5. Etappe Livigno â Naturns 23.07.2008
Untertitel: Zwischen Opfern, Samaritern und Weinbergen
Uah, was hab ich die letzte Nacht schlecht geschlafen. Muss an der Höhe hier auf fast 2000m liegen. Darf ich noch 4h liegen bleiben, ja? Oh Mist, geht nicht, da war ja heute so ein blödes Radrennen. Ich könnte kotzen so mies geht es mir, und dann heute über 120km und fast 3000hm.
Vor dem Start nutze ich die Gelegenheit auf dem Campingplatz und übernehme den Toilettenwechselservice, der Tag fängt eh kacke an. Ich glaub mit so einem Wohnmobil werde ich nicht warmâ¦.
Zum Start müssen wir ins obere Dorf auf dem Radweg hochfahren und übernehmen dabei gleich mal Ulis Streckenchef-Job. SO und nicht anders hätte die Zielanfahrt gestern sein sollen. Egal, das waren schon mal die ersten 50hm, und das gleich nach dem Frühstück. :kotz: Irgendwie bin ich heute nicht richtig für Radrennen eingestellt.
Vor dem Start suchen wir noch verzweifelt Pierre, weil der an seinem nagelneuen Nicolai ein Problem mit dem Hinterbau und Steffen die dafür passende Titanschraube hat. Wir finden ihn aber nicht und dann geht es auch schon los. Den Weg hier hoch hätten wir uns aber sparen können, weil die Strecke wieder runter direkt an unserem Campingplatz vorbeiführt.

Und kurz danach ist dann erst mal wieder Stau und diesmal auch ein richtig langer. Unser Blick schweift nach oben, oh Gott, die nächsten 100hm bis zum Waldrand besteht die Strecke nur aus schiebenden Bikern. Steffen und ich überlegen ernsthaft, ob wir nicht eine kurze Cappu-Pause einlegen sollen um uns die Zeit beim Warten zu vertreiben. Danach wäre wenigstens die Strecke frei.
Machen wir dann aber doch nicht und reihen uns bei den Schiebern ein. Was für ein zähes und unwürdiges Unterfangen. Die Strecke ist einfach zu schmal und noch dazu sausteil, als dass hier irgendjemand fahren könnte. Das geht so mindestens eine halbe Stunde. Erst im Wald viiiieeeel weiter oben wird die Strecke etwas breiter und ganz langsam ist etwas mehr Platz. Ich hasse Schieben â hätte Gott gewollt, dass sich der Mensch zu Fuà fortbewegt, hätte er uns kein Gehirn zum Erfinden des Rades gegeben! Bei unserem unfreiwilligen FuÃmarsch erfahren wir wenigstens, dass es ein Zeitlimit bei der 2. Verpflegung gibt, heute um 16:00. Wer es bis dahin nicht schafft, fliegt aus der Finisher-Wertung raus! Auf den bisherigen Etappen war das für uns nicht relevant, heute müssen wir da wohl auch nicht aufpassen
Ich nutze die nächste Lücke auf einer flacheren Passage und schwinge mich endlich wieder in den
Sattel, das wurde aber auch mal Zeit! Beim Treten verschwinden die Schmerzen langsam wieder, herrlich. Der weitere Aufstieg ist ätzend steil und unangenehm zu fahren. Immer mal wieder fällt ein vor mir fahrender um und es ist sehr wenig Platz zum ausweichen. So muss ich auch wieder absteigen und kurz schieben. Oben wechselt der Schotterweg auf einen Wiesentrail. Hier merke ich richtig, wie gut mir fahren tut. Da schiebt sogar der Rückenwind etwas an. Mein Puls fällt gegenüber dem Schieben sicher um 20 Schläge, ich bin halt kein nun mal Infanterist.
