Nicolai Ion 20 Effigear im Test: Was sich hinter der kleinen französischen Marke Effigear verbirgt, haben wir euch bereits im ersten Teil unseres Effigear-Themas präsentiert. Nach unserem ausführlichen Tech-Check folgt nun der angekündigte Fahrbericht. Ob das Effigear-Getriebe den aus der Theorie hervorgegangen hohen Erwartungen in der Praxis gerecht werden kann, stellten wir auf der DH-Strecke von Sainte Maxime auf die Probe. 

Der erste Fahreindruck: Nicolai Ion 20 650b – Effi Proto

Da es sich bei dem zur Verfügung gestellten Rad von Gates-Nicolai Teamfahrer Mike Schär um einen Prototypen handelt, ebenso wie bei der verbauten SR Suntour Rux RC2 Doppelbrückengabel, haben wir mit Johannes Schwabe und Effigear vereinbart, bei unserem Test das Hauptaugenmerk auf das Getriebe zu richten und das Nicolai Ion 20 dabei nur in Grundzügen abzuhandeln.

Nicolai ION 20 Effigear Proto 650B
# Das Nicolai ION 20 650b Effi Proto

Wie in der Einleitung schon erwähnt, sind wir mit dem Ion auf den „Sainte Maxime“ DH-Track gegangen. Um die Funktion der Schaltung besser analysieren zu können, haben wir das Rad aber auch in der Ebene und auf kurzen Anstiegen pedaliert. Da Mike in seinem Ion ein Getriebe mit reduzierter Gangzahl fährt, hat uns Effigear für den Test ein neues Getriebe mit vollem 9-Gang Spektrum montiert. Es ist wichtig, dies zu erwähnen, denn unser Effigear lief bei zunehmender Tretlast doch relativ rau. Als ich Effigear-Ingenieur David Roumeas bei der Rückgabe des Bikes darauf ansprach, bot er mir für eine kurze Runde ein Cavalerie Falcon an (Downhill-Modell der Effigear Partnerfirma Cavalerie) mit einem ca. 2 Wochen gefahrenen Getriebe, das bereits spürbar glatter lief. Während der Einfahrzeit von etwa 3 Monaten soll sich die Funktion laut David permanent verbessern, bis letztendlich ein glatter Lauf ohne Zahnreiben erreicht wird. Um nicht missverstanden zu werden: Das Reiben lag in einem akzeptablen Bereich und entsprach in etwa dem einer neuen Nabenschaltung.

An unserem Testbike war der Trigger-Shifter verbaut, mit Hebelstellung auf 7 Uhr (von rechts gesehen). Per Daumendruck nach vorn wird in einen kürzeren, per Zeigefingerzug in einen längeren Gang geschaltet, so hat Mike Schär es für sich selbst eingestellt. Für mich persönlich würde ich die Schaltrichtung ändern, da ich in der vorgegebenen Einstellung beim Beschleunigen und Schalten in längere Gänge jeweils den Zeigefinger von der Bremse nehmen muss, um den Schalthebel zu betätigen, was sich nicht so gut anfühlt. Beim Schalten in kleinere Gänge, was ja meist mit einer sich verringernden Geschwindigkeit oder einem Anstieg einhergeht, sehe ich dagegen kein Problem darin, kurz den Bremsfinger zum Schalten zu benutzen.

Roc Nicolai Effigear Test-2
# Das Ion 20 Effi auf dem Track von Sainte Maxime

Die Schaltbetätigung ist leichtgängig, präzise und mit gut definierten Rastpunkten. Das Schalten in längere Gänge ist über das gesamte Spektrum unter Vollast möglich. Der Gangwechsel geschieht dabei geräuschlos und weich. Beim Schalten in kürzere Gänge ist es erforderlich, die Tretbewegung für einen kurzen Moment zu unterbrechen, damit der Gangwechsel geschieht. Ein kleinerer Gang lässt sich während des Tretens zwar vorwählen, rastet aber erst nach der Lastunterbrechung ein. Da mir diese Eigenschaft bereits von der Nicolai (UT) G-Boxx II bekannt ist, kam ich damit schnell zurecht und konnte nach einer kurzen Eingewöhnungsphase problemlos an Anstiegen in kleinere Gänge schalten, ohne nennenswerten Schwung zu verlieren.

Das Effigear hat eine enge Freilaufrasterung mit 48 Rastpunkten pro Umdrehung, was den Leertritt minimiert. Im Downhill-Einsatz bringt das zwar keinen wirklichen Vorteil, bei einem Enduro auf technischen Trails, insbesondere in Trial-Passagen, dagegen schon eher.

Roc Nicolai Effigear Test-1
# Butterweiches Fahrwerk mit leichter Progression: Das Ion ist ein Bügelgerät

Beim Ion 20 Effi Prototypen kann man wie beim Serienmodell für Kettenschaltung über einen Flip-Chip am Umlekhebel zwei verschiedene Geometrie-Grundeinstellungen wählen: high und low (siehe Geometriedaten im Anschluss). Bereits in der High-Einstellung hat das Bike eine ziemlich aggressive Race-Geometrie und fühlt sich um so stabiler an, je schneller es läuft. Es bedarf eines gewissen Körpereinsatzes, um es den Richtungswünschen des Fahrers zu unterwerfen.

