Ich auch, als studierter solcher und langjährig Berufstätiger in dieser Branche. Bin ausbildungstechnisch aber nicht nur BWLer. Tlw. schlage ich sogar die Hände vor dem Kopf zusammen, wenn ich mir die Fahrradbranche der letzten Jahre (ab dem E-Bike Boom beginnend etwa 2017) anschaue.
Für mich ist das ganze Marketing-Larifari, welches sich grob seit 2010 in der Fahrradbranche zu etablieren begann und ab etwa 2015 so richtig durchstartete im übrigen auch der Grund, weswegen ich in dieser Brache gar nicht mehr arbeiten möchte und wohl auch nicht mehr werde.
Aber, die ganze Szene wie sie heute agiert, bedient nun mal "perfekt" heute junge Menschen (Zielgruppe: 20-35 Altersklasse), die Aufmerksamkeitsgierig sind, laufend einen neuen Kick/Impuls benötigen (Stichwort: kurze Produktlebenszyklen - jedes Jahr wird das Rad neu erfunden

) und Bestätigung suchen, indem was sie tun/kaufen und ihr Tun der ganzen Welt via Videos etc. mitteilen.
Das Marketing ist besonders darauf aus, kognitive Dissonanzen zu vermeiden in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben. Die Ratio/das logisch-kritische Denken tritt immer mehr in den Hintergrund und ist zugleich der "Feind" jedes Marketers, denn man würde ja seine hochgezogene Bubble zum Einsturz bringen und die Kundschaft maßlos überteuerte Produkte nicht mehr kaufen.
Canyon hat sich aus meiner Sicht BWL-strategisch verhaspelt: wie soll eine Discountstrategie mit welcher sie groß geworden sind (Räder billig über das I-net zu verkaufen) mit einer Premium-Markenstrategie funktionieren, die auf hohe Preise abzielt?

Es gab und gibt in der Fahrradbranche schon genug Ansätze Premium-Marken zu etablieren und zahlreiche Marken haben es in diesem Segment auch überlebt für Jahrzehnte; sowohl im MTB, als auch Rennrad. Aber, dieses Segement ist mMn mehr als gesättigt/übersättigt, mengenschwach und es läuft dort alles über die Psychologie/Marketing. Denn, die meisten Fahrer/leute, die auf Premiumrädern sitzen, haben weder die Figur noch Leistungsfähigkeit um Ansatzweise solch ein Material nüchtern/rational gesezen "zu brauchen". Da reicht SLX-Schaltgruppe vollends.
Durfte ich in meiner Firma selbst erleben, die ich als damaliger BWL-Student in den 2000er als 20jähriger hochgezogen hatte; ich startete mit 50€ als Student damals im übrigen + einem PC. Viel Herzblut und viel Arbeit steckten da drinnen, aber ich war immer vorsichtig/demütig was ich wie gemacht habe. Hatte nie Größenfanatsien, sondern versuchte eben mit bescheidenen Mitteln etwas zusammen zu bringen. 9 Jahre lang wohlgemerkt schuldenfrei.
Als Gelddruckerei habe ich meine Unternehmung nie gesehen, wenngleich ich schon als BWLer den Anspruch habe, profitabel zu wirtschaften (also die runde 0 am Ende des Jahres zumindest zu schaffen, was keinesfalls so selbstverständlich ist) - ist man Eigentümer, lebt man nunmal vom Profit und bekommt kein klassisches Gehalt.
Mein GF-Nachfolger war dann genau so jemand, den du schilderst. Zwar nicht jünger, sondern 8 Jahre älter als ich, aber das Ergebnis: 80% Umsatzrückgang binnen 3,5 Jahren seiner Administration + Schuldenver
Vierfachung + Schließung des Betriebs nach 6 Jahren seiner Administration.
Versprochen/ventiliert hatte er zu seinem Antritt als GF eine jährliche Umsatzsteigerung von rund 80%, nur so am Rande erwähnt, denn ich mit meinen damaligen 5-10% Umsatzzugewinnen pro Jahr (realisiert, nicht ventiliert) würde ja nichts zusammenbringen. BWL hatte er übrigens nicht studiert, sondern bei Jus war irgendwo in der Hälfte Schluss. Aber medial gut verkaufen konnte er sich in unserer Region, verkaufte IT-/digital getriebene Hoffnung auf zukünftige Umsätze, ist aber seit 16 Jahren dauerdefizitär lt. Bilanzen, die man öffentlich einsehen kann.
BWL lernst übrigens net an der Uni/FH, sondern im rauhen Wind der Privatwirtschaft; entweder bringt dir das jemand bei (Mentor) oder du bist als junger Mensch selbstkritisch/reflektiert und schaust, wie du selbst was zusammen bringst.
Ich saß zu meiner Masterzeit mit Kollegen in Kursen der Uni, die am Ende des Studiums BWL keinen blassen Schimmer davon hatten; im Doktorat ist es noch krasser - da ist die BWL in der Anwendung soweit entfernt von der Universitär gelehrten BWL wie der Papst vom Kinderkriegen. Gefährlich.
Meine Firma in jungen Jahren war übrigens eine Reaktion auf diesen Umstand, dass man im BWL-Studium 0 Praxis hat, es zugleich aber eine praktische Tätigkeit ist im anschließenden Berufsleben. Ich könnte sogar Hardcore formulieren: die BWLer bilden an der Uni am Markt vorbei aus. Besonders pikant und traurig.
Jeder Mediziner hat Famulaturen/Turnus, jeder Apotheker muss zumindest nach dem Studium ein Aspiranten Jahr machen oder auch die Juristen ihr Gerichtsjahr um eben mal in einem sehr geschützten Bereich Einblick in den Job zu erhalten, bevor er im Job "losgelassen" wird.