Mein Projekt "Alle vom Balkon aus sichtbaren Wandergipfel
by fair means erreichen" geht dem Ende zu: es fehlt nur noch ein offizieller Gipfel, nämlich das Rothorn (welches der elf Walliser Rothörner genau verrate ich euch ein andermal

). Da es diese Woche bis unter 3000 müM schneite und zudem ordentlich der Wind ging, war mir aber heute das Rothorn zu heikel.
Zum Glück gibt's noch ein paar inoffizielle Gipfel beim Balkonprojekt: zum Beispiel führt kein Weg hinauf, oder sie sind wirklich zu weit weg, oder sie sind zu alpin. Und so fasste ich zwei nicht ganz so hohe weglose Berge im Val d'Hérens ins Auge.
Ich fahre um vier Uhr los und komme recht locker nach Vex hoch. Weiter hinauf nach Evolène ist's zäh: die Strassse ist steil, und der Bergwind bläst mir gnadenlos entgegen. In Evolène lege ich mich ein paar Minuten auf eine Bank und tauche in eine sehr erholsame Welt ein, so dass ich ich den Aufstieg nach Artsinol frisch und munter angehen kann.
Und dann passiert ein weiteres Mal das grosse Wunder: es wird Tag
Die Sonne verwöhnt das Matterhorn.
Ich kreuze einen Jäger aus Savièse, und wir quatschen ein bisschen. Es ist Rehjagd; zudem darf seit dieser Woche das Wolfsrudel von Mandelon geschossen werden, aber für das hat er das Patent nicht.
Ein paar Höhenmeter weiter oben führt der Hirte seine Schafe auf die Weide, kräftig unterstützt von seinen Hunden. Die grossen Herdenschutzhunde gehen's recht gemütlich an, während die Border Collies Gas geben, gelenkt von den Rufen und Pfiffen des Hirten. Nur Border Collie Salsa muss bem Hirten bleiben, was ihm sichtlich schwer fällt.
Am Ende ist einer der Border Collies im Gehege eingeschlossen. Ein Ruf des Hirten, und prompt hüpft er elegant über den Zaun, alle Viere nach unten gestreckt.
Als die Arbeit getan ist, wechsle ich ein paar Worte mit dem Hirten, Typ Schnauz mit der Statur eines Türstehers. Ein netter Mensch
Die biblische Hirtenszene, die Müdigkeit und Anstrengung, der Sonnenaufgang - ich verdrücke ein paar Tränen.
Auf dem Wanderweg kann ich zu Beginn noch ein bisschen fahren.
In Vendes lasse ich das Cutthie stehen und wandere weglos berghoch. Zum Glück ist die Route logisch und ungefährlich, und so komme ich glücklich auf der Pointe de Mandelon an.
Nach einer Pause steige ich noch weiter hoch, zur Rionde de Vendes. Auch hier geht trotz Weglosigkeit alles tipptopp.
Das Gipfelkreuz ein bisschen schmächtiger als auf der Pointe de Mandelon
Die Aussicht ist atemberaubend schön: Berner Alpen, La Maya und Becs de Bosson.
Sasseneire und Weisshorn.
Val d'Héremence.
Pic d'Artsinol, Mont Rouge und weiter hinten die Gipfel ob der Grande Dixence.
Ich steige direkt durch den Osthang ab und finde ein paar verblühte Edelweisse. Es ist ein bisschen steil, und mir kommt natürlich Christine Lauterburgs wuchtig-poetisches
Ide Edelwyss in den Sinn.
Der berndeutsche Text verliert bei der Übersetzung, aber ohne Übersetzung ist's glaub für die meisten hier unverständlich...
Ertroolisch habe ich mal belassen - so ein schönes Wort für
in den Bergen abstürzen
Hans gib acht, dass Du nicht ertroolisch, wenn Du in die Edelweisse gehst.
Ich weiss nicht, was ich auf Erden ohne Dich noch anfangen sollte.
Elsi tu doch nicht so angsten, Du weisst ja, ich kenne die Fluh.
Ich will Dir am nächsten Samstag Blumen vor Dein Fenster tun.
[Jodel]
In dem schmalen Fluhband drinnen hat's die schönsten Edelweisse.
Frech tut die der Hansli gewinnen, schwingt den Hut und jodelt los.
[Jodel]
Und bald darauf, am nächsten Samstag, siehst man Elsi am Fenster stehen.
Sie schaut hinaus und sieht von weitem Vater Ernst jetzt näherkommen.
In den starken Händen des Vaters liegt am Hans sein Hut alleine,
randvoll gefüllt mit weissen Blumen, Edelweisse für Elsi, alleine.
Es zieht langsam zu. Der Dent Blanche und dem Matterhorn ist's glaub egal.
Bei der Remontse d'Asson lege ich mich auf den Tisch und penne eine Runde - herrlich!
Die Lärchen wechseln langsam vom grünen ins gelbe Kleid.
In Vendes kann ich wieder in den
Sattel steigen, und schon bald ist alles fahrbar. Ein letzter Blick auf Sasseneire und Dent Blanche.
In Mandelon ist
fin de saison, und es wird ein leckeres Raclette offeriert.
Schön satt fahre ich die 1500 Tiefenmeter nach Sion ab - sehr geil

Der Aufstieg nach Savièse geht mir recht locker von den Beinen, und am Ende mag ich sogar noch eine kleine Extraschlaufe anhängen, um den 3000er vollzumachen:
Karte.
Was für eine schöne Tour!