Nachdem vor rund zwei Wochen die ersten Fotos einer neuen Federgabel auf der Rock Shox-Homepage zu sehen gewesen sind, ist einigermaßen klar gewesen, was die US-Amerikaner aus Colorado Springs ausgetüftelt haben: Die neue Rock Shox RS-1 ist eine High End XC-Gabel in Upside-Down-Bauweise sowie einem Carbon-Chassis und soll einen perfekten Mix aus Steifigkeit, Ansprechverhalten und Gewicht bieten. Dazu hat Rock Shox eine neue Nabe entwickelt, die eine Momentenübertragung zwischen den beiden Ausfallenden der Gabel erlaubt. Wir haben die Gabel ausführlich begutachten und beim Trail House in Moab erstmalig testen können – hier alle Informationen inklusive kurzem Fahrbericht.


# Brandneu und leicht: Die Rock Shox RS-1.

Kurz und knapp

Modell RS-1
Laufradgröße 29”
Federweg (mm) 80/100/120mm
Standrohre 32mm Aluminum, Fast Black Beschichtung
Schaft konisch, Carbon
Offset 46 and 51mm
Achse Predictive Steering – Torque Tube
Dämpfungseinheit Accelerator
Einstellungen XLoc Remote (Sprint or Full Sprint)
Federung Solo Air Luftfeder
Farben Red/White, Silver
Gewicht 1,666g (3.67lbs)
Verfügbarkeit ab Juni 2014
Preis (UVP) 1.658 €

 

29″ only, eine enorme Steifigkeit, Upside-Down-Bauweise mit Carbon-Chassis und eine sehr gute Performance: Das sind die Eckdaten der neuen Rock Shox RS-1. Die versprochene Steifigkeit trotz Upside-Down-Bauweise soll dabei aus zwei Faktoren resultieren: Das steife Carbon-Chassis wird mit einer speziellen Nabe kombiniert, die über einer 15mm Maxle-Steckachse und eine zusätzliche Aluminium-Hülse zur Drehmomentübertragung verfügt. Durch die formschlüssige Verbindung der beiden Ausfallenden der Gabel soll das Gesamtsystem aus Gabel und Nabe so sehr steif gemacht werden können – trotz niedrigem Gewicht.

Die voluminöse Hülse in der Nabe namens “Torque Tube” bedingt allerdings auch eine entsprechende Nabe. Aktuell verfügt die SRAM-Laufradflotte mit den Modellen RISE XX, RISE 60 und ROAM 50 über die passende Nabe (die auch einzeln verfügbar sein wird). In Zukunft soll diesbezüglich auch mit DT Swiss kooperiert werden, um die Kompatibilität des Systems zu verbessern.

Die neue USD-Gabel verfügt über zwei breite Kabelführungen für die Bremsleitung, freigegeben ist die RS-1 für bis zu 200mm-Scheiben. Das Gewicht der Rock Shox RS-1 wird mit sehr guten 1.666 Gramm angegeben, der Listenpreis liegt bei 1.658 €.

Warum Upside-Down?

Wir staunten wahrlich nicht schlecht, als Rock Shox bei der Presse-Vorstellung in Moab das rote Tuch lüftete: Eine tiefschwarzes Carbon-Gabel, die mehr einem Stealth-Bomber ähnelte als einer herkömmlichen Mountainbike-Gabel. Hatten wir bei der Pike im vergangenen Jahr schon hier und da von Dritten Andeutungen gehört, hatte die Marketing-Abteilung von Rock Shox dieses Mal ganze Arbeit geleistet und absolut nichts herausgelassen – nicht mal die Teamfahrer durften die Gabel lange vorab fahren. So konnte das Geheimnis bis zuletzt gewahrt werden.

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# Die Bremssattel-Aufnahme ist für Scheiben bis 200mm aufgelegt.

Doch warum dreht Rock Shox nun die Gabel herum? Upside-Down-Federgabeln sind dafür bekannt, dass sie bei der Steifigkeit schlechter abschneiden als ähnlich schwere konventionelle Teleskopgabeln. Bei einer 29″ Federgabel für den gewichtsbewussten XC-Einsatz scheint diese Kombination besonders pikant zu sein. Die Antwort von Rock Shox fällt zunächst durchwachsen aus, wenn man sich den bisherigen Markt anschaut. Kannte man aus Marzocchi-Zeiten noch die Shiver´schen Flexibilitäten, so ist die Manitou Dorado immer noch ein Dauerbrenner, DVO hat das USD-Modell Emerald mit speziellem Versteifungsbügel im Programm – und X-Fusion zeigte mit der Revel jüngst, dass man sich sinnvolle USD-Gabeln sogar mit Einfachbrücke zutraut. Nun stellten uns also die Urgesteine der Federgabel-Konstruktion aus Colorado Springs die erste Rock Shox USD-Gabel vor – welche mit dem Modellnamen RS-1 an das gleichnamige und allererste Federgabel-Modell von der Marke erinnert, das damals Greg “H-Ball” Herbold zu internationalen Titel-Ehren fuhr.

