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Ausprobiert
3 Winterbikes im Vergleich – Ibis, Alutech & Cube

Winterbikes? Klingt dekadent, ist aber quasi rational: Schließlich stellt die kalte Jahreszeit andere Anforderungen ans Material als der Sommer – und sein gutes Sommerrad mit Streusalz und Matsch verschleißen? Aber abgesehen von der Sinn-Frage steht fest: Es gibt verschiedene Konzepte für Radsportler im Winter, und wir haben drei davon ausprobiert. Das Cube CX Race, das Ibis Tranny „Unchained“ und Alutechs Fat Fanes. Alle drei versuchen auf unterschiedliche Art und Weise trotz Schnee und Matsch zu glänzen – und sind alle auf ihre Art und Weise erfolgreich.

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Alutech Fat Fanes

Die Alutech Fat Fanes repräsentiert hier die Gattung der Fatbikes. Das Konzept leuchtet intuitiv ein; wie Schneeschuhe soll die größere Auflagefläche helfen, weniger tief einzusinken und dadurch weniger leicht stecken zu bleiben. Das Thema wurde hier in den letzten Wochen ja im Rahmen des Fatbike-Tests ausführlich diskutiert, und in Anbetracht der polarisierenden Wirkung der überbreiten Reifen scheint die Auseinandersetzung damit doch recht schwierig. Deshalb hier nur recht kompakt einige Aspekte zu Alutechs Fat Fanes.

# 16 kg schwer und dennoch recht agil - solange man das Ding nicht tragen muss, überzeugt es.
  1. Fat & Gefedert ist eindeutig besser als nur Fat. Die Federelemente und die federnden Reifen arbeiten glücklicherweise nicht gegeneinander, sondern miteinander – das Fatbike-Fully vermittelt wesentlich weniger Gymnastikball-Feeling, als es mit dem starren Fatbike der Fall war. Das liegt sicher auch am nächsten Punkt…
  2. Weniger ist mehr, oder: Zu viel ist zu viel. Die 4,0″ Reifen fuhren sich eindeutig besser als die 4,8″-Version. Das lag am geringeren Gewicht, aber auch an dem definierteren Fahrgefühl. Der Druck muss dafür nicht wirklich erhöht werden, kleinere Unebenheiten werden ähnlich gut weggeschluckt. Apropos Druck:
  3. Den richtigen Luftdruck am Fatbike einzustellen ist gar nicht so einfach. Bei beliebten Standpunkten wie Joe Blow wird unterhalb von einem gewissen Mindestdruck nämlich gar nichts angezeigt, weil die Skala ja bis 15 Bar reichen soll. Mal sehen, wann die erste Fatbike-Pumpe mit viel Volumen und genauer Druckanzeige bis maximal 1 Bar auf den Markt kommt…
    # Auf solchem Schnee lässt es sich hervorragend biken - ein Fatbike braucht es dazu freilich nicht wirklich.
    # Alutech Fat Fanes - Potenter Viergelenker, moderne Geometrie und dicke Reifen - da geht was.
  4. Der Bereich, in dem die breiteren Reifen auf Schnee wirklich einen Vorteil bieten, ist ziemlich schmal. Am besten fährt nämlich auch das Fatbike auf präparierten Pisten und schon kompaktiertem Schnee, aber genau da kommt man auch mit einem normalen Mountainbike schon recht weit. Solange Pulverschnee kalt und leicht ist und die Unterlage fahrbar, macht das Fatbike auch hier Spaß – aber das gilt ja wieder auch für das normale Mountainbike? Aber es ist nicht zu bestreiten: Es gibt Schnee, auf dem das Fatbike brilliert und das Mountainbike versinkt – nur ist der verdammt schmal.
  5. „Breitere Reifen = mehr Grip“ – diese Gleichung gilt nicht immer. Sie gilt auf weichem Waldboden, sie gilt auf festem Boden, aber eindeutig nicht auf manchem Matsch und dem ganz losen Schotter. Bei diesen Untergründen ist es nämlich effektiver, mit einem schmalen Reifen tiefer einzuschneiden und so seinen Halt zu erlangen, als nur die oberste, lose / weiche Schicht wegzuschieben.
  6. Die Fat Fanes ist ein Ass auf technisch anspruchsvollen Abfahrten. Die Kombination aus flachem Lenkwinkel, potentem Hinterbau und 4,0″-Reifen ermöglicht und ermutigt zu wirklich krassen Linien bergab.
  7. Die Rock Shox Bluto in unserem Testbike ließ Endprogression ziemlich vermissen – mangels erschwinglicher Konkurrenz bleibt sie trotzdem der Status Quo. Außerdem wurde uns inzwischen mitgeteilt, dass keine Token zur Reduzierung der Luftkammergröße verbaut waren – wir empfehlen Bluto-Fahrern ausdrücklich, die Gabel auch mit Token zu testen, es wird ihr gut tun.
# Eine beispielhafte Szene - bei solchen Stufen lächelt die dicke Dame nur müde und gibt dem Fahrer alles Selbstbewusstsein dieser Welt

