Fatbikes liegen fett im Trend. Immer mehr Rahmen, Reifen und Felgen, aber auch Kurbeln und inzwischen sogar Federgabeln stehen für die Dicke-Reifen-Fraktion zur Auswahl. Stellt sich nur die Frage: Was macht man eigentlich damit? Höre ich mich in meinem Freundeskreis um, wie die Haltung zu Fatbikes aussieht, ist die Statistik recht eindeutig: Mal Fatbike fahren? Gerne, ist witzig. Ein Fatbike besitzen? Na so witzig auch wieder nicht.

Klassische Reaktion auf das Fatbike-Fahrgefühl: Grinsen
# Klassische Reaktion auf das Fatbike-Fahrgefühl: Ein breites Grinsen. Aber braucht es dafür ein Fatbike?

Im Selbstversuch haben wir erfahren, ob Fatbikes mehr als nur ganz witzig sein können. Schließlich würden wir uns über einen Grund fürs Fünftrad freuen. Teil 1 einer dreiteiligen Serie.

Biken im Schnee

Fatbikes kommen unter anderem und verstärkt aus Alaska. Dort gibt es anscheinend eine Anwendung für diese Räder: Lange Winter. Die Logik dürfte jedem ziemlich schnell einleuchten: Lange Winter bedeuten viel Schnee, viel Schnee bedeutet wenig Mountainbiken – es sei denn, es gäbe da so etwas wie ein Schnee-Bike. Also kurz bei den Skifahrern gespickt oder die Sache mit der Flächenpressung durchstiegen und die Idee für ein Fatbike ist geboren: Breitere Reifen schneiden weniger tief in den Schnee ein, so dürfte man auch im langen Winter auf zwei Rädern Spaß haben.

Bis hier hin ist alles klar. Was mir nicht klar ist: Warum solche Schnee-Bikes dann nur in Alaska Sinn ergeben sollen. Der aktuelle Winter ist ein einwandfreies Beispiel: Nach gutem Start im Oktober folgte eine ziemliche Flaute, aber in den Alpen liegt seit inzwischen 7 Monaten weiträumig Schnee. Man kann und konnte ihn diesen Winter auch sehr gut umfahren – muss man aber nicht unbedingt.

Wie gesagt, man hätte nicht auf Schnee fahren müssen - aber die Gelegenheit war da, und die sollte ja auch genutzt werden.
# Wie gesagt, man hätte nicht auf Schnee fahren müssen – aber die Gelegenheit war da, und die sollte ja auch genutzt werden.

Ich sehe also auch abseits von den wenigen Tagen mit geschlossener Schneedecke in weiten Teilen Deutschlands durchaus einen potentiellen Bedarf für Schnee-Bikes: Schließlich sind Ski und Snowboard nicht jedermanns Sache, und Schnee ist, auch wenn kein Muss, doch zumindest jeden Winter eine Option.

Deshalb haben wir uns ein Surly Moonlander geschnappt und sind in Richtung Berg aufgebrochen. Richtung Schnee.

Ostern im Skigebiet Flumserberg. Die unteren Lifte haben bereits geschlossen, die Nordalpen hatten diese Saison ohnehin keinen guten Stand, was die Niederschläge anging. Dennoch haben sich zahlreiche Winter-, oder besser: Frühlingssportler eingefunden um auf den Sulzschnee zu genießen. Wir wollen nicht nur die Abfahrtseignung testen, sondern generell heraus finden: Wie gut lässt sich ein solches Bike im Schnee fahren?

Mit 4,8” haben wir die dicksten Schlappen montiert, das Profil ist zwar nicht ausschließlich auf Schnee ausgelegt, aber grobe, an Vorder- und Hinterrad spezifisch ausgerichtete Stollen sollten einiges an Traktion bieten. Nach einigen zögerlichen Ausflügen auf Schneefelder ist der Weg bald komplett schnee-bedeckt. Solange die Straße flach den Berg hinauf zieht, zieht das Surly unbeirrt seine Bahn. Kein Schlupf, kein Schlingern – als wäre es nichts besonderes, auf Schnee unterwegs zu sein.

Geht ziemlich gut: Auf dünner Schneedecke mit festem Untergrund flach bergauf
# Geht ziemlich gut: Auf dünner Schneedecke mit festem Untergrund flach bergauf

Als die Sonne höher steht und den Schnee weiter aufweicht, gelangt aber auch der Moonlander an seine Grenzen, ebenso in etwas steilerem Gelände. Dann treten die bekannten Probleme von Zweirädern im Schnee auf: Schlupf am Hinterrad führt zu Geschwindigkeitsverlust und dazu, dass sich die Reifen eingraben, über kurz oder lang bleibt man einfach stehen oder muss mit starken Lenkbewegungen das Gleichgewicht halten – rutscht das Vorderrad dann weg landet schnell der Fuß am Boden und Ross und Reiter kommen zu einem außerplanmäßigen Halt.

