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Spektakuläre Landschaft schon auf der ersten Etappe, die Trails führen direkt an einer Schlucht vorbei.
Spektakuläre Landschaft schon auf der ersten Etappe, die Trails führen direkt an einer Schlucht vorbei. - Foto: John Gibson
Christoph und Kids
Christoph und Kids
Camping mit Familie Kicking Horse
Camping mit Familie Kicking Horse
Vorbereitung auf den Start
Vorbereitung auf den Start
Die richtige Linienwahl spielt eine große Rolle
Die richtige Linienwahl spielt eine große Rolle - Blick voraus, dann ist alles fahrbar. Michael konnte einem gestürzten Fahrer noch ausweichen. Foto: John Gibson
Streckenmarkierung
Streckenmarkierung
Streckenbesprechung
Streckenbesprechung
Taktikbesprechung
Taktikbesprechung
Start zur ersten Etappe in Golden
Start zur ersten Etappe in Golden - genug Zeit für ein Schwätzchen mit Ex-Downhill-Profi Tomi Misser aus Barcelona, heute erfolgreicher Stagerace-Tourist im Dienste von Orbea. Foto: John Gibson
Typisch deutsch
Typisch deutsch - Michael und Christoph führen das Feld an auf der vierten Etappe in Revelstoke. Die Kanadier überholen dann noch rechtzeitig vor dem ersten Trail. Foto: John Gibson
Im Ziel Etappe 1 mit Kids
Im Ziel Etappe 1 mit Kids
Paartanz: Das Geheimnis von Teamrennen liegt darin, dass beide Partner die gleichen Stärken und Schwächen haben müssen.
Paartanz: Das Geheimnis von Teamrennen liegt darin, dass beide Partner die gleichen Stärken und Schwächen haben müssen. - Im Trail fahren Christoph und Michael stets Rad an Rad. Foto: Jean McAllister
Full in style: Jena Greaser, Bike-Profi aus Fernie und Gesamtsiegerin des ST6 bei den Mädels.
Full in style: Jena Greaser, Bike-Profi aus Fernie und Gesamtsiegerin des ST6 bei den Mädels. - Foto: John Gibson
Streckenmarkierung Etappe 5
Streckenmarkierung Etappe 5
Kaffee vorm Start
Kaffee vorm Start
XC Race Fullys wie das neue Canyon Lux sind prinzipiell genau richtig fürs ST6.
XC Race Fullys wie das neue Canyon Lux sind prinzipiell genau richtig fürs ST6. - Lediglich etwas mehr Federweg an der Gabel kann nicht schaden. Foto: Jean McAllister
Etappe 2 kurz vor Ziel
Etappe 2 kurz vor Ziel
Trails Etappe 3
Trails Etappe 3
Auch die Mädels lassen es in BC richtig fliegen
Auch die Mädels lassen es in BC richtig fliegen - Fahrtechnik gibt’s hier mit der Muttermilch. Foto: John Gibson
Gebaute „Features“ besitzt quasi jeder Trail in BC. Breite Brücken sind easy, schmale sorgen schon mal für eine Schrecksekunde.
Gebaute „Features“ besitzt quasi jeder Trail in BC. Breite Brücken sind easy, schmale sorgen schon mal für eine Schrecksekunde. - Breite Brücken sind easy, schmale sorgen schon mal für eine Schrecksekunde. Foto: Jean McAllister
Wer braucht schon Trikots?
Wer braucht schon Trikots? - Gesamtsieger Evan Guthrie mit eigenem Style und überragenden Fähigkeiten. Technisch und physisch. Foto: John Gibson
Canada Style Biketransport
Canada Style Biketransport
Egal ob bergauf oder bergab, einen Großteil des Rennens fährt man mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Egal ob bergauf oder bergab, einen Großteil des Rennens fährt man mit einem breiten Grinsen im Gesicht. - Sowas kriegst du in Deutschland nicht. Foto: Jean McAllister
Camping in Kicking Horse Etappe 3
Camping in Kicking Horse Etappe 3
Gürtelschnalle für Finisher
Gürtelschnalle für Finisher
Zieldurchfahrt Etappe 6
Zieldurchfahrt Etappe 6
Medaillen Gold Silber Bronze Etappensieger
Medaillen Gold Silber Bronze Etappensieger
Gesamtsieger Masters
Gesamtsieger Masters
Siegerehrung Silverstar GC
Siegerehrung Silverstar GC

Christoph Listmann war mit seinem Kumpel beim Trail-Etappenrennen Singletrack 6 am Start – mit gesamter Familie im Gepäck. Hier beschreibt er den Ausflug in das kanadische Trailmekka rund um Golden und warum sich so manches großes europäisches Etappenrennen vom traillastigen Wettkampf eine Scheibe abschneiden könnte. Viel Spaß bei der Lektüre!