Fazit: Ist das Fatbike das ideale Winterbike? Naja… sicherlich das ein wenig bessere Winterbike als ein normales Mountainbike, aber Wunder darf man nicht erwarten: Klebriger Schnee oder Matsch stoppt die Räder auch hier zuverlässig, auf manch losem Untergrund verhindert das „Aufschwimmen“ auch den Aufbau von Grip. Dafür ist die Kombination aus Fully und dicken, weichen Reifen in technischem Geläuf schier nicht zu schlagen, und zwar jahreszeiten-unabhängig.

Cube CX Race

Sowohl Mountainbiker als auch Rennradler wechseln im Winter häufig auf den Cyclocrosser. Die Rennradler suchen mehr Grip, doch was reitet Mountainbiker? Meinen Erlebnisbericht hatte ich ja kürzlich bereits hier veröffentlicht, möchte an dieser Stelle aber spezifisch auf das getestete Cube CX Race und die Eignung als Winterbike eingehen.

# Cube Cross Race - der Einstieg in die Welt des Radcross gelingt bei Cube ab 999 €, für das hier gezeigte Modell werden 1099 € fällig
# A little dirt doesn't hurt - stimmt.
# Wurde das falsche Rad geschickt? - Ich dachte, Road Race und Cross Race seien zwei Paar Schuh.
# Einer dieser Tage - die Kettenschaltung wirkt einfach nicht wie das ideale Konzept für Matsch
  1. Die Preisleistung stimmt: Ab 1000 € gelingt der Einstieg, und dafür gibt es ein richtig schön leichtes Fahrrad. Das Testbike CX Race Disc kommt mit mechanischen Scheibenbremsen und wiegt 10,7 kg, das alles für 1099 € – muss man mit einem Mountainbike erst einmal hinkriegen.
  2. Das Prinzip: „Mehr Grip durch dünnere Reifen“ geht absolut auf, und zwar insbesondere da, wo das Fatbike versagt: Im Matsch und auf feuchten Wiesen. Wahrlich beeindruckend, wie sich dieser Hauch von Rocket Ron festbeißt.
  3. Mechanische Scheibenbremsen geben zwar ein gutes Gefühl und zeigen sich recht resistent gegen Wasser und Schmutz, aber die Bremsleistung lässt doch etwas zu wünschen übrig. Kam doch mal Wasser auf die Scheibe, konnte ich das Hinterrad nicht mehr blockieren lassen – das Gefühl hatte ich schon so richtig lange nicht mehr!
  4. Kettenschaltung bleibt Kettenschaltung. Die nötige Portion gefrierender Schnee genügt und Vortrieb ist nicht mehr zu erwarten, weil die Kette springt.
  5. Nicht nur der Rollwiderstand, auch der Luftwiderstand spricht für das Crossrad. In der Ebene auf einer guten Schotterpiste oder Asphalt lassen sich auch bequem 30 km/h treten, das steigert den Aktionsradius doch deutlich.
  6. Im Winter fahre ich gern Flatpedals. Das ist mit dem Rennlenker aber keine so gute Idee, in Kurven haut man sich sonst nämlich (und zwar egal ob mit langem oder kurzen Vorbau) gerne die Hände vom Lenker.
  7. Kabelwirrwarr nervt – die zusätzlichen Bremsgriffe empfand ich dennoch als sehr angenehm, wenn ich mal raus aus der Aero-Haltung wollte. Deshalb: Daumen hoch für die Ausstattung des CX Race – das Rad ist funktionell und bezahlbar.
# Konnten nicht gänzlich überzeugen - Die Bremskraft war doch nicht mit den üblichen Mountainbike-Bremsen zu vergleichen
# Auch so eine Gretchenfrage - Klickpedale sind im Winter ganz schön kalt
# Wie können diese niedlichen Stollen so viel Grip erzeugen? - Ganz einfach: indem sie gnadenlos einschneiden
# Das Konzept geht auf - sportliche Sitzposition und kurzer Radstand sorgen für jede Menge Vortrieb und Grip
# Das Konzept geht eindeutig auf - die dünnen Reifen lassen sich auch von tiefem Matsch nicht aufhalten

Fazit: Ein Cyclocrosser macht als Rennmaschine mächtig Spaß und wühlt sich schön schnell durch jeden Matsch. Solange die anvisierten Trails nicht zu steil bergab gehen, ist der Crosser damit das ideale Trainingsgerät, denn auch lange Runden lassen sich leicht bewerkstelligen. Das Fahrrad, besonders die Kettenschaltung, wird dabei aber auch leiden – denn wirklich weniger ist an diesem Rad auch nicht dran.