Bergauf geht auf breiten Sohlen definitiv mehr als mit einem gewöhnlichen Mountainbike, und solange es geht, geht es auch ohne große Anstrengung. Wer wirklich einen Berg fahrend erklimmen will, der sollte aber die Bedingungen so abpassen, dass der Schnee nicht zu tief und die gewählte Route nicht zu steil geraten. Prädestiniert erscheinen also früh morgens Frühlingsschnee, dünnes Pulver auf kompakter Harschschicht oder eine insgesamt dünne Schneedecke, bei der die Reifen sich am darunter liegenden Boden abstützen können.

Mit ordentlich Gewicht auf dem Vorderrad lassen sich einfache Pisten problemlos fahren
# Mit ordentlich Gewicht auf dem Vorderrad lassen sich einfache Pisten problemlos fahren

Wie aber sieht die Sache aus, wenn es mal bergab geht? Dann muss immerhin kein Gas mehr gegeben werden, eingraben und stehenbleiben fallen also aus. Höhere Geschwindigkeiten sorgen auf für kleinere Lenkbewegungen, klingt ganz als müsste das Fatbike im Schnee bergab richtig Laune machen. Als alter Powder-Junkie halte ich mich nicht lange mit der Spur der Pistenraupe auf sondern lenke das Fatbike in unpräpariertes Gelände. Herrlicher Sulzschnee müsste sich doch auch auf zwei Rädern genießen lassen…? Tatsächlich nehme ich schnell Fahrt auf, meine Reifen sacken nicht allzu tief ein. Die anfangs gewohnt zurück gelehnte Haltung führt zunächst dazu, dass das Bike stark untersteuert. Also etwas mehr Gewicht aufs Vorderrad und mir gelingen die ersten schönen Kurven, bei die denen der Schnee gewaltig vom Hinterrad spritzt. So hatte ich mir das vorgestellt. Erstaunlich gut funktionieren dabei die Scheibenbremsen und die Gangschaltung – von früheren Erfahrungen hatte ich erwartet, dass Schnee hier bald zum Funktionsausfall führen würde, aber bei 10°C über Null sind die Bedingungen auch denkbar günstig.

Müssen sich Wanderer und Skifahrer an diesen Anblick gewöhnen?
# Müssen sich Wanderer und Skifahrer an diesen Anblick gewöhnen?

Als der Hang steiler wird, ist Schluss mit lustig. Ich gehe überzeugt in die Kurve, komme über die Falllind heraus und drehe das Rad wieder in Richtung Höhenlinie – und liege im Schnee. Der Seitenhalt der Reifen reicht jetzt bei weitem nicht mehr aus um in einer anderen Richtung als Geradeaus gen Tal zu fahren.. Zwei, drei weitere Versuche später kapituliere ich und quere abwärts in Richtung Piste, wo ich mir einfachere Bedingungen erhoffe.

Als ich den Pistenrand erreiche, sackt meine Zuversicht gleich zwei Stockwerke tiefer: Statt – wie geplant – an einer roten oder blauen Piste zu landen, soll mein Erstkontakt eine schwarze Piste sein. Alternativen sind nicht in Sicht, und so bleibt mir keine andere Wahl. Nach einem harmlosen Einstieg wird die Piste schmal und steil. Ich werde schnell, verliere die Kontrolle, trenne mich vom Bike und sammle es 10 m tiefer wieder ein. Quer zum Hang aufsteigen? Ist nicht. In Falllinie aufsteigen? Ist nicht. Die Reifen wollen auf dem jetzt gefrorenen Untergrund einfach keinen Halt finden. Ich versuche deshalb, mit einem Fuß auf dem talseitigen Pedal und dem Lenkerende im Schnee elegant ins Tal zu gleiten, das Moment des Lenkerendes lässt mich aber erneut unfreiwillig absteigen.

Schwarze Pisten dagegen... zumindest mit diesen Reifen für mich nicht fahrbar.
# Schwarze Pisten dagegen… zumindest mit diesen Reifen zumindest für mich nicht fahrbar.