Diashow: Rennbericht “Singletrack 6” - Feinste kanadische Trails und Spitzkehren zum Frühstück
Siegerehrung Silverstar GC
Zieldurchfahrt Etappe 6
Im Ziel Etappe 1 mit Kids
Christoph und Kids
Vorbereitung auf den Start
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Singletrack 6 – Rennbericht

Die Entschleunigung des Lebens. Zeitlupe statt Zeitraffer. Genuss statt Stress. Kaum gelandet in Kanada kriegt man das Gefühl, die Uhren ticken langsamer. Egal ob im Café oder an der Supermarktkasse, wo wir den Einkaufswagen mit 350 Dollar Nahrung aufs Band sortieren – die Kassierer haben die Ruhe weg. Hier wacht keine Kamera über die Taktzeit, niemand misst, wie schnell die Strichcodes über den Leser gezogen werden. Es drängelt auch niemand auf der Straße. Maximal 120 Stundenkilometer, mehr geht nicht. Und mit unseren Zehn-Meter-Motorhome ohnehin nicht.

Spektakuläre Landschaft schon auf der ersten Etappe, die Trails führen direkt an einer Schlucht vorbei.
# Spektakuläre Landschaft schon auf der ersten Etappe, die Trails führen direkt an einer Schlucht vorbei. - Foto: John Gibson

Acht Stunden nordöstlich von Vancouver machen wir einen Familienurlaub der anderen Art. Mit den XC-Racebikes im Gepäck starten wir beim Etappenrennen Singletrack 6. Das Rennen verspricht höchsten Singletrail-Fahrspaß bei überschaubarer physischer Belastung. Wir haben das ST6 gewählt, weil es sich mit Familienurlaub verbinden lässt. Unsere Vorstellung: rund zwei Stunden pro Tag im Sattel, eine wohltuende Dosis Laktat, Adrenalin und Endorphin abholen und trotzdem ausreichend Zeit für gemeinsame Unternehmungen danach haben. Happy Wife, happy Life. Mit diesen Argumenten haben sowohl Michael als auch ich unsere Frauen und Kinder vom British Columbia-Trip inklusive des Rennens überzeugt.

Christoph und Kids
# Christoph und Kids
Camping mit Familie Kicking Horse
# Camping mit Familie Kicking Horse
Vorbereitung auf den Start
# Vorbereitung auf den Start

Wir sind in den Neunzigern jedes XC- und DH-Race, das mit dem Auto erreichbar war, gegeneinander und gemeinsam gefahren, haben Erfahrung mit Etappenrennen. So wirklich aufgehört mit dem Racing haben wir nie. Insgeheim zippen wir uns hier auch die Startnummer an den Lenker, um den Makel abzulegen, als Team immer nur Zweiter zu werden. Wir waren zweimal Zweiter beim BC Bike Race in der Klasse Open Men und Masters und Zweiter bei der Transalp in der AK 80+ vor drei Jahren. Dazwischen hat sich viel getan. Neue Jobs, Ortswechsel von Mainz nach Shanghai und von München nach Koblenz. Von März bis Juli habe ich für das Rennen konzentriert trainiert, nie mehr als vier Stunden. Knapp 5000 Kilometer protokolliert mein Strava-Profil zum Start in Golden. Michael hat 12000 km in den Beinen, ausschließlich auf dem Rennrad durch die Betonwüste von Shanghai. Es gibt in Chinas Megacity eine lebhafte Radszene, vorwiegend Expats, die morgens ab fünf Uhr mit einem 37er Schnitt über die noch leeren Highways ballern.

