtReflex
  1. benutzerbild

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  2. benutzerbild

    freetourer

    dabei seit 03/2006

    Cooler witzig geschriebener Bericht. - Hat Franzi neuerdings einen Ghostwriter am Start? ;)

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