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# Bei der Präsentation der RS-1 morgens in Utah – gleich wird das rote Tuch gelüftet.

Die USD-Vorteile laut Rock Shox: Eine durch die Kombination Carbon-Chassis und “Predictive Steering” enorme Steifigkeit für eine 29″-Gabel, ein besseres Ansprechverhalten durch die dauerhaft “im Öl stehenden” Standrohre sowie eine geringere ungefederte Masse. Die insbesondere für Carbon-Bikes sehr passende Optik ist dabei das i-Tüpfelchen, das Bremskabel wird bei der RS-1 flexibel durch zwei geschlossene Führungen geleitet. Um diese Steifigkeit zu erreichen hat Rock Shox jedoch einen Kunstgriff anwenden müssen, den wir im folgenden Absatz näher beleuchten wollen und der seit Mitte 2013 patentiert ist. Wer sich näher für das Patent über die “Drehmomentröhre” aka Torque Tube interessiert kann es auf dieser Seite einsehen.

Steifigkeit: “Predictive Steering”

“We can claim to be the first company to deliver
a design that’s light enough for the World Cup, while simultaneously delivering a stiffer chassis than traditional forks.” SRAM
Das RS-1 Chassis ist laut Rock Shox deutlich steifer als traditionelle XC-Gabeln – auch die hauseigene SID ist nicht so steif wie die neue USD-Gabel.

Die Antwort auf die wohl häufigste Frage: Woher soll die Steifigkeit dieser Upside-Down-Gabel kommen? Antwort: Ein Mix aus allem. Das großvolumige Carbon-Chassis ist in sich sehr steif, wirkt aber erst mit dem “Predictive Steering” genannten Achsensystem: Eine 15mm “Maxle Ultimate” Steckachse klemmt die Vorderradnabe. Ein die Steckachse umgebendes Aluminiumrohr namens “Torque Tube” verstärkt das System, und ermöglicht durch eine formschlüssige Verbindung der Ausfallenden eine Drehmomentübertragung.


# Predictive Steering: So funktioniert es

Konventionelle Steckachssysteme können durch die Relativbewegung der Ausfallenden verursachten Momente nicht übertragen, da nur eine kraftschlüssige Verbindung vorliegt. Zusammen mit dem konstruktionell bedingten niedrigen Sitz der Bushings im Carbon-Chassis soll auf diese Weise die Verdrehung und Verbiegung der Gabel um die Längs-, Hoch- und Querachse reduziert werden.

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# Die “Predictive Steering”-Aufnahme, mit der die Nabe an der Gabel geklemmt wird. Der Formschluss ermöglicht eine Momentenübertragung über die Torque Tube, wodurch die Gabel besonders steif werden soll.

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# Gut erkennbar: Die Buchsen im Carbon-Chassis und das “Torque Tube”-Rohr mit großem Querschnitt.

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Diese Fotos im Fotoalbum anschauen

Funktion: Neues Innenleben, Lock-Out & Tokens

Eine neue Gabel in Upside-Down-Bauweise bedingt eine neue Dämpfungskartusche. Im Gegensatz zu den neuen Rock Shox Pike– und Boxxer-Modellen verfügt die Dämpfung nicht über einen sogenannten Bladder, sondern verwendet einen Schwimmkolben (floating piston). Auf diese Weise soll ein härteres Lock-Out erzeugt werden, das XC-Fahrer beim Attackieren unterstützen soll. Dieser Lock-Out ist stufenlos einstellbar und soll von einem wirklich harten Lock-Out bis zu einem eher sehr straffen Ansprechverhalten reichen. Zusätzlich sorgt ein Blow-Off-Ventil für das Lösen des Lock-Outs bei harten Schlägen. Die Leitung für den Lock-Out führt oben links aus dem Carbon-Chassis heraus und wird hydraulisch betätigt. Für einen leichten Service ist zudem “Connectamajig”, bekannt von der Reverb Stealth Sattelstütze, verbaut.

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# Veränderung der Tokens in der Gabel. Rechts: Drei eingeschraubte Tokens.

