Es ist wieder Wochenende. Ich mache mir Gedanken. Die folgende Szene dürfte wohl jedem Mountainbiker bekannt sein: Im Schweiße des Angesichts erkämpft man einen Berg. Man trifft auf einen anderen Mountainbiker, der offensichtlich dasselbe Ziel hat und das gleiche Schicksal erleidet. Man grüßt – es bleibt stumm. Gemeinsam einsam geht es weiter dem Berg entgegen. Auch bei der Rast am Gipfel wird nicht gesprochen, sondern isoliert in die Weite gestarrt. Ein Einzelfall? Mitnichten.

Irgendwo dahinten könnte das Mittelmeer sein
# Irgendwo dahinten könnte das Mittelmeer sein - unterwegs mit Harald in den Seealpen

Mountainbiker Deutschlands, was ist los mit euch?

Szenen wie diese erlebe ich bei fast jeder Fahrradtour und nein – es liegt nicht an mir. Das hatte ich anfangs kurz in Erwägung gezogen, den Gedanken dann aber nach eingehenden Gesprächen im Freundeskreis verworfen. Alle befreundeten Mountainbiker berichten von einem Phänomen, das sich schädlich vergiftend durch die vermeintliche Gemeinschaft der Mountainbiker zieht. Kein Wunder, dass wir uns von ewig-gestrigen Wanderverbänden und rückgratlosen Politikern nach Belieben vorführen und demontieren lassen. Mountainbiker dieser Welt vereinigt euch gegen das Joch der reaktionären Unterdrückung. Schön wär’s.

Die Realität sieht eher wie oben beschrieben aus. Jeder scheint mit seinem Hobby alleinigen Anspruch auf die Hoheit am Berg oder die Meinung im Forum zu haben. Jeder ist besser, krasser und hipper als der Rest. Oder länger dabei und näher an der Szene. Der Ton ist häufig karg und schroff. Es herrschen Misstrauen und Konkurrenzdenken. Diese Beobachtung gilt insbesondere dort, wo man sich eigentlich nichts beweisen müssen sollte… z.B. auf den Isartrails bei München. Je höher der Berg, desto weniger Probleme scheint man zu haben – und das über die Sportarten hinweg. Dabei folgen wir doch alle der Begeisterung für die Natur und die Berge, den Sport und die Technik. Nur scheinbar nicht für die Gemeinschaft. Man grüßt sich nicht, man kennt sich nicht – die Anderen interessieren scheinbar nicht. Und das ist ein Problem.

Früher wurden die Berghänge für die Landwirtschaft terrassiert. Heute verfallen viele der Wege zwischen den Feldern
# Früher wurden die Berghänge für die Landwirtschaft terrassiert. Heute verfallen viele der Wege zwischen den Feldern - wir haben einen davon gemeinsam mit Harald Philipp für einen der zehn Kurzfilme wieder befahrbar gemacht.

Gleichzeitig wird nach einer Interessenvertretung geschrien – einer Institution, auf die man jegliche Aktivitäten zur Durchsetzung der eigenen Interessen abwälzen kann und die endlich dafür sorgt, dass Mountainbiker als Zielgruppe für den Tourismus erkannt werden. Dass die überflüssige 2-Meter-Regel in Baden-Württemberg fällt. Dass Trail-Center und Bike-Parks eröffnet werden. Es geht kurzum um Lobby-Arbeit. Doch aktiv daran beteiligen wollen sich nur die wenigsten. Bei der DIMB kann man ein Lied davon singen.

Schlimmer noch: Die Mountainbiker sind selbst nicht besser als die Gruppen gegen die sie kämpfen. Mit vorgeschobenen Argumenten verteidigen Jäger und Förster ihre wirtschaftlichen, historisch begründeten Vorrechte am Wald. Ginge es nach Ihnen, würden nicht mal Fußgänger den Wald betreten. Schließlich stören die bei der Jagd und verscheuchen das Wild (nicht, dass die Flucht einem Reh schaden würde – es ist dann nur schwerer zu schießen, was negativ ist). Ja, sogar ausgewilderte Luchse und Wölfe – zweifelsohne historisch betrachtet mit noch viel größerem Anrecht am Wald gesegnet – werden plötzlich zum Feindbild der angeblich für die Natur sprechenden Jäger. Doch die Raubkatzen greifen die Überpopulationen der gehegten Waldbewohner an und führen damit zu Umsatzeinbußen. Gar nicht gut – das kann man der Natur nicht zumuten.

Doch zurück zur Uneinigkeit der Mountainbiker. Die genannten Zünfte entlarven sich in regelmäßigen Abständen selbst und sagen wir es wie es ist: der Adel ist nicht ohne Grund zu Grunde gegangen. Packen wir uns an die eigene Nase. Da wird ein neues Pedelec vorgestellt – rein rechtlich ein Fahrrad wie jedes Andere. Und was passiert? Mountainbiker fordern Verbote für Pedelecs. Fahrradfahrer bekämpfen Fahrradfahrer, unsere E-Bike-Umfrage zeigt es deutlich. So könnte man fast fürchten, dass aufs Pedelec umgestiegene Jäger und Wanderer sich für Pedelecs in der Natur stark machen und am Ende das Mountainbike weiterhin außen vor bleibt. Nur weil ein paar Sturköpfe zu stolz sind, über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich in die Lage von anderen Menschen zu versetzen, die auch noch grundsätzlich dem gleichen Hobby nachgehen.