Die richtige Linienwahl spielt eine große Rolle
# Die richtige Linienwahl spielt eine große Rolle - Blick voraus, dann ist alles fahrbar. Michael konnte einem gestürzten Fahrer noch ausweichen. Foto: John Gibson
Streckenmarkierung
# Streckenmarkierung

Auf der Startliste des ST6 stehen keine Racer, die man bei uns kennt. Wegen Preisgeld und Pokalen reist hier niemand an. Es gibt bei den Siegerehrungen nur eingefärbtes Blech in drei Farbtönen am Band. Es geht um die Ehre. Wer hier gewinnt, ist ein vielseitiger Spitzenbiker. Physis und Technik werden bei dieser Art Rennen so gefordert wie nirgendwo. Der spätere Gesamtsieger Evan Guthrie war kanadischer XC-Meister, fuhr in der Nationalmannschaft und ist Enduro World Series-Racer. Gute Enduro-Rennfahrer sind einige dabei – Profis im Kanada-Style. Halbseitig tätowiert, Baggy Shorts, gut drauf. Cory Wallace, Chris Johnston, Jena Greaser – Biker und Bikerinnen, die sich im sozialen Netzwerk als Pro Racer bezeichnen, beim Rennen wie dem Black Forest Ultrabike-Marathon aber niemals starten würden. Umgekehrt konnte noch kein Europäer diesen Typ Rennen je für sich entscheiden. Probiert haben es schon ein paar Topguns, inklusive Thomas Dietsch oder Karl Platt.

Streckenbesprechung
# Streckenbesprechung
Taktikbesprechung
# Taktikbesprechung

Erste Etappe: Golden.

Start zur ersten Etappe in Golden
# Start zur ersten Etappe in Golden - genug Zeit für ein Schwätzchen mit Ex-Downhill-Profi Tomi Misser aus Barcelona, heute erfolgreicher Stagerace-Tourist im Dienste von Orbea. Foto: John Gibson

Ein Kaff wie aus einem Western. Flache Holzbauten, die Trans Canada Railway stampft im Stundenrhythmus vorbei und fährt uns auch nachts direkt durchs Hirn. An Schlaf ist phasenweise nicht zu denken. Sechs Uhr: Wecker, Müsli in den Magen, rein in die Bib-Shorts, Gels und Werkzeug in die Trikottasche und ab in die erste Startreihe. Wir führen das gesamte Feld auf den ersten Kilometern Asphalt bergauf an, so läuft das schließlich bei unseren Marathons. Wir sind deutsch. Wir halten uns alle für tolle Autofahrer und auch für tolle Biker.

Typisch deutsch
# Typisch deutsch - Michael und Christoph führen das Feld an auf der vierten Etappe in Revelstoke. Die Kanadier überholen dann noch rechtzeitig vor dem ersten Trail. Foto: John Gibson

Doch die Kanadier zeigen uns das nächste Level. Kurz vorm Einstieg in den Trail geht das Tempo hoch, 15-20 Racer drängen nach vorn, auf der Jagd nach der besten Position ins Unterholz. Wir kurven vorbei an dunkelgrünen Seen, entlang des Hochufers einer tiefen Schlucht, über Holzbrücken und Bäche. Das Moonraker-Singletrail-Netzwerk ist ein feuchter Traum für Trail-Liebhaber. Doch Achtung: Singletrails fahren und Singletrail-Racing sind zwei Paar Schuhe. Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert. Dein Pedal könnte an einem Baumstumpf hängen bleiben, hinter der blinden Kurve könnte ein Drop lauern oder eine schmale kurvige Holzbrücke, von der dein Hinterrad rutscht. Bäume, durch die dein Lenker nicht passt. Ein aus dem Sandboden ragender Fels könnte dein Schaltwerk ruinieren. Ständig flippern die Finger an den Bremshebeln. Stütze runter, Stütze rauf, Stütze nur ein Stück senken, damit man treten und Wellen abfedern kann.

Mal zur Info: Etappe 1...
# Mal zur Info: Etappe 1...
... und die Trailrunde von von Etappe 2
# ... und die Trailrunde von von Etappe 2

