4. Etappe Scuol - Livigno 22.07.2008
Untertitel: Siam pronti alla morte, l'Italia chiamò!
Auch heute klingelt der Wecker wieder sehr früh. Wir quälen uns aber trotz unseres dringenden Fahrerproblems erst ne halbe Stunde später aus dem Bett, wir sind beide halt nunmal nicht die geborenen Frühaufsteher. Während Steffen im Fahrerlager rumfragt, fahre ich runter in die Innenstadt zum Race-Office. Es hat sich aber bisher niemand auf die Durchsage gestern abend gemeldet. Auch mein Telefonkontakt von gestern abend ist nicht erreichbar. Etwas geknickt mache ich mich auf den Rückweg und fange an, neben unserem Camper noch ein paar Leute anzubetteln. Bei einer Truppe scheint sich auch eine Möglichkeit aufzutun, die kennen ein Team, wo noch jemand mglw. frei ist. Als wir uns gerade zu dem Team aufmachen wollen, kommt uns Steffen in Begleitung einer jungen hoffnungsvollen Dame entgegen. Aus lauter Verzweiflung hat Steffen jetzt auch nicht deutschsprachige Gruppen angelabert - mit Erfolg. Hilke, so heisst das Mädel, darf in ihrem Team den Camper nicht fahren. Umso mehr freut sie sich darauf, uns aus der Patsche helfen zu können! Das sieht nach einer klaren win-win-Situation aus. Wir haben also heute auch wieder Glück und 1h vor dem Start ist das Thema damit auch erledigt. Puh, noch mehr davon würden meine Nerven auch nicht aushalten.
Hilke fährt das AWB-Mobil dann vorbildlich und sicher bis Riva und rettet uns damit unsere Finisher-Trikots:
Thanks a lot! Ich kann gar nicht ausdrücken, was uns das bedeutet.
Ok, nachdem das endgültig geklärt ist, können wir uns wieder dem eigentlichen Thema widmen. Heute hat der Streckenchef nochmal ein 'einfache' Etappe designt, bevor es dann die nächsten 3 Tage richtig schwer und anstrengend wird. Uns beiden hat die Aktion gestern auf den letzten 30km ordentlich zugesetzt, da müssen wir heute, wie laufand hier im Thread schon richtig vermutet hatte, etwas mit angezogener Handbremse fahren. Lieber heute Zeit kassieren, dafür aber morgen frischer am Start stehen, wenn es drauf ankommt. Bei 2500hm verteilt auf 4 Anstiege ist das natürlich leichter gesagt als getan.
Das Wetter scheint einigermaßen schön zu werden, auch wenn es früh immer mal wieder ganz leicht nieselt. Dafür ist es etwas wärmer als die letzten Tage, wir können uns die Winterausrüstung sparen und greifen zu leichterer Kleidung. Nach dem Start sortieren wir uns fürs Rekom-Tempo hinten ein und rollen eher gemächlich bergauf. Der erste Anstieg ist zum Glück diesmal leichter als bei den letzten 2 Etappen, die 1100hm geht es auf fast 25km zuerst auf Asphalt, dann schönem Schotterweg nie steiler als 10% bergauf. Der Weg schlängelt sich hinter Scuol südlich parallel zu einem Bachlauf idyllisch bergauf. Zuerst ist die Landschaft eher noch geröllig, weiter hinten sieht es aus wie in der Milka-Werbung. Der Anstieg ist im unteren Teil des Tals angenehm fahrbar, fast flach, jetzt kann auch mal das mittlere Blatt zu seinem Einsatz kommen. Aus Richtung meiner Beine kommt nur Protest, wenn es etwas steiler bergauf geht. Insgesamt geht es besser als befürchtet. Da unser Tempo eher langsam ist, habe ich auch mal die Zeit, die Landschaft in mich aufzusaugen und zu genießen. Eine kurze Unterhaltung entspannt sich aufwärts noch mit dem kenianischen Team, bis wir von einem der depperten Schwarzfahrer unterbrochen werden. Er versucht Steffen ein Gespräch ans Knie zu nageln:
Vollidiot: "Durch das angemalte Bein erkennt man dich gut wieder."
Steffen: "Und dich erkennt man durch die fehlende Startnummer gut wieder."
Treffer! Versenkt! Die Knaben gehen uns in Zukunft nicht mehr auf den Zeiger.
Auffahrt zum Pass de Costainas. Noch lachen sie...
Die letzten 2 km zum Pass Costainas hoch verlaufen auf einem leicht zu fahrenden traumhaften Wiesentrail, der zuerst an Latschenkiefern vorbeiführt, bis wir endgültig die Baumgrenze hinter uns lassen. Uli hat bisher nicht zu viel versprochen, als er das als die schönste Etappe der TAC bezeichnet hat. Oben ziehen wir uns wieder kurz um und treffen Monika und Britta wieder. Florian ist auch da, der fährt ja heute die Etappe zum Spaß mit. Das hat er gut ausgewählt.
Schon auf den ersten steilen und grobschottrigen Metern der Abfahrt ist Vorsicht angesagt. Das mögliche Ergebnis von Fahrfehlern und Selbstüberschätzung sehen wir schon links von uns als blutige Mumie beim Notarzt sitzen. Vom Gesicht des Bikers oder der Bikerin ist nichts mehr zu erkennen - alles verbunden und blutverschmiert. Das sieht nicht gut aus, wir erfahren, dass der Rettungshubschrauber schon unterwegs ist. Helfen können wir hier nichts, nur aufpassen, dass uns nicht das gleiche traurige Schicksal ereilt. Die nächsten steilen Meter lege ich auf etwas wackligen Beinen zurück, der Anblick hat mich doch verunsichert. Kurz danach wird es wieder einfach fahrbar zuerst über Wiesen, dann in langezogenen Schotterkurven bis ins Tal. Dort erreichen wir nach kurzer Jagd auf einer Straße die 1. Verpflegung. Vo da aus führt ein unangenehm langer Weg hoch zum zweiten Anstieg. Noch ist es nicht so steil, dass wir an die Reserven müssen, aber Rekom sieht doch etwas anders aus. Bis zum Pass sind es elend lange 700hm, wenigstens kommen wir oben wieder über die Baumgrenze und haben wunderbare Ausblicke in das steinige Hochtal. Die Szenerie erscheint um so wilder durch die kräftigen Wasserfälle zu unserer Linken, die das Regenwasser von den ergiebigen Niederschlägen der letzten Tage abtransportieren. Weiter oben fahren wir kurz vor dem Pass die Radkappen auf, Bernd geht es heute nicht so gut, er hat Magenprobleme. An der Stelle haben wir nichts zu beklagen, wir haben dagegen Beinprobleme.
Oben am Pass ist es recht windig, wir machen uns bei einem Kleidungswechselstopp fertig für die lange Abfahrt ins Val Mora. Kurz nachdem wir losgefahren sind, muss Steffen nochmal halten und sich eine weitere Schicht anziehen. Es ist hier auf einmal saukalt und windig. Noch dazu fahren wir relativ zügig auf dem Schotterband durch das Tal. Mir ist zwar auch kühl und die Zähne klappern, aber innendrin ist mir wohlig warm: Es geht nach Italien!

