1.Etappe Füssen-Imst 19.7.2008
Untertitel: Anfängerfehler
Der Start der ersten Etappe ist ausnahmsweise um 10, die restlichen Etappen starten dann bereits um 9. So haben wir heute früh etwas Zeit, um noch organisatorische Dinge und Restarbeiten an den Bikes zu erledigen. Zuerst geht es zur Orga, um die Taschen und Ausweise abzuholen. Dabei stellen wir fest, dass wir bei der Anmeldung die Angabe 'Wohnmobil' vergessen haben. Wir bekommen deshalb keinen Camper-Aufkleber und müssen teilweise die Campingplätze bezahlen. Erster Anfängerfehler! Auf den Schreck holen wir uns erstmal einen Kaffee bei McDonalds.
Wie vor jedem Rennen, baue ich auch heute mein Bike erst kurz vor der Angst zusammen. Ich brauch das so, ernte aber von den Sicherheitsschraubern nur verständnislose Blicke. Also noch
Griffe drauf, Umwerfer und Schaltung einstellen und die Marta einbremsen. Funktioniert alles 1a.
Bevor es zum Start geht, bekommt Steffen noch die letzte Panikattacke, weil seine Radbrille weg ist.

Natürlich suchen wir zu hektisch, um das Teil jetzt noch zu finden. Es hilft alles nichts mehr, wir müssen zum Start.
Materialtechnisch sind wir super ausgestattet, Steffen fährt ein Rocky Element in Team-Lackierung, ich das Scalpel Team Edition. Das reicht optisch und technisch locker für die erste Startreihe, aber da die Bikes ja nicht von selbst bergauffahren, stehen wir in Startblock D. Ganz hinten. Die Stimmung ist hier gut, noch lachen alle. Weiter vorne steht Pierre, den einige vom AWB kennen, mit seinem Teampartner. Das wir uns hinten anstellen, hat was mit frühem Aufstehen zu tun, hauptsächlich entspricht es aber unserer Zermürbungstaktik, mit der wir die TAC gewinnen wollen. Viele neben uns sind mit Rucksäcken unterwegs. Wir haben uns aufgrund der kurzen Etappe und der 2 Verpflegungsstationen 2 Flaschen mitgenommen und den Rest ins Trikot gestopft. Die Mädels von Team 246 lachen uns ein bisschen aus.

10 Uhr gehts los. Noch summe ich Highway to hell mit. Wir rollen locker durch die Fußgängerzone von Füssen und dann raus aus der Stadt Richtung Hohenschwangau. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich das Schloss Neuschwanstein in Realität - ich finds wenig beeindruckend. Auf dem Weg machen wir die Bekanntschaft der Radkappen aus Maintal (Bernd und Mark). Bernd behauptet, mich schon oft um Enkheim gesehen zu haben, er kommt mir aber nicht bekannt vor, komische Sache.
Die Strecke macht einen Schlenker um Füssen und bewegt sich dann in stetigem leichten auf und ab Richtung Ehrwald. Schon beim ersten kleinen Anstieg auf Asphalt staut sich das Feld und einige Fahrer fallen um, weil Schalten halt auch Skills verlangt. Mir ist das prinzipiell zu eng und zu viel Verkehr und ja auch ein Grund, warum ich ungern Kurzstreckenmarathons fahre. Na egal, da muss ich jetzt durch. Runter gehts auf Schotter. Gleich die allererste 180-Grad-Kehre auf diesem Untergrund ist für mich Anlass, meine Reifenwahl in Frage zu stellen. Ich bin nicht wirklich schnell, aber Vorder- und Hinterrad schmieren weg.

Nur mit akrobatischem Geschick vermeide ich einen Sturz, Schreck lass nach. Ich fluche lauthals und Steffen lacht mich aus, wer den Schaden hat usw.
Auffällig sind 2 Fahrer ohne Startnummer und etwas untypischer Kleidung (T-Shirt, kein
Helm), die sich im Feld bewegen. Was machen die denn hier drin? Wie wir in den nächsten Tagen feststellen, gibt es mehrere Schwarzfahrer, die die TAC begleiten. Mir gehen die Typen auf die Nerven, weil sie im Weg rumfahren und keine Sozialisation aufweisen.
Die nächsten Kilometer geht es teilweise parallel zur Hauptstrasse auf und ab. Dabei können wir live verfolgen, wie sich auf der Strasse, wie wir denken durch die TAC, ein superlanger Stau gebildet hat. Ich freu mich riesig, dass die Dosentreiber hier wohl für mehrere Stunden festsitzen. Die Bike-Karawane zieht dagegen problemlos weiter. Wie wir später erfahren, war die Ursache für den Stau aber nur ein stinknormaler Unfall.
Bei km 25 sollte langsam mal die erste Verpflegung kommen. km 35, immer noch nix. Wasn hier los?!

