Der bittere Beigeschmack der Hochglanz-PR
Es ist eine bemerkenswerte Form der redaktionellen Akrobatik, die hier vorgeführt wird. Auf der einen Seite wird ein Branchenriese wie Canyon in einem aufwendig produzierten Video noch vor einer Woche als leuchtendes Beispiel der Branche inszeniert. Auf der anderen Seite folgt nun die harte Landung in der Realität der betriebsbedingten Kündigungen. Wenn die Grenze zwischen unabhängigem Journalismus und dem Abspulen von PR-Inhalten so fließend wird wie die Trails in den Werbeclips, verliert das Wort Glaubwürdigkeit massiv an Wert.
Dass man sich als Medium nun als Hüter des guten Tons aufspielt, während man gleichzeitig eine moderierte Dauerwerbesendung für einen Partner betreibt, der hunderte Existenzen vor die Tür setzt, entbehrt nicht einer gewissen tragischen Komik. Wer den Zeigefinger zur moralischen Belehrung hebt, sollte sicherstellen, dass dieser nicht gerade tief im Honigtopf der Anzeigenkunden steckt.
Die Realität hinter der Fassade
Die Diskrepanz zwischen der medialen Lobhudelei und den tatsächlichen Unternehmenszahlen könnte kaum größer sein:
- Canyon plant, die Belegschaft an Kernstandorten um bis zu 320 Stellen zu reduzieren.
- Derzeit beschäftigt das Unternehmen etwa 1.600 Mitarbeiter.
- Die Umsatzzahlen der Eigentümergruppe GBL zeigen einen Rückgang von 7 % in den ersten neun Monaten des Jahres.
- Als Gründe werden ein Überangebot in der Branche und der damit verbundene Preisdruck durch Rabatte angeführt.
- Gründer Roman Arnold begründet den Schritt mit der Notwendigkeit, Komplexität zu reduzieren und Agilität zurückzugewinnen.
Journalismus oder Dienstleistung?
Es wirkt fast so, als wäre Kritik am Goldesel der Industrie in diesem Geschäftsmodell schlicht nicht vorgesehen. Wenn ein Medium die Rolle des kritischen Beobachters gegen die des loyalen Begleiters eintauscht, nur um die Gehälter in der Redaktion zu sichern, darf es sich über den Vorwurf der Parteilichkeit nicht wundern.
Respekt sollte nicht bedeuten, PR-Inhalte widerspruchslos zu akzeptieren. Wahrer Anstand würde sich darin zeigen, die schwierige Lage der betroffenen Mitarbeiter zu thematisieren, anstatt Wohlfühl-Interviews zu führen, während die Kündigungswelle bereits anrollt. Wer erst lautstark lobt und dann zusehen muss, wie die Realität das eigene Narrativ zerlegt, hat am Ende vor allem eines verloren: das Vertrauen der eigenen Community.