Im Nachbarfaden letztens ein paar mal zitiert war der Test von Enduro MTB. Da war die Spanne an gemessenen Werten als Anhaltspunkt für den Rollwiderstand etwa im Bereich von
100% bis 200%, wenn man den am leichtesten rollenden
Reifen als Referenz auf
100% setzt. Sprich für den am schlechtesten rollenden
Reifen wäre etwa doppelt soviel Aufwand zu betreiben, um den Rollwiderstand zu überwinden. Das ist einerseits natürlich beträchtlich, andererseits sollte man bedenken, dass der Rollwiderstand vom gesamten Aufwand, den man beim Radfahren allgemein betreibt, wahrscheinlich meistens weniger als die Hälfte ist - Ausnahme vielleicht tiefer Sand o.ä., ansonsten dominiert bergauf die Hubarbeit und in der Fläche, wenn es einigermaßen rollt, die Arbeit gegen den Luftwiderstand. Es bleibt in der Gesamtbetrachtung also weniger als 50% Unterschied im Aufwand, je nachdem ob man den am besten oder den am schlechtesten rollenden
Reifen tritt.
Im Test waren nun ganz unterschiedliche Modelle vertreten, insbesondere zu vergleichen waren verschiedene Gummimischungen, verschiedene Karkassenaufbauten und verschiedene Profile. Insbesondere Karkasse und Profil schlugen sich dabei auch aufs Gewicht durch - Karkasse wegen mehr Lagen an Karkassenmaterial und Profil wegen mehr Gummi, der für manche Profile nötig ist. Erkennen konnte man gut einen generellen Sprung im RoWi zwischen den verschiedenen „Klassen“ im Gummi, also hier einerseits weich und andererseits sehr weich (z.B.
Schwalbe Soft und Ultrasoft, Spezi T7 und T9 etc.). Harte auf RoWi optimierte Gummis waren gar nicht vertreten. Weiterhin konnte man auch noch deutlich einen Einfluss verschiedener Profile erkennen. Da wo mehr Gummi im Profil walkt, ist der RoWi höher. Dieser Einfluss ist aber deutlich geringer als der vom Gummityp. Kaum Unterschiede konnte man sehen zwischen verschiedenen Karkassen (Ausnahme
Schwalbe Radial), hier waren auch stabilere Karkassen teils besser vom RoWi her, wobei man sehen muss, dass alle
Reifen mit gleichem Luftdruck gefahren wurden, was in der Praxis aber nur selten zutreffen wird. Meistens fährt man ja dickere Karkassen, um niedrigere Drücke für besseren oder zumindest gleichen Grip bei weniger Pannenanfälligkeit zu haben. Die Verformung des Reifens hat einen wesentlichen Einfluss auf den Rollwiderstand, wie gut anhand der Radialkarkassen von
Schwalbe zu sehen ist.
Hier stellt sich nun aber die wichtige Frage, was ist einem bei der Reifenperformance wichtig. Da die Verformung eines Reifens einen erheblichen Einfluss hat, spielt der Luftdruck eine Rolle. Nun ist es je nach Untergrund nicht unbedingt so, dass mehr Luftdruck weniger Rollwiderstand bedeutet, aber es bleibt festzustellen, dass es Unterschiede gibt. Stellt man bei der Reifenperformance niedrigen RoWi an erste Stelle, sollte man auch den Luftdruck so wählen, dass der RoWi minimal wird für den
Reifen. Tut man das nicht um andere Aspekte zu optimieren, stellt sich die berechtigte Frage, ob vielleicht ein
Reifen, der im Optimalfall mehr RoWi, dafür aber Vorteile in anderen Aspekten wie Grip oder Stabilität hat, nicht im RoWi besser performen könnte, weil man diesen
Reifen wegen der besseren Performance in anderen Bereichen vielleicht mehr auf RoWi optimiert - bzgl. Luftdruck - fahren kann. Diese Überlegung zeigt imho gut, dass eine Optimierung zwischen verschiedenen Zielen bei mehreren Parametern so kompliziert ist, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Das erklärt dann auch gut, warum unterschiedliche Fahrer unterschiedliche Erfahrungen mit ein und demselben
Reifen haben können: einerseits gibt es höchstwahrscheinlich nicht komplett übereinstimmende Erwartungen und andererseits ist auch die Detailoptimierung (speziell Luftdruck in Relation zum Gewicht) wahrscheinlich nicht dieselbe. Nicht zu vergessen natürlich, dass meistens auch andere Teststrecken zugrunde liegen.
Meine Schlussfolgerung wäre:
Ganz klar steht im Vordergrund die Wahl des Gummityps, wenn es um RoWi geht. Dabei sollte man bedenken, dass Grip nicht nur vom Gummi abhängt, sondern je nach Untergrund teils sogar deutlich mehr vom Profil. Ob es immer das krasseste Profil mit dem weichsten Gummi sein muss, ist fraglich. Ähnliche Überlegungen gelten, wenn auch mit weniger Auswirkungen hinsichtlich RoWi, für Profil und Karkasse und in diesem Zusammenhang dann auch, welche Luftdrücke man fahren will.
Um auf den anfangs zitierten Test zurückzukommen… hat man die Klasse an
Reifen, die man haben will, entsprechend obiger Überlegungen identifiziert, gibt es immer noch Unterschiede zwischen ähnlichen Modellen verschiedener Hersteller. Diese sind aber im Bereich von etwa 10%, maximal 20% bezogen auf die Messwerte; zieht man die Bedeutung des RoWi am Gesamtaufwand mit in die Überlegung ein, dürfte also der Unterschied zwischen vergleichbaren Modellen jedenfalls weniger als 10% sein. Bedenkt man jetzt noch, dass die Unterschiede der
Reifen nicht nur den RoWi, sondern auch den Grip etc. betreffen, kann es gut sein, dass man den besser rollenden
Reifen vielleicht weniger im optimalen Fenster hinsichtlich RoWi fährt, was die Unterschiede weiter abschmilzt.
Ich würde mich hier also
@Hrodulf anschließen in der Aussage, dass es kaum einen Unterschied macht, wenn man vergleichbare
Reifen von den etablierten Herstellern fährt. Dass es dabei immer noch gute und schlechte Designs gibt, ist durchaus so, nur wird das auch schnell klar und meistens halten sich die entsprechenden Modelle nicht lang. Aber ein Butcher, eine Mary oder ein DHR II mit entsprechenden Karkassen und Gummimischungen werden sich sicherlich weniger nehmen, als andererseits die Tagesform des Fahrers oder die Eichung des Luftdruckmessers ausmachen.
Und wie von
@StelioKontos richtig festgestellt: Das Gewicht kann zwar mit RoWi korreliert werden, aber eben über den Umweg von insbesondere Profil, mit dem das Gewicht stark korreliert, und abgeschwächt über Luftdruck, der mit stabilen Karkassen - ebenfalls stark korrelierend mit Gewicht - vorwiegend gefahren wird.
Es bleibt dabei: Wer nicht Rennen auf entsprechendem Niveau fährt, sollte sich zwar Gedanken machen, welche Art von
Reifen er fahren sollte, aber alles weitergehende ist ausgesprochenes Nerding… wogegen andererseits aber ja nichts spricht. Also weitermachen!
