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Lenkeinschlagsdistanzen
Lenkeinschlagsdistanzen - Diese Skizze soll Lenkdynamiken verdeutlichen. Beide orange-farbenen Lenker sind 680 mm breit, der blaue Lenker 800 mm. Ganz links wäre ein 120 mm-Vorbau, in der Mitte und rechts jeweils ein Vorbau mit 40 mm Länge. Um einen Lenkeinschlag von 10° zu erreichen, fallen die Werte x, y, und z unterschiedlich groß aus. Das bedeutet: Die Wegstrecke, die ich mit meinem Arm machen muss, fällt anders aus. Hierdurch ändert sich gleichzeitig auch die Zeitspanne, bis ein Lenkimpuls übertragen wird. Weiterhin beeinflusst diese Wegstrecke die Körperposition auf dem Bike. Mehr Wegstrecke in der Bewegung erfordert ebenfalls mehr Bewegung (und dadurch natürlich auch Zeit), um zur Ausgangsposition zurückzukehren.
Zu wenig Reach bei relativ kurzer Kettenstrebe benötigt einen langen Vorbau
Zu wenig Reach bei relativ kurzer Kettenstrebe benötigt einen langen Vorbau - Besonders im Uphill neigt ein Bike ansonsten zum Steigen. YT besserte genau hier im nachfolgenden Modelljahr nach.
Nach heutigen Maßstäben ist das Mondraker Dune gar nicht mehr so lang
Nach heutigen Maßstäben ist das Mondraker Dune gar nicht mehr so lang - Wenn man nie passende Bikes hatte, fühlt sich ein Mondraker Dune schon anders an. Wirklich groß ist das XL es aber nicht, wie man sieht.

Während die Älteren unter uns noch in den Genuss von 120-mm-Vorbauten gekommen sind, kennen die Jüngeren diesen zweifelhaften Kick der konstanten Nahtoderfahrungen gar nicht mehr. Heute sind die Vorbaulängen bis hin zum Cross Country kürzer geworden. Aber warum eigentlich? Mich hat interessiert, in welchem Zusammenhang Vorbaulänge, Lenkerbreite und das damit verbundene spezifische Lenkverhalten stehen.

Früher fuhren wir mit schmaleren Lenkern und längeren Vorbauten. Heute sind die Lenker mehr oder minder durch alle Disziplinen breiter und die Vorbauten kürzer geworden. Wer seine Lenkerbreite an seine Schulterbreite, Armlänge und den Einsatzzweck anpasst, kann bei zwischenzeitlich kürzerem Vorbau und breiterem Lenker immer noch den gleichen Winkel im Oberkörper gegenüber dem Boden haben. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt von unterschiedlicher Flexibilität im Rücken und genereller Anatomie von Fahrern ist dies ein wichtiger Faktor. Umfassende Feinheiten zur Ergonomie und Biomechanik sollen aber an dieser Stelle vorerst nicht komplett ausgeführt werden, ich beschränke mich in diesem Text auf die Einflüsse auf das Fahrverhalten.

Unterschiedliches Lenkverhalten via Vorbaulänge

Breitere Lenker brachten uns sehr viel mehr Sicherheit und Kontrolle, dass einem auf dem alten Bike schier Angst und Bange wird, sobald man nur annähernd in die heutigen Geschwindigkeitsregionen vordringt.

Wer in den Untiefen seines Kellers noch ein 20 Jahre altes Mountainbike finden kann, sollte es von Zeit zu Zeit mal herausholen und auf den gleichen Trails bewegen wie den modernen Ur-ur-ur-Enkel, der zumeist weiter vorn in der Garage steht. Dies erdet einen immer mal wieder ziemlich stark in Bezug darauf, welche Evolution Mountainbikes dann doch in den letzten Jahren hingelegt haben.

Breitere Lenker brachten uns sehr viel mehr Sicherheit und Kontrolle, dass einem auf dem alten Bike schier Angst und Bange wird, sobald man nur annähernd in die heutigen Geschwindigkeitsregionen vordringt. Was bei unterschiedlichen Vorbaulängen/Lenkerbreiten genau passiert, soll folgende Skizze verdeutlichen.

Lenkeinschlagsdistanzen
# Lenkeinschlagsdistanzen - Diese Skizze soll Lenkdynamiken verdeutlichen. Beide orange-farbenen Lenker sind 680 mm breit, der blaue Lenker 800 mm. Ganz links wäre ein 120 mm-Vorbau, in der Mitte und rechts jeweils ein Vorbau mit 40 mm Länge. Um einen Lenkeinschlag von 10° zu erreichen, fallen die Werte x, y, und z unterschiedlich groß aus. Das bedeutet: Die Wegstrecke, die ich mit meinem Arm machen muss, fällt anders aus. Hierdurch ändert sich gleichzeitig auch die Zeitspanne, bis ein Lenkimpuls übertragen wird. Weiterhin beeinflusst diese Wegstrecke die Körperposition auf dem Bike. Mehr Wegstrecke in der Bewegung erfordert ebenfalls mehr Bewegung (und dadurch natürlich auch Zeit), um zur Ausgangsposition zurückzukehren.

