Effigear: Als wir an dieser Stelle vor ein paar Tagen nach Euren Wünschen gefragt haben, worüber wir vom Roc d’Azur Festival berichten sollen, wurde unter anderem das Effigear-Getriebe genannt. Also haben wir die sympathischen Franzosen an ihrem Stand besucht, uns von Effigear-Ingenieur David Roumeas die Technik erklären lassen und dank der freundlichen Unterstützung von Gates-Nicolai Teammanager Johannes Schwabe sogar ein Ausstellungsbike zum Testen bekommen: Den Prototypen des „Nicolai Ion 20 Effi” (650b) von Teamfahrer Mike Schär. Damit ging es sogleich auf einen Abstecher zum „Sainte Maxime“ Downhill-Track bei St. Tropez. Hier kommt unser Technik-Check.

Das Effigear (Effi von efficacité, fr. Effizienz) basiert auf dem Prinzip eines klassischen Ziehkeil-Stirnradgetriebes mit 9 direktverzahnten Gängen. Auf der Getriebe-Eingangswelle sitzen (wegen der nicht benötigten Kettenblatt-Aufnahme) zwei „linke“ Kurbelarme nach ISIS-Standard, wobei der rechts montierte modifiziert und mit einem rechten Pedalgewinde versehen ist, damit ein regulärer Pedalsatz verwendet werden kann. Die Eingangswelle überträgt über ein Zahnrad die Kurbelumdrehung auf ein entsprechendes Zahnrad, das die mittlere Getriebewelle (Schaltwelle) antreibt.

Drei-Wellenaufbau: Eingangswelle, Schaltwelle und Ausgangswelle
# Drei-Wellen-Aufbau: Eingangswelle, Schaltwelle und Ausgangswelle

Die Schaltwelle ist hohl. In ihr gleitet ein über die Schaltzüge betätigtes Stellglied (hierzu hält Effigear die Funktionsdetails noch zurück) hin und her und sperrt bzw. löst die Freiläufe von 9 Zahnrädern, die in einer gleichmäßigen Abstufung von groß nach klein nebeneinander auf der Welle sitzen. Diese 9 Zahnräder greifen in eine entgegengesetzte (reziproke) Anordnung darüber liegender Zahnräder ein, welche fest mit der oben liegenden dritten Getriebewelle (Ausgangswelle) verbunden sind.

Die Eingangswelle überträgt das Drehmoment auf die Schaltwelle
# Die Eingangswelle überträgt das Drehmoment auf die Schaltwelle

Neun Gänge: das jeweils gesperrte Zahnrad überträgt die Kraft auf die Ausgangswelle
# Neun Gänge: das jeweils gesperrte Zahnrad der Schaltwelle überträgt die Kraft auf die Ausgangswelle

Auf der Ausgangswelle des Getriebes ist rechts außerhalb des Gehäuses ein Gates-Pulley (wahlweise Kettenblatt) montiert, das die Kraft über den Gates-Zahnriemen (oder eine Kette) zum Hinterrad überträgt. Das Getriebegehäuse ist dreiteilig aufgebaut: Die Getriebedeckel werden von rechts und links mit dem Gehäuse-Mittelteil verschraubt, welches als Übermaß-Bauteil in den Fahrradrahmen eingeschweißt und anschließend, um Schweißverzug auszugleichen, auf Passmaß gefräst und mit Gewindebohrungen versehen wird.

Gehäusemittelteil wird im Rahmen verschweißt und nachträglich auf Maß gefräst
# Das Gehäusemittelteil wird im Rahmen verschweißt und nachträglich auf Endmaß gefräst – hier zu sehen an einem Cavalerie Rahmen

Cavalerie ist die Rahmenmarke von Effigear - oder andersherum
# Cavalerie ist die Rahmenmarke der Getriebemarke Effigear – oder andersherum

Das Effigear arbeitet in einem Ölbad, dessen Füllstand ein gutes Viertel der Gehäusehöhe beträgt. Die Getriebedeckel sind mit Gummidichtungen, die Wellen mit Dichtringen vor Ölaustritt bzw. gegen Schmutz- und Wassereintrag versiegelt. Das Effigear ist so konstruiert, dass der Drehpunkt der Hinterradschwinge deckungsgleich mit der Ausgangswelle liegt. Diese Bauweise ermöglicht eine weitgehend antriebsneutrale Hinterbaukonstruktionen, da beim Einfedern keine Längenänderung zwischen Getriebe-Ausgangswelle (vorderem Ritzel / Pulley) und Hinterradachse (hinterem Ritzel / Pulley) stattfindet. Diese Konstruktion ist eine Grundbedingung für die Verwendung eines Gates-Riemens oder einer Kette ohne Feder-Kettenspanner, vorausgesetzt die Ausfallenden bieten die Möglichkeit, Kette oder Riemen durch paralleles Verschieben der Hinterradachse zu spannen.