Nach nur 400hm ist dieser doofe Anstieg dann auch endlich zu Ende und wir haben laut Streckenkarte nun 10km Trails vor uns. Die sind auch alle einfach zu fahren und führen immer schön an der Hangkante lang über Wiesen und durch Latschenkiefern mit wunderbaren Aussichten ins Tal. Klasse, wären da nicht die anderen Biker. Der erste Berg war einfach nicht lang genug, damit sich das Feld entzerren konnte. So können wir auf dem Trail nicht unser Tempo fahren und müssen immer mal wieder kurz in einem Stau anhalten. Sehr schade. Den zweitgröÃten Stau verursacht einer der Fotografen, weil vor ihm jeder noch wegen dem Bild für 10m (!) aufs Bike steigen will. Kurz danach stehen wir schon wieder, diesmal reicht die Pause für ein zweites Frühstück. Das kommende Steilstück zum Passo Trela müssen wenigstens alle hochschieben, auch die Leader, wie wir später auf den Bildern des Tages sehen. Wir versuchen es positiv zu sehen, immerhin ist heute kühles aber sonniges Wetter. Nicht auszudenken, wenn es hier oben jetzt nieseln oder schneien würde wie auf dem Idjoch!

Anstehen im Stau fürs Foto
Auch dieser Halt ist irgendwann vorbei und es geht weiter trailig erst eben und dann über Almwiesen bergab Richtung Alpe Trela. Mitten im steilsten Stück sorge ich für einen kurzen Aufwecker: âMein Lenker verdreht sich!â Adrenalinschock! Die Vorbauschrauben sind etwas lose, was ich Wartungsschlampe nicht überprüft habe. Wenigstens sind wir jetzt beide hellwach, wobei Steffen wohl mehr erschrocken ist als ich. Mir passiert das nicht das erste Mal und ich behalte souverän die Kontrolle. Nach einem kurzen Boxenstopp geht es weiter über eine landschaftlich schöne Schotterabfahrt zum riesigen Stausee Lago di Cancano. Ups, bloà aufpassen, hier keinen der auf dem steilen Weg entgegenkommenden Wanderer über den Haufen zu fahren.
Hinter dem Stausee ist schon die erste Verpflegungsstation. Wir liegen gut im Zeitplan und haben bis hierher knapp 2,5 Stunden benötigt, was unter den Umständen kein Wunder ist. An der Verpflegung treffen kurz nach uns auch Britta und Monika ein. Moni geht es ganz schlecht, sie hat sich eine böse Erkältung (?) eingefangen und ist total fertig. Bei der heutigen Etappe und den noch kommenden Schwierigkeiten ist das jetzt kritisch. Steffen und ich beschlieÃen, ihnen soweit wir können zu helfen, damit sie wenigstens nicht heute aus dem Rennen fliegen. Wir wollen ihnen so auch ein bisschen was zurückgeben, da wir ja ihrem Betreuer Florian für das Fahren unseres Wohnmobils die weitere Rennteilnahme verdanken.
Zum Glück hat Steffen heute seinen stärksten Tag und ist in der Lage Moni zu schieben - wäre bei mir nicht drin. Zum Glück ist es auf den ersten km zur Bocchetta di Forcola nicht so steil. Auf dem Profil sieht der Berg mit seinen knapp 800hm nicht so schwierig aus, da haben wir hier schon schlimmeres gemeistert. Die Strecke biegt in ein Seitental ab. Komisch, weiter hinten sieht es nicht so aus als ginge es da irgendwie hoch. Stimmt, rechts sehen wir im Hang, wie sich der Weg zum Trail verengt und in Schotterserpentinen langgezogen im Geröllhang nach oben führt. Während jetzt viele schon vom Rad steigen, schiebt Steffen Monika immer noch auf dem Rad den Berg hoch â Wahnsinn. Als der Weg sich weiter verengt, geht das nicht mehr und wäre auch gefährlich, da es auf der einen Seite doch recht steil und tödlich bergab geht. Ich beteilige mich jetzt auch mal an der Plackerei und schiebe Steffens und mein Bike, damit er sich etwas ausruhen kann. Also wieder laufen, so ein Mist, die Steigung ist gar nicht so schlimm, das könnte man alles wunderbar fahren.
Das wird jetzt richtig anstrengend.
Plötzlich reiÃt mich ein Schreckensruf von Steffen aus meinen schimpfenden Gedanken: âBike fällt!â.

