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Trail-Tipps im Westen Südtirols
Lieber Sulden als Sölden? Zwei Tourenvorschläge für den Sommer

Ganz im Westen Südtirols, wo Italien an die Schweiz stößt und beide gewaltig nah an Österreich liegen, liegt Sulden. Das ist nicht zu verwechseln mit Sölden in (Nord-)Tirol – und das liegt nicht nur an Vokal statt Umlaut. Sulden ist ein ganz anderer Schnack. Quasi alles wie in Sölden, nur umgekehrt, 180° verschieden. Zwei Tourenvorschläge für den nächsten Sommer.

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Wenn Fahrradhersteller ein neues Modell anpreisen wollen, stellen sie es häufig in schöner Umgebung vor und schicken einen damit auf tolle Trails. Die Frage ist nur: Was sind eigentlich tolle Trails? Da geht die Meinung ja bekanntlich auseinander. Canyon hat, einfach weil es dem ehemaligen Bike-Redakteur und heutigem Category-Manager für Canyon Mountainbikes da gut gefällt, zum Launch des Canyon Neuron CF nach Sulden eingeladen. Sulden findet ihr, wenn ihr über den Reschenpass nach Italien fahrt. Im Vinschgau angekommen, die zweite Ausfahrt rechts in Richtung Stilfserjoch. Dann nur noch die Erste links und bis ans Ende des Tals auf 1900 m Höhe fahren; eigentlich ganz einfach. Trotzdem bin ich noch nie da gewesen, aus Versehen kommt man hier halt auch nicht vorbei. Und genau das ist wahrscheinlich das Geheimnis …

# Uphill mit Ausblick - wenn du auf 2600 m Höhe fährst und den Kopf immer noch in den Nacken legen musst.
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Tipp #1: Madritschjoch

Wo in anderen Orten die Gipfel enden, geht eine Tour in Sulden los: Auf 1900 m. Als ob das nicht reicht, kann man sich bequem mit der Gondel noch auf über 2500 m Höhe befördern lassen – die Sulden Seilbahn erleichtert den Aufstieg nochmal um fast 700 Höhenmeter, die sich natürlich aber auch ehrlich treten lassen. Anschließend braucht man seine Puste aber noch, denn der Schotterweg ist zwar gut fahrbar, aber steil. Kombiniert mit der dünnen Luft geht der Blick schnell in Richtung Ritzel: Ist da noch ein leichterer Gang übrig? Klar, dass man schon nach nur 250 Höhenmeter an der Madritschhütte über eine Pause nachdenkt! Der Anstieg ist aber noch nicht vorbei, wird noch steiler, teils weglos – hier schiebt eigentlich jeder irgendwann. Dann, der Höhenmesser bleibt knapp nach 3100 m stehen, wird der Blick ins Nachbartal und auf die Abfahrt frei.

Stichwort Blick: Die gesamte Auffahrt ist von feinsten Bergblicken umgeben – Königsspitze und Ortler ragen beinahe 4000 m in die Höhe, auch nach signifikantem Gletscherrückgang liegt noch eine hochhaushohe Eiskappe oberhalb der Steilwand. Wer sich auch nur entfernt für Berge begeistern kann, wird hier keine Langeweile haben!

# Dem offenen Auge offenbart sich die Schönheit der Natur überall - bemerkenswert, in welch feindseliger Umgebung Fauna und Flora widerstehen.
# Am Ende des Weges ist noch Anstieg übrig - auch im Sommer sind noch viele Schneefelder zu queren.

Die Abfahrt selbst haben die Kollegen von der Bike irgendwo mal äußerst treffend als „gerade noch fahrbar“ beschrieben. Tatsächlich ist der ganze Mountainbiker gefordert, aber ohne, dass es ganz extrem oder absturzgefährdet würde. Alpine Umgebung klar, Stürzen bitte unbedingt vermeiden, aber dafür, dass man sich auf 3000 m bewegt, eigentlich ein angenehmes Ambiente und ein recht flowiger Trail. So trailt man dann nach einem minimalen Gegenanstieg auf der Zufallhütte ein, beinahe 1000 Höhenmeter sind schon in den Unterarmen, höchste Zeit für Knödel oder Kaiserschmarren. Was heißt eigentlich oder? Wir haben noch gut was vor, also Knödel und Kaiserschmarren. Die folgenden Abfahrtsmeter bis zum Marteller Talweg haben es in sich, bei Nässe heißt es richtig aufpassen. Am Stausee angekommen hat man die Wahl: Noch mal ein paar Höhenmeter investieren und den Trail-Anteil maximieren oder kraftsparend auf Asphalt? Spätestens ab Gand sollte man sich aber wieder links im Tal orientieren und nochmal den spaßigen, einfachen Trail unter die Stollen nehmen.