Verkürzt man nur den Vorbau und belässt die Lenkerbreite, so verändert man die Angriffsposition der Hände. Man entfernt sich vom Vorderrad. In Summe wandert der Gesamtschwerpunkt des Fahrers damit weiter hinter die Vorderradachse. Kräfteverhältnisse, Hebel- und Lenkgefühl folgen damit anderen Regeln. Es braucht nach wie vor den gleichen Drehwinkel wie mit einem langen Vorbau, aber der Weg, den man dafür an der Lenkeraußenseite machen muss, ändert sich entscheidend. Vergleicht hierfür die grünen Pfeile x und y in der Grafik oben.

Behält man nun den kurzen Vorbau bei und verbreitert den Lenker, verändert man erneut den Weg, den man machen muss, um den gleichen Drehwinkel des Vorderrades zu erreichen. Bei gleichem Weg erreicht man weniger Lenkeinschlag. Faustregel zirka: 1 Grad weniger je 6 cm mehr Lenkerbreite. Im rechten Beispiel oben könnt ihr das visuell nachvollziehen.

Zusammenfassung:

Der kurze Vorbau beschleunigt das Lenkverhalten und lässt das Rad schneller den Eingaben des Fahrers folgen. Ein breiterer Lenker fängt diese Agilität auf und auch die damit auftretenden Kräfte und macht durch die höhere Hebelwirkung das Rad besser kontrollierbar.

Wenn ich in wenig anspruchsvollem Gelände unterwegs bin und ernsthaft Kilometer im dreistelligen Bereich hinter mich bringen möchte, würde ich auch zu einem schmaleren Lenker und längerem Vorbau greifen. Nach meiner ganz persönlichen Meinung kann ich auf Strecken diesen Stils aber auch fast schon ein Gravelbike bewegen und muss nicht die breiten Stollenreifen mitschleppen. Beim Mountainbike geht es um die Herausforderung am Berg und darum, technisches Gelände bergauf wie bergab zu meistern. Ein kurzer Vorbau brachte mir hier in jeder Situation in jedem Gelände nur eines – Vorteile.

Für Mountainbiken, das den Namen verdient, brauche ich keinen Vorbau über 40 mm. Jens Staudt

Ein Vorbau oder eine ganze Lenkzentrale ist leicht und kostengünstig austauschbar. Dabei kristallisierte sich in den von mir betreuten Tests in der Regel der kürzere Vorbau als die bessere Lösung (für mich) heraus. Wohin aber nun mit dem Rest der 1,90 m, wenn ich mir die Reachwerte und das Cockpit eines regulären XL-Bikes anschaue? Mit den Größen, die am Markt angeboten werden, gerät meine Gesamtreichweite viel zu kurz. Diesen verkürzten Abstand kann man eigentlich recht einfach ausgleichen. Man verlagert die am Vorbau gekürzten Zentimeter an eine andere Stelle: Nämlich ins Tretlager bis hin zur vorderen Achse – dem sogenannten Front-Center.

Vorbau-Reach-Rechnung der letzten Jahre

Es war es mir wichtig, ein Rad zu konzipieren, welches mir bei der Verwendung eines kurzen Vorbaus immer noch genügend Platz für meine Knie beim Pedalieren lässt sowie eine für meine Größe entspannte Sitzposition ermöglicht.

Vorlieben sind verschieden und man kann auch (fast) alles mit einer anderen Vorbaulänge und/oder Lenkerhöhe passend machen, oder? Vielleicht auch nicht. Hierfür ein kleines, exemplarisches Rechenbeispiel:

Ein Rad mit Werten im Bereich von 480 mm Reach bei 630 mm Stack wird heute bei vielen Main-Stream-Marken immer noch als ein L oder sogar XL behandelt. Allerdings ergibt sich ein spannendes Bild, wenn man die Vorbaulänge mit dem Reach kombiniert. Vor fast 10 Jahren montierte man gerne in Crosscountry-Manier einen 100 mm langen Vorbau – und das selbst an Trailbikes. Jetzt finden man an den gleichen Bikes zumeist noch 50 oder eher 60 mm lange Vorbauten. Die Verlierer? Große Fahrer. Für sie wurde das Bike von der Stange effektiv kleiner und Umbaumaßnahmen notwendig.