Mit meinen letzten Wasserreserven spüle ich ein Gel runter. Mittlerweile wird es auch sommerlich heiß. Mhm, die Verpflegung scheint wohl ausgefallen zu sein. Da hätten wir uns wohl mal besser das Fahrerbriefing angehört - Anfängerfehler!
So viel macht das aber nicht aus. Die Strecke ist bis jetzt recht einfach zu fahren, die Hügel kann man gut wegdrücken. Der Untergrund wechselt wiederholt von Asphalt auf Schotter zu Wiese. Nix dramatisches. Mit uns rollen ein paar britische Mädels, die den Mtb-Spirit gut verinnerlicht haben. Als es für ca. 30m mal steil und wurzelig bergauf geht, steigen unzählig Fahrer ab und schieben. Die Britinnen vor uns drücken die Welle durch und schreien sich den Weg frei: "This is a mountain bike race!" (@Steffen: Ich brings nicht mehr zusammen, was hatten sie noch gesagt?). Ich fall vor Lachen fast um, komm aber noch ohne zu schieben drüber.
Bei km 45 ist dann am Fuße der einzigen Streckenschwierigkeit, dem 1810m hohen Marienbergjoch, die 2., ähm 1. Verpflegung. Diesmal ist sie wirklich vorhanden und kommt gerade noch rechtzeitig. Steffen und ich sind beide am Ende unserer Wasserreserven. Wir bunkern hier ein paar Kohlenhydrate und weiter gehts jetzt steil zwischen 10-15 % auf gut fahrbarem Schotter bergauf. Die Sonne brennt mittlerweile doch etwas unangenehm auf den Skihang. Schatten ist Fehlanzeige. Es war sicher auch keine gute Idee, heute auf Sonnencreme zu verzichten. Noch ein Anfängerfehler.
Ich leide. Sehr. Die letzten 3 Wochen vor der TAC bin ich insgesamt vielleicht 20h gefahren und war eine Woche krank. Meine Beine sind offensichtlich abwesend und noch nicht auf langes Biken eingestellt. Wenigstens ist der Ausblick gen Norden ganz nett, geniessen kann ich das aber nicht, weil mein Körper rebelliert. Wir sind jetzt ca. 3,5h unterwegs.
Auf halber Höhe des Anstiegs sehen wir Pierre am Streckenrand stehen. Was macht der denn jetzt noch hier, der sollte doch schon fast im Ziel sein?! Ihm gehts nicht gut, sein Pulsmesser zeigt schon nach kurzer Belastung extreme Werte an. Er traut sich deshalb nicht weiterzufahren und macht immer wieder Pausen, um seinen Kreislauf zu beruhigen. Wir können leider überhaupt nichts für ihn tun und müssen ihn zurücklassen. Lustig ist anders und wir machen uns große Sorgen. Sein Teampartner ist übrigens weit und breit nicht zu sehen, was für ein dummes Ar$chloch!
Weiter oben so ca. 150hm unterhalb des Jochs wird der Untergrund grobschottriger und über 20% steil. Alle schieben, ich versuche zu fahren, komme ca. 20m weiter und rutsche dann weg. Meine Beine reichen ob dieser dummen Selbstüberschätzung sofort schmerzhaft Beschwerde ein. Also ist jetzt Laufen angesagt. Das saugt. Wenigstens ist die Aussicht sehr schön von hier oben. Man kann sich auch mal die anderen Leichen ansehen und quatschen. So erfahren wir von einem Südafrikaner, dass AWB dort der Name einer Nazi-Partei ist. Dankbar, dass er mich nicht den Berg wieder runterschmeißt, setze ich den beschwerlichen Aufstieg fort. Langsam macht sich bei mir bemerkbar, dass ich zu wenig getrunken habe. Und prompt kündigen sich auch Krämpfe in den Oberschenkeln an. Super! Bei der Marienbergalm stehen ein paar Leute, einer spielt einen Dudelsack. Nur unter Zähneknirschen kann ich meine Beine dazu bringen, wenigstens nicht direkt vor den Leuten zu kollabieren. Ein paar Meter ist dann schluss mit lustig

