Stellungnahme von Ernst Brust zu einer
aktuellen Branchen - Diskussion
Gegen die Wand gefahren
Federgabeltest am 05.06.02 in Stern TV
Professor von der Osten Sacken testete im Auftrag von Stern TV vier Vorderradgabeln für MTB's. "Testsieger" wurde eine starre Stahlgabel für 15,-  aus dem Baumarkt. "Testverlierer" die weltweit erfolgreiche Sid -Federgabel von Rock Shox für 1.000,-  aus dem Fachhandel.
Versagt hatte ein No-name-Federgabelmodell für 50,-  aus dem Kaufhaus, ohne Beanstandungen durchlief die Federgabel der Fa. Helmig Comfy oder Cozy für 150,-  im Fachhandel den Test.
Eine "Sternstunde" sicherheitstechnischer Erkenntnisse im Fahrradbau!
Gezeigt wurde auch die Testeinrichtung, auf der die Prüfungen durchgeführt wurden. Sie arbeitet nach folgendem Prinzip:
Die Gabel wird am Gabelschaftrohr gespannt und senkrecht zur Steuerkopfachse an den Ausfallenden hochfrequent belastet. Ein elektromotorisch angetriebener Exzenter wird so einjustiert, dass er eine Prüfkraft aufbringt. Die Kraft wird während des Tests nicht gemessen. Gezählt werden die Schwingspiele bis zum Bruch.
Diese Testeinrichtung wurde in den Jahren 1994/1995 an der TH Aachen entwickelt. Sie eignet sich besonders zur schnellen Prüfung einfacher Bauteile durch Biegebelastungen in einem Einstufenversuch. Die Einrichtung wurde mehrfach gebaut und an die Industrie verkauft. Sie hat sich eingeschränkt bewährt.
Im vergleichenden Warentest z. B. kann man mit ihr, auch ohne genaue Kenntnis der aufgebrachten Kräfte, feststellen, welches Bauteil diese Biegebelastungen länger erträgt.
Fahrräder sind aber sehr komplexe technische Geräte. Sie sind unterschiedlichsten Betriebslasten ausgesetzt. Muskelkräfte bis hin zu hartem Wiegetritt, Bremsbelastungen bis hin zur Vollbremsung und FahrbahnstöÃe bis hin zum Sprung belasten die Bauteile.
Dabei beeinflussen sich die tragenden Elemente eines Fahrrades gegenseitig.
Bremsen belasten die Gabel, die Gabel belastet den Rahmen auf Biegung, etc. Einfaches Verbiegen von Gabelscheiden reicht deshalb als Test nicht aus.
Der Normenausschuss Fahrräder des DIN hat sich 1995 auf Vorschlag von Professor von der Osten Sacken und seiner damaligen Assistenten Heinrich und Spahl ausführlich mit den Prüfmethoden der TH Aachen befasst und sie einmütig abgelehnt. Zur Beratung der Ausschussmitglieder wurde 1996 ein Fachgespräch bei der Bundesanstalt für StraÃenwesen (BAST) im Auftrag des Verkehrsministeriums durchgeführt.
Namhafte Experten der Materialprüfung aus den verschiedensten Arbeitsbereichen äuÃerten sich zu geeigneten Prüfmethoden im Fahrradbau. Wesentlich seien besonders
1. Kenntnis der tatsächlichen Betriebslasten und Umrechnung in Prüflastkollektive
2. praxisgerechte Einspannung der Prüflinge
3. Test mehrerer Komponenten
4. Mehrstufentests, die alle Belastungsarten abdecken
Die erforderlichen Forschungsarbeiten wurden 1997 an der TU Hamburg-Harburg abgeschlossen und als BAST-Bericht veröffentlicht. Sie führten zur Verabschiedung von DIN 79100 und Erarbeitung des Zertifizierungsprogramms "DIN plus für Fahrräder und Komponenten" der DIN CERTCO GmbH Berlin.
Sicherheitstechnische Ãberprüfungen von Vorderradgabeln erfassen heute auch die von H. Prof. von der Osten Sacken aufgebrachten Biegebelastungen der Gabelscheiden. Dies ist aber nur ein Bruchteil der Prüflastkollektive.
Der spöttisch als "vdo-Vibrator" bezeichnete Prüfstand ergibt also keinesfalls repräsentative Ergebnisse bezüglich einer sicherheitstechnischen Ãberprüfung von Federgabeln.
Folgende Fehler waren beim Stern-TV-Test signifikant:
ï· es wurde nur eine Prüfkraft in einer Richtung aufgebracht
ï· Bremsbelastungen fehlten
ï· FahrbahnstöÃe fehlten
ï· die ausgefederte Gabel wurde in Fahrtrichtung belastet
Dabei ist es unerheblich, dass die Gabeln auf dem Kopf stehend getestet wurden. Die Federung wurde sowieso nicht aktiviert.
Der Test ergab im Prinzip nur eines:
Ein dickes Wasserleitungsrohr ist billig und erträgt besonders viele Wechselbiegebelastungen.
Etwas mehr Sorgfalt!
Euer Fahrradsachverständiger
Ernst Brust