Jetzt wird alles gut! Die italienische Nationalhymne pfeifend cruise ich bergab, Steffen und Monika schlotternd in meinem Windschatten. Ach ist das herrlich hier, viva Italia.

Weiter unten biegt der Schotterweg auf einen nur leicht abschüssigen wunderbaren Traum-Trail ab. Ohne zu
bremsen geben wir auf dem großen Blatt Gas und rauschen immer knapp neben dem ausgetrockneten Bachlauf dahin, einfach super. Der Trail ist auf der ersten Hälfte einfach zu fahren, nur ein paarmal geht es etwas gefährlich knapp an dem Ufer entlang. Besser nicht hinschauen, das verdirbt nur den Spaß in der grandiosen Landschaft. Weiter unten quert der Trail auf einer Holzbrücke das Bachbett und führt auf anderen Seite ähnlich weiter. Zwischendurch geht es jetzt immer mal wieder durch Schuttfelder hindurch und auch mal ein paar Rampen bergauf. Aber solange keiner im Weg rumsteht ist alles easy fahrbar. Dummerweise behindern hier nicht nur TACler den Vorwärtsdrang, sondern wir haben auch Gegenverkehr. Bei einem handtuchschmalen Weg durch eine Schutthalde, wo es rechts gefährlich abwärts geht, ist das eine sehr ungünstige Situation. Eine von den Falschfahrerinnen hat sogar einen Anhänger an ihrem Bike und steht auf dem Trail mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn im Weg, Sachen gibts.

Wenigstens machen die Platz soweit es geht und wir kommen ungefährdet durch.
Traumhafte Landschaft bei der Abfahrt im oberen Val Mora
Kurz nach dem Ende des Trailrauschs spuckt uns der Weg am Lago san Giacomo aus, wo auch die 2. Verpflegung ist. Den Ort haben die Verantwortlichen super ausgesucht, hier ist es so schön, da will man gar nicht weiter. Müssen wir aber leider. Jetzt wird die Strecke auch nochmal etwas ätzend, uns steht der dritte und steilste Anstieg der heutigen Etappe bevor. Zum Glück sind es nur ca. 400hm und nur die ersten 2km fies steil. Dann wird es angenehmer und wir können weiter hinten auch schon das Joch sehen, wo es wieder bergab geht. Denkste, als wir um die letzte Kurve fahren, sehen wir wie der Weg sich noch weiter nach hinten schlängelt. So was blödes. So geht das noch mind. einmal, dann sind wir wirklich oben. So schlimm wars doch nicht, es ist mittlerweile angenehm warm und auch aussichtstechnisch können wir uns heute nicht beklagen. So muss das Fahren in den Alpen sein. Das hätte sich wahrscheinlich auf dem letzten Anstieg nur noch steigern lassen, wenn wir statt der Forstautobahn den Trail raufgefahren wären, den wir immer rechts unter uns auf der anderen Talseite im Blick hatten. Andererseits wäre das sicher auch ein anstrengenderes Unterfangen gewesen, das passt so schon.

