Eins vorweg. Dies ist keine wohlinformierte Analyse des Geschäfts mit Rad-Bekleidung. Es sind vielmehr erste Gedanken nach der Nachricht, dass Gorewear, ehemals Gore Bike Wear, das Geschäft mit eigener Radkleidung aufgibt. Etwas Persönliches, wenn man so will. Und dass ich darüber schreibe, liegt daran, dass mich ein langes Leben mit und vom Fahrradfahren mit der Marke verbindet. Es ist ein wenig so, als würde Cannondale die Türen schließen oder eine andere große Radmarke.
Keine Frage, das Rad-Bekleidungsgeschäft ist „äußerst wettbewerbsintensiv“, wie Michael Hullik, Geschäftsführer von W. L. Gore & Associates GmbH im Händlerbrief schreibt, der der Gorewear Schließungs Nachricht zugrunde liegt. Dass mit Rapha eine der bekanntesten Radmode-Marken bereits acht Jahre in Folge Verluste schreibt, wirft ein Licht auf das Kleidungs-Segment im Fahrrad-Bereich.
Rennrad-Kleidung und Off-Bike-Kollektionen von Bart-Creme bis Reisetasche sind das Aushängeschild, vielleicht sogar der Antrieb eines generellen Rennrad-Hypes geworden. Das einst elitäre Rapha gilt fast schon als langweiliger Mainstream. Nachdem andere Marken auf den Boom aufsetzten und eigene Modestile entwickelten, wurde deren prägendes Design zuletzt im Fall von Pas Normal Studios sogar von Fast Fashion Marken wie H&M und Jack & Jones („Original Studios“) für eigene Kleidungslinien aufgegriffen, On Bike wie Off Bike.
Vierteljährliche Sales bei den großen Radkleidungs-Marken und gefühlt wöchentliche Newsletter zu neuen Kollektions-Editionen machen klar: Radkleidung ist Fast Fashion, wenn auch mit einem anderen Preis-Schild. Die Betonung liegt auf Fashion. Und das ist der Punkt, an dem Gorewear immer ein Stück hinterherlief, eben nicht ganz so schnell, wenn ich es richtig beobachtet habe.
Ich möchte das nicht werten, außer aus Ressourcen Sicht. Ich verbinde mit Gorewear auch etwas ganz anderes: Radkleidung, die einfach funktioniert, funktioniert und funktioniert, um einen anderen Klassiker zu zitieren. Die erste Giro-Radjacke – damals von Gore-Tex – erschien 1985. Sie hatte nicht nur eine bis dahin ungekannte Atmungsaktivität. Sie war auch perfekt zum Radfahren geschnitten. Echte Radschnitte gab es damals sonst nur bei vollkommen undurchlässigen Regen-Pellerinen.
Und die Gore Giro hielt nach heutigen Maßstäben geradezu ewig. Als ich rund acht Jahre nach dem Debüt der Giro-Jacke Fahrradkurier wurde, gab es noch einige Kollegen, die mit der Giro-Regenjacke fuhren. Auch optisch hatte niemand etwas auszusetzen. Meine erste Regenjacke war eine Gore Bike Wear, die ebenfalls nie schlapp machte, obwohl sie im Kurierleben wahrscheinlich mehr Regen gesehen hat, als meine aktuelle Jacke je sehen wird – übrigens eine (mehrfach geflickte) Gorewear Shakedry, die ich wegen ihres Packmaßes, ihrer absoluten Dichtheit und überlegenen Dampfdurchlässigkeit ebenfalls nicht missen möchte.
Eine Kombi aus Gore Bike Wear Regenjacke und Regenhose hat mir mal den … gerettet, als es auf einer Bikepacking-Tour in den Ardennen 3 Tage ohne Unterlass Bindfäden geregnet hat.