Ein Grund für den mangelnden Zusammenhang könnte die Natur des Mountainbikens an sich sein. Wer Biken gehen will, der kann einfach sein Fahrrad nehmen und alles ist komplett. Skifahrer brauchen eine Piste und sitzen gemeinsam im Lift, Wanderer bewegen sich in alter Tradition gemeinsam am Berg und sind langsam genug, um sich entspannt unterhalten zu können. Sie haben als Ziel die Aussicht und die Einkehr auf der Hütte. Mountainbiker wollen die Natur genießen aber immer auch den Weg. Der Trail wird gezielt ausgesucht und die Mittagspause ist nicht das Ziel, sondern notwendige Stärkung vor der nächsten individuellen Herausforderung. Ist uns das Eigenbröteln und Isolieren also am Ende des Tages in die Wiege gelegt?

Diese Ansicht ist mir persönlich zu fatalistisch und sie verkennt die vielen großartigen Momente, die ich mit meinem Bruder, meinen Freundinnen und Freunden und auch wildfremden Mountainbikern rund um die Welt erleben durfte. Unser Sport lebt wie jeder andere vom gemeinsamen Lernen und Erleben, von der Suche von Herausforderungen und der Bewältigung derselben. Vielleicht liegt es an unserer Ausübung und Interpretation des Sports. In Deutschland ist das Fahrrad als Verkehrsmittel anerkannt und in vielen urbanen Gegenden unschlagbar das effizienteste Fortbewegungsmittel. In der englischsprachigen Welt ist es ein reines Sportgerät. So wird bei uns über Reflektoren und die STVO diskutiert. Die Auswüchse in die Welt des Sports werden gefeiert, wenn sie bei Olympia stattfinden – aber spezielle Strecken für Mountainbiker sind kaum zu rechtfertigen. Denn das Mountainbike ist ein Fahrrad ist ein Fortbewegungsmittel. Anders die Lage bei unseren Freunden im Rest der Welt (jetzt mal ganz pauschal).

Neue Erfahrung: Maxi und Redaktionskollege Thomas Fritsch beim ersten (und bisher letzten) gemeinsamen Cyclo Cross Rennen
# Neue Erfahrung: Maxi und Redaktionskollege Thomas Fritsch beim ersten (und bisher letzten) gemeinsamen Cyclo Cross Rennen

Wer in seinem massiven Pick-Up-Truck hinter den identisch bestückten Freunden her zum Trail-Anfang fährt, der hat ein Sportgerät auf der Ladefläche und bewegt sich mit einem Nutzfahrzeug vorwärts. Das Nutzfahrzeug muss öffentlichen Ansprüchen genügen und sich an Regeln halten. Ist das Bike abgeladen geht es an den Sport und für den ist klar, dass spezielle Anforderungen erfüllt sein müssen und andere Regeln gelten. Hier ist das Fahrrad wie selbstverständlich mit eigenen Strecken zu berücksichtigen, denn jeder Sport braucht seine Rahmenbedingungen.

Der Transport auf der Ladefläche eines Pickup ist fast schon obligatorisch.
# Der Transport auf der Ladefläche eines Pickup ist fast schon obligatorisch.

Mir ist bewusst, dass in den USA und auch anderswo keinesfalls alles im Sinne der Mountainbiker entschieden wird. Doch ist hier in der Regel klar, dass es sich um einen ernst zu nehmenden Sport handelt und bestimmte Anforderungen an die Infrastruktur bestehen. Bei uns hingegen fährt gefühlt jeder Fahrrad und keiner nimmt es wahr. Das Bewusstsein, dass Fahrradfahren eine globale Industrie ist und ein hochanspruchsvoller Sport, hat sich noch nicht durchgesetzt.

Und das müssen wir ändern. Wir Mountainbiker müssen Flagge zeigen. Die meisten der Benutzer von MTB-News.de gehen in ihrem Beruf einer Tätigkeit außerhalb der Fahrradindustrie nach. Doch überall dort können sie ihren Beitrag dazu leisten, dass die Bedürfnisse und Anforderungen von Mountainbiker endlich wahrgenommen werden. Warum nicht den nächsten Schulausflug als Fahrradtour planen? Mit Freunden und dem Fahrrad den Wochenendausflug in Angriff nehmen. Beim Hotelier nachfragen, wo die nächsten Mountainbike-Strecken sind. Schule und Gemeinde darauf hinweisen, was für großartige Plätze Pumptracks sind und wie sie sich positiv auf Fitness und Koordinationsfähigkeit des Nachwuchses auswirken. Und beim nächsten Betriebsausflug das Mountainbiken als Erlebnis-Event vorschlagen. Es sind doch mit Sicherheit genügend Politiker unter uns?