# Irgendwann schiebt jeder - doch nachdem der Anstieg mit Seilbahn-Unterstützung recht kurz ist, geht auch das vorbei.
# Steil und rutschig, aber gerade noch fahrbar geht es los vom Joch - nachdem das Gelände aber nicht sehr ausgesetzt ist, kann man sich gut ans alpine Geläuf heran tasten.
# Immer noch alpin, aber schon sehr flüssig zu fahren - im Hintergrund grüßt das Madritschjoch.
# Schmale Pfade voller Abwechslung - und in Summe über 2000 m Abfahrt am Stück.
# Gletscher links und rechts - die im Sommer die Bäche kräftig speisen.
# Mini-Gegenanstieg mit Aussicht - im Hintergrund wartet schon die Zufallhütte mit hervorragender Stärkung für hungrige Mägen.

Irgendwann hat jeder Spaß ein Ende, wir erreichen den Talboden des Vinschgaus, in Goldrain landen wir auf 650 m über dem Meer. Seit dem Start am Madritschjoch sind also 2.500 Tiefenmeter vergangen, einfach wahnsinnig, dass wir nicht einmal auf einem Gipfel standen! Je nachdem, wo das Auto parkt, ist es jetzt noch ein langer Weg zurück – oder man hat sich vorab um ein Shuttle gekümmert…

Tipp #2: Umbrailpass

Hinweis: Dieser Trail ist nicht zwischen 10 und 15 Uhr zu befahren, um die schmalen Steige nicht zu überlasten. Zu diesen Zeiten haben die Wanderer*innen die Wege für sich. Wegen der exponierten Lage und den schlechten Ausweichmöglichkeiten ist dies eine sinnvolle Lösung; in den Sommermonaten mit ihren langen Tagen stellt ein Start um 15 Uhr am Umbrailpass kein Problem dar.

Auch die zweite Runde kann mit einem außergewöhnlichen Tiefenmeter-Überschuss aufwarten: Sie beginnt nämlich am Stilfserjoch. Die Auffahrt ist ja unter Rennradfahrern ein Klassiker, mir völlig unverständlich. Ja, die 48 Serpentinen sind spektakulär und der Höhenunterschied monumental, aber die Kombination aus Autoverkehr, gaskranken Motorradfahrern und übersäuerten Rennradfahrern kann eigentlich niemandem Spaß machen. Respekt an den Shuttlefahrer, der Rennräder überholt, während er von Motorrädern überholt wird, während Autos entgegenkommen, die Rennräder überholen, während sie von Motorrädern überholt werden.

Oben angekommen heißt es erst einmal: Espresso. Hier oben läuft Julius Meinl in die Tasse, da darf man auf der Höhe nicht klagen. Feiner schmeckt er aber unten in Prad, wo die Rösterei Kuntrawant ihre „Schmugglerware“ anbietet. Aber zurück zum Stilfserjoch, welches wir über einen alten Saumpfad angenehm flowig nach Westen verlassen. Bezeichnend, dass man von der Passhöhe zu einer anderen Passhöhe, dem Umbrailpass, einfach runterfahren kann. Hierbei landet man nun fast unbemerkt in der Schweiz. Hier geht es nun: Bergauf.

# Entspannter, wunderschöner Einstieg in den Tag - vom Stilfserjoch in Richtung Umbrail-Pass.
# Nicht aufgeregt, einfach angenehm zu fahren - der alte Saumpfad mit gleichmäßiger Neigung und angenehmen Kurven.