Bei Rennen wie dem Singletrack 6 lenkt, bremst und schaltet man pro Etappe soviel wie sonst in einer Woche nicht. Du musst immer wissen, welchen Radius dein Hinterrad beschreibt, damit du den Reifen nicht an einem spitzen Stein schlitzt. Musst dich leicht machen, geschmeidig und sanft fahren. Das Beste ist, einem Local zu folgen und seinen Flow aufzusaugen. Das jedoch gelingt nur bei 100% Konzentration. Wer wie die Kanadier mit Trails dieser Güteklasse aufgewachsen ist, der hat sie im Blut. Die Locals fahren jede einzelne Kurve einen Tick runder, bremsen weniger und schleichen sich davon. Du passt nicht auf, verlierst hier einen Meter, fährst dort eine Ecke in die Kurve. Noch zwei weitere Kurven nicht aufgepasst, ist der Typ außer Sicht. Wenn du dann glaubst, du fährst die Lücke bei nächster Gelegenheit wieder zu, hast du dich geirrt. Wattleistung reicht nicht, um das zu kompensieren. Wir brauchen knapp drei Stunden für 54 Kilometer und 1600 Höhenmeter. Klingt fair, oder? Allerdings braucht das Schlusslicht sieben Stunden – der Sieger war nach 2:40 h im Ziel. Auf der Fingerskala kriegt die Etappe 9 von 10 – sofern man physisch gut drauf ist. In der Kategorie Team 80+ dürfen wir uns die erste Goldmedaille umhängen.

Im Ziel Etappe 1 mit Kids
# Im Ziel Etappe 1 mit Kids

Zweite Etappe – Spitzkehren zum Frühstück

Wieder in Golden, jetzt aber ins Mount 7-Trailparadies. Zum Frühstück gibt’s Spitzkehren. Ein Switchback, dann dreißig Meter geradeaus und der nächste Switchback. So geht das gefühlt eine halbe Stunde. Die so genannten Climb Trails sind so angelegt, dass man aus jeder Steilkurve Schwung mitnehmen kann. Bergauf wohlgemerkt. „Berminator“ heißt ein Strava Segment dazu passend. Steile Schotterpisten kennt der Kanadier nicht. Stattdessen eingebaut sind gelegentliche giftige Rampen, die man im Wiegetritt raufkämpft. Die 1×12 Gänge der neuen Shimano XTR reichen übrigens völlig aus. Michael und ich verstehen uns im Rennen ohne Worte, gesprochen wird nicht viel. Die Harmonie ist es, die ein Team erfolgreich macht. Michael hat mehr Power, könnte immer etwas schneller als ich. Fahrtechnisch sind wir auf Augenhöhe, Reifen an Reifen. Der Mount 7-Downhill ist ein Traum. Steil, technisch, gespickt mit kleinen Adrenalinkicks. Auch heute geht der Masters-Tagessieg an uns. Zwei Stunden feinste Action, mehr muss auch gar nicht sein – meint die Familie. Fingerskala? Insgesamt 8 von 10, die Abfahrt isoliert kriegt von mir 10 von 10.

Paartanz: Das Geheimnis von Teamrennen liegt darin, dass beide Partner die gleichen Stärken und Schwächen haben müssen.
# Paartanz: Das Geheimnis von Teamrennen liegt darin, dass beide Partner die gleichen Stärken und Schwächen haben müssen. - Im Trail fahren Christoph und Michael stets Rad an Rad. Foto: Jean McAllister

Zwischenfazit: Während wir vor unseren Motorhomes sitzen und wieder ein Trans Canada Train vorbei stampft, überlegen wir: Die Zielgruppe von Etappenrennen ist begrenzt. Möglicherweise sind es 15000 Menschen, die diese Art von Abenteuer-Rennsport betreiben, vielleicht sind es weltweit weniger als 5000, die sich solche Trips leisten können und wollen. Eins ist klar. Ein Großteil der Zielgruppe ist in der Lebensmitte angekommen, gutverdienend, hat Familie und fordert mehr vom Leben als 08/15. Und die holt das ST6 gut ab. Dabei stammt die Ur-Idee aus Deutschland. Das Rennen geht zurück auf Heini Albrecht, Chef des Grundig Challenge MTB Cup Ende der Achtziger und Mitgründer der Mutter aller Etappenrennen, der Transalp Challenge. Das war 1998. Aus der Transalp-Idee hat Albrecht mit kanadischen Partnern kurz drauf die Transrockies-Challenge entwickelt. Bedeutet: die Idee eins zu eins auf einen anderen Kontinent transplantiert (ähnlich wie Jahre später Transalp-Speaker Michael und Sonja Hamel das Cape Epic nach Südafrika).