Troy, Helge und Aaron nach der gemeinsamen Tour
# Troy, Helge und Aaron nach der gemeinsamen Tour - strahlende Gesichter nach einem besonderen Tag!

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen und kann dafür sorgen, dass unsere Interessenvertreter beispielsweise bei der DIMB auf offenere Ohren stoßen, wenn sie sich für unsere Belange einsetzen. Der wichtigste Punkt ist jedoch: Lasst euch nicht in die Enge treiben. Niemand macht Wanderern Vorschriften, wie sie zu gehen haben. Vorgeschobene Argumente wie Erosion der Wege oder Lärmbelästigung der Tiere können nicht Bestand haben, wenn wir in unserer Sache ernsthaft weiter kommen wollen. Und solange der Wald als Holz- und Fleischlieferant kommerziell ausgebeutet wird.

In diesem Sinne: Weiterradeln – und zwar gemeinsam. Damit wir alle mehr Spaß haben und nicht ständig mit einem Reifen in der Gesetzlosigkeit unterwegs sind.

Gemeinsam auf Tour in Richtung Vulkankrater
# Gemeinsam auf Tour in Richtung Vulkankrater - auf La Palma finden sich auch im Dezember noch angenehme Bedingungen zum Biken

Weitere Informationen

Text & Redaktion: Tobias Stahl | MTB-News.de 2016

  1. benutzerbild

    DR_Z

    dabei seit 11/2013

    Nach der ganzen Kritik über die Förster muss ich mal ne nette Geschichte zum Besten geben.
    Haben am Niederrhein eine genehmigte Downhillstrecke im Bau. Letztens großer Termin mit der zuständigen Försterin vom Ruhrverband.
    O.K. sie war nicht über alles begeistert was wir dort so machen aber letztendlich sind wir doch recht friedlich auseinander gegangen. Ermahnt wird man ja grundsätzlich keine Bäume um zu machen die so im Weg stehen.
    Ich komme eine Woche später an den Downhill um dort weiter zu arbeiten und sehe etliche Bäume im Wald liegen und denke nur oh Gott, das gibt Ärger
    War aber auf Veranlassung der Försterin passiert weil sie Angst hatte, dass uns was auf den Kopf fällt. Die waren wohl schon etwas morsch, hatten wir nicht gesehen :
    Wie heißt es so schön: Wie man in den Wald rein ruft.......
  2. benutzerbild

    Black-Under

    dabei seit 03/2014

    DR_Z schrieb:
    Nach der ganzen Kritik über die Förster muss ich mal ne nette Geschichte zum Besten geben.
    Haben am Niederrhein eine genehmigte Downhillstrecke im Bau. Letztens großer Termin mit der zuständigen Försterin vom Ruhrverband.
    O.K. sie war nicht über alles begeistert was wir dort so machen aber letztendlich sind wir doch recht friedlich auseinander gegangen. Ermahnt wird man ja grundsätzlich keine Bäume um zu machen die so im Weg stehen.
    Ich komme eine Woche später an den Downhill um dort weiter zu arbeiten und sehe etliche Bäume im Wald liegen und denke nur oh Gott, das gibt Ärger
    War aber auf Veranlassung der Försterin passiert weil sie Angst hatte, dass uns was auf den Kopf fällt. Die waren wohl schon etwas morsch, hatten wir nicht gesehen :
    Wie heißt es so schön: Wie man in den Wald rein ruft.......


    Leider sind solche Förster in der Minderheit.
  3. Anzeige

  4. benutzerbild

    Sun on Tour

    dabei seit 05/2003

    Black-Under schrieb:
    Leider sind solche Förster in der Minderheit.

    Das weiß man nicht, weil man sie nicht fragt. ... und wegen dieser Meinung werden sie dann auch nicht gefragt.
    Hier müssen wir viel offener werden.
  5. benutzerbild

    Woife

    dabei seit 02/2004

    Guter Artikel, danke,
    der seine Berechtigung hat. Speziell im Umgang miteinander. Ich komme vom Motorradfahren, wo mit wenigen Ausnahmen jeder jeden auf der Strecke grüßt (und das sind ganz andere Geschwindigkeiten). Bei Pausen kommt man mit fremden Fahrern sofort und persönlich ins Gespräch.
    Die meisten Mountain-Biker, die mir entgegenkommen, sehen gerade aus und flitzen vorbei, ohne den geringsten Ansatz zu einem freundlichen Gruß. Dabei betreibt man den selben Sport im selben Gelände.
    Das finde ich schade, den freundlich zu andern sein zu können, heißt, mit sich selbst im Reinen und gut gelaunt zu sein. Das kann doch nicht so schwer sein.
    Also, Servus bis zum nächsten Mal.
  6. benutzerbild

    Alumini

    dabei seit 04/2015

    Black-Under schrieb:
    Leider sind solche Förster in der Minderheit.

    Da die Strecke von ihr genehmigt war, musste sie das sogar machen. Verkehrssicherungspflicht hat mit Nettigkeit nichts zu tun. Trotzdem ist natürlich ein anständiges Verhältnis von Vorteil.

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