Wie schon von den anderen neuen Rock Shox-Modellen bekannt, können auch bei der neuen RS-1 (und demnächst auch in SID, Reba und Revelation) sogenannte Tokens verbaut werden. Diese kommen für die RS-Gabeln mit 32mm-Standrohren in schwarz und sorgen wie auch bei der Pike dafür, dass die Gabel gegen Ende des Federwegs progressiver wird. In Verbindung mit einem reduzierten Luftdruck wird so ein weicheres Ansprechverhalten möglich, ohne dass die Gabel zu tief einsackt oder durchschlägt.

Die Zugstufe ist extern einstellbar, sie befindet sich allerdings nicht wie gewohnt unter dem vom Fahrer aus rechten, sondern dem linken Ausfallende. Von den Modellen von Pike und Monarch übernommen wurde “Rapid Recovery” – ein System, mit dem die Gabel in eingetauchtem Zustand schneller ausfedern und so effizienter arbeiten soll. Wie das System funktioniert haben wir in diesem Artikel zur Rock Shox Pike genauer erklärt.

Kurzfahrbericht: Rock Shox RS-1

Beim Trail House-Camp in Moab hatten wir nicht nur die Gelegenheit, die SRAM Guide-Bremse zu testen, sondern auch der Rock Shox RS-1 an einem Testtag ordentlich die Sporen zu geben. Das Terrain in Moab zeichnet sich durch flowige Teilstücke, ruppige Steinpassagen und immer wieder diverse Absätze aus, unterbrochen von schnellen (Tret-)Passagen und vielen ausgesetzten Kurven.

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# Unser Testbike: Das Specialized Camber 29 mit RS-1 – wirkt wie aus einem Guss.

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Diese Fotos im Fotoalbum anschauen

Die Rock Shox RS-1 war in unserem Fall an einem Specialized Camber montiert – an dem 29″-Carbon-Rahmen offenbart die verbaute Rock Shox-Neuheit besonders deutlich, dass man sich optisch an den aktuellen Carbon-Rahmenformen der 29er-Topmodelle orientiert hat. Die Gabel-Rahmen-Kombination wirkte nicht nur am Specialized wie aus einem Guss und erinnert in der Art und Weise an Kombinationen aus dem Rennrad-Bereich. Optisch eine glatte 1, wie wir finden – doch wie sieht es auf dem Trail aus?

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# Hannes beim Uphill in Moab – die Findlinge sind hier etwas größer…

In unserer 120mm-Gabel ist ein Token verbaut, der Luftdruck ist genau auf mein Fahrergewicht abgestimmt. Das Camber fahre ich in Größe XL (1,93m Größe). Los geht es: Der XC-Trail “Bar-M” in Moab ist recht tretlastig und erfordert durch den Fels-Sand-Mix bergauf wie bergab eine sehr aktive Fahrweise – Vorderrad hochziehen, Hinterrad nachziehen, langsame Steinabsätze herunter- und hochzirkeln. Die RS-1 war zunächst etwas überdämpft, sodass ich die Zugstufe um drei Klicks veränderte und auch den Luftdruck senkte ich nach der ersten Runde etwas, um die 120mm wirklich voll ausnutzen zu können. Auf der zweiten Runde funktionierte die Rock Shox RS-1 dann sehr sahnig: bergauf extrem kontrolliert und eine Steifigkeit, die mit bisherigen 29er-Federgabeln nicht wirklich vergleichbar ist. Das komplette System ist zusammen mit dem steifen SRAM Roam-Laufradsatz eine beeindruckend steife Einheit, sodass man sehr kontrolliert fahren muss – sehr präzise trifft man die Ideallinie. Zudem ist die Gabel wirklich leicht und lässt sich spielerisch-einfach an Steinkanten hochziehen.

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# Ein Schnappschuss von Hannes ohne zu wissen, wo der Fotograf platziert ist – es reizte einfach, mit der RS-1 überall raus- und drüberzuspringen.

Das Lock-Out-System übernimmt genau den Bereich zwischen “komplett zu” und der “Firm-” Einstellung der Pike – der Einstellbereich der Lock-Out-Härte ist groß und lässt sich per Drehknopf wie von der Reverb bekannt verändern. Ist der Trail nicht allzu ruppig, lässt es sich in der Ebene und sogar bergab in einer soften Abstimmung des Lock-Outs komfortabel fahren. Aber machen wir den Lock-Out doch mal auf und geben uns die letzten Abfahrten von Bar-M. Im Downhill trennt sich bekanntlich die Spreu vom Weizen und ich bin gespannt, was die RS-1 leisten kann.