Ibis Tranny Unchained

Während sich die beiden anderen Kandidaten durch ihre besonderen Reifen für den Einsatz im Schnee und Matsch prädestinieren wollen, ist es beim Ibis Tranny Unchained der Antrieb, der überzeugen soll. Denn das Tranny verzichtet zum einen auf eine Gangschaltung, zum anderen auf die Kette, und damit auf alles, was sich von Dreck so richtig beeindrucken lässt. Stattdessen: Singlespeed mit Gates Carbondrive, dazu 29″-Räder.

# Was nicht da ist, kann auch nicht nicht funktionieren - So spartanisch aufgebaut bringt es das Ibis auf gerade einmal 8,8 Kilo
# So leise, so direkt - der Gates Carbondrive mit Centertrack-Technik konnte auf ganzer Linie überzeugen
# Anfallender Schnee & Matsch wird einfach weggedrückt - die Riemenscheiben trotzen dem Schmutz perfekt
  1. Weniger ist mehr – wie schön ein Mountainbike-Cockpit aussehen kann, wenn man auf all die Kabel verzichtet!
  2. Weniger ist leicht zu reinigen – innenverlegte Züge oder einfach wenige Züge sind beim Putzen eine wahre Freude.
  3. Matter Lack überzeugt beim Bike-Wash. Ganz im Ernst: Optisch geht kaum etwas über Eloxal, aber wenn man es mal putzen muss, war’s das mit der großen Freude. Das matte Carbon des Ibis dagegen muss nicht groß poliert werden, es sieht schon nach dem bloßen Abwaschen von Schmutz wieder frisch aus.
  4. Gates Carbondrive war gut, Carbondrive mit Centertrack ist besser: Der mittig geführte Riemen stellt geringere Anforderungen an die Ausrichtung der Riemenscheiben zueinander und bleibt dadurch immer auf Kurs. Der Zahnriemen läuft selbst verschmutzt noch lautlos, es ist die helle Freude. Auch in der Abfahrt scheppert an diesem Rad einfach gar nichts, da könnte man sich dran gewöhnen!
  5. Die Reifenfreiheit am Yoke ist eher etwas knapp bemessen, mit ordentlich Fango schleift’s da schnell mal. Dank der dünnen Sitzstreben schleift es aber den Matsch recht gut ab, so dass man nicht wirklich ausgebremst wird.
  6. Hast Du keine Schaltung, dann hast Du keine Wahl – zumindest nicht bergauf. Die einzige Option heißt deshalb: Treten! Dank des äußerst geringen Rollwiderstandes und des eher kleinen einen Ganges an unserem Testrad war das auch meist eine gute Option, solange die Steilstücke nicht zu lang ausfallen.
  7. Wird der Schnee zu tief, dann sticht das Ibis mit einem anderen Argument: 8,8 kg – also ab auf die Schulter und zu Fuß weiter. Übrigens damit ziemlich genau halb so schwer wie der Fat Fanes Prototyp…
# Bei niedrigen Temperaturen ist die Sache mit der Federung häufig schwierig - Die Fox Float schlug sich aber auch dann passabel, allerdings nur wenn sie im Trail-Modus gefahren wurde. Die wirklich offene "Descent" Stellung lässt Feedback vermissen und sackt einfach mal weg.
# Einziger kleiner Kritikpunkt - die Reifen-Freiheit könnte etwas größer sein
# Perfekte Bedingungen für das Ibis - Matsch und noch mehr Matsch

Fazit Ibis: Ganz ehrlich, um einfach nur im Winter Rad zu fahren, ist das Singlespeed-Bike mit Carbondrive die erste Wahl. Nur bei diesem Rad hatte man kein schlechtes Gewissen, wenn man es nicht nach jeder Matschtour geputzt hat. Obendrein geht die Reinigung des Tranny wesentlich schneller als bei allen anderen Bikes in meinem Keller. Und habe ich schon erwähnt, dass man den Riemen nicht mal schmieren muss? Einfach genial. Genial einfach.

Winterbike-Vergleich – das Fazit

Ich sag’s mal ehrlich: Ein zusätzliches Rad nur für den Winter, das werden sich die wenigsten leisten. Zum Glück spricht bei keinem der drei Bikes etwas dagegen, sie universeller einzusetzen. Die Fat Fanes könnte als Haupt-Mountainbike taugen, vor allem, wenn auf einen gewichtsbewussten Aufbau geachtet wird. Das Cube könnte das ideale Trainingsgerät auch für den Sommer oder auch der schnellste Weg zur Arbeit sein. Und das Ibis bleibt auch ohne widrige Umstände eine lautlose Rakete für Puristen. So unterschiedlich die Bikes auch sind – jedes für sich ein interessanter Charakter.

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