Da haben wir den Salat. Die fünfte Laufradgröße erobert den Markt, die sechste steht mit 36 Zoll  auch noch vor der Türe und die Forengemeinde macht den Rohrspecht. Dabei gibt es sogar schon Designstudien mit 39 Zoll Laufrädern. Böse, böse, böse, jeder macht was er will. Man kann sich auf nichts mehr länger als zwei Jahre verlassen. Passend gibt es noch einen neuen Nabenstandard. Gar nicht so lange her, da wurde doch ein ähnlicher erst zu Grabe getragen! Das Revival des klassischen Freeriders wurde beantragt und beschlossen. Nicht zu vergessen, Cyclocrosser können auch Gravelbikes sein und New Road Bikes können alles. Jeder will auf einmal wieder einen Stahlrahmen fahren. Überhaupt wird mit 1×12 alles besser und neue Bremsen kochen auch nur mit Wasser.

Ich habe eine Meinung dazu.

Ihr auch, und das ist gut so! Und ganz bestimmt ist ein Forum der richtige Ort, sich darüber auszulassen oder sich eine Meinung fern der industriefinanzierten Radsportmedienlandschaft zu bilden. Es hat sich aber was geändert, seit das Web das Informationsmonopol der Bildzeitung übernommen hat. Seitdem jeder auf Zuruf Experte sein kann, ist Eines für mich absolute Gewissheit. Der alte Ausspruch „Lesen bildet“ ist absurder als ein Hardtail mit 200mm Doppelbrücken-Federgabel. Was man da so alles zu lesen bekommt im Netz! Es ist schrecklich, manchmal tut es auch weh, abhängig davon, ob es rechts oder linksdrehende Aggrokulturen sind. Dabei geht es nicht mal um die heftigen Kritiken, sondern um die Allmachtsphantasien einiger kleiner RadNapoleons und derer, die es noch werden möchten. Dazu fällt es schwer zu differenzieren, wo der geschriebene Unsinn aufhört und das qualifizierte Wissen anfängt. Es gibt Beiträge zu lesen, die für mich nur zwei Schlüsse zulassen:

„Wir sind das Volk. Wir bestimmen ab sofort, was gut oder falsch ist. Und darüber hinaus ist die industrieabhängige Lügenpresse es noch nicht einmal wert, als Kaminanzünder benutzt zu werden.“

oder

„Ich bin das Volk. Ich laufe den anderen vom Volk hinterher. Die anderen werden schon wissen, warum die industrieliberale Lügenpresse die Wahrheiten verdreht.“

Das macht so manchen im Netz zu einem Avatar mit eingeschränktem Sympathiepotential. Es ist peinlich zu betrachten, wie sich Menschen in Hetze, Desinformation und Polemik hineinsteigern können. Auf der anderen Seite – besser hier als irgendwo anders. Einem Markt, der das Bestreben hat, durch neue Produkte sein Überleben zu sichern, wird man schwerlich erklären können, sich nicht dauernd selbst neu zu erfinden. Wir spielen da keine Rolle. Wir sind doch nur ein paar Radsportbekloppte, die denken, einiges mehr über Radsport zu wissen als die breite Masse. Ungefragt und ungefiltert geben wir es auch noch zum Besten. Und das noch ohne den Warnhinweis:

– Über die Richtigkeit dieser Aussage übernimmt der Verfasser des Textes keine Gewähr.-

Dennoch finde ich es toll, dass Menschen einen Platz haben, um sich mit ihren verbalen Molotowcocktails austoben zu können. Das Internet macht uns zu friedlicheren Menschen. Aggressionen müssen nicht mehr durch übertriebenen körperlichen Einsatz ausgelebt werden. Nein, im Netz kann jeder auch ohne 10 Jägermeister mutig sein und seine Gefühlswelt therapieren. Hier ist jeder sein eigener Anheizer, und das sogar gescheitelt in Anzug und Krawatte vor dem MacBook. Aber eins kriegen wir nicht, egal was geschrieben steht:

Ein Mitspracherecht darüber, welche Sau die Radsportindustrie durch unser Dorf treibt.

Warum? Weil sich niemand ausserhalb des Internets für ein paar marodierende Radsportliebhaber interessiert. Mitteilungsbedürftige Forenuser sind nicht die breite Masse. Die beratungsoffene Masse sucht ein funktionierendes Rad. Gekauft wird im Laden um die Ecke oder beim Versender im Katalog. Dieser Zielgruppe ist es schnurz-piepe-egal, was für ein Standard am Rad verbaut ist. Sie haben im Regelfall nur ein Rad und sind zufrieden, wenn dieses funktioniert. Service und Reparaturen werden vom Händler ausgeführt. Wenn das Rad nach Jahren seinen Zenit überschritten hat und die Liebe nachlässt, wird wieder der neueste Standard gekauft, PUNKT.