Full in style: Jena Greaser, Bike-Profi aus Fernie und Gesamtsiegerin des ST6 bei den Mädels.
# Full in style: Jena Greaser, Bike-Profi aus Fernie und Gesamtsiegerin des ST6 bei den Mädels. - Foto: John Gibson

Doch das Transrockies-Race war brutal. Anders als die Transalp. Flussdurchquerungen, Tragepassagen durch vom Sturm abgeholzte Waldschneisen, sich verfahren, sich orientieren, umdrehen, aufgeben und Blut schwitzen gehörte zum Programm. Den Grizzly und den Cougar im Nacken. Doch die Zeiten haben sich geändert, Prioritäten haben sich verschoben. Bikes wurden schwerer und abfahrtsorientierter, Baggy statt Lycra, der Trailspaß geht für viele vor das Sammeln von Passhöhen. Und aus der Transrockies-Challenge wurde Singletrack 6.

Streckenmarkierung Etappe 5
# Streckenmarkierung Etappe 5
Kaffee vorm Start
# Kaffee vorm Start

Das ST6 hat beim BC Bike Race gespickt.

Der Zeitgeist verlangt Trails, aber bitte nur flowige. Angeblich war die ST6 Ausgabe 2017 so gepfeffert mit Trail-Schwierigkeiten, dass sich das Starterfeld für 2018 deutlich reduziert hat. Wie gesagt, die Zielgruppe ist klein, die Zahl der Menschen, die sowohl die Physis als auch die Technik plus Zeit und Geld mitbringen, gehören zu den wenigen Ausgewählten des Sports. Klingt elitär, wirkt aber tatsächlich so. Da reicht schon der Blick auf die Räder: Im Startblock stehen überwiegend Kohlefaser-Topmodelle von Pivot, Santa Cruz, Rocky Mountain, Norco, dazu einige Devinci und feinste Renner von Scott, Orbea oder Giant. Cube, Ghost oder Merida? Haben wir kein einziges entdeckt. Wir sind die einzigen auf Canyon. Mit den brandneuen Lux CF SLX sind wir perfekt gerüstet, hier und da wünschen wir uns einen Tick mehr Federweg und steifere Gabel-Standrohre. Wenige Genießer sind mit Enduros und 36er Forke am Start.

XC Race Fullys wie das neue Canyon Lux sind prinzipiell genau richtig fürs ST6.
# XC Race Fullys wie das neue Canyon Lux sind prinzipiell genau richtig fürs ST6. - Lediglich etwas mehr Federweg an der Gabel kann nicht schaden. Foto: Jean McAllister
Etappe 2 kurz vor Ziel
# Etappe 2 kurz vor Ziel

Dritte Etappe

Rauf mit der Seilbahn ins Kicking Horse-Skigebiet auf 2600 Meter über dem Meer. Kicking Horse ist ein noch recht junges Resort, das wie die meisten in Nordamerika aus dem Nichts entwickelt wurde. Der Shuttle mit der Gondel lässt erahnen: Heute geht es mehr bergab als bergauf. We love it! Nach dem Startschuss stretcht und sortiert ein steiler Fireroad-Anstieg das Feld, damit es im Trail nicht zum Stau kommt. Es folgt Flow pur bergab. Eine Kurve jagt die nächste, wer will, kann über die geshapten Doubles abziehen, die Chickenlines führen links vorbei. Wir sammeln weitere Trail-Kilometer im Mondraker-Network, vorbei am dunkelgrünen See und der Schlucht. Die Ausbeute lautet 2200 Höhenmeter bergab bei nur 1400 Hm rauf. Der Jackpot. Für mich die beste Etappe mit dem größten Flow, 10 von 10 Fingern! Erneut Gold für uns bei den alten Männern.

Etappe 3, Kicking Horse: Ein unglaublicher Trailtag!
# Etappe 3, Kicking Horse: Ein unglaublicher Trailtag!
Trails Etappe 3
# Trails Etappe 3

Wir verlassen Golden in Richtung Revelstoke. Weiter geht die Reise, Pedal to the metal. Unser sechs Tonnen-30 Fuß-Ungetüm setzt sich in Bewegung, der Sprit gurgelt in den Zehnzylinder, wie wenn man beim gefüllten Waschbecken den Stöpsel zieht. 25 Liter je 100 Kilometer rechne ich aus. Egal, der Liter Super kostet 90 Cent.