Wahlweise: Kettenblatt oder Gates-Pulley für den Carbon Drive
# Wahlweise: Kettenblatt oder Gates-Pulley für den Carbon Drive – darunter der Sitz für das Schwingenlager

Die Gesamtübersetzung (Spreizung) des Getriebes beträgt 440%, was einer 1×11 Kettenschaltung (SRAM XX1) entspricht und das Effigear damit für den Enduro-Einsatz fit macht. Dank modularer Technik ist es möglich, das Gangspektrum zu reduzieren, was sich beim reinen Einsatz im Downhill empfiehlt. Effigear baut das Getriebe dann auf Wunsch auch mit 6, 7 oder 8 Gängen, wobei die jeweilige Spreizung innerhalb des ursprünglichen 9-Gang-Spektrums nach oben oder unten verschoben werden kann. Zusätzlich kann die Gesamtübersetzung durch den Einsatz verschiedener Ritzel- bzw. Pulley-Größen angepasst werden. Geänderte Gangschritte sind dabei nicht möglich. Auch beim Shifter kommt Effigear dem Kunden mit verschiedenen Lösungen und Möglichkeiten der individuellen Anpassung entgegen. Es werden drei verschiedene Shifter-Typen angeboten: Ein Standard-Drehgriff, ein sequentieller Drehgriff und ein sequentieller Push-Pull Trigger. Die sequentiellen Shifter machen pro Betätigung jeweils einen Gangschritt, der reguläre Dreh-Shifter erlaubt dagegen beliebige Gangsprünge. Bei allen Shifter-Typen kann die Schaltrichtung der persönlichen Vorliebe angepasst werden. Beim Trigger kann zudem die Position des Hebels unabhängig von der Position des Kabelgehäuses variiert werden.

Drei verschiedene Schaltgriffe gibt es zur Auswahl - hier der Trigger
# Drei verschiedene Schaltgriffe stehen zur Auswahl – hier der sequentielle Trigger in 6 Uhr Stellung

Der Drehgriff ist in 2 Varianten erhältlich: regulär oder sequentiell
# Der Drehgriff ist in 2 Varianten erhältlich: regulär oder sequentiell

Effigear verwendet für seine Züge Nokon-Seelen, die besonders enge Biegeradien ermöglichen. Eine sequentielle elektronische Schaltung ist ebenfalls geplant. Johannes Schwabe – Gates-Nicolai – hat das Gewicht eines reguläres Ion 20 650b mit Kettenschaltung mit einem ansonsten identisch aufgebauten Effigear-Gates-Ion verglichen und versichert uns eine annähernde Parität. Lediglich 100 Gramm soll das Mehrgewicht der Getriebevariante laut Johannes betragen.

Nokon-Züge für besonders enge Radien
# Nokon-Züge für besonders enge Radien

Das Effigear wird nicht nur an Fahrrad- und Rahmenhersteller verkauft, sondern ist mit Einschränkungen auch als After-Market-Produkt für Endverbraucher erhältlich. Um die Funktion und Betriebssicherheit zu gewährleisten, behält sich Effigear vor, nach Einzelfall zu entscheiden, ob ein Rahmenbauer den Einbau mit Unterstützung von Effigear selbst bewerkstelligen kann, oder ob das Einschweißen und Nachbearbeiten des Gehäusemittelteils sowie die Getriebemontage durch Effigear ausgeführt werden müssen. Der Netto-Verkaufspreis des Getriebes inklusive Kurbeln, Kabel und Shifter beträgt 1350 €. Effigear gewährt eine Werksgarantie von 5 Jahren.

Fortsetzung folgt!

Wie eingangs schon erwähnt, gewährte uns Gates-Nicolai Teammanager Johannes Schwabe eine exklusive Ausfahrt auf dem ION 20 Team-Bike von Mike Schär, welches auf einem Effigear-Getriebe basiert. Für den Praxistest des 9-Gang-Getriebes wählten wir die frisch überarbeitete DH-Strecke von Sainte Maxime, in der Bucht von St. Tropez. Wie sich das Gesamtkonzept und das Effigear-Getriebe als solches im rauen Gelände schlagen konnte, erfahrt ihr im zweiten Teil unseres Effigear-Themas.


# Fahrbericht folgt! 

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Redaktion: Falco Mille // Bilder: Maxi Dickerhoff

  1. benutzerbild

    san_andreas

    dabei seit 02/2007

    Weil die Gboxx German Engineering Overkill war.
    Allein aus dem Shifter hätte man noch einen Satz Pedale fräsen können.

    Ich hatte das Ding...glaub mir, das hätte nicht nur einen Krieg überstanden...Gewicht mit Rahmen 9,6 kg...echt Panne.
  2. benutzerbild

    Hasifisch

    dabei seit 03/2010

    Kharne schrieb:
    ...
    Da finde ich das Pinion die deutlich bessere Lösung, die müssens halt nur mit der Haltbarkeit
    hinkriegen...


    Wollte hier zu schreiben, das ich das Pinion für AM/Enduro noch deutlich zu schwer finde...

    san_andreas schrieb:
    Weil die Gboxx German Engineering Overkill war.
    Allein aus dem Shifter hätte man noch einen Satz Pedale fräsen können.

    Ich hatte das Ding...glaub mir, das hätte nicht nur einen Krieg überstanden...Gewicht mit Rahmen 9,6 kg...echt Panne.


    ...aber das relativiert das ja schon wieder...:spinner:
  3. benutzerbild

    Falco Mille

    dabei seit 12/2002

    @Falco Mille Kannst du eine Aussage über die Geräuschentwicklung des Getriebes treffen? Beim DH sicherlich uninteressant, aber bei längeren Tretpassagen sorgen die gerade verzahnten Getrieberäder doch für Sorgenfalten.


    Da muss ich eingestehen, dass ich auf diesen Punkt beim Fahren gar nicht gesondert geachtet habe. Hätte es eine signifikante oder störende Geräuschentwicklung gegeben, wäre mir das aber sicher aufgefallen.

    Grß
  4. benutzerbild

    Pedro_Pedali

    dabei seit 09/2012

    Ich glaube nicht, dass wie Drehzahlen erreichen bei denen man die Zahnräder schreien hört...
  5. benutzerbild

    FastKona

    dabei seit 12/2013

    Das ist echt Klasse, wartungsfreundlich, effizient und das mit kaum mehr Gewicht. sehr gutes Konzept.
    Der Fahrbericht wird Interessant !

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