Begünstigt wird das Handling dabei durch die Getriebeanordnung, die für einen zentralen, tiefen Schwerpunkt sorgt – erschwert dagegen durch eine lange Kettenstrebe, da die Hinterachse beim Spannen des Gates Carbon Drive bei der verbauten Riemen-Pulley-Kombination am hinteren Ende des Verstellbereichs sitzt. Da es den Gates CD und die Center-Track Pulleys mittlerweile in einer Vielzahl fein abgestufter Längen und Größen gibt, sollte es kein Problem sein, damit auch eine kürzere und wendigere Kettenstrebenlänge zu erzielen.

Roc Nicolai Effigear Test-4
# Mit Körpereinsatz um die Kehren

Die Federung spricht butterweich an. Bei der verbauten SR Suntour Rux RC2 handelt es laut Johannes Schwabe um kein Serienmodell. Zum Innenleben möchte Johannes keine offizielle Aussage machen, die Funktion der Gabel legt aber nahe, dass hier Stahlfedern verbaut sind. Das Heck des umgelenkten Eingelenkers wird von einem 240 mm langen Vivid RC2 in Serienausführung gebändigt. Die annähernd lineare Charakteristik der Federung mit einem leichten, gleichmäßigen Progressionsverlauf bietet viel nutzbaren Weg. Das Ion bügelt so souverän über den Track, dass ich weit vorausblickend fahren kann und mir keine Gedanken darüber machen muss, was gerade unter mir passiert.

Roc Nicolai Effigear Test-3
# Vorausschauende Fahrweise: was gerade untenrum passiert, ist dem Ion egal

Der Track von Sainte Maxime hat viele geformte Passagen wie: Sprung aus Anlieger in Anlieger, Transfers, Doubles und Tables. Dabei schluckt das Ion einiges an Absprungenergie weg, so dass ich bei meinem eher moderaten Bergabtempo ordentlich abziehen muss, um Höhe und Entfernung zu erreichen. Für einen schnellen Fahrer, der solche Sachen vermutlich wegdrückt, also ideal. Wenn ich das Bike in einen Anlieger komprimiere und heraus beschleunige, macht sich der nicht vorhandene Pedalrückschlag ebenso positiv bemerkbar wie die geringe Radstandsänderung. Diese rührt daher, dass das Hinterrad beim Einfedern im unteren Weg grob gesehen der Richtung der Gabel folgt, sich also nach oben und nach hinten bewegt. Der Grip und die Überroll-Eigenschaften der großen Räder fühlen sich sehr gut an. An unserem Testrad waren noch geschwärzte Maxxis Highroller montiert. Gates-Nicolai Reifensponsor Onza hat mittlerweile seine ersten eigenen 650b DH-Reifen ans Team geliefert, jedoch leider nicht mehr rechtzeitig fürs Roc.

Die Möglichkeit, das Effigear am Ion in Kombination mit einem Cates Carbon Drive zu fahren, gefällt mir besonders gut. Nicht so sehr wegen der Gewichtsersparnis und Wartungsfreundlichkeit, sondern auf Grund der nicht vorhandenen Geräuschentwicklung. Außer Fahrtwind, Freilauf, dem Trommeln der Stollen oder dem Rauschen des Schotters hört man rein gar nichts.

Roc Impressionen Allgemein-40
# Immer wenn’s am schönsten ist: als der Tester anfängt sich richtig wohl zu fühlen, versinkt die Sonne hinter den Hügeln

Schlusswort

Effigear ist es gelungen, ein Fahrradgetriebe zu entwickeln, das in den Einsatzbereichen Downhill, Freeride und Enduro eine echte Alternative zur Kettenschaltung darstellt, Gates-kompatibel ist und keinen Gewichtsnachteil mehr hat. Besonders gut gefällt mir die kundenfreundliche Ausrichtung des Produkts mit den vielen Möglichkeiten der Individualisierung: Drei verschiedene Shiftertypen mit Wahl der Schaltrichtung oder Triggerstellung, Wahl der Gangzahl, Anpassung der Spreizung und Verschiebung des Übersetzungsspektrums. Eine Einschätzung zum Wirkungsgrad habe ich in diesem Test bewusst ausgelassen da wir zum einen ein nagelneues, noch nicht eingefahrenes Getriebe ausprobiert haben und zum anderen keine direkte Vergleichsmöglichkeit hatten.

Auch zum Ion 20 möchte ich mich mit einer Wertung zurückhalten, da es sich hier um einen Prototypen handelt und nicht um ein fertiges Produkt. Zumal die Zeit, die wir auf dem Track hatten, für eine ernsthafte Analyse einfach zu knapp bemessen war. Nur so viel vielleicht: Als die goldene Sonne bereits die Hügelkämme von St. Tropez küsste, fing ich nach einer etwas spröden Kennenlernphase gerade an, mich mit dem Geschoss anzufreunden, und mein Körper begann, sich fast vergessener Motorikstandards zu erinnern. Wäre es doch nur die Morgensonne gewesen. Liebend gern hätte ich mit dem Ion einen ganzen Tag auf dem Track von Sainte Maxime verbracht.