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# Ordentlich Grip auf den bekannten Slickrocks in Moab

Sandig-technische Passagen mit Steinkanten und einige Möglichkeiten, mit dem Bike abzuziehen: Die RS-1 läuft auch im Downhill sehr sicher und kontrolliert, federt mit einer passenden Endprogression und spielt die 120mm voll aus, ohne durchzusacken – mehr noch: man hat hier tatsächlich nicht das Gefühl, mit einer XC-Gabel zu fahren. Das Ansprechverhalten ist butterweich, die Gabel reagiert nicht nur auf harte Schläge gut, sondern auch auf kleinere Unebenheiten sehr sensibel. Einige Kollegen nutzten die RS-1 gar für die 22km-Abfahrt des Porcupine Rim und waren nicht unzufrieden. Auch kleinere Drops können der RS-1 nichts anhaben – wer es gerne richtig laufen und der Gabel auch gerne mal die Führungsarbeit überlässt, wird zunächst allerdings überrascht sein – die steife RS-1 fordert den Fahrer bei schnellen, präzise zu fahrenden Richtungswechseln durchaus heraus, da sie keine Fehler verzeiht.

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# Flat out in der Ebene in Moab – gleich geht´s bergab

Fazit

War die Pike schon eine Neuerung in ihrem Segment, so hat Rock Shox mit der neuen RS-1 die Messlatte für den 29 Zoll-Bereich hoch gelegt: Eine High End-Gabel für den World Cup- wie für den ambitionierten Hobby-Einsatz im XC- und sogar Allmountain-Einsatz, die zu einem saftigen Preis kommt – angesichts des Gewichts, der neuartigen Konstruktion und der Steifigkeit jedoch vertretbar. Bei der recht kurzen Testfahrt hatten wir an der Gabel praktisch nichts zu beanstanden. Fakt ist jedoch auch: Eine dreistündige Ausfahrt kann einen längerfristigen Testbericht nicht kompensieren – wir sind gespannt auf den kommenden Dauertesteinsatz mit der RS-1.

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Fotos: Margus Riga, Adrian Marcoux, Johannes Herden
Redaktion: Johannes Herden | MTB-News.de 2014

  1. benutzerbild

    brösmeli

    dabei seit 01/2004

    Groudon schrieb:
    Ich habe bei Der Lefty die Erfahrung gemacht, dass sie sehr steif ist und beherrscht werden mag. In den von dir genannten Rillen musste ich die Lefty gut unter Kontrolle halten, weil sie einfach jeder Bewegung gefolgt ist und daher bei kleinen Bewegungen eben auch aus der Rille raus ist.

    Ich kann mir vorstellen, dass die RS-1 in dem Fall gutmütigen ist. Sie ist quasi weniger steif und folgt daher der Rille von sich aus, weil die Rille die Gabel dazu zwingt.

    Hoffe das war verständlich.


    Alles in allem ist die RS-1 keine schlechte Gabel, allerdings bin ich aus dem Maschinenbau und zahlen lügen bekanntlich nicht. Sie ist sicher steif genug, aber das heißt ja nicht, dass es nicht besser sein kann.

    Ich erinner mich da gerne an meine alte R7 oder sie alten SID... Konnte man auch fahren.


    So kann man's auch begründen. Nur müsste ich das irgendwie am lenker spüren, wenn das rad links fahren möchte und der lenker trotzdem geradeaus die spur hält. Dann muss man immer korrigieren, gegensteuern.
    Ne, für mich ist die rs-1 kompakter und weniger "windig".
  2. benutzerbild

    froride

    dabei seit 03/2004

    Groudon schrieb:
    Das habe ich garnicht gelesen. Wo steht das?


    In irgend einer Bike stand mal, das der Prüfstand nicht dafür vorgesehen ist, mit Nabe zu testen. Die haben da einen Metallblock mit Achse, da werden die Gabeln befestigt. War einer der ersten Kurztests der RS1.
    Ist auch logisch, weil sonst müssten sie ja irgendwas bauen um Naben fest an den Prüfstand zu schrauben.
    Konsequenterweise müssten sie dann aber auch alle anderen Gabeln mit Nabe testen.
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  4. benutzerbild

    teamscarpa

    dabei seit 01/2005

    Eine Frage zur RS-1 Nabe, ist es hier möglich diese in eine andere Gabel mit 110mm einzubauen? Danke für die Information
  5. benutzerbild

    der-gute

    dabei seit 12/2007

    falls du eine Gabel mit Predictive Steering und 110 mm Achsweite findest...
  6. benutzerbild

    teamscarpa

    dabei seit 01/2005

    Es ist eine Fox 2017er Gabel mit 110mm Breite 15mm

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