, Krämpfe machen jede weitere Fortbewegung unmöglich. Wie peinlich ist das denn. Nach ner Minute gehts wieder und es wird hier zum Glück auch etwas flacher. Ich steige wieder aufs Rad. Komischerweise tut jetzt gar nix weh. Dummerweise sind die allerletzten Meter vor dem Joch wieder steil und ich muss schieben. Wieder kommen die Krämpfe so stark, dass ich die Beine nicht bewegen kann. Dabei kann ich die Hand zum Joch fast ausstrecken, arrgh. Oh Gott, was für eine Pleite. Irgendwann gehts dann doch wieder und ich bewege mich wie in Zeitlupe weiter. Steffen wartet schon oben, ich sag lieber nix. Wir ziehen kurz die Armlinge an und fahren bergab. Die Abfahrt ist nichts besonders und führt auf schottrigen Almwegen und später Asphalt bergab.
Zu trinken haben wir jetzt beide nichts mehr, worüber wir uns allerdings keine großen Sorgen machen und auch die Brunnen am Streckenrand ignorieren. Es ist ja nicht mehr weit ins Ziel (10km) und es geht flach oder bergab bis dahin. Soweit die Theorie. Bis ins Ziel trocknet uns die Nachmittagssonne allerdings komplett aus. Die Meter werden länger und unser Tempo sinkt. Der Körper funktioniert jetzt nur noch auf strikten Befehl von oben. Wir werden jetzt auch relativ oft überholt. Ich will ins Ziel, was trinken, meine Gedanken drehen sich nur noch um WASSER. Endlich biegt der Weg ab und Imst ist in Sicht. Leider geht es da nochmal 20hm hoch. Leck mich, ich will nicht mehr. Statt den Hubbel wegzudrücken, fahre ich wie eine alte Oma mit dem Einkaufsrad den Radweg hoch. Steffen geht es nicht wesentlich besser. Erst als ich mich umsehe und eine größere Fahrergruppe aufschließen sehe, kommt nochmal der Raceinstinkt durch und übernimmt die Kontrolle. Eine Minute später sind wir nach 5:05 im Ziel. Uff, das war doch wesentlich härter, als gedacht! Mir hat die Hitze und die fehlende Verpflegungsstation auf jeden Fall den Stecker gezogen und Steffen sieht auch schei$$e aus. Wir stürzen uns auf die Zielverpflegung und legen uns danach in den Schatten. Die erste Etappe haben wir total vermasselt, das geht ja gut los!
Später kommt auch Pierre ins Ziel. Er hat sich von einem der mitfahrenden Motocrosser untersuchen lassen. Offensichtlich spinnt sein Polar, ihm dagegen geht es Gott sei Dank gut. Ab da fährt Pierre ohne den neumodischen Schnickschnack, was ihn auch wesentlich schneller macht.
Unser Wohnmobil steht auf dem Campingplatz. Der ist gut ausgestattet und hat recht ordentliche Duschen. Dort schrubben wir uns den Staub und die Schande runter und machen uns danach auf zur Pastaparty, die in einer beeindruckenden Kletterhalle stattfindet. Bei der Siegerehrung sehen wir auch Udo Bölts, der die TAC bei den Masters mitfährt, heute auf dem 3. Platz. Wir dagegen sind irgendwo unter ferner liefen (262) gelandet. Ich habe richtig schlechte Laune. Wenn das die nächsten Tage genau so wie heute bei der zweitleichtesten (!) Etappe läuft, komme ich nicht nach Riva.
Zurück auf dem Campingplatz sehen wir wie die anderen Ausrüstungshaie ihre Campingmöbel platzieren und den Grill anwerfen. Natürlich haben wir nichts davon dabei, noch mehr Fehler... Im Camper probier ich noch den Compex aus, die Beine fühlen sich danach aber nicht wesentlich besser an. Als hätte ich nicht schon genug gute Gründe für meine miese Stimmung, fängt es jetzt auch noch zu regnen an. Och nö, der Tag ist gelaufen, ich geh dann mal ins Bett.