WAS?! Ich sehe nix, will der mich verarschen?! Tatsächlich ist Steffen gerade Augenzeuge geworden, wie das Cannondale eines unachtsamen Teilnehmers die verfrühte Heimreise den Steilhang runter antritt. Unglaublich, der Fahrer hat sich zum Glück beim Absturz gerade so retten können. Das hätte hier richtig ins Auge gehen können. Wer mehr dazu wissen will, kann ja mal die Dailys lesen. Was lernen wir daraus? Die Alpen sind kein Kindergeburtstag! Mir kann so was übrigens nicht passieren weil ich der einzige bin, der sein Bike auf der hangaufwärtsweisenden Seite trägt â merke, das Bike hat immer Vorrang! Normalerweise, gerade schleppe ich ja zwei von diesen Scheissdingern den Huppel hoch. Und das geht noch ne ganze Weile so. Kaum kommen wir aus dem Hang raus, geht es oben in weiteren Serpentinen über ein Wiesengelände. Immerhin können wir so 200hm über uns ein Ende entdecken und der Weg ist jetzt wieder etwas breiter, so dass wir wieder fahren und Steffen Moni schiebt. Der nächste Schock kommt weiter oben, weil wir noch lange nicht am Ende des Anstiegs sind, sondern der lustig weitergeht. Kein schöner Anblick. Monika geht es überhaupt nicht gut und langsam aber sicher wird uns klar, dass die Zeit bis zur 2. Verpflegung für uns heute ein Thema wird. Zwischendurch schiebe ich zur Entlastung von Steffen mal wieder die Bikes, mehr kann ich nicht tun. Dabei bekomme ich auch mal Monis Bike in die Hände. Himmel, was ist das denn für eine Bahnhofsgurke? 15kg für ein Hardtail?! Es grenzt an ein Wunder, dass sie mit der Mähre bis hier her gekommen ist. Noch ein Aufreger, noch mehr Frust. Was könnte man hier so schön fahren. Bitte sprecht mich jetzt nicht an.
Natürlich sind wir auch nach der nächsten Kurve immer noch nicht oben, weitere km und unzählige Höhenmeter erwarten uns noch inmitten dieser Geröllwüste. Für die Aussicht habe ich jetzt wenig Zeit. Es ist jetzt schon 14 Uhr durch und ich verliere langsam die Nerven. Britta geht es genauso, aber viel tun können wir eh nicht. Monika schleppt sich entkräftet und fiebrig den Anstieg hoch, der dann doch eeeendlich gnädig zu uns ist und ein Ende findet. Wir haben jetzt noch knapp 1,5 h bis zur 2. Verpflegung und es warten noch der Gegenanstieg zur Bocchetta di Forcola und die lange Abfahrt auf uns, insgesamt noch 30km. Krisensitzung. Ich bin jetzt der Arsch, der den einzig richtigen aber bitteren Vorschlag macht, dass Steffen und ich die beiden zurücklassen und unser Finisher-Trikot absichern. Steffen sieht es genau so, wir fühlen uns beide jetzt richtig beschissen. Für Emotionen ist aber keine Zeit, es wird knapp. Also ballern wir runter und in den Gegenanstieg rein. Oben schnell umziehen und dann geht es auf den Supertrail von der Bocchetta zum Umbrailpass.
Wo die armen Schweine im ersten Weltkrieg noch den Nachschub zur Front schleppten, dürfen wir jetzt runterheizen. Geil! Nicht so geil ist leider der Vollidiot, der mitten auf dem Trail steht und keine Anstalten macht, zur Seite zu gehen. Hallo, soll ich mich jetzt rechts bergab in den Tod stürzen, oder was?!

Mit Millimeterabstand zirkele ich an dem Hirni vorbei und bedecke ihn mit Flüchen. Der verdirbt mir hier den ganzen SpaÃ. Richtig weiche Knie bekomme ich ein paar hundert Meter weiter, als ich kurz unachtsam bin, am Vorderrad wegrutsche und den Abflug in den Abgrund nur um Haaresbreite vermeide. Alter, pass auf oder willst du hier draufgehen? Den restlichen Weg zum Umbrailpass auf einem der schönsten Trails der Alpen genieÃe ich nicht mehr wirklich. Das ist eher was für eine Tour, wo man auch mal Zeit für die traumhafte Landschaft hier hat.

