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Hausbesuch bei GOREWEAR
Schlechtwetter in der Regenkammer – diese 13 Tests muss GORE-TEX überstehen

Es sind 15 Grad im Februar, in einem beschaulichen Örtchen südöstlich von München. Wir befinden uns im oberbayerischen Feldkirchen-Westerham und das aus einem stichhaltigen Grund: Hier befindet sich einer der Produktionsstandorte von W.L. Gore & Associates, wie Gore vollständig heißt. Und was für uns dabei am spannendsten ist, ist das Labor für Forschung und Entwicklung – denn hier wird GOREWEAR Funktionsbekleidung entwickelt und bis zum Maximum getestet. Ob wir uns selber in die Regen-Simulationskammer getraut haben und welche Rolle Sandpapier im Labor spielt, lest ihr im Hausbesuch.

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Von der Prüfungs-Einrichtung zum Forschungslabor

Die Bezeichnung GORE-TEX hat jeder schon mal gehört – das Material  gehört zu den vermutlich bekanntesten Funktionsstoffen, wenn es um wasserdichte Regenklamotten geht. Produziert wird das Funktionsmaterial zum Beispiel in Shenzhen/China, im schottischen Livingston und in Putzbrunn bei München – und unweit von Putzbrunn entfernt befindet sich der Standort, der für uns heute interessant werden wird: das Testlabor im Feldkirchen.

# Willkommen bei Gore in Feldkirchen – im beschaulichen Oberbayern werden neue Funktionsmaterialien und GOREWEAR-Bekleidung ausgetüftelt.
Diashow: Hausbesuch bei GOREWEAR: Schlechtwetter in der Regenkammer – so wird Gore-Tex getestet
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Allerdings ist das Testlabor hier nicht primär zur Überprüfung der Produktion vor Ort gedacht, sondern wird für Textil-Ingenieure und Bekleidungsexperten für Forschung und Entwicklung genutzt – um neue Materialien zu entwickeln und möglichst viele verschiedene Facetten neuer Fabrikate zu testen und zu überprüfen. 1997 war das noch anders, als das Labor eingerichtet wurde. Denn damals fand am Standort Feldkirchen-Westerham noch viel physische Produktion direkt nebenan statt und das Labor war ursprünglich dafür gedacht, die Textilien, die von Lieferanten zur Weiterverarbeitung eintrafen, in der Wareneingangskontrolle zu überprüfen.

# Namensgebender Gründer: Mit Bob Gore fing 1957 alles an.

War dort alles in Ordnung, konnte die Produktion des Laminats stattfinden. Dass nun nicht mehr in Feldkirchen produziert wird, liegt an der Rentabilität der nur zwei Produktionslinien – allein in Schottland gibt es 12 davon, weswegen in Feldkirchen der Fokus nicht mehr auf die Produktion, sondern mehr auf Entwicklung und Tests gesetzt wird. Und auch deswegen erfüllt das Labor weiterhin einen wichtigen Zweck. Denn auch der fertige Funktionstextilstoff hat noch einige Prüfungen vor sich und auch die fertigen Klamotten möchten im Regenturm überprüft werden. Die Tests finden an verschiedenen Stationen statt und decken alles ab, womit ein Funktionsmaterial so getriezt werden kann – aber dazu später mehr.

# Am Standort in Feldkirchen ist für uns das Gore Lab am interessantesten – das werden wir uns heute ansehen.
# Das sieht nicht nur schön aus …
# … sondern ist gleichzeitig eine Nahaufnahme der Gore-Tex-Membran.

GORE-TEX, GOREWEAR – was ist eigentlich was?

So ganz war uns das bis in jüngster Vergangenheit auch nicht vollständig klar – und deswegen möchten wir kurz Licht ins Dunkel bringen, bevor es ins Labor geht.

# Gore ist die Firma, die die Funktionstextilien herstellt – wie zum Beispiel …
# Gore-Tex, meist zu erkennen an diesem Rautenlogo.
# Diese Bekleidung stammt von GOREWEAR – quasi ein interner Lizenz-Bekleidungshersteller und eng mit Gore verknüpft. - Alles klar? Alles klar!