Vierte Etappe: Revelstoke

Skifahrern läuft beim Namen Revelstoke das Wasser im Mund zusammen. Man berichtet sich von legendärer Schneemenge und –qualität, Heliskiing, Catskiing oder Snowmobile-Touren stehen im Winter auf dem Programm. Den Ort bevölkern Menschen, die hier ihren Lebenstraum verwirklichen wollen. Das Motto: „Don’t dream your life, live your dream“ springt einen förmlich an. Wir starten bei 27 Grad und Sonnenschein Downtown am Grizzly Plaza. Neutralisiert geht’s bis zum Trailhead, dann beginnt wieder die Rushhour und der Kampf um Positionen. Der einzige, rhythmische und lange Anstieg fordert den kompletten Biker durch zahlreiche technisch steile Rampen. Wir freuen uns auf den Downhill, der sich jedoch als eckig und wenig flowig herausstellt. Tiefer Staub in den teils noch frisch angelegten Pfaden mitten durch den Wald raubt die Sicht, die Wurzelbehandlung kommt ohne Vorwarnung. Unmittelbar nachdem uns der Trail auf die Landstraße ausspuckt, endet die Zeitmessung. Neutralisiert rollen wir mit den Locals ein paar Kilometer zurück in die Stadt. Für uns eine 7 von 10. Wir nehmen noch die Siegerehrung mit (viertes Gold), dann heißt es: Kids ins Motorhome, Gaspedal kneten und 160 Kilometer Landstraße zum nächsten Etappenort nach Vernon absitzen. Reisen statt rasen. Wer sich nicht selbst organisiert, kann übrigens beim Veranstalter das Rundum-Sorglos-Paket buchen. Mit Unterkünften, Verpflegung und Shuttle-Service.

Start Revelstoke
# Start Revelstoke
Auch die Mädels lassen es in BC richtig fliegen
# Auch die Mädels lassen es in BC richtig fliegen - Fahrtechnik gibt’s hier mit der Muttermilch. Foto: John Gibson
Gebaute „Features“ besitzt quasi jeder Trail in BC. Breite Brücken sind easy, schmale sorgen schon mal für eine Schrecksekunde.
# Gebaute „Features“ besitzt quasi jeder Trail in BC. Breite Brücken sind easy, schmale sorgen schon mal für eine Schrecksekunde. - Breite Brücken sind easy, schmale sorgen schon mal für eine Schrecksekunde. Foto: Jean McAllister

Etappe Fünf: Vernon

Welches ist nun DAS beste Etappenrennen?

Im Kalamalka Provincial Park gibt es nicht nur Gewässer sondern auch Tundra-artige Steppe. Beim Start um halb zehn zeigt der Wahoo-Tacho schon dreißig Grad an. 1:45 Stunden geht es im Singletrack bergauf, Kurve um Kurve, man gewinnt kaum Höhenmeter, über zehn Kilometer lang arbeiten wir uns in Richtung Gipfel auf ca 1250 Meter vor. Unsere Hoffnung auf eine großartige Abfahrt wird nicht ganz erfüllt. Erneut eckig, teils zu steil um flowig zu sein, tiefer Staub vom Vordermann nimmt die Sicht. Viele handeln sich einen Snakebite ein, so auch ich. Sieben Minuten verlieren wir durch eine amateurhafte Reparatur. Der Klassiker: Hastig den Ersatzschlauch eingefädelt, den Reifen auf die Carbonfelge gewürgt, Gaspatrone rein und schon pfeift die Luft aus dem eingeklemmten Schlauch. Alles von vorne, nur jetzt mit der Mini-Luftpumpe. Von gefühlt 40 Grad geröstet schwitzen wir den letzten Hügel hinauf durchs Steppengras bis zum Kalamalka Park Trailhead. Hier stoppt die Uhr. Tagessieg. Doch auf der Fingerskala höchstens eine 7 von 10. Sind wir schon so verdorben? Oder gehört das zur Dramaturgie des Rennens?