Die kleinere Gruppe der ambitionierten Radsportler folgt im Herdentrieb dem neuesten Hype. Die Hersteller bestücken ihre Teams und Fahrer mit dem Material, das die Maßstäbe setzen soll. Das wird dann gefahren. Keiner meckert viel, ein Rad wird meist sowieso nur 1-2 Jahre genutzt, wenn überhaupt. Das Training und der Spaß im Gelände ist ihnen wichtig. Das hätte, wäre, wenn in den Foren interessiert keinen. Sie wissen schon lange, dass keiner mehr versuchen wird, ein Marathonrennen auf einem 26 Zoll Rad zu gewinnen.

Ist es nicht vergebene Liebesmüh, gegen Windmühlen zu kämpfen? Oder handelt es sich um Selbstversuche, wie das virtuelle Umfeld auf verbale Ausfälle reagiert? Später kann dann live und in Farbe am realen Individuum weiter experimentiert werden. Sich daran aufzureiben, ist mir schon lange zu anstrengend. Die Welt wird den Genozid an den 26 Zoll Rädern überleben, ohne Schaden zu nehmen. Das ist mein Ernst, ich schwöre.

Im Grunde sollten doch alle froh sein über soviel Marktentwicklung. Durch die permanente Offenbarung des nächsten Hypes wird der Gebrauchtteilemarkt auf Jahre prall gefüllt sein. Und wer denkt, der Markt würde sich mittelfristig wieder beruhigen, der wird wohl enttäuscht werden. KEIN Hersteller will nochmal eine Entwicklung verschlafen. Die Erfahrungen, die viele Hersteller bei der Vermarktung von 29 Zoll gemacht haben, hat sie eins gelehrt: Niemand will mehr reagieren, alle wollen agieren. Jeder will der Erste sein. Und somit ist dann auch die rasante Entwicklung der letzen Jahre zu erklären.

Schaut euch Trek oder Specialized an. Sie präsentieren ihre neuen Produkte nur noch auf ihren eigenen Events der Weltöffentlichkeit. Warum dann nicht Komponenten auf den Markt bringen, die ihre Eigenständigkeit als Marke betonen? Trek setzt im Stache  auf 29+ mit Boost Naben als Plusformat und übernahm dieses Format auch in die anderen Modelle, Specialized hat sich in der Entwicklung von E-Bikes viel Zeit gelassen. Das Endergebnis könnte aber Maßstäbe setzen.

Aber bitte lasst uns weitermachen mit der verbalen Belustigung der Massen. Verschwörungstheorien und emotionale Seitenhiebe bringen Klicks und Likes. Lasst uns weiterhin die Weichzelle der Irrenanstalt Internet besuchen. Lasst uns bashen, haten, mobben. Unser innerer Wutbürger hat ein Recht auf die Radindustrie. Ich will mit im Publikum sitzen und mich amüsieren. Und Allen die dabei nicht entspannen können, gebe ich noch einen Rat:

Steigt aufs Rad und fahrt schneller.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi

Anmerkung: Für den Inhalt der Artikel aus der Serie Muschi am Mittwochist der benannte Autor verantwortlich. Die in den Artikeln vertretenen Ansichten und Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider. Für Anregungen und Kritik steht der Autor hier themenbezogen in den Kommentaren und allgemein per privater Nachricht zur Verfügung.

  1. benutzerbild

    CarvinAri

    dabei seit 12/2015

    Jetzt mal im ernst, es gibt hier ein Unterforum das sich ausschließlich mit Fitness und Training beschäftigt und du kommst da mit Allgemeinplätzen und erklärst die Regenerationsunterschiede und das Körpergefühl zwischen Jung und Alt.

    Vieles lässt sich im Alter durch Übungen und Training kompensieren, aber das gleiche Leistungsniveau ein Leben lang aufrecht
    erhalten ist doch etwas unrealistisch. Du schreibst ja selber das die Regenerationszeit immer länger wird mit dem Alter und diese
    lässt sich nicht beliebig kürzen durch Training. Derzeit komme ich auf etwa 10tkm jährlich ohne das ich das Gefühl habe das andere
    Aspekte des Lebens zu kurz kommen. Ob ich das noch in 60 Jahren schaffe ohne das die Regenerationszeit ins unendliche wächst ist eine
    andere Frage.