Kräftiger Landregen im Regenturm

Jede Marke, die Gore-Laminate und das Logo nutzen möchte, muss die Prototypen der Bekleidungsstücke in einem der Regentürme von Gore testen lassen, einer davon steht auch in Feldkirchen und klar ist: Wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen, selbst in den Regenturm zu steigen. Dass Klamotten mit GORE-TEX auch dicht bleiben, liegt dabei in der Verantwortung von Gore, andernfalls gibt es weder den Funktionsstoff noch das Logo-Badge an die Jacke. Einer der wichtigsten Tests findet daher im Regenturm statt. Hier wird nicht auf Robustheit oder Winddichtigkeit – dafür gibt’s eine extra Windkammer – geachtet, sondern rein auf die wasserdichte Konstruktion.

Dafür wird, wenn nicht gerade ein MTB-News-Redakteur ins kühle Nass hüpft, eine Schaufensterpulle mit der entsprechenden Jacke, Hose oder einem anderen zu testenden Bekleidungsstück in den Regenturm gestellt und über einen vordefinierten Zeitraum gnadenlos vollgeregnet. Unter dem Kleidungsstück befindet sich helle Baumwollunterwäsche, die Feuchtigkeit gut aufnimmt und Wasserflecken visuell darstellen kann.

# Willkommen im Regenturm!
# Das entsprechende Mannequin wird mit einem hellen Baumwollstoff als erste Lage präpariert …
# … und dann vollgeregnet.

Dabei gibt es nicht nur den „Standard Landregen“ mit einer Wasserdüse von oben, sondern auch etwa eine Stufe für Bergsportbekleidung, bei welcher der Regen nicht nur von oben, sondern auch der Seite kommt. Und motorisiert drehen kann sich das Mannequin zusätzlich um 180°. So wird unter anderem ein Serpentinenmarsch am Berg simuliert, bei dem der Regen von mehreren Seiten kommt.

# Das Wasser kommt beim Standard-Landregen aus einer großen Düse an der Decke.
# Geht es um Bergsport-Bekleidung, werden zwei seitliche Düsen zusätzlich aktiviert.
# Wenn die Puppe ordentlich vollgeregnet wurde …
# … wird über eine Sichtprüfung kontrolliert, ob auch kein Wasser durchgedrungen ist.

Ist der Test abgeschlossen, gibt es zwei Optionen: Unterwäsche trocken – Daumen geht hoch. Unterwäsche nass – Daumen geht runter und es wird untersucht, wo der Fehler steckt. Ist Wasser durch die Ärmel eingedrungen? Ist der Frontreißverschluss nicht dicht? Passt die Kapuzenkonstruktion nicht? Liegt es an einem Konstruktionsfehler, muss nachgebessert werden – erst, wenn die Prototypen vollständig dicht sind, werden diese von Gore abgesegnet und dürfen auch nur genau so produziert werden wie das Produkt, das im Regenturm stand.

# Ehrensache, dass ich mich für das Video ebenfalls reingestellt habe.
# Wasser marsch! (Spoiler: Blieb trocken)

Von Knautschtest bis Wassersäule – das Gore Lab

Mit etwas nassen Regenklamotten, aber trockener Bekleidung geht es im Gore-Gebäude einen Gang weiter zum Gore Lab. Hier stehen mehr als ein Dutzend Prüfmaschinen, die alle einen unterschiedlichen Job haben. Es wird gerieben, gepustet, geknautscht, gedrückt, gepikst, aufgepumpt oder aufgesogen. Kurz: Alles, was man so mit Textilien machen kann, um sie zu testen oder zu zerstören. Die normierten Testapparaturen werden von externen Prüfinstituten kalibriert und erfüllen überall identische Funktionen – auch in den anderen Gore-Produktionsstätten stehen die gleichen Testmaschinen. Also nehmen wir uns die einzelnen Maschinen mal vor.

# Das Gore Lab bietet auf kleinem Raum viele Apparaturen, mit denen sich einzelne Tests realisieren lassen.
# Sander Effring ist Account Marketing Specialist bei GORE-TEX und führt uns durch den Raum - er ist schon seit Ewigkeiten dabei und kennt jeden Test in- und auswendig.