Radkleidung, die funktioniert und lange hält, das ist es, was ich mit „Gore“ verbinde, egal in welcher Schreibweise. Nicht, dass andere Radkleidung das nicht auch könnte und (abgesehen von der Optik) den Schnitt oder auch die Funktion an der einen oder anderen Stelle vielleicht sogar manchmal besser trifft. Aber die Kombination aus Funktion und Langlebigkeit werde ich vermissen, glaube ich. Wenn nicht, umso besser. Tipps willkommen.
Welche Erinnerungen habt ihr aus eurer Radkarriere mit Gore?
74 Kommentare
» Alle Kommentare im ForumDie hier angezettelte Schwitz-Kontroverse ist albern. Muss man sich nur mal im Hochtouren- und Expeditionsbereich umsehen. Da existiert keine einzige 3-Lagen-Jacke ohne zusätzliche Belüftungsöffnungen unter den Achseln und/oder am Rücken. Warum? Weil so eine Jacke den anfallenden Schweiß gar nicht abtransportieren kann. Das geben die Membrane rein technisch nicht her. Wurde zigfach in Labors getestet. Auch und gerade bei W.L.Gore. Ich war selber einmal bei einem Test in deren Labor dabei. Selbst ein sehr guter MTVR-Wert (Moisture Vapor Transmission Rate) kann den anfallenden Schweiß nicht komplett abtransportieren. Im Testaufbau werden die Gewichte der Bekleidung gemessen, sowie der Testperson, vor und nach der Belastung. Als Hersteller von Funktionsbekleidung hat man nur den Hebel, mit gelungener Konstruktion des Kleidungsstücks zu punkten. Zu deutsch: Belüftung ermöglichen, wo es technisch vertretbar ist. Wählt der Hersteller dünneren Außenstoff, dann trägt das zu einer besseren Atmungsaktivität bei, verliert aber beim Wärmeerhalt. Die Jacke soll einen ja auch vor Auskühlen schützen, wenn man mal steht und keinen Schweiß erzeugt. Skitourengeher kennen das Problem.
Wenn es Bindfäden regnet und man stundenlang bergauf fährt, dann ist im Grunde ein nach unten offener Poncho unschlagbar, da der Schweiß leichter entweichen kann (und der Regen bei langsamem Tempo von unten nicht reinkommt). Fürs Bergabfahren ist das aber nichts. Im Grunde benötigt man zwei verschiedene Kleidungsstücke.
Aber kein Hersteller von Hardshelljacken behauptet doch allen Ernstes, dass ihre Membrane soviel Schweiß abführt, wie man maximal in der Lage ist, zu produzieren.
Auch kein einziger der zahlreichend erschienenden Jackentests ist bisher zu diesem Ergebnis gekommen.
Woher also der Aberglaube an thermodynamische Wunder, dass diese Klamotten vor Schweiß schützen?
"Guaranteed to keep you dry*"
*aber nur von Außen
Wie so oft sind leider Kompromisse vonnöten.
Muss jeder für sich entscheiden, ob er beispielsweise mit warmer Hardshell und ohne Midlayer unterwegs ist, oder mit leichter Jacke und Midlayer.
Ich bevorzuge lieber eine leichte Jacke mit geringerem Wasserdampfdiffusionswiderstand und ziehe bei Kälte auf dem Pass vor der Abfahrt einen Midlayer an, den ich vor der Auffahrt ausgezogen habe.
Bei Skitourengeher funktioniert in der Regel wegen des höheren Dampfdruckgefälles die Membrane besser.
Stammt aus früheren Zeiten, als es bei der Produktion von Jacken vermehrt Probleme mit der Wasserdichtheit gab.
Eine Qualitätsoffensive sollte nun wieder für Wasserdichtheit sorgen.
https://www.gore-tex.com/de/blog/die-geschichte-eines-versprechens-guaranteed-to-keep-you-dry
"Doch nur zwei Jahre später häuften sich Reklamationen von Verbrauchern aufgrund von undichten Stellen."
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