    Was mich aber eigentlich ärgert und das ist der Grund warum mich diese Diskussion so interessiert, ist das du von vornherein deine Argumentation damit begründest das es nur an der Faulheit und Bequemlichkeit liegt. Du setzt voraus das jeder Sport machen kann und muss, weil du es so kennst und es für dich der Wahre Weg ist. Du grenzst Menschen aus die ein geistige oder Mehrfachbehinderung haben und nicht ohne weiteres in der Lage sind diszipliniert zu trainieren und dennoch durch unterstütztes Fahren etwas an Mobilität gewinnen. Wo tauchen in deiner Rechnung Menschen auf die Ihre Erkrankung nicht selbst verschuldet haben wie viele psychische Erkrankungen oder Multiple Sklerose, Leukämie und dadurch gehindert werden ihre vollen Möglichkeiten auszuschöpfen.

    Die halbe Welt hat nicht die Möglichkeit sich eine Waschmaschine, Kühlschrank, E-Herd anzuschaffen, eingekauft wird täglich auf dem Markt.
    So ungewöhnlich ist das alles nicht. Ich finde es gut das du einen Lebenstil für dich gefunden hast mit dem du glücklich wirst, das ist aber kein Grund andere Menschen herablassend zu belehren.

    Ich kann dir nur empfehlen Menschen unvoreingenommen nach den Beweggründen zu fragen wie es zu deren Lebensweise gekommen ist, es ist nicht immer auf dem ersten Blick zu erkennen.



    Einen guten Start in die Woche an alle.
  2. benutzerbild

    JensDey

    dabei seit 01/2016

    Ich kann dir nur empfehlen Menschen unvoreingenommen nach den Beweggründen zu fragen wie es zu deren Lebensweise gekommen ist, es ist nicht immer auf dem ersten Blick zu erkennen.
    Einen guten Start in die Woche an alle.
    Ich sehe das ähnlich.
    Auch wenn die Argumente an sich schlüssig sind funktionieren nur in einem kleinen idealisierten Universum.
    Der Weg back to the roots ist sicherlich in vielen Bereichen sinnvoll, wird aber sicherlich nur in kleinen Schritten machbar sein. Ein solcher kleiner Schritt wäre Pedelec.
    Wir hatten gerade die Diskussion. Auf den Hinweis, man könne nach einer gewissen Startphase mit Pedelec wieder zum E-freien Bike zurückkehren wurde durchweg verneint, da kommerziell unrealistisch.
    Es kam aber noch ein sehr interessantes Argument pro Pendler-Pedelec: wenn man einen sehr langen harten Arbeitstag noch mal >30 Min mit etlichen Höhenmetern nach Hause hat kann das sowohl sehr befreiend als auch etxtrem nervend sein. Besonders, wenn man dank Überstunden erst um 20:00h raus kommt.

    Auch glaube nicht, dass Pedelecs insgesamt eine negative Umweltbilanz haben. Vielleicht muss der Gesetzgeber pro Umwelt noch ein paar Grenzen ziehen.
  3. benutzerbild

    exto

    dabei seit 09/2006

    Obwohl ich dem Thema Stomrad mehr als skeptisch gegenüber stehe, ist für mich das Pendel-Pedelec doch zumindest ein verständliches Einsatzgebiet.

    Ich muss meinem Vorredner durchaus Recht geben. So schön und entspannend es oft ist, nach der Arbeit noch ne gute Stunde auf dem Rad zu sitzen, so elendig ätzend kann es auch sein, wenn ich um 22:00 Uhr bei 0Grad und Schneeregen noch 25km und 400 Höhenmeter vor mir habe smilie

    Da ich trotzdem kein Pedelec besitze, behelfe ich mir mit dem Gegenteil: Ich mach das Ganze mitm Singlespeeder. Zumindest bei meiner schrägen Psychomacke funktioniert das auch smilie
  4. benutzerbild

    Das-Licht

    dabei seit 01/2006

    ...könnte man das "E-Bike" Thema, also eigentlich Pedelec-Thema nicht mal hier weiter diskutieren?

    http://www.mtb-news.de/forum/t/was-ist-eigentlich-das-problem-mit-den-e-bikern.564025/

    Der hier verlinkte Thread stammt bereits von 2012 und "lebt" bis heute aktiv. All die Argumente und Gegenargumente, die hier nun erstmalig fallen, sind dort schon x-mal bis ins tiefste Detail erörtert worden. Ich empfehle deshalb, einfach mal den verlinkten Thread, von Anfang an zu lesen. Es würde sich nahezu die ganze Diskussion hier, die nur ein "Wiederkäuen" ist, erübrigen.

    Immerhin ist das Abgleiten dieses Threads von Muschi, genau sein Erfolg. Der Thread beweist, was Muschi geschrieben hat.
  5. benutzerbild

    RetroRider

    dabei seit 09/2005

    Was ist eigentlich die Aussage des Artikels? Daß wir keine echten Probleme haben und deshalb in weltfremden, künstlichen Realitätsblasen leben?
    Ich hätt's auch ohne Muschi gewusst. smilie

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