Liebling, ich habe die Jacke geschrumpft! Flächengewicht und Schrumpfverhalten

Nicht gerade spektakulär, aber auch nicht unwichtig sind die Apparaturen, mit denen Flächengewicht und Schrumpfverhalten analysiert werden. Für das Flächengewicht wird mit einem Stempel, der mit runden Klingen ausgestattet ist, ein vordefinierter Kreis aus dem zu testenden Material ausgeschnitten und gewogen – anhand einer Formel wird so bestimmt, wie viel der Quadratmeter wiegt. Das für den Lieferanten vordefinierte Gewicht darf maximal 3 % abweichen. Auch das Schrumpfverhalten ist einfach erklärt: Eine Schablone wird auf den Stoff gelegt, die Ecken markiert und der Stoff gewaschen. Befinden sich die Markierungen im Anschluss immer noch an der gleichen Stelle der Schablone – gut. Wenn nicht – schlecht. Den Schrumpf-Prozentsatz kann man mit einem separaten Lineal praktischerweise direkt festlegen.

# Mit einer solchen Probe wird berechnet, ob das Flächengewicht passt oder nicht.
# Schrumpfverhalten - Stoff einlegen, markieren, waschen, überprüfen.
# Mit diesem Lineal wird das Schrumpfverhalten gemessen.

Keine Flecken, bitte: Abfärben und Farb- und -Schweißechtheit

Diese Apparatur bewegt sich in verschiedene Richtungen, um Abfärben der Textilien der Farben auf darunterliegende Bekleidungsschichten festzustellen. Lösen sich die Farbstoffe? Stichwort: Weiße Socken in dunkelblauen Schuhe oder Denim Jeans. Anhand einer Grauskala wird nach Beendigung des Tests analysiert, ob der Teststoff abgefärbt hat. Gore nennt das „Ausbluten“. Auch Schweiß darf nicht dafür sorgen, dass sich Farben des Stoffs verändern.

# Vor und zurück - wenn Klamotten abfärben, ist das nie schön. Daher wird mit diesem Gerät auf Abfärbungen überprüft.
# Wie welche Flüssigkeit auf Materialien reagiert, sieht man an dieser Tafel ganz anschaulich.

Das perlt aber: Der Spray-Test

Einmal duschen, bitte! Hier geht es nicht um die Membran an sich, sondern um die wasserabweisende Imprägnierung des Materials. Dabei wird der Teststoff mit einer genormten Menge an Wasser geduscht und perlt bestenfalls ab. Saugt sich das Obermaterial stattdessen mit Wasser voll, ist das eher ungünstig – zwar bleibt die Membran auch mit nassem Obermaterial dicht, allerdings funktioniert die Atmungsaktivität an der entsprechenden Stelle nicht mehr perfekt.

# Oben kommt das Wasser rein.
# Die Mini-Gießkanne sorgt für einen permanenten Durchfluss auf das Testobjekt.

Ordentlich Wasserdruck: Der Suter-Test

Einer der anschaulichsten Tests ist der der Wasserdichtigkeit: Hier wird ein Stück Laminat eingelegt, festgedrückt und mit viel Druck eine Wassersäule bis zu 10 m erzeugt. Auch hier darf kein Wasser durch das Laminat austreten.

# Wasserdichtigkeit ist eins der Kernelemente des Laminats - hier wird es getestet
# Das Testprodukt wird eingelegt, die Appartur fest verschlossen.
# Mit zunehmendem Druck …
# … drückt sich die Membran immer weiter nach außen
# Und dass richtig viel Druck dahintersteckt, wird im Anschluss anschaulich mit einer Stecknadel gezeigt.

Knautschen, drehen, drücken: Der Crumpleflexer

Beim Crumpleflexer handelt es sich nicht um ein fancy Fitnessgerät – stattdessen wird hier versucht, durch Knautschen und Drehen eine Testmembran zu beschädigen. Simuliert wird hierbei ein Ellbogen – aus dem Dreilagenlaminat wird ein Schlauch genäht, der um 90 % gedreht und zusammengedrückt wird. Ist die Verbindung zwischen den Schichten gut? Bleibt die Membran unbeschädigt? Dann heißt es: Test ok!

# Der Crumpleflexer!
# Als Schlauch vernähte Gore-Tex-Laminate werden hier eingespannt …
# … und dann immer wieder zerknüllt und um 90° verdreht.
# Gore Lab Besuch MTB-News-19

Ich machs kaputt! Der Kenmore-Test

Ist es eine Waschmaschine? Jein! Ursprünglich definitiv eine Toploader-Waschmaschine, mittlerweile allerdings wird hier aktiv versucht, Funktionsmaterial im Dauertest zu zerstören. Wie gut ist die Haftung der 2 oder 3 Schichten miteinander? Wie stabil ist die Verklebung? Das versucht die Schraube in der Mitte herauszufinden, die in einem 24h-Waschgang permanent das Textil zu sich zieht und so mechanisch belastet.

