Die Corona-Krise hat Europa fest im Griff und wirkt sich mittlerweile auch stark auf die Freizeitgestaltung aus. Aktuell kann man in Italien beobachten, wie es in Deutschland, Österreich und Schweiz in wenigen Tagen oder Wochen aussehen könnte. Marco Toniolo wohnt zwar in der Schweiz, betreibt mit MTB-Mag.com jedoch eine große italienische Mountainbike-Plattform samt Forum. Wir haben ihn zur aktuellen Lage in Italien und dem Verhalten der italienischen MTB-Gemeinschaft befragt – hier das Interview.

MTB-News: Hallo Marco! Was hast du aus Italien gehört – darf man dort noch MTB fahren?

Marco Toniolo: Die Leute haben Angst, sich zu verletzen und dann ins Krankenhaus zu müssen. Du darfst eigentlich raus mit dem Fahrrad, aber wenn was passiert und du musst in die Notaufnahme oder so – dann ist das natürlich blöd. Dann kommst du mit Bike-Klamotten hin und die anderen sitzen da mit dem Corona-Virus.

Grundsätzlich darfst du schon – das Problem ist nur, dass alle Krankenhäuser voll sind. Die Ärzte sind Tag und Nacht da und deswegen wird den Leuten gesagt, macht bitte keine gefährlichen Sportarten. Ich denke sogar im Trentino, wo beispielsweise auch Riva ist, wurde man explizit angewiesen, nur Rad zu fahren, wenn man zur Arbeit oder einkaufen gehen muss.

Man sieht ja teilweise Fotos, wo Leute von der Polizei festgehalten werden, wenn sie mit dem Rad draußen sind – ist das nur in Ausnahmefällen so?

Das ist eigentlich nur, wenn du in einer Gruppe fährst – Rennradfahren in einer Gruppe ist verboten, weil man nahe aneinander ist. Manchmal darf man vielleicht nicht aus seiner Gemeinde raus. Man darf nicht so weit fahren, keine 100 km-Runde zwischen den Dörfern. Sie wollen, dass die Leute sich nur wenn notwendig bewegen.

Weißt du, wie die Lage in den Krankenhäusern ist? Kann man überhaupt noch aufgenommen werden oder werden Leute mit gebrochenen Schlüsselbeinen oder so einfach weggeschickt?

Also der Punkt ist: Die Orthopäden haben mit dem Corona-Virus nichts zu tun, das ist nicht ihr Fach. Das wird weiter gemacht, aber wenn du in die Notaufnahme gehst, musst du länger warten und kannst dich infizieren, wenn irgendjemand da ist, der krank ist. Das ist nicht die erste Stelle, wo ich in Italien hinfahren würde. Hier im Tessin, in Lugano (Schweiz), gibt’s ein Krankenhaus, das freigehalten wurde von Corona-Fällen – die anderen Krankenhäuser sind für Corona spezialisiert. Aber dieses wurde freigehalten, damit Leute, die normale Unfälle oder Krankheiten haben, weiter versorgt werden können.

In Riva soll eigentlich in wenigen Wochen das Bike-Festival stattfinden
# In Riva soll eigentlich in wenigen Wochen das Bike-Festival stattfinden - aktuell soll man dort nicht mal ohne triftigen Grund Rad fahren!

Was machen Mountainbiker in Italien denn gerade stattdessen?

Haha, die kaufen Rollentrainer – sehr viele! Wir haben sehr viele Themen im Forum über Zwift und welche Rolle man kaufen soll. Und Pornhub hat die Premium-Mitgliedschaft umsonst gemacht in Italien – es sind natürlich alle zuhause! Das Online-Geschäft boomt, ich sehe das auf unserer Website – die ganzen Affiliate-Links, wie Amazon oder andere Radgeschäfte, machen mega Umsatz. Weil die normalen Geschäfte zu sind. Man darf spazieren gehen, aber das ist ja ein bisschen langweilig. Du darfst dich nicht treffen, die Restaurants sind zu, Bars, Kinos, alles zu, keine Sportveranstaltungen.

Das ist interessant, da es bei uns ja vermutlich auch bald so aussehen wird in ein paar Wochen.

Ja das wird super schnell gehen – das denkt man nur nicht so! Auch hier im Tessin – hier war innerhalb von drei Tagen alles zu. Das Problem ist eben, wenn die Intensivstationen voll sind, ist natürlich Chaos, weil die Ärzte wählen müssen, wer kuriert wird und wer stirbt. Und das wollen sie vermeiden. In Italien geht’s noch, aber ich denke, es ist sehr knapp und das wird überall passieren. Es geht nicht um die jungen, gesunden Leute, sondern eben die schwächsten, dass die noch kuriert werden können. Deshalb die ganze Aktion.

Wie ist so der Ton unter den italienischen Mountainbikern?

Na ja, wer neben dem Wald wohnt, der fährt trotzdem Rad – man darf es ja machen. Aber wer zum Beispiel durch die Stadt muss – mit dem Auto kommt man nicht weit, weil die Polizei dich anhalten kann und fragen kann, wohin du willst. Also kannst du nicht mit dem Rad im Auto zu einem Mountainbike-Spot in den Bergen fahren. Wenn du in Mailand wohnst, ist das blöd. Wenn du in der Nähe der Berge wohnst, gehst du halt raus und fährst. Manche sind gelassen, manche sind genervt, manche sagen, „ja, wir sollen alle zuhause bleiben“, manche sagen, „nein, ich darf fahren“ – die Diskussionen sind unendlich, hier ist Hochbetrieb im Forum!

Vielen Dank für das Interview, Marco!

Was denkt ihr, wird die Lage bei uns bald ähnlich sein wie in Italien?

  1. benutzerbild

    Tyrolens

    dabei seit 03/2003

    Wie die Jungs im Boot fühle ich mich derzeit auch.
  2. benutzerbild

    beutelfuchs

    dabei seit 06/2012

    Die Radwege bei uns haben derweil eine ganz neue Nutzergruppe:



    Mitten in Barna
  3. benutzerbild

    marco

    dabei seit 08/2001

    Tyrolens schrieb:

    Wie die Jungs im Boot fühle ich mich derzeit auch.


    Das könnte passieren. Der Virus mutiert und wird weniger aggressiv (hier sagt der Arzt: statt 39° wird man 37.2° Fieber bekommen. Dadurch wird der Virus viel mehr Leute Infizieren und die aggressivere Variante eliminieren)

  4. benutzerbild

    onkel_c

    dabei seit 01/2004

    matsch schrieb:

    Na du bist gut. Auch hier hilft die Mathematik und die Naturwissenschaften weiter.

    du hast das falsch verstanden .
    es geht eben nicht um des errechnen/prognostizieren. es geht darum wie damit umgegangen wird. und so,wie du politk handelt (reagieren statt agieren) kann man eben nicht prognostizieren wann wieder so etwas wie 'normalität' einkehren wird.
    eine andere unbekannte ist ob, und wenn wie, sich das virus verändern könnte ... (siehe entwicklung der grippeviren)
  5. benutzerbild

    AchseDesBoesen

    dabei seit 08/2003

    Blue Rabbit schrieb:

    Vielleicht gibt es dann nächstes Jahr wieder ein Babyboom.

    Eigentlich können die Gemeinden im Homeoffice gleich anfangen, neue Kitaplätze für 2023 zu planen.

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