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Technische Daten

Geometrie

  • Testbike Größe Medium
  • Sitzrohrlänge: 425 mm
  • Oberrohrlänge: 590 mm
  • Lenkwinkel: high set: 64°; low set: 63°
  • Sitzrohrwinkel: high set: 75°; low set:74°
  • Kettenstreben: min: 430 mm / max: 445 mm
  • Reach: 435 mm
  • Stack: 618 mm

Ausstattung

  • Gabel Sr Suntour Rux RC2 200mm (Prototyp)
  • Dämpfer: Rock Shox Vivid RC2 76x240mm
  • Schaltung: Effigear 9fach 440%
  • Schalthebel: Effigear Push-Pull Trigger 9-fach
  • Bremse vorn: Avid X0 Trail Carbon 200 mm / Galfa Beläge
  • Bremse hinten: Avid X0 Trail Carbon 180 mm / Galfa Beläge
  • Laufradsatz custom: vorn: Hope Pro 2 / ZTR Flow 650b / Sapim; hinten: Tune Kong Maxle 142x12mm / ZTR Flow 650b/ Sapim
  • Reifen: Maxxis High Roller 2, 3c MaxxGrip in 650b
  • Antrieb: Gates Carbon Drive 113t, vorn 26t, hinten 24t
  • Lenker: Answer Pro Taper Carbon 780 mm
  • Vorbau Answer DH (45-55mm)
  • Sattel: Ergon SM3 Pro

Gewicht: 16,9 kg ohne Pedale (Herstellerangabe) // Preis: nicht nominiert da Prototyp

Flüstermodus: Gates Carbon Drive im Downhiller
# Flüstermodus: Gates Carbon Drive im Downhiller

Antriebsneutral: Abtriebwelle = Schwingendrehpunkt
# Antriebsneutral: Abtriebwelle = Schwingendrehpunkt

Oberhalb der Kurbel sieht man die Schaltansteuerung
# Üppig dimensionierte Lagerung und breite Abstützung am Ion-Heck

Um 15mm verstellbare Ausfallenden sorgen für einen gespannten Riemenantrieb
# Um 15mm verstellbare Ausfallenden sorgen für einen gespannten Riemenantrieb

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Redaktion & Test: Falco Mille // Bilder: Maxi Dickerhoff

  1. benutzerbild

    LB Jörg

    dabei seit 12/2002

    reitera schrieb:
    Ha stimmt. Ihr habt recht. Ist eine Tonnenmutter. Jetzt weiss ich warum diese bei unseren IKEA Kinderbetten gefehlt haben.
    Und schön dass das alte LV/Nicolai Geleiere wieder weiter geht.


    Das konnt ich mir net verkneifen, weil Andere für Dumm verkaufen obwohl man selber der Unwissende ist und dann noch richtig falsch liegen...mehr Vorlage und Fettnäpfchen gibts schon net

    G.
  2. benutzerbild

    Floh

    dabei seit 10/2001

    Hier stand Unsinn.
  3. benutzerbild

    BlueW8

    dabei seit 09/2004

    Zitat aus dem Test: "Für mich persönlich würde ich die Schaltrichtung ändern, da ich in der vorgegebenen Einstellung beim Beschleunigen und Schalten in längere Gänge jeweils den Zeigefinger von der Bremse nehmen muss, um den Schalthebel zu betätigen, was sich nicht so gut anfühlt. Beim Schalten in kleinere Gänge, was ja meist mit einer sich verringernden Geschwindigkeit oder einem Anstieg einhergeht, sehe ich dagegen kein Problem darin, kurz den Bremsfinger zum Schalten zu benutzen."


    Sinnvoll ist es, während des Bremsens runterzuschalten, um danach bei niedrigerer Geschw. den dafür geeigneten kleineren Gang nutzen zu können. Da man zum Bremsen den Zeigefingerbraucht, steht dieser zum Schalten also nicht zur Verfügung. Erst zu bremsen und dann zu schalten würde indes kostbare Zeit kosten.
  4. benutzerbild

    ronmen

    dabei seit 11/2003

    Hallo,

    weiss wer, ob Nicolai die baugleiche Wippe wie beim Ion 20 verwendet ?
    Ist die Getriebebox custom oder das Standartbauteil was Effi Gear anbietet ?
    Kennt jemand das Releasedatum ?

    VG & danke
  5. benutzerbild

    raschaa

    dabei seit 01/2003

    kein plan mit der wippe am besten mal N ne mail schreiben
    getriebe sollte das standard effi sein (ohne gewähr )

    die 0-serie sollte jetzt eigentlich fertig sein und ihre besitzer erfreuen
    https://spreadsheets.google.com/pub?key=0Aho4mKeuwSYGdE16MFVqV0o5Q0x0ZnhSUVV5MzBoRGc&hl=de&single=true&gid=1&output=html

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