Der Anstieg zum Piz Umbrail ist auch mit viel Motivation nicht ganz fahrbar, er endet nämlich in einem seilversicherten Steig. Das sei auch jedem E-Biker gesagt: Hier ein E-Bike hochzuwuchten ist heftig. Eine Hand an der Kette, in der anderen 25 kg… da gibt es Sinnvolleres. Das Gelände ist heikel, neben Ausrutschern ist auch Steinschlag ein Thema. Der Lohn der Mühen: Auf 3033 m Höhe gibt es erneut einen fantastischen Blick auf den König Ortler, den Piz Bernina und viele andere schöne Berge.

# Die Schweiz trifft auf Italien - und Mountainbiker*innen können sich aussuchen, in welches Land sie auf fantastischen Wegen abfahren wollen.
# Die Gegend hat schon ganz andere Zeiten erlebt - im ersten Weltkrieg war sie Austragungsort langer, verlustreicher Schlachten.

Die Abfahrt gehört zum Besten, was ich bislang unter die Stollen genommen habe: Anfangs steil, alpin, rutschig. Dann flowig. Dann einfach mal einen perfekten, türkisen Bergsee eingestreut, neben dem Edelweiß wuchert. Dann mal einige fantastische Spitzkehren. Dann Highspeed und Flow. Dann ein paar kleine Sprünge. Das alles in schönsten Wäldern, Wiesen, Bergen. Kann ich hier zu viel versprechen? Eigentlich nicht wirklich, der Piz Umbrail liefert dermaßen ab!

# High Speed Bikebergsteigen (HSBBS) am Gipfel - einige hundert Meter tiefer die Serpentinen zum Stilfserjoch, einige hundert Meter höher der Ortler.
# Noch ist es ein gutes Stück bis zum See - doch der Pausenort ist bereits in Sichtweite.
# Warum findet man solche Wechselkurven eigentlich nicht in gebauten Strecken? - einfach mal was anderes als 180° links, 180° rechts durch Steilkurven.
# Zu schön, um einfach dran vorbei zu fahren - und das, obwohl der Trail schon wirklich fahrenswert ist...
# Trotz der groben Steine ist die Abfahrt nicht extrem schwer - aufgrund der entfernten Lage, dem Untergrund und der Wanderer lässt man es aber dennoch lieber langsam angehen.

Im Tal angekommen staunt man wieder über die vielen Tiefenmeter, die Vielfalt des Trails und die Freundlichkeit der Wanderer. Die Trailtoleranz beruht natürlich auch auf rücksichtsvollen Mountainbikern, funktionierte in unserem Fall aber klasse – daher die ausdrückliche Bitte an jede und jeden: Einfach mal anhalten, passieren lassen, vorausschauend fahren, freundlich sein – dann ist Platz genug am Berg!

Tipp #3: Mehr als Trails

Wer nach Südtirol fährt, sollte nicht vergessen: Er ist in Südtirol. Kaffee trinken, Schlutzkrapfen essen … einfach mitnehmen. Wer es etwas ungewöhnlicher mag: In Sulden findet sich auch eines der sechs Messner Mountain Museums, ein Museum mit Kunst rund ums Thema Eis sowie spannender Ausrüstung aus der Geschichte des Alpinismus am Ortler. Oh, und ein Restaurant gehört auch noch dazu. Wer das pachten will, der muss sich auch um die Yak-Herde kümmern, die im Sommer in den Bergen grast und im Winter ins Tal kommt. Deshalb steht regelmäßig auch Yak auf der Karte. Ich sag ja: etwas ungewöhnlicher.

Fazit

Trotz der Namens-Ähnlichkeit: Sulden und Sölden haben wenig miteinander gemeinsam. Die Bergbahnen in Sölden sind schneller, die Anzahl der Lifte größer. Die Trails sind breiter, die Sprünge weiter. Sölden bietet Apres-Kneipen, Bars, Modeläden. Im Ort mit „Ö“ gibt es 15.000 Gästebetten, in dem mit dem „u“ 2.000. Sagen wir es einfach mal so: Beide Orte haben ihre touristischen Argumente, man sollte sie nur nicht mit einander verwechseln. Denn der eine würde sich in Sulden sehr langweilen, der andere in Sölden.

Ziehen euch Flowtrails oder Wanderwege stärker an?

Fotos: Markus Greber | Redaktion: Stefanus Stahl