Endlich kann ich den restlichen Verlauf der Piste überblicken: Nur noch etwa 150 hm geht sie ohne Kurven in ein Tal über und wird dabei immer flacher. Mein einziger Gedanke: Megavalanche. Ziemlich genau so stelle ich mir den Gletscher von Alp d’Huez vor, und ich zweifle erstmals daran, ob ich da wirklich hin will. Einige Skifahrer schießen an mir vorbei, mein Stolz zwingt mich, es noch einmal zu versuchen. Eigentlich kann ich doch Fahrrad fahren?! Räder und Fuß bilden kurze Zeit ein stabiles Dreibein, das jedoch immer schneller Richtung Tal rauscht. Da bremsen und Lenken nicht helfen, nutze ich erneut Pedal und Lenkerende um Geschwindigkeit zu verlieren. Das funktioniert gut, bis ich das Rad überhole und wir zwei leicht verknotet und schwer außer Kontrolle Richtung Talstation schlittern.

Und tschüss: Fatbike und Fahrer gehen getrennte Wege.
# Und tschüss: Fatbike und Fahrer gehen getrennte Wege.

An dieser Stelle verabschiede ich mich vom Moonlander: Ich lege das Rad auf die Seite, gebe ihm einen Schuppe und gucke zu, wie es mit verdrehtem Lenker Richtung Talstation gleitet.Auf den Schuhsohlen gleite ich nun wesentlich eleganter bergab, bis die Piste schließlich etwas flacher wird. Ich steige auf, richte das Bike in Falllinie und öffne die Bremsen. Das Fahrerlebnis: Sehr geil. Hier fühle ich mich wieder Herr der Lage, von hier an warten nur noch rote und blaue Pisten bis zur Talstation. Im gemäßigten Gelände ist das Fatbike eine helle Freude, selten habe ich solch monströse Drifte über beide Räder hingelegt. In flachen Passagen überhole ich sogar ein paar Skifahrer, denen der weiche Schnee auch zu schaffen macht.

Immer wieser Frage ich mich, ob ein Mountainbike in einer ähnlichen Situation ähnlich viel Spaß gemacht hätte. Die Antwort ist ganz klar: Nein. Die breiten Reifen verschieben die akzeptable Menge Schnee für Fahrradfahrer. Auch wenn nicht jeder Schnee und jedes Gelände mit dem Fatbike Spaß macht – Fatbike und Schnee ist häufiger eine Option als Mountainbike und Schnee. Wären Ski und Snowboard noch nicht erfunden – Fatbikes wären die erste Wahl für den weißen Rausch. Jetzt sind sowohl Ski als auch Snowboard schon erfunden – damit sind die Teile bergab wohl nur für all jene wirklich interessant, für die Ski und Snowboard nicht in Frage kommen.

Sulzvergnügen Mitte April
# Sulzvergnügen Mitte April

Einer besonderen Sorte Ski könnten Fatbikes aber wirklich Konkurrenz machen: Langlauf- und Skating-Ski nämlich. Die flachen, präparierten Routen lassen sich ausgezeichnet auf zwei Rädern nutzen – bleibt abzuwarten, was Skater und Winterwanderer davon halten. Nächsten Sonntag erfahrt ihr, welchen Grund es auch ohne Schnee geben könnte, ein Fatbike zu fahren.

  1. benutzerbild

    MossAndrew

    dabei seit 03/2011

    Fabeymer schrieb:


    Trotz der kitschigen Musik muss ich das einfach immer wieder anschauen...


    Was für ein geiles Video. Wenn ich noch kein Fatbike hätte, würde ich spätestens jetzt zum Händler rennen
  2. benutzerbild

    Bumble

    dabei seit 01/1970

    MossAndrew schrieb:
    Die Frage nach dem WARUM ist albern, es macht Spass und ohne den wäre das Leben albern


    Schöner Satz, das trifft auf so Einiges zu.
  3. benutzerbild

    RetroRider

    dabei seit 09/2005

    Spaß ist nicht tugendhaft und führt zu hohen Staatsschulden. (Deswegen hat Japan keine Schulden.)
  4. benutzerbild

    MossAndrew

    dabei seit 03/2011

    RetroRider schrieb:
    Spaß ist nicht tugendhaft und führt zu hohen Staatsschulden. (Deswegen hat Japan keine Schulden.)


    Düsseldorf ist auch Schuldenfrei und trotzdem gibts hier ne Menge zum Lachen...
  5. benutzerbild

    RetroRider

    dabei seit 09/2005

    Aber nur in der Wirklichkeit. Die Reinheit der herrschenden ökonomischen Moral-Lehre wird penibel vor Kontamination mit der Wirklichkeit geschützt.

    (Übrigens: Japan hat die höchste Staatsverschuldung der Welt, aber zum Glück auch "nur" in der Wirklichkeit. In der Moral-Lehre ist Deflation und Nix mehr kaufen super. Ist ja das Gegenteil von Inflation und Sachen kaufen...)

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