Wer braucht schon Trikots?
# Wer braucht schon Trikots? - Gesamtsieger Evan Guthrie mit eigenem Style und überragenden Fähigkeiten. Technisch und physisch. Foto: John Gibson
Canada Style Biketransport
# Canada Style Biketransport

Erneutes Zwischenfazit: Das BC Bike Race bietet mehr Abenteuer und Raum für interkulturellen Austausch durchs gemeinsame Zeltlager. Es ist ein durchorganisiertes Summercamp für 500 Freaks. Allerdings hatte das BCBR 2018 angeblich einen recht geringen Trail-Anteil, erzählt ein kanadischer Teilnehmer, der sich auskennt. Christian Gauvin, Vorjahressieger ST6 Masters-Team 80+ und unser direkter Konkurrent aus Quebec, kennt fast alle Stageraces. Seiner Meinung nach ist das ST6 das Rennen mit dem höchsten Pfad-Angebot überhaupt. Sportlich gesehen ist das Cape Epic die hochklassige Benchmark. Die Transalp-Challenge hat sich leider nicht weiterentwickelt, bietet mit den Alpen aber einen unschlagbaren USP. Exotische Veranstaltungen wie in Kolumbien locken die Profis mit Startgeld. Und die über den Erdball verstreuten ungezählten kleinen Etappenrennen über drei, vier Tage passen häufig besser in den Lebensentwurf der Biker in der jeweiligen Region. Unterm Strich findet heute jeder das Rennen, das er sucht. Für unseren Plan, Biken mit Fernreise und Familie zu verbinden, stellt sich das ST6 als perfekt heraus.

Egal ob bergauf oder bergab, einen Großteil des Rennens fährt man mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
# Egal ob bergauf oder bergab, einen Großteil des Rennens fährt man mit einem breiten Grinsen im Gesicht. - Sowas kriegst du in Deutschland nicht. Foto: Jean McAllister

Etappe sechs, finale grande!

Eine Gürtelschnalle als Finisher-Prämie

Los geht’s auf 1600 Metern im Skigebiet. Kaum vorstellbar bei der Hitze unten in Vernon, dass man nur zwanzig Autominuten weiter Ski fahren kann. Willkommen im Etappenort Silverstar. Ein in den Berg gezimmertes Retorten-Örtchen mit bunten Holzhäusern, die nicht so recht in die Szenerie passen wollen. Doch wer es in Vernon und Okanagan zu etwas gebracht hat, besitzt hier oben eine Winterresidenz. Klar, dass auch hier die Resortbetreiber schon längst die Biker als Zielgruppe erkannt haben. Bikeverleih für groß und klein, Rental-Pakete inklusive Liftpass und Protektoren, dazu bestens geshapte Trails für alle Könnerstufen. Das Resort wirbt mit 60 Kilometern Downhill Trails, 400 Dirtjumps, über 800 Steilkurven und 550 Metern vertical drop. Und dann das: Beowulf. Ein 35 Kilometer langer Singletrack-Exzess mit Schwierigkeitsgrad blue bis Black Diamond. Die Infotafel nennt vier bis sechs Stunden Fahrzeit und warnt, den Trail nur bei guter Fitness und nicht alleine zu wagen. Null Handyempfang! Nach vier Jahren Bauzeit wurde der Trail vor genau einem Jahr eröffnet.

Wir sind nach dem Startloop unter den Top 30, als wir durchs Gate auf den Beowulf Trail abbiegen. Eine Dreiviertelstunde fahren wir uns bergab einen Drehwurm ins zentrale Nervensystem. Kurve um Kurve, atemlos, hochkonzentriert, überwältigt. Und vom tiefsten Punkt der Strecke, dem Checkpoint am Putnam Creek geht’s über zwölf Kilometer genauso kurvig bergauf. Knapp 800 Höhenmeter müssen erarbeitet werden bis ins Dachgeschoss des Silverstar-Bikeparks, von dort rauschen wir über den Snakepit-Trail ins Ziel, als Sieger der Kategorie Team 80+, glücklich und erleichtert. Und die Fingerskala? Für XC Racer und Singletrail-Liebhaber gibt’s hier eine klare zehn von zehn!

Gürtelschnalle für Finisher
# Gürtelschnalle für Finisher
Zieldurchfahrt Etappe 6
# Zieldurchfahrt Etappe 6
Medaillen Gold Silber Bronze Etappensieger
# Medaillen Gold Silber Bronze Etappensieger

Nach sechs Etappen, 7200 Höhenmetern und 255 Kilometern, gefühlt davon 235 auf Singletracks, entlässt uns das Paradies. Sechs Stunden im Motorhome und einen Übersee-Langstreckenflug später saugt uns der Alltag wieder ein. Mit Stress an der Supermarkt-Kasse, stockendem Verkehr und umgeben von Menschen, die keinen Schimmer davon haben, was einem fehlt, wenn man sich Rennen wie das Singletrack 6 entgehen lässt.