Vom Passo Alpisella führt uns eine flotte Abfahrt ins Tal zum Lago di Livigno, es sind jetzt nur noch 10km bis ins Ziel. Wir geniessen die spektakulären Aussicht am See bei einer Pinkelpause und machen uns auf den restlichen Weg. Auf der Fahrerbesprechung gestern abend hat der Uli uns gewarnt, dass die Etappe noch nicht zu Ende ist, wenn wir das Ziel in Livigno sehen. Da die TAC-Karawane den Verkehr in der Stadt nicht behindern darf, müssen wir einmal komplett aussenrum. Dabei stehen nochmal 200hm auf dem Programm. Allzuviel Sorgen mache ich mir darüber nicht - total naiv. Schließlich sind es dann auch nicht nur 200hm, sondern 200-Stanciu-Höhenmeter der übelsten Sorte. Nein, wir können die natürlich nicht einfach auf einer netten Straße runterreißen. Hah, stattdessen geht in mehreren Schotterrampen der steilsten und übelsten Sorte treppenartig bergan. Und als wir oben sind, geht es genau so zäh, Livigno und das Ziel links unter uns natürlich immer im Blick, weiter.

Mit Rekom ist es nun endgültig vorbei, willkommen in der Dimension des Schmerzes. Diese Extrarunde wäre auch bestimmt einfacher gegangen, aber Adolf Stanciu, so nennt ihn Steffen ab jetzt, ist halt hier der Streckenchef. Wenigstens sind wir nicht die einzigen, die sich fluchend vorwärtskämpfen, dem Rest geht es auch nicht besser, dem Schieberanteil nach zu urteilen eher noch schlechter. Aber irgendwann nehmen auch diese Strapazen ein Ende und wir stürzen uns die letzten Meter bergab ins Ziel, wo wir nach 6:48 reinkommen. Willkommen im ersten italienischen Etappenort!

Das wir hier wirklich in Italien sind, merken wir spätenstens bei der Zielverpflegung: Schokolade, Panini zum Selberbelegen mit leckerem italienischen Käse und Schinken = mit Abstand beste Zielverpflegung der TAC 2008. Ich stopfe mich ohne Rücksicht auf Verluste voll. Wenns nach mir ginge, könnte die TAC direkt von Deutschland nach Italien führen, die Ösis bringen nur Ärger.
Livigno - Zielort der 4. Etappe. Von rechts auf der Straße sind wir angekommen. Dann ging es aber in Sichtweite des Ziels nochmal rechts hoch zur Endstation der Seilbahn, würg.
Hilke hat unser AWB-Mobil sicher über die Grenze bugsiert. Andere Teams waren da weniger glücklich. Die dreiste Schweizer Poilzeit hat nämlich einige Camper gewogen, unserer war zum Glück ganz knapp unter der 3,5 Tonnen Marke. 2 andere Teams mussten dagegen 500 Franken berappen, unglaublich.

Unser Wohnmobil steht heute mal auf einem richtigen Campingplatz, mit Wasser, Strom und allem Pipapo. Super, da können wir den Camper wieder auffüllen, reinigen und unseren Wasserkocher benutzen. Irgendwas am italienischen Stromnetz ist aber komisch, beim Wasser kochen fliegt die Sicherung 5mal raus. Zur Pastaparty gehen wir heute mal nicht, weil der Campingplatz zu weit weg ist. Stattdessen nutze ich die Zeit und lasse meine Beine vom Compex nochmal durchkneten, morgen brauche ich jede Hilfe, die ich bekommen kann. Übrigens ist es recht kühl hier, wir sind ja aber schließlich auch auf 1800m Höhe!
Auf dem Campingplatz steht auch der Camper von einem Denfeld-Team, mit denen wir kurz quatschen. Laut denen fällt morgen einer der letzten Anstiege von ca. 200hm weg, nicht das ich mich darüber beschweren würde. Und da wären wir auch schon bei der morgigen Etappe, für heute geniessen wir den ersten ruhigen Abend ohne Stress.
4 Etappen haben wir im Sack, das bedeutet es ist Halbzeit, aber die richtig schweren 3 Etappen kommen jetzt, dagegen war das bisher Kindergeburtstag.