Schauen wir uns einfach mal ein paar exemplarische Bikes der letzten Jahre an und rechnen zusammen. Diese Werte von älteren Modellen und eher konservativ orientierten Marken vergleichen wir mit zukunftsgetriebenen Marken wie Mondraker und seit einiger Zeit auch Nicolai und Pole:

ca. 420 mm + 120 mm Vorbau = 540 mm
Exemplarisches „Trailbike“ aus 2009

514 mm + 30 mm Vorbau = 544 mm
Mondraker Foxy XL 2018 Stack 625 und 150er Steuerrohr

508 mm + 30 mm Vorbau = 538 mm
Mondraker Dune XL 2017 Stack 613 und 130er Steuerrohr

530 mm + 30 mm Vorbau = 560 mm
Nicolai Geolution XL 2017 Stack 637 und 150er Steuerrohr

510 mm + 30 mm Vorbau = 540 mm
Pole Evolink 140 L 2017 Stack 630 und 135er Steuerrohr

Zusammenfassung:

Abgesehen von fast schon vernachlässigbaren 20 mm an der Nicolai Geolution ist die Gesamtreichweite an einem Großteil der sogenannten Newschool-Geometrien gar nicht so anders oder teilweise sogar kleiner als bei einem Bike, das fast 10 Jahre auf dem Buckel hat. Lediglich die Vorbaulänge und der Radstand haben sich geändert.

Zu wenig Reach bei relativ kurzer Kettenstrebe benötigt einen langen Vorbau
# Zu wenig Reach bei relativ kurzer Kettenstrebe benötigt einen langen Vorbau - Besonders im Uphill neigt ein Bike ansonsten zum Steigen. YT besserte genau hier im nachfolgenden Modelljahr nach.
Nach heutigen Maßstäben ist das Mondraker Dune gar nicht mehr so lang
# Nach heutigen Maßstäben ist das Mondraker Dune gar nicht mehr so lang - Wenn man nie passende Bikes hatte, fühlt sich ein Mondraker Dune schon anders an. Wirklich groß ist das XL es aber nicht, wie man sieht.

Meine ersten Trailerfahrungen Anfang der 90er machte ich auf einem Bike mit 120 mm langem Vorbau. Über die Jahre habe ich lange gebraucht, um mich an das direkte Fahrverhalten von kurzen Vorbauten zu gewöhnen. Steige ich heute auf ein Bike mit einem längeren Vorbau und schmalem Lenker, fühle ich mich schwer in die Vergangenheit zurückversetzt. Solange ein Bike über genügend Reach, Stack und Kettenstrebenlänge verfügt, nutze ich bis hin zum Cross Country-Bike einen möglichst kurzen Vorbau und genieße Sicherheit in der Abfahrt und keine Nachteile beim Klettern.

Mit welchen Vorbaulängen habt ihr experimentiert und wo seid ihr am Ende gelandet?

Disclaimer: Das Forschungsprojekt Geometrie ist komplett privat finanziert worden und steht in keinerlei finanzieller Verbindung zu MTB-News oder externen Herstellern.

  1. benutzerbild

    Hammer-Ali

    dabei seit 11/2016

    Tyrolens schrieb:

    Ist das derselbe Minnaar, der heuer mitten in der Saison die Kettenstrebenlänge an seinem Bike um satte 20 mm verlängert hat um fest zu stellen, dass das nichts bringt?

    Ey, man darf doch wohl mal ein wenig rumexperimentieren..
  2. benutzerbild

    imkreisdreher

    dabei seit 07/2014

    Tyrolens schrieb:

    Ist das derselbe Minnaar, der heuer mitten in der Saison die Kettenstrebenlänge an seinem Bike um satte 20 mm verlängert hat um fest zu stellen, dass das nichts bringt?

    hatte er beim letzten Rennen nicht wieder die Verlängerung montiert?
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  4. benutzerbild

    525Rainer

    dabei seit 09/2004

    Praxistest heute. Mein homie hatte heute ein erfolgserlebnis beim testen meines ponies. Er hatte lust länger damit endos und räderzuversetzen zu üben und in dieser zeit bin ich mit dem pole auf den trails gefahren. War auch cool die axs mal zu testen. Extremere unterschiede bei rädern die für 190cm personen aufgebaut sind wird man kaum finden. Checkt die lenkerposition oder die länge. Auf jedenfall schön zu sehn auf gewohnten terrain (137. Abfahrt) was die räder für stärken und schwächen haben.
    Was auf jedenfall krass ist: zurückwechseln. Irre.
  5. benutzerbild

    trailterror

    dabei seit 11/2010

    Welches 301 wirds denn nun, schon entschieden?
  6. benutzerbild

    Phil-Joe

    dabei seit 12/2008

    525Rainer schrieb:



    Praxistest heute. Mein homie hatte heute ein erfolgserlebnis beim testen meines ponies. Er hatte lust länger damit endos und räderzuversetzen zu üben und in dieser zeit bin ich mit dem pole auf den trails gefahren. War auch cool die axs mal zu testen. Extremere unterschiede bei rädern die für 190cm personen aufgebaut sind wird man kaum finden. Checkt die lenkerposition oder die länge. Auf jedenfall schön zu sehn auf gewohnten terrain (137. Abfahrt) was die räder für stärken und schwächen haben.
    Was auf jedenfall krass ist: zurückwechseln. Irre.


    Mit welcher Tendenz? Das Pole gefällt mir schon irgendwie.

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