Traumtrail von der Bocchetta di Forcola zum Umbrailpass
Wir haben hier alles, aber keine Zeit. Volle Moppe heizen wir weiter auf der NaturstraÃe vom Umbrailpass 1300hm ins Tal. Bis zur Verpflegung sind es immer noch 10km, zum Glück bergab. Mittlerweile habe ich einen sehr unangenehmen Druck auf der Blase, aber für ne Pinkelpause ist jetzt wirklich die falsche Zeit. Also hochziehen und ausspucken. Die Verpflegung ist heute gottseidank mal am richtigen Punkt. 15:25 trudeln wir ein, wo ich sofort ein sehr dringendes Bedürfnis erledige. Das hätten wir jetzt geschafft, aber erleichtert sind wir nicht (also ich jetzt gerade schon, zumindest was meine Blase betrifft). Noch sind es 50km und 600hm. Das können wir eigentlich bis 18:00 nicht schaffen, d.h. 1h Zeitstrafe. Wir fahren trotzdem mal los. Britta ist übrigens auch rechtzeitig da und Moni schafft es kurz vor knapp auch noch. Allerdings steigt sie hier dann aus. Schluss, aus, Ende. Was für ein Drama â¦
Der weitere Weg führt uns jetzt im Tal und den Talhängen weiter bis Naturns. Die Sonne scheint, überall sind Weinberge, willkommen in Südtirol. Damit es uns nicht zu gut geht, biegt die Strecke kurz nach der Verpflegung für 200hm auf einen fiesen Anstieg, mitten in der glühenden Nachmittagssonne. Die nächsten 5km sind nochmal leicht trailig auf einem Höhenweg und ganz nett. Ich merke jetzt aber langsam die VerschleiÃerscheinungen der ganzen Schieberei in meinen Beinen. Volldampf ist nicht mehr drin. Dafür herrscht unten im Tal angekommen wieder Rückenwind, sogar recht stark und es geht leicht bergab. Hier entspannt sich ein etwas surreales Gespräch zwischen uns, in dessen Folge ich mir aufgrund zu viel Klugschei$erei einen ordentlichen Anschiss von Steffen einfange. Wir haben eindeutig zu viel Sonne abbekommen. Nach dem Streit in Scuol sind wir jetzt quitt.
Noch 40km. Die StraÃe zeigt mal wieder nach oben. Ich bin physisch am Ende. Von wegen heute fällt ein Anstieg aus, wir nehmen wieder mal alles mit, wo der Asphalt in den Himmel zeigt. Der Stanciu hat sich natürlich irgendwo im Ziel verkrochen - Feigling. Quälend langsame nähern wir uns dem Ziel, was für eine Schinderei. Wenigstens geht es anderen genau so oder noch schlimmer, z.B. Bernd von den Radkappen, der immer noch Probleme hat.
9:25 stehen schlieÃlich auf der Uhr, als wir in Naturns nach etlichen weiteren km auf Anstiegen, Weinbergabfahrten, Trails usw. ankommen. Ich könnte dazu jetzt was schreiben, will mich aber nicht an Details erinnern. Im Ziel reiÃen wir uns trotz der Strapazen kurz zusammen, als wir den powderjo auf einen netten Plausch treffen. Muss ja nicht jeder sehen, wie wir im Arsch sind. Danach treffen wir dann auch Britta und Moni, die von der Verpflegung aus per Auto ins Ziel ist. Als Belohnung für unsere Hilfe heute bekommen wir Küsschen und ne Stunde Zeitstrafe. Gerechtigkeit ist anders aber mir jetzt egal, genau so wie dass wir heute als 270. unser schlechtestes Resultat bei der TAC eingefahren haben. Mich interessiert die nächste Stunde nur eins: Wo ist die Zielverpflegung? Zum Glück ist noch was von den leckeren belegten Brötchen und dem Joghurt übrig, also gibt es ne Fressorgie.
Nach dem obligatorischen Anstehen beim Bikewash, ⦠Steffen dein Einsatz â¦, begutachten wir unseren Campingstellplatz. Der liegt sehr idyllisch direkt an einem Hochspannungsumspannwerk, brutzel.
Die Strapazen haben heute nicht nur uns, sondern auch dem Material zugesetzt. Steffen muss vorne die Bremsbeläge wechseln, ich hinten. Meine Vorbauschrauben ziehe ich wohl auch mal besser nach. Dann ist auch schon Essenszeit. Wir schlagen uns ordentlich den Magen für morgen voll. Dann wird es noch viel schlimmer als heute werden. Dabei fühle ich mich jetzt schon leer wie sonst nach einem Langdistanz-Marathon, da brauche ich dann normalerweise 3-4 Tage zur Regeneration. Aber ich muss doch morgen schon wieder ran, und dass bei fast 4000hm. So viel bin ich noch nie an einem Tag gefahren, geschweige denn nach so einem Ding wie heute.
HILFE!