Gesamtsieger Masters
# Gesamtsieger Masters
Siegerehrung Silverstar GC
# Siegerehrung Silverstar GC

Infos: Singletrack 6 Etappenrennen

Das Singletrack 6 Etappenrennen ist aus der Transrockies-Challenge entstanden. Mit seinem Fokus auf Singletrails und dem Konzept, den Teilnehmern über sechs Etappen an mehreren Orten die besten Trails zu servieren, hat das ST6 erfolgreich beim BC Bike Race abgekupfert. Teilnehmer aus der Region nehmen häufig die Chance wahr, sich beim ST3 nur über drei Tage zu messen. Das ST3 gab es in 2018 über die drei Tage der Region von Golden sowie das ST3 Paket Monashees mit den Etappenorten Revelstoke, Kalamalka (Vernon) und Silverstar.

Für 2019 lässt der Veranstalter die Transrockies-Challenge wieder aufleben. Lange Etappen, Point-to-Point-Konzept, viele Höhenmeter und mehr Abenteuer. Künftig soll sich das ST6 und Transrockies-Format jährlich abwechseln. Die Startgebühr beginnt bei 1699 Euro pro Person.

Weitere Informationen:

www.transrockiesclassic.com / www.singletrack6.com

Clip zum Beowulf Trail in Silverstar:

Die Mischung macht’s – wie sieht für euch das perfekte Etappenrennen aus und würde euch das Singletrack 6 ebenfalls reizen?

Fotos: Jean McAllister, John Gibson/Singletrack 6, privat
  1. benutzerbild

    schulte69

    dabei seit 08/2005

    Sehr nett geschrieben und ich kann nur unterschreiben was hier gesagt wird. Der engstirnige Alltag holt einen schon an der ersten Stelle am Flughafen in Frankfurt wieder ein, wenns auf der Autobahn von drei auf zweispurig verengt wird :wut::wut::wut:
    Nur mal als Beispiel: Nach unserem ersten Aufenthalt 2014 sind wir (meine Freundin und ich) am nächsten Morgen über eine stillgelegte Bahntrasse aka Radweg, zur Arbeit gerollt. Jetlaggeplagt, dementsprechend früh raus und es richtiges Schmuddelwetter. Wir waren aber super gelaunt und haben, wie in Kanada, die Leute morgens lächelnd begrüßt..., also die 5 die uns so entgegengekommen sind. Also so dezent mit anlächeln und nicken..., die Leute haben uns angeschaut, als ob wir irgendwie verrückt wären.

    Ich könnte zig Beispiele nenne, warum es hier so behämmert zugeht und wo die Unterschiede sind. Muss man halt selbst mal erlebt haben und die Neigung haben, hier nicht alles toll zu finden. Fängt schon in diesem grandiosen Forum an..., das ist sinnbildlich für vieles was um uns herum abgeht.
  2. benutzerbild

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  3. benutzerbild

    bubble blower

    dabei seit 09/2001

    Tomas Misser- wie cool ist das denn? Freut mich, wenn man in so Artikeln über die Helden der Jugend stolpert. Der ist doch für KLEIN DH-Rennen gefahren.
  4. benutzerbild

    pat

    dabei seit 01/2002

    Schöner Bericht! :daumen: Titel hat mir nichts gesagt, ohne Erwartungen dennoch reingeklickt und positiv überrascht worden. :) Sehr fein.
  5. benutzerbild

    MUFC

    dabei seit 10/2014

    lebe nun seit fast einem jahr in BC und es ist einfach traumhaft hier, die leute sind viel angenehmer und ruhiger. bei einem kurzbesuch im august in österreich war nur hecktig, gemotze, gemaule, gejammere, das ist scheisse und das ist scheisse und bla bla bla. gehst in ein restaurant, riechst du mehr vom zigarettenrauch als vom essen.
    war froh, als ich wieder im flieger richtung van saß. in einem jahr gehts wieder zurück, mich grausts jetzt schon.

    ps: toller bericht, habe schon von vielen gehört, dass golden bzw. kicking horse super sein sollen. 1700$ startgebühr ist halt auch nicht ohne!
  6. benutzerbild

    renegade24

    dabei seit 11/2006

    Smalltalk ist normal Übersee, entspannter sind sie auch. Mir fehlt aber ein wenig die Tiefe.

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