# Schon im Kern eine Waschmaschine, hier allerdings zweckentfremdet
# Über 500 Stunden lang muss ein Produkt-Sample in der Toploader-Hölle überstehen – und dann immer noch wasserdicht sein.

Winddichtigkeit im Staubsauger

Luftdurchlässigkeits-Prüfgerät – ein wunderbar deutsches Wort, das allerdings präzise beschreibt, was hier passiert. In diesem Testaufbau, der wie ein Staubsauger die Luft anzieht, tritt ein einlagiger Textilstoff gegen eine Membran an und es wird gemessen, wie viel Luft hindurch gelassen wird. Während durch normalen Stoff die Luft nur so durchpfeift, darf bei einer Membran nur ein stark reduzierter Luftstrom hindurchziehen – ab einem bestimmten Durchlass fühlt sich für den Menschen das Material dann winddicht an.

# Hier wird Raumluft entnommen und ins Gerät gezogen - durch den Stoff hindurch.
# Während der gelbe Stoff ohne Membran enorm viel Luft durchlässt …
# … geht bei der GORE-TEX-Membran nur extrem wenig Wind hindurch. Hier ist das Laminat aufgeklappt zu sehen.

Atmungsaktivität mit Salzlösung: Der MVTR-Test

In Aktion eher wenig spektakulär (man sieht nichts), ist der Test der Atmungsaktivität doch durchaus wichtig für das letztendliche Produkt. Ausgangspunkt ist ein Wasserbecken mit Halterungen, in die ausgestanzte Produkt-Samples eingelegt werden. Darauf wird über Kopf ein zuvor gewogener Becher mit ungesättigter Salzlösung und verschlossener Membran gestellt. Wie wir wissen, zieht Salz zieht Feuchtigkeit an – und so wird über eine Testdauer von 15 Minuten überprüft, wie viel Wasser durch die Membran und den Stoff in die Salzlösung zieht.

Im Anschluss wird der Becher mit der Salzlösung erneut gewogen, die Differenz in eine Formel eingegeben und so als in „Gramm pro m² in 24h“ der MVTR-Wert bestimmt. Ein offizieller Wert ist dies allerdings noch nicht – der Wert vor Ort ist erst mal für Gore wichtig, ob ein neu entwickeltes Material den Anforderungen entspricht. Die offiziellen Zahlen zur Atmungsaktivität wird vom Kölner Institut Hohenstein gemessen – hier kommt dann der sogenannte RET-Wert (Resistance to Evaporating Heat Transfer) heraus.

# Zunächst wird ein Sample der Membran auf den Halter auf der Wasseroberfläche gelegt …
# … und dann ein Becher mit Membran und ungesättigter Salzlösung …
# … darüber gestülpt.
# Nach 15 Minuten wird gemessen, wieviel Wasser in die Salzlösung – und damit durch die Membran – gezogen ist.

Abriebverhalten (Martindale-Test)

Mit der standardisierten Martindale-Methode wird das Abriebverhalten gemessen. Innerhalb von kurzer Zeit wird eine Langzeit-Abnutzung simuliert, indem Textilien über einen normierten Wollstoff gerieben werden. Das ist insbesondere für die Situationen wichtig, in denen Rucksackriemen oder Sättel im Spiel sind. Dies geschieht mit verschiedenen Gewichten, mal trocken, mal nass (wenn es beispielsweise um Laminat für Schuhe geht). Nur bei textilen Oberflächen für Motorradbekleidung spart man sich die Wolle und nimmt direkt Sandpapier – denn sonst würde so ein Test tatsächlich Monate dauern.

Und wie geht es weiter?

Wir hoffen, euch hat der Hausbesuch bis hierhin erst mal gefallen – in einem zweiten Artikel gehen wir noch mal genauer auf Atmungsaktivität, Waschen, Imprägnieren und Co. ein.

# Gore Lab Besuch MTB-News-89
# Tobias Pickart, Fabric Specialist bei GOREWEAR
# … und Ilaria Tranfa, GOREWEAR Marketing Activation Manager

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Welcher Test im Lab hat euch am meisten überrascht?

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